Ausgabe 04 | 2020

Fokus "Laufbahnmuster"

«Lebensläufe werden sequenziell»

Der Arbeitspsychologe Grégoire Évéquoz hat ein Buch über den aktuellen Wandel der Berufswelt verfasst (PANORAMA 1/2020). PANORAMA hat ihn gefragt, wie die Coronakrise diesen Wandel und die Berufslaufbahnen beeinflussen könnte.

Interview: Alexander Wenzel, PANORAMA-Redaktor

Grégoire Évéquoz: «Für die Erwerbstätigen führt der Weg aus der Krise über die Intensivierung der verschiedenen neu aufkommenden Erwerbsformen.» (Bild: Nicolas Righetti/Lundi13)

Grégoire Évéquoz: «Für die Erwerbstätigen führt der Weg aus der Krise über die Intensivierung der verschiedenen neu aufkommenden Erwerbsformen.» (Bild: Nicolas Righetti/Lundi13)

PANORAMA: Wie wird sich die Gesundheitskrise auf die Arbeit und die Berufslaufbahnen auswirken? Ist sie nur ein Intermezzo, oder hat sie eine disruptive Wirkung? Grégoire Évéquoz: Als Erstes muss man sagen, dass die Coronakrise nicht auf einen neutralen Kontext, sondern auf ein bereits krisenhaftes Arbeits- und Bildungsumfeld traf. In meinem Buch über die Berufslaufbahn 4.0 habe ich mehrere sich abzeichnende Trends, insbesondere den digitalen Wandel, beschrieben. Diese Veränderungen haben zahlreiche Unsicherheiten mit sich gebracht und auf vielen Ebenen zum Bruch mit bisherigen Produktions-, Bildungs- und Arbeitsgewohnheiten geführt. Die disruptive Wirkung der Gesundheitskrise liegt für mich darin, dass sie diese Entwicklung deutlich beschleunigt.

Um welche Trends handelt es sich, und wie werden sie durch die Krise beschleunigt?
Die Krise verstärkt die Verantwortung des Einzelnen für die Gestaltung der eigenen Arbeit. Beispielsweise werden Erwerbstätige heute immer häufiger dazu angehalten, von zu Hause aus zu arbeiten. Man wusste bereits zuvor, dass Telearbeit gut funktioniert, die Krise hat dies nun bestätigt. Während des Lockdowns wurden sich die Leute bewusst, dass Sitzungen über Videokonferenz sehr gut möglich sind. Die Krise hat die Vorteile der Arbeit im Homeoffice klarer zum Vorschein gebracht. Die Produktivität, das Engagement und das Wohlbefinden der Arbeitnehmenden wachsen, wenn der Arbeitgeber ihnen vertraut, ihnen mehr Verantwortung überträgt und mehr Selbstorganisation zulässt. Danach streben auch die Arbeitnehmenden selbst.
Das Freelancing ist ein weiterer Trend, den man schon vorher im Zusammenhang mit der Digitalisierung beobachten konnte und der sich nach dieser Gesundheits- und Wirtschaftskrise weiterentwickeln wird. Immer mehr Menschen werden sich für eine selbstständige Erwerbstätigkeit entscheiden, zumindest für einen Teil ihrer Arbeitszeit oder während einer bestimmten Phase ihrer Laufbahn. Deshalb werden die Berufslaufbahnen künftig zunehmend unübersichtlich. Jeder und jede kann abwechselnd oder gleichzeitig angestellt und selbstständig sein.

