Ausgabe 04 | 2020

BERUFSBERATUNG

Beratungsmethoden

Eine Landkarte für die Wahl der besten Intervention

Verschiedenste Probleme können die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung erschweren. Ein Buch enthält die Beschreibung von 63 Problemstellungen und stellt passende Interventionen vor.

Von Shékina Rochat, Berufs- und Laufbahnberaterin, Forscherin im Bereich der Berufsberatungspsychologie

In den letzten Jahren ist die Zahl der Interventionen, mit denen Menschen bei der Berufswahl und der Laufbahnplanung unterstützt werden können, deutlich gestiegen. Das Angebot umfasst weitaus mehr als die allseits bekannten Fragebögen und Tests; es besteht vielmehr aus einer breiten Palette an Tools und Methoden. Das macht es mitunter schwierig, sich in dieser Angebotsvielfalt zurechtzufinden. Umso wichtiger ist es, dass Berufs- und Laufbahnberatende auf eine Methode zurückgreifen können, die sie bei der Wahl der Interventionen unterstützt, mit denen sie den immer vielfältigeren Problem- und Fragestellungen ihrer Klientinnen und Klienten gerecht werden. Damit dies gelingt, ist es zunächst einmal wichtig, eine klare Vorstellung der Probleme zu haben, die den Prozess der Berufswahl und der beruflichen Entwicklung erschweren können. Seit über 30 Jahren unternehmen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatende in Forschung und Praxis grosse Anstrengungen, um die häufigsten Hindernisse, die einer angemessenen Berufs- und Laufbahnplanung im Wege stehen, zu erfassen. Aus ihrer Arbeit lassen sich neun Hauptkategorien von Problemen ableiten (vgl. Tabelle): Motivationsmangel, chronische Unentschlossenheit, dysfunktionale Überzeugungen, fehlende Informationen über den Berufswahlprozess, über sich selbst oder die möglichen Optionen, interne oder externe Konflikte und unzureichende Arbeitsmarktfähigkeit. Die Kategorien sind in der Regel zu abstrakt, als dass man sie im Berufs- und Laufbahnberatungsprozess tatsächlich erfassen könnte. Oft müssen Berufs- und Laufbahnberatende erst ihr Verständnis für diese Probleme schärfen, bevor sie überhaupt in der Lage sind, die Intervention zu wählen, mit der sie dem Problem am besten entgegentreten können. Hier erweisen sich die theoretischen Modelle, die in verschiedenen Gebieten der Psychologie entwickelt wurden, als äusserst wichtige, wenn auch häufig unterschätzte Instrumente. So lehrt uns etwa die Literatur, dass chronischer Unentschlossenheit zwei Ursachen zugrunde liegen: Angst und Pessimismus. Es kann sich dabei sowohl um sehr spezifische Probleme (z.B. die Angst vor einer falschen Berufswahl) als auch um ganz allgemeine Probleme (z.B. die Neigung, dem Leben mit Angst und Sorge zu begegnen) handeln. Überdies liegen Angst und Pessimismus häufig in typischen zwischenmenschlichen, insbesondere familiären Dynamiken begründet, die es zu erfassen gilt, damit der Berufs- und Laufbahnplanungsprozess erleichtert werden kann.

