Ausgabe 04 | 2020

BERUFSBILDUNG

Projekt des EHB

Eine Vernetzungsplattform für die Berufsbildung

Zurzeit wird eine neue nationale Plattform für die Berufsbildung geprüft. Das ebenso ambitionierte wie vielversprechende Projekt mit dem Namen skillsnet.swiss soll Schweizer Berufsbildungsverantwortliche miteinander vernetzen und die Digitalisierung fördern.

Von Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Die Digitalisierung macht auch vor der Berufsbildung nicht halt. Berufsbildungsverantwortliche müssen sich zahlreichen neuen Anforderungen an das Bildungsmanagement, an Prozesse und Produkte sowie an Rollen und Kompetenzen stellen. Dieser Wandel erfordert eine Vernetzung der verschiedenen Akteure, die Koordination und den Transfer von Wissen und Know-how, Personalressourcen sowie finanziellen Mitteln. Diese Herausforderungen haben den Bund veranlasst, das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) mit der Entwicklung einer schweizweiten Vernetzungs- und Informationsplattform zu beauftragen. Sie soll die zahlreichen Berufsbildungsverantwortlichen näher zusammenbringen, sie mit umfassenden Informationen versorgen und so zur Entwicklung der Berufsbildung in einem digitalen Umfeld beitragen.

Wie es zum Projekt kam

Im Rahmen des Aktionsplans «Digitale Schweiz» des Bundes aus dem Jahr 2018 wurde das EHB beauftragt, Berufsfachschulen in ihrer digitalen Transformation zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund hat das EHB das Programm «trans:formation» lanciert, das Lehr- und Leitungspersonen von Berufsfachschulen bei den Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, unterstützen soll. Das Programm umfasst drei Bereiche: Digi-Check (Standortbestimmung zur Digitalisierung der Bildungseinrichtung), Begleitung bei den Projekten, die sich aus dem Digi-Check ergeben, und kostenlose Weiterbildungsangebote für Leitungs- und Lehrpersonen. Das im Herbst 2019 initiierte Projekt skillsnet.swiss, das sich an Berufsbildungsverantwortliche und Leitungspersonen aller Lernorte sowie an Prüfungsexpertinnen und -experten richtet, soll das Programm ergänzen.Vor der Entwicklung einer derartigen Plattform wollte das EHB die Zweckmässigkeit eines solchen Projekts prüfen und beauftragte die Firma eduxept mit der Klärung der wichtigsten Fragen: Wer hat welche Interessen an einer Vernetzungsplattform? Was sind die Bedürfnisse? Wer bringt sich inhaltlich und finanziell ein? Anhand dieser Fragestellungen sollte die Projektstudie prüfen, ob und unter welchen Rahmenbedingungen eine nationale digitale Vernetzungsplattform lanciert werden kann. Die Ergebnisse zuhanden der EHB-Leitung, die seit März 2020 vorliegen, sollen als Grundlage für den Entscheid über die Weiterführung oder Einstellung des Projekts dienen. Dazu wurde eine qualitative und quantitative Marktüberprüfung durchgeführt.Die qualitative Überprüfung unter Einbezug der Verbundpartner (Bund, Kantone, OdA), der Berufsfachschulen (Table Ronde) und der in der Ausbildung von Berufsbildungsverantwortlichen und Prüfungsexperten tätigen Hochschulen ergab, dass die Entwicklung und der Betrieb einer nationalen Plattform bei den strategischen Stakeholdern auf breite Unterstützung stösst. In einer gleichzeitig durchgeführten, breit angelegten quantitativen Befragung bei den Zielgruppen von skillsnet.swiss (Berufsbildende und Leitungspersonen aller Lernorte sowie Prüfungsexpertinnen und -experten) wurden die Bedürfnisse erhoben und der Nutzen der geplanten Leistungen evaluiert. Insgesamt 849 Personen haben die Befragung beendet. 60 Prozent der Befragten sehen in der Plattform viel Nutzen oder eher viel Nutzen, wobei die Einschätzung in den Sprachregionen unterschiedlich ausfällt: In der französischen Schweiz wird der Nutzen mit 71 Prozent höher bewertet als in der italienischen Schweiz mit 64 und der Deutschschweiz mit 56 Prozent. Bei den geplanten Dienstleistungen (siehe Abbildung) steht der Austausch von digitalen Lern-Lehr-Materialien und digitalen Prüfungsfragen an erster Stelle (74%), gefolgt vom Austausch von Good-Practice-Beispielen (72%), vom Wissenstransfer (69%) und von Informationen zu aktuellen Themen (65%). Weiter zeigt sich, dass weder die Stakeholder noch die Zielgruppen bereit sind, die Plattform zu finanzieren. Die Finanzierung dürfte daher realistischerweise ausschliesslich vom Bund (WBF, SBFI, EHB) kommen. Zum jetzigen Zeitpunkt hat der Bund einen Anschubkredit gesprochen, die künftige Finanzierung ist allerdings noch nicht geklärt. Laut der Studie werden die Investitionskosten auf 3,1 Millionen Franken über einen Zeitraum von fünf Jahren geschätzt. Dazu kommen die jährlichen Betriebskosten in der Höhe von 0,9 Millionen Franken.

