Ausgabe 04 | 2020

BERUFSBERATUNG

Studie

Laufbahnberatung in der zweiten Lebenshälfte

Eine der Stossrichtungen der Initiative «Berufsbildung 2030» ist die Stärkung der Information und Beratung während der gesamten beruflichen Laufbahn. Eine Studie hat daher untersucht, welche Erwartungen an die Laufbahnberatung in der zweiten Lebenshälfte bestehen.

Von Anne Jansen und Michelle Zumsteg, Institut für Personalmanagement und Organisation, Hochschule für Wirtschaft, Fachhochschule Nordwestschweiz

Erwachsene in der zweiten Hälfte des Erwerbslebens standen bis anhin nicht im Fokus der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB), und Angebote zur Laufbahnberatung wurden von dieser Zielgruppe nur selten genutzt. Die Initiative «Berufsbildung 2030», die von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt getragen wird, hat daher die Stärkung der Information und Beratung während der gesamten beruflichen Laufbahn als eine Stossrichtung zur Weiterentwicklung der Berufsbildung definiert. Eines der Projekte dieser Stossrichtung ist die Realisierung einer kostenlosen Standortbestimmung, Potenzialabklärung und Laufbahnberatung für Erwachsene ab 40 Jahren. Dieses Projekt setzt den Beschluss des Bundesrats vom Mai 2019 zur Förderung des inländischen Arbeitskräftepotenzials um. Damit Angebote für Erwachsene ab der Lebensmitte evidenzbasiert entwickelt werden können und deren Wirkung evaluiert werden kann, wurde in der vorliegenden Studie der Frage nachgegangen,welche Erwartungen verschiedene Anspruchsgruppen an die Laufbahnberatung haben und welche Wirkungen diese erreicht bzw. erreichen soll. Neben den Bedürfnissen der erwachsenen Ratsuchenden selbst, die für die Laufbahnberatung eine sehr heterogene Gruppe darstellen, interessierten die Perspektiven von Personalfachleuten aus verschiedenen Unternehmen sowie die Erwartungen, die Vertreterinnen und Vertreter von Arbeitsintegrationsstellen an die BSLB haben (siehe Kasten).

Erwartungen an die Laufbahnberatung

Die Befragung hat gezeigt, dass die Ratsuchenden von einer Laufbahnberatung weit mehr als Informationen über mögliche Weiterbildungen erwarten. Vielmehr soll durch die Laufbahnberatung eine Reflexion der bisherigen Laufbahn erreicht werden, verbunden mit einer Planung, wie die zukünftigen Jahre gestaltet werden könnten. Zudem soll die Laufbahnberatung durch das Strukturieren von selbst eingeholten Informationen darin unterstützen, sich im Dschungel der Weiterbildungsangebote zurechtzufinden. Weiter wünschen sich die Ratsuchenden Beratung und Angebote zum Pflegen von Netzwerken. Auch die befragten Unternehmen betonen die Wichtigkeit von regelmässigen Standortbestimmungen, denn nur so lasse sich die Arbeitsmarktfähigkeit aufrechterhalten und entwickeln. Allerdings wird auch deutlich, dass die kantonalen Zentren der BLSB noch nicht als Kompetenzzentren für Ratsuchende über 40 Jahre wahrgenommen werden. Vor allem Unternehmen, die über kein eigenes Laufbahnberatungsangebot verfügen, erkennen aber die Unterstützung, die die öffentlichen Laufbahnberatungsstellen bieten können. Dies auch, weil viele kleinere und mittlere Unternehmen über wenig Ressourcen für die Personalentwicklung verfügen und weil Mitarbeitende, die sich grundsätzlich wohl in ihrer Position und der Organisation zugehörig fühlen, sich oftmals nicht aktiv um den Erhalt und die Entwicklung ihrer Arbeitsmarktfähigkeit kümmern. Die Vertreterinnen und Vertreter von Arbeitsintegrationsstellen kennen die BSLB teilweise von der Zusammenarbeit bezüglich jüngerer Erwachsener. Die Arbeitsintegrationsstellen erwarten von den kantonalen Zentren der BSLB, dass sie ihre Klienten und Klientinnen dabei unterstützen, möglichst rasch in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren, damit Sozialversicherungsleistungen eingespart werden können. Die Beratungspersonen der BSLB sollen die persönliche Situation der Ratsuchenden hinsichtlich Bildungshintergrund und Gesundheit, finanzieller Möglichkeiten und familiärer Verpflichtungen berücksichtigen. Es solle auch sichergestellt werden, dass keine Luftschlösser gebaut werden, die sich nicht realisieren lassen.

Bewusstsein über die berufliche Identität

Die Studie zeigt weiter auf, dass nicht nur die Ratsuchenden selbst, sondern auch die Wirtschaft und die Gesellschaft von der Stärkung der Arbeitsmarktfähigkeit durch die Beratung profitieren. Neben Wirkungen, die die Laufbahnberatung auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen erzielt, wie der Information über das Bildungssystem, Berufsrollen und Bewerbungsprozessen sowie dem Vermitteln von Laufbahngestaltungskompetenzen (Career Management Skills) scheint für die Gruppe der Ratsuchenden ab der Lebensmitte die Notwendigkeit zu bestehen, ihre berufliche Identität zu bestimmen. So ist insbesondere die Reflexion der bisherigen Laufbahn und die Bestandesaufnahme des Erreichten relevant, um im Einklang damit laufbahnbezogene Entscheidungen zu treffen. Da die Ratsuchenden ab 40 Jahren durch getätigte Investitionen in Bildung und Arbeit in ihren Möglichkeiten eingeschränkter sind als Jüngere, gilt es, das Selbstvertrauen zu stärken und gleichzeitig eine realisierbare Planung der zukünftigen Erwerbsjahre zu entwickeln. Hierzu gehört vor allem das Wissen darum, welche Kompetenzen noch weiterentwickelt werden müssen und welche Möglichkeiten bestehen, um weiterhin oder wieder auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Schliesslich scheint ab 40 Jahren auch die Frage, wie die Gesundheit durch Laufbahnentscheidungen erhalten oder verbessert werden kann, an Bedeutung zu gewinnen.

