Ausgabe 04 | 2020

Fokus "Laufbahnmuster"

Wiedereinstieg

Schlüsselmoment in der Karriere vieler Frauen

Seit Jahren beklagt sich die Schweizer Wirtschaft über Fachkräftemangel. Aber nur die wenigsten Firmen unterstützen Mütter bei der Rückkehr in ihren alten oder einen neuen Beruf. Dabei ist das ein Schlüsselmoment im Lebenslauf von Frauen.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Frauen, die in den Beruf zurückkehren, müssen plausibel machen, dass sie trotz Kindern bereit sind, vollen Einsatz zu leisten. Männer kommen kaum je in diese Situation. (Bild: unsplash.com)

Frauen, die in den Beruf zurückkehren, müssen plausibel machen, dass sie trotz Kindern bereit sind, vollen Einsatz zu leisten. Männer kommen kaum je in diese Situation. (Bild: unsplash.com)

Vor einem guten Jahr streikte eine halbe Million Menschen für mehr Lohn, mehr Respekt und mehr Zeit für die Betreuung von Kindern. Aber dass Frauen Unterstützung brauchen, wenn sie nach einer Familienpause in den Beruf zurückkehren, gehörte nicht zu den Forderungen. Auch im Grundlagenbericht des Bundesrates zur Fachkräfteinitiative (siehe PANORAMA 3/2019), dem es nicht an Differenzierung mangelt, fehlt die Idee. Höherqualifizierung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, MINT-Förderung, alles ist da. Rückkehrprogramme aber, mit denen man Frauen mit Kindern beim Wiedereinstieg unterstützen könnte, werden nicht erwähnt. Das gilt auch für das Positionspapier des Arbeitgeberverbandes zur «Vereinbarkeit von Familie und Beruf». Simon Wey, Chefökonom: «Bisher gingen wir davon aus, dass Frauen, die in den Beruf zurückkehren wollen, keine besonderen Probleme antreffen. Das stimmt so nicht. Wir brauchen primär attraktive Kinderdrittbetreuungsangebote, um ein unnötig langes Ausscheiden der Mütter aus dem Arbeitsmarkt zu verhindern. Arbeitgeber müssen aber auch sensibilisiert werden, dass Wiedereinsteigerinnen ein substanzielles Fachkräftepotenzial darstellen.»

«Das war kein gutes Gefühl»

Katja Rehlen ist 44 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Das eine bekam sie mit 25, das andere mit 37. Nach ihrer ersten Geburt stieg sie rasch wieder ins Berufsleben ein. Damals, kurz nach Studienende, wollte sie Berufserfahrungen sammeln – ein «grosser Kraftakt», wie sie heute sagt, der dank der Flexibilität ihres Partners und anderer Menschen gelang. Beim zweiten Kind machte sie es anders: Jetzt pausierte sie zwei Jahre, «die Familie ist unheimlich schön», sagt sie. Aber auch diesmal war es nicht einfach. Als sie in den Beruf zurückkehren wollte, merkte Katja Rehlen plötzlich, dass ihr die Leichtigkeit abhanden gekommen war. «Trotz meiner Erfahrung als Marketingleiterin fühlte ich mich wie abgeschnitten vom Beruf. Das war kein gutes Gefühl.»Wie Katja Rehlen geht es vielen Frauen, die ihre Berufstätigkeit unterbrochen haben, um für ihre Kinder da zu sein. Sie fragen sich: Genügt mein Wissen noch, wo sich so vieles verändert? Vielleicht will ich gar nicht mehr ins alte Einsatzgebiet zurückkehren; aber wo hätte ich Chancen? Und kann ich es wagen, nur 50 Prozent zu arbeiten? «Viele Frauen sind sehr verunsichert, wenn sie in den Beruf zurückkehren», bestätigt Gudrun Sander, Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Sie hat vor zwölf Jahren den Zertifikatskurs «Women Back to Business» lanciert. Im 23-tägigen Management-Lehrgang lernen die Frauen die neuesten Konzepte der Unternehmensführung kennen und erhalten – im Unterschied zu anderen Management-Weiterbildungen – Coachings, Bewerbungstrainings und die Möglichkeit, in Praktika neue Arbeitgeber kennenzulernen. Auch Katja Rehlen nutzte das Angebot. Sie konnte dabei ihren heutigen Arbeitgeber von ihren Fähigkeiten überzeugen. Das gelingt den meisten Absolventinnen, wie eine Evaluation zeigt.

Kinder sind «nicht linear»

Solche Programme zur Förderung von Wiedereinsteigerinnen gebe es aber nur wenige, ein knappes Dutzend, sagt Gudrun Sander. Novartis bietet etwas an, die Zurich Versicherung, die CS oder die EB Zürich. Der Kurs der EB Zürich trägt den Titel «Wiedereinstieg mit Praktikumschance», dort kann kaufmännisches Wissen aufgefrischt werden. Auch wer auf der Website der Initiative «Fachkräfte Schweiz» sucht, findet unter dem Stichwort «Wiedereinstieg» nur das CS-Programm «Real Returns». Eine Teilnehmerin sagt: «Dieses Programm bot mir trotz meinem nicht linearen CV den Wiedereinstieg in eine verantwortungsvolle Position.»Vielleicht spiegelt sich in dieser Formulierung der Grund, warum Frauen, die in ihren Beruf zurückkehren wollen, so wenig Unterstützung erhalten. Schwangerschaft ist «nicht linear», Familien stören den Erwerbsprozess, Lebensläufe mit Erwerbsunterbruch werden von den Algorithmen aussortiert. Im erwähnten Positionspapier des Arbeitgeberverbands steht: «Zentral ist, dass Mütter bald nach der Geburt des Nachwuchses wieder in den Arbeitsmarkt zurückkehren können.» Und wenn sie sich etwas länger um ihre Kinder kümmern? Dann deutet man die Familienphase als nicht lineare Lücke im Lebenslauf, drückt ihnen den Lohn und gibt ihnen das Gefühl, nicht mehr vermittelbar zu sein. Frauen, die in den Beruf zurückkehren, müssen plausibel machen, dass sie trotz Kindern bereit sind, vollen Einsatz zu leisten. Männer kommen kaum je in diese Situation. Katja Rehlen sagt: «Es geht dabei nicht einmal um die Frage, ob man den Willen hat, wieder zu arbeiten. Es geht darum, dass infrage gestellt wird, ob man mit Kindern dazu in der Lage ist.» Gudrun Sander bestätigt: «Ich beobachte das Thema seit 14 Jahren. Kleine Fortschritte sind da. Aber wir müssen immer noch einen Riesenaufwand treiben, um verständlich zu machen, dass die meisten dieser Frauen Topleistungen bringen, auch wenn sie Kinder haben.»

