Ausgabe 04 | 2020

Fokus "Laufbahnmuster"

Berufliche Integration

Migration als Zäsur in der beruflichen Laufbahn

Für berufserfahrene und qualifizierte Migrantinnen und Migranten gestaltet sich der Weg in die Schweizer Arbeitswelt oft hürdenreich. Mit viel Wille und etwas Unterstützung kann jedoch der Wiedereinstieg gelingen.

Von Olivia Payo Moreno, HEKS Fachstelle Integration, und Andrea Oertli, Themenbeauftragte HEKS Kommunikation

Die Migration oder Flucht in die Schweiz bedeutet für Fachpersonen aus Drittstaaten oftmals eine Zäsur in der beruflichen Karriere. Obwohl sie in ihrem Herkunftsland eine Hochschul- oder Berufsausbildung abgeschlossen haben, sind viele von ihnen in der Schweiz nicht oder zumindest nicht ihren Qualifikationen entsprechend im Arbeitsmarkt integriert. Denn durch die Migration gingen wichtige Mosaiksteine verloren, die sie einst als attraktive Arbeitskräfte ausgezeichnet hatten: die Sprachkenntnisse, der Wert des Diploms auf dem Arbeitsmarkt, das berufliche Netzwerk und manchmal auch der Selbstwert

Nochmals von vorne beginnen

Für qualifizierte Migrantinnen und Migranten bedeutet dies, dass sie in vielen Bereichen nochmals von vorne beginnen müssen. Die schwierigste Hürde ist die Sprache. Das erforderliche Sprachniveau ist für qualifizierte Berufe sehr hoch. Verlangt wird in der Regel mindestens Niveau B2, entsprechend viel Zeit beansprucht der Spracherwerb. Je nach Beruf ist auch die Diplomanerkennung ein längeres bürokratisches Prozedere. Für Migrantinnen und Migranten verstreichen so wichtige Jahre, während denen sie im Schweizer Arbeitsmarkt nicht Fuss fassen können. Für Geflüchtete kommt hinzu, dass sie zuerst auf ihren Asylentscheid warten müssen, bevor sie überhaupt erste Schritte in Richtung Arbeitswelt unternehmen können.Neben diesen sprachlichen und bürokratischen Hürden scheitert die berufliche Integration oft auch an den beschränkten finanziellen Ressourcen. Denn nicht nur die Sprachkurse, sondern auch der Lebensunterhalt müssen finanziert werden. Weil sie rasch auf ein eigenes Einkommen angewiesen sind, gehen viele qualifizierte Migrantinnen und Migranten schliesslich doch einer Arbeit nach, für die sie überqualifiziert sind. Neben einem Vollzeitjob ist aber ein intensiver Sprachkurs zeitlich kaum zu bewältigen.

Potenzial ist gross

Prognosen sagen der Schweiz in den kommenden Jahren einen zunehmenden Fachkräftemangel voraus. Vor diesem Hintergrund scheint es umso wichtiger, dass alles Potenzial inländischer Fachkräfte genutzt wird. Qualifizierte Migrantinnen und Migranten sind dabei eine brachliegende wirtschaftliche Ressource. Diese muss allerdings zuerst aktiviert und gefördert werden, bevor sie ihr Potenzial zugunsten der einheimischen Wirtschaft entfalten kann. HEKS, das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz, bietet seit 2017 mit den «HEKS MosaiQ»-Fachstellen persönliche Laufbahnberatungen und Begleitungen für qualifizierte migrierte Personen an, dies in den Regionen Aargau, Bern, Ostschweiz, Waadt und Zürich.

Eine Perspektive entwickeln

Mit Unterstützung der HEKS-Fachpersonen entwickeln die Ratsuchenden berufliche Perspektiven, identifizieren Lücken in ihrem beruflichen Rucksack und erfahren, wie sie noch fehlende Kompetenzen erlangen können. Die Fachstellen begleiten auch Firmen, die qualifizierte Migrantinnen und Migranten einstellen möchten, aber mit den bürokratischen Prozessen bezüglich der Arbeitsbewilligungen überfordert sind. Die Erfahrung der ersten drei Jahre zeigt: Das Angebot von HEKS entspricht einem grossen Bedürfnis. Über tausend qualifizierte migrierte Personen haben bisher die Beratung oder Begleitung der Fachstellen schweizweit in Anspruch genommen. Die Fachstellen erleben einen wachsenden Zulauf von Teilnehmenden, vermehrt werden diese auch von Berufsinformationszentren, Sozialdiensten oder regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) zugewiesen.

Links und Literaturhinweise

www.heks.ch/mosaiq

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Donia Gudeh und Sohail Maksoud

(Bild: HEKS/Hélène Tobler)

Donia Gudeh (Bild) ist 29 Jahre alt und stammt aus Syrien. Sie hat dort die Matura abgeschlossen und als Verwaltungsmitarbeiterin gearbeitet. 2014 flüchtete sie in die Schweiz. Bald träumte sie davon, hier ein Studium der Sozialen Arbeit an einer Fachhochschule aufzunehmen. Obwohl Donia Gudeh die Aufnahmeprüfung bestanden hatte und das Niveau C1 in Deutsch vorweisen konnte, genügte dies für die Zulassung zum Studium bis vor Kurzem nicht. Verlangt wurde das höchste Sprachniveau C2. HEKS unterstützte Donia Gudeh bei der Vorbereitung auf die C2-Prüfung und lobbyierte parallel dazu an der Fachhochschule für eine Senkung der Sprachanforderung. Zudem wurde Donia Gudeh beim Verfassen von Finanzierungsgesuchen für die Sprachkurs- und Studiengebühren unterstützt. Schliesslich konnte Donia Gudeh im Frühling 2020 ihr Bachelorstudium in Sozialer Arbeit antreten.

