Ausgabe 04 | 2020

ARBEITSMARKT

Demografischer Wandel

Frauen an die Arbeit!

Mit der Pensionierung der Babyboomer in den kommenden Jahren verändert sich der Schweizer Arbeitsmarkt fundamental. Die altersbedingten Austritte aus dem Arbeitsmarkt werden markant zunehmen, während die Neueintritte stagnieren. Das wird den aktuellen Fachkräftemangel verschärfen, wie eine Studie zeigt.

Von Manuel Buchmann und Conny Wunsch, Doktorand und Professorin für Arbeitsmarktökonomie an der Universität Basel

Die Bevölkerung der Schweiz wird immer älter. Dazu tragen eine höhere Lebenserwartung und eine auf tiefem Niveau verharrende Geburtenrate bei. Die beiden Entwicklungen bewirken, dass der Bevölkerungsanteil der Personen im Rentenalter steigt. Im Jahr 2000 gehörten rund 1,1 Millionen Menschen dieser Altersgruppe an (15%), 4,4 Millionen waren 20 bis 64 Jahre alt (62%). Im Jahr 2030 dürfte die Gruppe der Pensionierten gemäss Prognosen des Bundesamtes für Statistik (Referenzszenario) doppelt so gross sein (2,2 Mio. respektive 23%). Die meisten Babyboomer sind dann definitiv in Rente.

Es gibt schon heute zu wenige Fachkräfte

Weil die Geburtenraten weiterhin auf einem tiefen Niveau verharren dürften, ist nicht anzunehmen, dass sich dieser Trend verändern wird. In der näheren Zukunft wird sich dadurch das Wachstum des Arbeitskräfteangebotes in der Schweiz deutlich verlangsamen, längerfristig wird es sogar negativ sein. Damit droht der Schweizer Wirtschaft ein noch grösserer Fachkräftemangel als heute. Oder lässt sich der absehbare Schwund an Menschen im erwerbsfähigen Alter auch in Zukunft problemlos durch den verstärkten Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland auffangen? Führen vielleicht die zu erwartenden Fortschritte in Technik und künstlicher Intelligenz dazu, dass viele Jobs wegfallen und damit auch das Problem verschwindet? Klar ist: Der Fachkräftemangel ist schon heute eine Tatsache. In einer im Rahmen des hier vorgestellten Projektes durchgeführten Unternehmensbefragung geben 83 Prozent der befragten Schweizer Bauunternehmen an, dass geeignete Bauarbeiter mit Lehrabschluss schwer zu finden sind. Ebenso haben 66 Prozent der befragten IT-Unternehmen und 67 Prozent der befragten Unternehmen aus dem Gesundheitswesen Probleme, geeignete Mitarbeitende mit dem höchsten Kompetenzniveau (Ärztinnen, Akademiker usw.) zu finden. In diesen Branchen sind Unternehmen vermehrt darauf angewiesen, geeignete Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren. Da die demografische Entwicklung aber in einem Grossteil der entwickelten Länder, und insbesondere auch im grenznahen Ausland der Schweiz, sehr ähnlich verläuft, wird auch dies in Zukunft schwieriger werden.

Modellsimulationen schaffen Klarheit

Aber der demografische Wandel wirkt sich nicht nur auf den Pool an verfügbaren Arbeitskräften aus, er beeinflusst die Schweizer Unternehmen, Konsumentinnen und die Volkswirtschaft als Ganzes auf vielfältige Art und Weise. So konsumieren ältere Generationen einen anderen Warenkorb an Gütern als jüngere. Es wird also im Verlaufe des demografischen Wandels zu einer Veränderung der Nachfragestruktur kommen. Auch sind Branchen wie das Baugewerbe stark vom Investitionsverhalten der Bevölkerung abhängig, das sich mit zunehmendem Alter ebenfalls verändert. Neben diesen direkten Effekten ist zu berücksichtigen, dass die Branchen durch Vorleistungen miteinander verknüpft sind, was zu komplexen Rückkoppelungswirkungen führt. Um all diese Effekte, das sich verändernde gesamtökonomische Umfeld sowie die direkten Auswirkungen auf die Haushalte zu berücksichtigen, haben wir im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projekts (Consequences of the Demographic Change for the Swiss Labour Market, Nr. 169532) ein allgemeines Gleichgewichtsmodell der Schweiz entwickelt. Es erlaubt, die Schweizer Volkswirtschaft mathematisch abzubilden und die ökonomischen Gleichgewichtseffekte des demografischen Wandels zu quantifizieren. Die Entwicklung des Arbeitskräfteangebots folgt im Modell der Prognose des Bundesamtes für Statistik (Referenzszenario), das auch Annahmen bezüglich der erwarteten Nettozuwanderung trifft. Die Auswirkungen auf den Fachkräftemangel werden im Modell durch die Lohnerhöhungen quantifiziert, die notwendig wären, um ein Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt zu verhindern. Je grösser die notwendige Lohnerhöhung ist, desto grösser ist der erwartete Fachkräftemangel. Dies heisst jedoch weder, dass die Löhne tatsächlich steigen werden, noch dass das Problem allein durch Lohnsteigerungen gelöst werden kann. Denn ohne zusätzliche Massnahmen, die zu einer Erhöhung des Arbeitsangebots führen, wären keine zusätzlichen Arbeitskräfte vorhanden, die auf den höheren Lohn reagieren könnten. Die theoretisch zur Vermeidung von Fachkräftemangel notwendige Lohnsteigerung dient im Modell also nur als Gradmesser für das Ausmass des Fachkräftemangels. Grund hierfür ist, dass in einem Gleichgewichtsmodell Angebot und Nachfrage definitionsgemäss übereinstimmen, wobei der Lohn der ausgleichende Faktor ist. Die Modellsimulationen für das Basisszenario ohne Gegenmassnahmen zeigen eindrückliche Ergebnisse. Um einen Fachkräftemangel zu vermeiden, müssten die Löhne von Fachkräften bis zum Jahr 2035 je nach Branche um bis zu 11,5 Prozent steigen (siehe Grafik). Besonders betroffen ist das Gesundheitswesen, wo zusätzlich zur Verknappung des Angebots an Arbeit durch die Überalterung der Bevölkerung auch ein Anstieg der Nachfrage hinzukommt. Im Baugewerbe ist das Ausmass des Fachkräftemangels geringer. Dies liegt daran, dass eine ältere Bevölkerung tendenziell weniger Bauinvestitionen tätigt, weshalb eine Nachfragereduktion zu erwarten ist. Selbst wenn die Reallöhne tatsächlich steigen würden, prognostiziert das Modell aber keinen Anstieg des Nettoeinkommens. Denn wenn das Rentenniveau konstant gehalten werden soll, wie es der Bundesrat etwa mit der «AHV 21» anstrebt, müssten die AHV-Beiträge bis zum Jahr 2035 um mehr als 30 Prozent steigen. Das führt dazu, dass für die meisten Haushalte das simulierte Nettoeinkommen trotz höherem Lohn im Jahr 2035 tiefer sein wird als heute. Das simulierte BIP pro Kopf liegt im Jahr 2035 leicht tiefer als heute und wird sich danach sogar noch deutlicher reduzieren.