Geeignete Interventionen wählen

Sind die Probleme einmal genau erfasst, können die Interventionen ausgewählt werden, die sich am besten für die Problemlösung eignen. Umfassende Kenntnisse des aktuellen Stands der Psychologie sind in diesem Zusammenhang von grossem Vorteil. Die grosse Problemvielfalt in der Berufs- und Laufbahnplanung erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, da nur so die Erkenntnisse aus allen Gebieten der Psychologie genutzt werden können. Die Angst vor einer falschen Entscheidung etwa lässt sich mithilfe von kognitiv-verhaltensorientierten Techniken abbauen, indem man am Worst-Case-Szenario des Klienten arbeitet. Eine anschliessende konkrete Einschätzung der Chancen und Risiken kann diese Ängste mindern. Ein geringes Selbstwertgefühl (pessimistische Sicht des eigenen Werts) dagegen kann mit Selbstmitgefühl-Übungen aus dem Bereich der positiven Psychologie angegangen werden. Techniken aus der systemischen Psychologie schliesslich eignen sich besonders gut, um die zwischenmenschlichen Herausforderungen dieser Probleme zu erfassen und darauf einzuwirken.Es versteht sich von selbst, dass die Wirksamkeit der Interventionen auch davon abhängig ist, ob es den Beratenden gelingt, ein Vertrauensverhältnis zu ihren Klientinnen und Klienten aufzubauen. Besonders wichtig sind vor diesem Hintergrund eine empathische und akzeptierende Haltung und die Fähigkeit, zuhören zu können. Ebenso sollten die Beratenden eine Haltung einnehmen, die das Individuum in seiner Autonomie unterstützt, statt als Experten und Expertinnen aufzutreten, die das Problem diagnostizieren und die Lösung liefern. Stattdessen müssen sie ihren Klientinnen und Klienten vermitteln, dass diese selbst die Fachpersonen für ihre Situation und bereits im Besitz der Ressourcen sind, die sie für die Lösung der Probleme brauchen. Berufsberatende sollten also eher Lotsen sein, die den Klientinnen und Klienten helfen, sicher durch die Fragen rund um die Laufbahnplanung zu navigieren.Aufgrund dieser Überlegungen schlage ich einen systematischen Ansatz für die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung vor. Dieser bedeutet, dass Beratungspersonen die Probleme identifizieren und verstehen und die geeigneten Instrumente auswählen, um diesen zu begegnen. Dabei sollten sie eine ganzheitliche Methode in einer vertrauensvollen und unterstützenden Atmosphäre anwenden. Sind diese Kriterien erfüllt, können sie die Umsetzung der grundlegenden Elemente der Arbeitsallianz angehen: sich mit den Klientinnen und Klienten über die Ziele der Intervention und die eingesetzten Hilfsmittel einigen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Dies ist besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass eine gute Arbeitsallianz der beste Garant für die Wirksamkeit einer Berufsberatungsintervention ist.Um diesen systematischen Ansatz zu erleichtern, lege ich in meinem Buch «L’art du conseil en orientation» (Die Kunst der Berufsberatung) eine «Landkarte» vor, die den Berufsberatenden eine praktische Hilfestellung sein soll. Die neun allgemeinen Problemfelder, die die Berufswahl und Laufbahnplanung behindern können, werden auf der Grundlage von theoretischen Modellen in 63 Unterkategorien unterteilt. Im Buch stelle ich 150 Interventionen aus dem Bereich der Psychologie vor, mit denen diese vielfältigen Hindernisse angegangen werden können. Das Werk ist nicht als Handbuch zu verstehen, das vorgibt, was in einer bestimmten Situation zu tun ist, sondern soll eine Grundlage und Legitimation für bereits bekannte Interventionen bieten. Überdies soll es Beratenden neue Perspektiven eröffnen, indem es sie ermuntert, neue Instrumente auszuprobieren. Um die Identifizierung der Probleme zu erleichtern, habe ich ein Inventar der Probleme der Berufsberatung (inventaire des difficultés d’orientation) erstellt, das als Online-Fragebogen und -Kartenspiel auf der Internetseite www.shekinarochat.com/downloads verfügbar ist.

Praktische Umsetzung

Die Zweckmässigkeit einer solchen Vorgehensweise lässt sich am Beispiel von Jérémy veranschaulichen. Der 16-Jährige hat die obligatorische Schule ohne Anschlusslösung abgeschlossen und muss sich nun auf die Suche nach einer Lehrstelle machen. In einem Gespräch vertraut er seiner Berufsberaterin an, dass sich seine Motivation, sich auf einen Integrationsprozess einzulassen, in Grenzen hält. Da der Motivationsmangel den Berufsberatungsprozess stark behindert (siehe Kategorie 1), versucht die Berufsberaterin herauszufinden, welcher Art dieser ist. Sie stützt sich auf das von Martin E. Ford entwickelte Motivationsmodell und erklärt Jérémy, dass für seine Motivation drei Faktoren entscheidend sind: ein klares, wichtiges und vorrangiges Ziel; das Vertrauen, dieses Ziel erreichen zu können, weil seine Fähigkeiten und der Kontext dies erlauben; Emotionen, die ihn bei der Zielerreichung befeuern. Die Berufsberaterin fragt Jérémy, welche Aspekte der Motivation ihm Probleme bereiten, und er gibt an, dass er vor allem an seiner Fähigkeit, eine Lehrstelle zu finden, zweifelt. Sein spezifisches Problem ist also mangelndes Selbstvertrauen. Die Berufsberaterin vereinbart daher mit Jérémy, dass sie mit ihm vergangene Erfolge und die Fähigkeiten beleuchtet, die ihm bei seinem Problem helfen könnten. Hätte die Berufsberaterin nicht auf das Theoriemodell zurückgegriffen, wäre sie womöglich davon ausgegangen, dass Jérémy die Berufsberatung für nicht wichtig genug hält, und hätte ihre Arbeit auf diesen Aspekt ausgerichtet. Dabei hätte sie übersehen, dass es Jérémy am nötigen Selbstvertrauen fehlt. Insgesamt betrachtet kann diese Vorgehensweise für individuelle Beratungsgespräche sehr interessant sein, und zwar unabhängig vom Alter und von der Situation der Klientinnen und Klienten. Sie könnte den Beratenden auch helfen, bei Gruppeninterventionen, z.B. an Schulen oder in Beratungsworkshops, die Dienstleistungen besser auf die Zielgruppen auszurichten. Ob die für die Zielerreichung eingesetzten Hilfsmittel zweckmässig waren, kann anschlies-send beurteilt werden, indem man die Klientinnen und Klienten fragt, inwiefern die identifizierten Probleme noch aktuell sind.

Links und Literaturhinweise

Rochat, Sh. (2019): L’art du conseil en orientation. Une carte des interventions. Chexbres, Éditions Lucnia.

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