Vision und geplante Angebote

Im Rahmen der Projektstudie wurde auch eine Vision für die Plattform erarbeitet. Diese wurde wie folgt formuliert: «skillsnet.swiss bringt mit einer breit abgestützten Trägerschaft die Akteurinnen und Akteure der Berufsbildung in der Schweiz im Kontext der digitalen Transformation näher zusammen und gestaltet ihre Zusammenarbeit neu. Die Vernetzungs- und Informationsplattform bringt durch qualitätsgeprüfte Inhalte, themenspezifische Expertise sowie bedarfsgerechte Angebote eine Entlastung im Arbeitsalltag. Im Zentrum stehen Berufsbildungsverantwortliche und deren Leitungspersonen aller Lernorte sowie Prüfungsexpertinnen und Prüfungsexperten, die sich mit ihren Bedürfnissen aktiv einbringen und die Weiterentwicklung der Plattform und deren Angebote gestalten. Durch die Integration von Bestehendem wird Orientierung geschaffen, mit der Ergänzung von Neuem werden Angebotslücken geschlossen.» Die Versprechen von skillsnet.swiss erstrecken sich auf drei Aspekte: «skillsnet.swiss ist eine qualitativ hochwertige und aktiv bewirtschaftete Vernetzungs- und Informationsplattform. Sie überzeugt einerseits durch spezifisches Fachwissen, andererseits durch Raum für Inhalte aller Plattformnutzenden. skillsnet.swiss zeichnet sich durch maximalen Gestaltungsspielraum aus und erlaubt ein agiles und bedürfnisorientiertes Leistungsangebot. skillsnet.swiss bündelt bestehende Angebote und Initiativen der gesamten Schweizer Berufsbildung (Plattformen, Projekte, Instrumentarien, Bildungsmaterialien usw.) und ermöglicht so einen einfachen, raschen und unkomplizierten Austausch in unterschiedlichen Themenfeldern der Berufsbildung innerhalb und ausserhalb der bestehenden Communities. skillsnet.swiss schafft Übersicht und Orientierung und fördert eine gemeinsam gestaltete Weiterentwicklung der Schweizer Berufsbildung.» Auf der Plattform skillsnet.swiss soll ein agiles und bedürfnisorientiertes Angebot bereitgestellt werden, das sieben Bereiche abdeckt:
1. Erfahrungsaustausch: Der Austausch ermöglicht es den Nutzerinnen und Nutzern, Fachkolleginnen und -kollegen zu finden und von deren Erfahrungen zu profitieren, Good-Practice-Beispiele auszutauschen und gemeinsam weiterzuentwickeln sowie anstehende Probleme mit der Community zu diskutieren.
2. Projektkooperation: Die Zusammenarbeit im Rahmen von Projekten inner- und ausserhalb der Community erleichtert die Suche nach Projektpartnern. Ferner können die Nutzer gemeinsam Projektausschreibungen bestreiten und Projekte lancieren oder rasch einen nationalen Überblick über Initiativen gewinnen.
3. Wissenstransfer: Dank dem Wissenstransfer können die Nutzer Forschungsresultate, Projektbeschreibungen und Erfahrungsberichte finden und publizieren, Wissensberichte tauschen und weiterentwickeln, Hilfestellung zu spezifischen Themenfeldern tauschen und diskutieren.
4. Beratungsunterstützung: Die Nutzerinnen und Nutzer haben Zugang zum Kompetenznetzwerk der Berufsbildung Schweiz und können mit dessen Hilfe anerkannte Expertinnen und Experten finden und kontaktieren, eigene Expertise anbieten, eigene Projekte durch gemeinsame Expertise weiterentwickeln, von geprüften Expertisenbeiträgen zu aktuellen Fragestellungen usw. profitieren.
5. Informationsfluss: Die Plattform erleichtert den Informationsfluss und liefert einen Überblick über relevante Veranstaltungen (Tagungen, Bildungsangebote usw.). Ferner können die Nutzerinnen und Nutzer ein Zielpublikum für eigene Veranstaltungen und Angebote erreichen, sich eine Übersicht über andere Plattformen, Tools, Software usw. verschaffen oder Erfahrungsberichte anderer User einsehen.
6. Bildungsmaterialien: Die Plattform ermöglicht den Austausch von digitalen Lehr-Lern-Materialien, Übungs- und Prüfungsfragen. Überdies können eigene Materialien publiziert und mit einem breiten Fachkollegium diskutiert werden.
7. Ergänzt wird das Angebot mit weiteren bedürfnisorientierten Dienstleistungen.

Ausblick

Laut Projektleiterin Angela Schaniel wird die Plattform bei den Stakeholdern weitgehend begrüsst. Trotzdem sieht sie mehrere grosse Herausforderungen: Zuerst einmal gilt es, die Finanzierung zu sichern. Dazu braucht es angesichts der benötigten Finanzmittel eine WTO-Ausschreibung. Anschliessend muss eine tragfähige Partnerschaft aufgebaut werden, damit die Plattform mit Inhalten gefüttert werden kann und vom Zielpublikum auch genutzt wird. Überdies müssen Fragen im Zusammenhang mit den Urheberrechten der Inhalte auf skillsnet.swiss geklärt werden. Schliesslich dürfen auch die Komplexität der Berufsbildung sowie die Vielfalt der Akteure mit ihren spezifischen Bedürfnissen nicht unterschätzt werden. Sollte die EHB-Leitung grünes Licht für die Weiterführung des Projekts geben, wird die erste Etappe mit dem Ziel gestartet, die wichtigsten Funktionen für den Austausch bereitzustellen. Ebenfalls könnten bereits 2020 Bildungsmaterialien erstellt werden. 2021 dürfte dann die Projektausschreibung folgen. Das Tempo ist also vorgegeben.

Links und Literaturhinweise

www.skillsnet.swiss

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