Ausgabe 04 | 2020

BERUFSBILDUNG

Digitaler Wandel in der Berufsbildung und die Rolle der Schulleitung

COVID-19 und die digitale Zukunft

Die Berufsfachschulen waren dank digitalisierten Prozessen und Lernmedien gut auf die COVID-19-Krise vorbereitet. Dies zeigt eine kurz vor der Krise durchgeführte Befragung. Dennoch glauben vier von fünf Schulleitungsmitgliedern, dass die digitalen Kompetenzen des Kollegiums nicht ausreichen.

Von Serge Imboden und Deborah Glassey-Previdoli (HES-SO) sowie Stephan Schumann und Andreas Harder (Universität Konstanz)

Der mit der COVID-19 Krise einhergehende Shutdown hat auch die Berufsfachschulen vor eine immense Herausforderung gestellt. Innerhalb von wenigen Tagen mussten sie Alternativen zum Präsenzunterricht finden. Denn digital gestützte Lehr- und Lernmethoden, die auch als «Distance Learning» bezeichnet werden, wurden an Berufsfachschulen bisher kaum genutzt. Trotzdem genoss schon vor Corona der digitale Wandel hohe Aufmerksamkeit, wie die Daten der vorliegenden Studie zeigen; sie basieren auf einer Befragung von 581 Schulleitenden. Auf einer Skala von 1 (sehr niedrig) bis 6 (sehr hoch) schätzen 60 Prozent der Befragten dessen Priorität als hoch oder sehr hoch ein, ein Drittel als eher hoch. Den Stand des Wandels beurteilen knapp 5 Prozent als sehr weit fortgeschritten, ein knappes Viertel als fortgeschritten und 45 Prozent als eher fortgeschritten (Mittelwert: 4,74; Standardabweichung: 0,88). Ungefähr 27 Prozent waren bezüglich des Entwicklungsstands der eigenen Schule skeptischer. Die hohe Priorität auf Schulentwicklungsebene geht bei den allermeisten Schulleitungsmitgliedern (96%) mit der Überzeugung einher, dass die Förderung digitaler Kompetenzen heute ein integraler Bestandteil der Schulbildung sein muss. Dabei gibt nur ein Viertel der Leitungspersonen an, dass sie bei der Nutzung digitaler Geräte an eigene Grenzen stossen.22 Prozent der Befragten sorgen sich, dass sie die zunehmende Digitalisierung überfordern könnte, gleich viele machen sich diesbezüglich wenig Sorgen. Korrelationsanalysen zeigen, dass – wenig überraschend – in der Tendenz jene Personen über geringere eigene Kompetenzen berichten, deren Schule einen eher niedrigeren Entwicklungsstand aufweist.

Hürden und Gelingensbedingungen

Etwa drei Viertel der befragten Schulleitungsmitglieder nehmen an, dass die Lehrpersonen der eigenen Schule dem digitalen Wandel – zumindest in der Tendenz – positiv gegenüberstehen. Weiter geben 71 Prozent der Befragten an, sie seien mit der digitalen Ausstattung (78%), dem technischen IT-Support (74%) und der didaktischen Unterstützung zum Einsatz digital unterstützter Lehr- und Lernmethoden (61%) an ihrer Schule grundsätzlich zufrieden. Fragt man sie jedoch nach den Hürden, so werden gravierende Probleme deutlich (siehe Grafik). Die Haupthürde bildet die zeitliche Belastung des Kollegiums (85%). Der Grossteil der Befragten schätzt zudem die digitalen Kompetenzen der Lehrpersonen des Kollegiums als nicht ausreichend ein (81%). Diverse Schulleiter/innen geben an, dass ihre Schule zwar Aus- und Weiterbildungen anbiete, aber nicht alle Lehrpersonen sie nutzten. Sie nehmen an, dass zeitliche oder motivationale Gründe die Ursache des mangelnden Interesses sind. Als weitere Hürde beklagen fast 70 Prozent mangelnde finanzielle Ressourcen, eine ungenügende Infrastruktur/Ausstattung (63%) und einen mangelhaften IT-Support (61%). Nur rund 30 Prozent der Schulleitungen sehen eine fehlende Motivation der Lehrpersonen. In den befragten Schulen wird gemäss Selbsteinschätzung vorwiegend auf Basis von gemeinsamen Zielen, Vertrauen und Loyalität geführt – häufig kombiniert mit Zielvorgaben und der Delegation von Aufgaben. Schulen, die so geführt werden, bringen gute Voraussetzungen für die Bewältigung des digitalen Wandels mit, wie unsere Forschung zeigt:
– Eine Orientierung an Strategien und Leistungszielen ist eine wichtige Voraussetzung für effektives Leitungshandeln. Schulen mit einer von allen getragenen Vision sind effizienter; diese bildet die Basis für die digitale strategische Ausrichtung und die Formulierung von klaren und motivierenden Leistungszielen.
– Effektives Leitungshandeln und Kompetenzen im Projekt- und Changemanagement begünstigen den digitalen Wandel und verhindern Widerstände und Demotivation der Mitarbeitenden.
– Damit der digitale Wandel vorangetrieben werden kann, bedarf es nicht nur zusätzlicher personeller und finanzieller Ressourcen, sondern auch digital kompetenter Führungs- und Lehrpersonen.
– Im Vordergrund des digitalen Wandels steht das pädagogische Ziel. Der Einsatz digitaler Lehr- und Lernformen wird aus diesem Ziel im Zusammenspiel mit den Lernausgangslagen der Lernenden abgeleitet.