Ökonomisches Potenzial ungenutzt

Welche Folgen das für die Erwerbstätigkeit von Frauen hat, zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS). So sind 55 Prozent der beruflich inaktiven Mütter (84'000 Frauen) bereit, eine interessante Arbeitsstelle anzutreten, knapp 50'000 innerhalb der nächsten drei Monate. Frauen üben auch öfter als Männer Tätigkeiten aus, für die sie überqualifiziert sind. Das trifft laut BFS auf jede sechste Frau zu, bei den Männern auf jeden achten. Schliesslich arbeiten Frauen mit 0- bis 15-jährigen Kindern viel öfter Teilzeit (80%) als Frauen ohne Kinder (50%). Die hohe Quote der Mütter verändert sich kaum, wenn die Kinder über sieben Jahre alt sind (79%). Offenbar fehlen Möglichkeiten und Anreize, das Pensum zu erhöhen. Zu hohe Kinderbetreuungskosten, unflexible Arbeitsverhältnisse, zu geringe Löhne und eine zu hohe Gesamtbelastung sind dafür die Hauptgründe, wie eine Analyse von Pro Familia zeigt. Rund 15 Prozent der Frauen mit einem Kind unter 25 bezeichnen sich als unterbeschäftigt. Bei den Männern mit einem Kind sind es 2 Prozent. Damit bleiben laut Arbeitgeberverband etwa 15'000 Vollzeitstellen unbesetzt.Dass es anders gehen könnte, zeigte die Tagung «Career Relaunch 2019» der Universität St. Gallen, die im Januar 2021 zum zweiten Mal durchgeführt wird – eine «Dialogplattform für Wiedereinstieg und berufliche Neupositionierung». Für das Programm ist Patricia Widmer verantwortlich. Sie sagt: «In der Schweiz gibt es einen riesigen Talentpool gut ausgebildeter Frauen – und einen Graben, der sie daran hindert, ihre Talente einzubringen.» Besonders dramatisch sei die Situation in KMU. Den meisten Unternehmen dieser Grösse fehle die Sensibilität für die besondere Situation von Wiedereinsteigerinnen. Und auch der Staat ist weitgehend taub für das Thema. Eine Anfrage beim SECO ergibt, dass man keine zusätzlichen Möglichkeiten habe, frauenspezifische Rückkehrprogramme einzurichten – und verweist auf die Zuständigkeit der Kantone, die arbeitsmarktliche Massnahmen (AMM) anbieten. Diese «umfassen in der Regel auch Programme für Wiedereinsteigerinnen», so das SECO. Aber Wiedereinsteigerinnen haben normalerweise keinen Anspruch auf AMM. Sie können zwar als «Nichtleistungsbezügerinnen» via Artikel 59d AVIG an solchen Massnahmen teilnehmen, aber sie tun das äusserst selten, wie eine Amosa-Studie von 2017 zeigte. Auch der Hinweis des SECO auf die Projekte des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann führt nicht weit. Die Suche in der Projektdatenbank mit dem Begriff «Wiedereinstieg» ergibt für die letzten zehn Jahre gerade mal drei Treffer, einen davon für Ärztinnen, einen anderen für Migrantinnen im Kanton Schwyz, den dritten für ein Forschungsprojekt der Hochschule Luzern (HSLU).

Netzwerk für Rückkehr gegründet

Wenigstens zeigt das Projekt der HSLU in die richtige Richtung. Seit 2019 arbeitet die Hochschule am Projekt «Professional Returnship Programme», mit dem Schweizer Arbeitgeber beim Aufbau und bei der Implementierung von Angeboten für Wiedereinsteigende – Personen also, die ausfamiliären Gründen eine mindestens zweijährige Karrierepause eingelegt haben und in den Arbeitsmarkt zurückkehren wollen – unterstützt werden. Anina Hille, die für das Projekt verantwortlich ist, sagt: «Ein wichtiger Erfolgsfaktor für ein gelingendes Programm ist das Commitment innerhalb der Organisation. Zudem bietet eine sorgfältig ausgearbeitete Struktur einen Fahrplan für das gesamte Programm und enthält Erfolgskriterien, die eine Evaluation ermöglichen.» Anina Hille und Co-Leiterin Evelin Bermudez haben vor wenigen Monaten auch den Verein «Companies & Returnships Network» initiiert. Er führt derzeit eine Umfrage über die Bedürfnisse von Wiedereinsteigerinnen und ihren Qualifikationen durch. Eine solche Umfrage gabs bisher, von einer Bachelorarbeit abgesehen, nicht.

Links und Literaturhinweise

Women Back to Business + Career Relaunch: www.es.unisg.ch
Companies & Returnships Network: www.returnships.ch

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