Sohail Maksoud ist 46 Jahre alt und stammt ebenfalls aus Syrien. In Damaskus hatte er ein Pharmaziestudium abgeschlossen. Danach gründete er seine eigene Apotheke, die er während 13 Jahren führte. 2015 flüchtete Sohail Maksoud mit seiner Familie in die Schweiz. Ein Hindernis für seine berufliche Integration ist sein Aufenthaltsstatus F (vorläufige Aufnahme). Viele Arbeitgeber sind verunsichert und befürchten, dass eine Anstellung zusätzlichen bürokratischen Aufwand bedeutet. HEKS unterstützte Sohail Maksoud bei der Diplomanerkennung, optimierte mit ihm zusammen die Bewerbungsunterlagen und nahm mit möglichen Arbeitgebern Kontakt auf. Schliesslich konnte per Frühling 2020 eine befristete Anstellung im Labor eines Kantonsspitals gefunden werden. Die Chance besteht, dass daraus eine Festanstellung wird.

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Tipps für den Berufseinstieg

- Keine Zeit verlieren, sich im Berufsinformationszentrum (BIZ) informieren
- Diplome übersetzen lassen
- Diplomanerkennung oder Anerkennungsempfehlung beantragen(www.sbfi.admin.ch/diploma)
- Erlernen der Sprache des Wohnortes (meist ist Niveau B2 oder C1 erforderlich)
- Berufliches Netzwerk aufbauen, Fachleute des eigenen Berufs kennenlernen
- Berufseinstieg über ein Praktikum

Interview

«Es braucht Zeit und Geduld»

Interview: Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Barbara Nikles ist Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin. Sie hat früher in der Sozialen Arbeit und in Südamerika gearbeitet. (Bild: zvg)

Migrantinnen und Flüchtlinge wenden sich oft an die kantonalen BIZ. Was in diesen Gesprächen wichtig ist, erklärt Barbara Nikles, Beraterin im BIZ Uster.

PANORAMA: Wie unterscheidet sich die Beratung in den BIZ von derjenigen bei HEKS?
Barbara Nikles: Die Mitarbeitenden von HEKS begleiten im Programm MosaiQ migrierte oder geflüchtete Personen viel intensiver als wir. Sie organisieren beispielsweise ein Treffen mit dem Studiengangsleiter einer Fachhochschule und begleiten die Migrantin zu diesem Gespräch. Diese individuelle Begleitung in der Umsetzung ist in vielen Fällen essenziell.

Haben Sie bei der Beratung von Migrantinnen und Migranten eine andere Rolle als bei anderen Ratsuchenden?
In gewisser Weise schon. Es geht in diesen Beratungen darum, den Erklärungen der Menschen für ihre Situation sowie ihren Bewältigungsversuchen mit Respekt zu begegnen. Gleichzeitig hinterfragt man diese kritisch hinsichtlich des beruflichen Ziels. Es gilt, die Menschen in dem zu würdigen, was sie geleistet haben, und ihnen gleichzeitig die Realität in der Schweiz zu erklären. Das braucht Zeit und Geduld. Die Menschenrechte spielen in diesen Beratungen ebenfalls eine zentrale Rolle. Der Mensch darf hier sein, hat das Recht, eine Arbeit zu finden. Diese Grundhaltung ist wichtig. Wie in allen Beratungen gilt es, Ressourcen zu finden, die als Hilfe zur Selbsthilfe genutzt werden können.

Welche Tests und Arbeitsmittel nutzen Sie?
Ich arbeite gerne mit Bildern und Gesprächen, bleibe möglichst konkret. Wenn es um eine Ausbildung geht oder eine Arbeitsrichtung gesucht wird, arbeite ich oft mit dem FIT oder mit Berufsfotos. Können die Ratsuchenden schon gut Deutsch, kann man auch Persönlichkeitstests wie den AIST oder GPOP machen. Bei Potenzialabklärungen für die Integrationsvorlehre kommen auch Leistungstests zum Einsatz.

Wie gehen Sie mit sprachlichen Hürden um?
Ich spreche langsam und mit einfachem Wortschatz. Oft frage ich auch zurück: Haben Sie es verstanden? Viele sind zurückhaltend, sagen aufgrund ihrer Kultur auch Ja, wenn sie nicht alles verstanden haben. Daher stelle ich möglichst Fragen, bei denen sie nicht nur mit Ja oder Nein antworten können. Trotzdem merke ich manchmal erst im zweiten oder dritten Gespräch, dass sie etwas Wichtiges nicht gesagt oder nicht verstanden haben.

Was fördert die Umsetzung des Beratungsziels?
Haben Migrantinnen und Migranten eine Lehrstelle oder ein Praktikum zum Ziel, ist die Unterstützung durch einen Mentor definitiv ein Vorteil. Sie können sich mit ihm wöchentlich treffen, Vorstellungsgespräche üben und praktische Fragen stellen. Als Laufbahnberaterin ist mir das aus zeitlichen Gründen nicht möglich.

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