Geringe Effekte eines höheren Rentenalters

Um diesen negativen Konsequenzen des demografischen Wandels entgegenzuwirken, sind verschiedene politische Reformen denkbar, deren Effekte wir mit unserem Modell vergleichen können. An dieser Stelle stellen wir zwei Reformen vor, die darauf abzielen, das im Inland vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser zu nutzen. Als erste Reform betrachten wir eine sofortige und permanente Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters um zwei Jahre. Diese Reform führt zu einer leichten Erhöhung des Arbeitskräfteangebots und einer deutlichen Erhöhung des Nettoeinkommens, da die Ausgaben für die AHV sinken. Durch das höhere Nettoeinkommen erhöht sich aber auch die Konsumnachfrage und damit die Nachfrage nach Arbeitskräften. Der Gesamteffekt auf den Fachkräftemangel ist dadurch schwer abzuschätzen. Im Gesundheitswesen ist der Fachkräftemangel etwas tiefer als im Basisszenario ohne Reform, in anderen Branchen wie dem Baugewerbe oder der Industrie ist der Fachkräftemangel dagegen sogar höher. Erhebliches Potenzial gibt es beim Arbeitsangebot der Frauen. Obwohl die Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr hoch ist, sind die gearbeiteten Pensen vergleichsweise niedrig. Gemessen in Vollzeitäquivalenten ist die Erwerbsbeteiligung daher relativ gering: Während diese bei Männern (15 bis 64 Jahre) bei 85,3 Prozent liegt, beträgt sie bei Frauen 59,8 Prozent. Die zweite betrachtete Reform ist deshalb eine Erhöhung der in Vollzeitäquivalenten gemessenen Erwerbsbeteiligung von Frauen, beispielsweise durch die Subventionierung von Kinderbetreuungsangeboten. Bereits eine relativ moderate Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von insgesamt etwa zehn Prozent, verteilt auf die Zeitspanne zwischen 2021 und 2030, zeigt vergleichbare Effekte auf das Bruttoinlandprodukt wie eine Erhöhung des Rentenalters um zwei Jahre. Wegen der unveränderten AHV-Beiträge ist das verfügbare Einkommen der Haushalte zwar etwas tiefer als bei einer Rentenaltererhöhung, aber immer noch deutlich höher als im Basisszenario ohne Reformen, und die Unternehmen profitieren von einer deutlich höheren Verfügbarkeit an Fachkräften. Ähnliche Effekte wären bei einer quantitativ vergleichbaren geschlechterunabhängigen Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von 50- bis 65-Jährigen zu erwarten. Diese könnte beispielsweise durch Abschaffung von Frühverrentungsmöglichkeiten oder finanzielle Anreize zur Weiterarbeit im Alter erreicht werden. Eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung wäre also eine effektive Möglichkeit, den zukünftigen, demografisch bedingten Fachkräftemangel zu reduzieren. Dieser wird sich aber durch politische Reformen alleine nicht vollständig vermeiden lassen.

Links und Literaturhinweise

Buchmann, M., Wunsch, C. (2019): Der Zusammenhang zwischen demografischem Wandel und Fachkräftemangel. Auswertung einer Unternehmensbefragung. Universität Basel.

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