Links und Literaturhinweise

Jansen, A., Zumsteg, M. (2020): Wirkungen von Laufbahnberatung in der zweiten Hälfte des Erwerbslebens. Olten, FHNW.
www.berufsbildung2030.ch

Kasten

Die Studie

Für die hier vorgestellte Studie wurden in den Kantonen Bern und Aargau leitfadengestützte Interviews mit verschiedenen Anspruchsgruppen durchgeführt: mit 20 ehemaligen Ratsuchenden über 40 Jahren, mit neun Personalfachleuten von Unternehmen verschiedener Grösse und aus verschiedenen Branchen, mit Vertretungen von kantonalen Invalidenversicherungsstellen (IV), regionalen Arbeitsvermittlungsstellen (RAV), einer kantonalen Arbeitsintegrationsstelle des Sozialdienstes und einer privaten Arbeitsintegrationsstelle. Die Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet und in Workshops mit Laufbahnberaterinnen und -beratern der Kantone Bern und Aargau diskutiert. Die Studie wurde vom Institut für Personalmanagement und Organisation der Fachhochschule Nordwestschweiz in Kooperation mit der KBSB (Schweizerische Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung) und profunda-suisse realisiert. Sie wurde durch den EDK-SVB Innovationsfonds für die BSLB finanziell unterstützt.

Interview

Projekt STAPAL: «Eine Riesenchance»

Interview: Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Urs Brütsch ist Leiter des Amts für Berufsberatung des Kantons Zug. Er wurde von der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB) mit der Leitung des Projekts beauftragt. (Bild: zvg)

Personen über 40 Jahren erhalten ab 2022 eine kostenlose Standortbestimmung, Potenzialabklärung und Laufbahnberatung. Urs Brütsch über den Stand der Umsetzung.

PANORAMA: Wie wird STAPAL durch die Kantone umgesetzt?
Urs Brütsch: Die Kantone haben sich auf das folgende Vorgehen geeinigt: Als Erstes wird der im Kanton Zug entwickelte Arbeitsmarktfähigkeits-Check durchgeführt. Dieser zeigt mit einem Ampelsystem, wie hoch die Arbeitsmarktfähigkeit ist. Steht die Ampel auf Orange oder Rot, deutet dies auf Schwierigkeiten hin, bei einer allfälligen Entlassung wieder einen ähnlichen Job zu finden. Die weitere Beratung folgt dem GUIDE-Modell aus dem Kanton Wallis. Dieses enthält vier Beratungsmodule: Gap (entspricht bei STAPAL dem Arbeitsmarktfähigkeits-Check), Understanding and Improving, Develop Solutions, Execution. Ziel ist es, mit den Klientinnen und Klienten Massnahmen zum Erhalt beziehungsweise zur Verbesserung ihrer Arbeitsmarktfähigkeit zu erarbeiten.

In welcher Phase befindet sich das Projekt?
Wir sind am Bereitstellen der Instrumente: Der Karriere-Ressourcen-Fragebogen CRQ muss übersetzt werden, die Arbeitsmarktinfos müssen an neue Kategorisierungen angepasst werden, und es wird ein einheitlicher Berichtraster entwickelt. Gesucht wird auch nach einem gescheiten Namen für STAPAL, und wir erarbeiten Schulungsunterlagen für die Beratungspersonen.

Welche Ziele sollen im Jahr 2021 erreicht werden?
Die Beratungen in den elf Pilotkantonen werden durch die Universität Bern evaluiert. Diese Daten dienen zur Ermittlung von Good-Practice-Beispielen und von Instrumenten zur Förderung der Arbeitsmarktfähigkeit. Die Ergebnisse des Arbeitsmarktfähigkeits-Checks werden gesammelt und bilden die Grundlage, um bis 2022 ein interaktives Tool zu entwickeln, das der ganzen Bevölkerung offensteht.

Wird der Beratungsprozess für alle Personen über 40 Jahre kostenlos sein?
Das Angebot steht allen Personen offen, die nicht Anspruch auf ein vergleichbares Angebot bei einer anderen Sozialversicherung haben.

Was ist die grösste Herausforderung bei der Umsetzung des Projekts?
Eine Schwierigkeit wird sein, die wirklich gefährdeten Personen zu erreichen. Die Zusammenarbeit mit den wichtigen Sozialpartnern ist uns daher wichtig. Zudem arbeiten wir mit Kommunikationsprofis zusammen. Es soll eine Selbstverständlichkeit werden, dass man diesen Check macht. Das Ganze ist auch eine Riesenchance, ein gemeinsames Tool für verschiedene Bevölkerungsgruppen und eine neue Positionierung der Berufs- und Laufbahnberatung zu entwickeln.

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