Links und Literaturhinweise

www.2leadership.ch
www.sgab-srfp.ch

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Studie zur Erfassung des digitalen Wandels

Das vorliegende Projekt der Fachhochschule Wallis (HES-SO) analysiert die Konsequenzen der Digitalisierung der beruflichen Schulen für die Schulleitung und formuliert Handlungsempfehlungen für Schulentwicklungsprozesse. Es wird vom SBFI und der Table Ronde berufsbildender Schulen gefördert und von der Universität Konstanz (Prof. Dr. Stephan Schumann) wissenschaftlich begleitet. An der Erhebung, die zwischen November 2019 und Februar 2020 durchgeführt wurde, nahmen 581 Schulleitende (410 Deutschschweiz, 152 Romandie,19 Tessin) aus 171 berufsbildenden Schulen teil. Es handelt sich damit um die umfangreichste Studie zur Erfassung des digitalen Wandels an beruflichen Schulen in der Schweiz.

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Fernunterricht während des Lockdowns

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Innert kürzester Zeit haben viele Lehrpersonen ihren Unterricht weitgehend digitalisieren müssen. Eine Befragung von Lehrpersonen zeigt die Herausforderungen, die mit dem
Fernunterricht verbunden sind.


Von 99 Praktikumslehrpersonen (also erfahrenen Lehrpersonen) sagen rund 80 Prozent, dass sie grundsätzlich fähig sind, digitale Medien in verschiedenen Kontexten und zu unterschiedlichen Zwecken einzusetzen. Ebenso empfinden zwei Drittel den Support durch ihre Schule als gross. Diese beiden Faktoren haben dazu beigetragen, dass der Fernunterricht während der Coronazeit – nach einer turbulenten Anfangsphase – gut funktioniert hat, obwohl vielfältige Herausforderungen wahrgenommen wurden. Dies ergibt eine Befragung durch die Pädagogische Hochschule Zürich. Grosse Herausforderungen werden in den Bereichen Lernbegleitung sowie Feedback und Planung wahrgenommen. Dazu gehören die Interaktion mit Lernenden und die zeitnahe Unterstützung durch gezielte Feedbacks. Aussagen wie «Mir fehlt das Gefühl für die Klasse» weisen darauf hin, dass Klassenführung auch im Fernunterricht zentral zu sein scheint. Anspruchsvoll ist auch das Thema Lernstandsmessung. Die Befragten sagen, dass die Kontrolle, ob Tests wirklich allein gelöst werden, schwierig sei. Mündliche Prüfungen oder schriftliche Open-Book-Prüfungen scheinen für Fernunterricht besser geeignet zu sein. Herausfordernd ist auch, vorhandene Unterlagen für den Fernunterricht aufzubereiten, zu digitalisieren und neu zu didaktisieren. Der Umgang mit technischen Problemen fiel dagegen relativ leicht.Die Lehrpersonen unterstreichen, dass die Fähigkeit, selbstständig zu lernen, im Fernunterricht zentral sei. Sie betonen, wie aufwendig und wichtig es sei, Strukturen zu definieren und präzise Aufgaben zu generieren. Lernende seien «stark in ihrer Selbstdisziplin und ihrer Eigenverantwortung gefordert».

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PANORAMA Nr. 5 | 2020 mit dem Fokus «Agilität» erscheint am 23. Oktober.