Ausgabe 04 | 2020

ARBEITSMARKT

Westschweiz

Arbeitsämter und Integrationsstellen während der Coronakrise

Wie haben die Akteurinnen und Akteure des Arbeitsmarkts die Coronakrise bewältigt? PANORAMA hat sich für eine Standortbestimmung umgehört.

Von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Die Coronakrise hat nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch bei den Arbeitsämtern und Integrationsstellen Spuren hinterlassen. So hat die Krise zwar Risiken und Unsicherheit mit sich gebracht, aber auch Chancen aufgezeigt.Laut Caroll Singarella, Leiterin der Genfer Dienststelle für arbeitsmarktliche Massnahmen, hat sich bestätigt, wie wichtig digitale Dienstleistungen sind und wie sich dank der Digitalisierung die Effizienz steigern lässt: «Angesichts der Situation mussten wir aus dem Nichts Online-Formulare für die Anmeldung einer Arbeitslosigkeit und für die Beantragung von Kurzarbeitsentschädigung (KAE) aus dem Boden stampfen. Das hat uns Zeit gekostet. IT-Projekte müssen nun absolute Priorität haben!»Auch die AMM-Anbieter mussten in Rekordzeit Online-Massnahmen entwickeln, etwa die Stiftung Intégration pour tous (IPT). «Im Juni haben wir die Betreuung vor Ort wieder aufgenommen. Doch unser Ansatz hat sich verändert. Wir haben die Planung der Coachings und Kurse überarbeitet, um die persönliche Betreuung mit der Online-Betreuung zu kombinieren», erzählt Lise Delaloye, Co-Generaldirektorin/Geschäftsführerin IPT Wallis. Bei Caritas Jura dagegen kamen die Integrationsprogramme fast gänzlich zum Erliegen. Der Wäscheservice, der zu den Beschäftigungsmassnahmen der Caritas gehört, lasse sich zum Beispiel schlecht durch eine «E-Wäscherei» ersetzen, sagt Direktor Jean-Noël Maillard: «Wir betreuen, vorwiegend in Werkstätten, Menschen, die recht weit weg sind vom ersten Arbeitsmarkt. Für sie haben wir eine regelmässige telefonische Betreuung organisiert. Unser Antrag auf Kurzarbeitsentschädigung für die Werkstattleiterinnen und -leiter wurde bewilligt.»

Zahlreiche Unsicherheiten

Die KAE-Anträge der AMM-Anbieter waren eine Knacknuss für die kantonalen Arbeitsämter. Zwar bestätigte das SECO am 9. April 2020, dass die Finanzierung von Massnahmen im Zusammenhang mit der Arbeitslosenversicherung garantiert sei, bei den übrigen Partnern sah die Situation je nach Kanton und Dispositiv allerdings anders aus. Ein Teil der Integrationsstellen musste folglich auf Kurzarbeit umstellen. Für die Bearbeitung ihrer Anträge brauchten die zuständigen Stellen zusätzliche Informationen und mussten die Finanzflüsse einer genaueren Prüfung unterziehen. Einige kantonale Entscheide wurden beim SECO angefochten, was das Klima der Unsicherheit noch verstärkt hat.Laut Gérard Moulin, Leiter Arbeitsintegration Wallis, hat die Krise drei Problemstellungen mit sich gebracht: 1. Die digitale Kluft, ausgelöst durch den Trend hin zu «Online-Ausbildungen für alle und alles», hat sich vergrössert. Menschen mit Migrationshintergrund und Personen, die weit weg sind vom ersten Arbeitsmarkt, bekommen das als Erste zu spüren. 2. Die Dispositive müssen an die neuen Arbeitslosen angepasst werden; das sind unter anderem Selbstständigerwerbende, die ihr Geschäft wegen der Pandemie schliessen mussten. 3. Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit müssen mehr Menschen in arbeitsmarktliche Massnahmen aufgenommen werden, wobei nicht garantiert ist, dass die Finanzmittel ausreichen. Da sich die kurz- und mittelfristige Steuerung der Leistungen und der Personaldotierung als schwierig erweist, müssen die kantonalen Arbeitsämter auf Sicht navigieren. Die Arbeitslosigkeit ist überall sprunghaft angestiegen, die weitere Entwicklung kaum absehbar. So bereitet sich Alain Bolomey, Leiter RAV-Koordination beim Arbeitsamt des Kantons Waadt, auf die Rekrutierung von 20 bis 30 Mitarbeitenden vor, die die 250 RAV-Beratenden unterstützen sollen. «Wir müssen vorsichtig sein, denn wir laufen Gefahr, dass wir mittelfristig überbesetzt sind», hält er fest.Trotz allem hat die Coronakrise auch positive Auswirkungen. Alain Bolomey lobt etwa die grosse Solidarität unter dem Personal des Arbeitsamts. «Im März haben gut 100 freiwillige Mitarbeitende die Personalabteilung unterstützt, indem sie die 1000 bis 1800 Anträge, die nach der Ankündigung der ausserordentlichen Lage täglich auf dem Postweg hereinkamen, gescannt, indexiert und bearbeitet haben.» Auch die Telearbeit hat sich bewährt: Die Mitarbeitenden des Arbeitsamts stellten fest, dass sie produktiver arbeiten konnten, weil sie weniger Organisationsaufwand und weniger Arbeitsweg hatten. Rasch wurden sie fürs Homeoffice ausgestattet, die meisten konnten ihren Büro-laptop nach Hause nehmen. Das alles war aber auch mit einem gewissen Aufwand verbunden. Die IT-Dienste der Kantone und des SECO arbeiteten mit Hochdruck.Auch auf der Führungsebene führte die durch den Lockdown erzwungene Telearbeit zu einem neuen Trend hin zu mehr Vertrauen und weniger Kontrolle. Im Genfer Arbeitsamt hat die Vertrauensarbeitszeit mit Leistungszielen die Stempeluhr ersetzt. «Das Projekt lief bereits, doch die Krise hat die Umstellung beschleunigt», erklärt Laurence Crastan Évrard, Leiterin des Rechtsdienstes. Für Peter Kalbermatten, Leiter der Dienststelle für Industrie, Handel und Arbeit des Kantons Wallis, ist klar, dass der eingeleitete Wandel fortgeführt werden muss und es keinen Weg zurück gibt.

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