In Ihrem Buch erörtern Sie mehrere neue Arten von Arbeit. Bieten diese auch mögliche Wege aus der Krise?
Für die Erwerbstätigen führt der Weg aus der Krise über die Intensivierung der verschiedenen neu aufkommenden Erwerbsformen. Insbesondere der technische Wandel bietet unzählige Gelegenheiten für die Weiterentwicklung und den Ausbau dieser neuen Arbeitsformen, zu denen nicht nur das Homeoffice zählt. Einige haben sich zum Beispiel selbstständig gemacht, indem sie ein Kleinunternehmen gegründet haben. Viele haben angefangen, Dienstleistungen in den sozialen Netzwerken anzubieten. Diese Tätigkeiten werden häufig in Teilzeit neben anderen Erwerbstätigkeiten ausgeübt. Dieses Nebeneinander von mehreren beruflichen Tätigkeiten nennt sich Slashing, ein Phänomen, das ebenso zunehmen wird wie das Blurring. Damit ist das Verschwimmen der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben gemeint. Bei der Telearbeit kann das ein Problem darstellen. Doch für viele junge Leute ist Blurring erstrebenswert, weil sie ihre Arbeit dadurch frei organisieren können.
In dieser Hinsicht haben sich in letzter Zeit neue individuelle Werte und Zielsetzungen für das Berufsleben herausgebildet. Diese Werte werden vor allem von der jungen Generation vertreten. Für viele liegt der Sinn der Arbeit hauptsächlich in der Selbstverwirklichung. Weitere Werte sind Vernetzung und Kooperation, Entfaltung, Authentizität oder das Recht auf Scheitern, also das Recht, etwas auszuprobieren, daran zu scheitern, daraus zu lernen und etwas anderes zu beginnen. Das sind wichtige individuelle Werte, die auch mit der Persönlichkeitsentwicklung zusammenhängen. In der aktuellen Krise haben diese Werte ihre volle Berechtigung.

Welche negativen Auswirkungen auf die Berufslaufbahnen gibt es denn? Immerhin verlieren einige ihre Stelle oder müssen den Beruf wechseln.
Die Entwicklung hat tatsächlich zwei Seiten. Einerseits eröffnen Veränderungen wie die Digitalisierung den Erwerbstätigen unzählige Möglichkeiten, andererseits bringen sie auch soziale und finanzielle Unsicherheit und mangelnde Vorhersehbarkeit mit sich. Personen, die sich für eine selbstständige Tätigkeit oder neue Arbeitsformen entscheiden, gehören zu der Population mit den prekärsten Erwerbsbedingungen, in der aktuellen Krise noch viel mehr als sonst. Das bringt mich zu der Feststellung, dass das aktuelle Sozialversicherungssystem für diese Arten von Berufslaufbahnen nicht mehr geeignet ist. Das System als Ganzes muss angepasst werden, und wir sollten Lösungen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen neu diskutieren.
Die durch die Pandemie ausgelöste wirtschaftliche Krise gesellt sich also zu der vom technologischen Wandel verursachten strukturellen Krise, von der Branchen wie der Detailhandel bereits stark betroffen sind. Die Rezession wird das Wachstum in gewissen Wirtschaftsbereichen verlangsamen. Branchen, die schon vorher auf der Welle der Megatrends mitreiten konnten, werden gestärkt, dazu gehören Bereiche, die sich mit technologischer Innovation, Umwelt oder Gesundheit beschäftigen.

Ist die Berufs- und Laufbahnberatung ebenfalls betroffen?
Meiner Meinung nach muss das aktuelle Berufsberatungssystem gesamthaft verändert werden, denn es beruht auf Realitäten, die es so nicht mehr gibt, zum Beispiel, indem es nur die sichtbaren Berufe berücksichtigt. Der Beratungsprozess ist auf die Wahl eines Berufs ausgerichtet, die auch die weitere lineare Berufslaufbahn der Person bestimmt. Doch dieses Paradigma hat sich geändert. Inzwischen üben die Menschen während einer bestimmten Zeit eine Tätigkeit aus und wechseln dann zur nächsten. Die Lebensläufe werden sequenziell. Die grosse Herausforderung ist nicht mehr, sich für einen Beruf zu entscheiden, sondern das eigene Leben zu entwerfen. Zudem hat die Berufsberatung auch nicht mehr das Monopol auf die Berufsinformationen. Eine Google-Suche mit dem Stichwort «Mechaniker» ergibt 200 relevante Treffer. Das alles ist schon länger so, wird jedoch durch die Gesundheitskrise noch beschleunigt.

In Ihrem Buch betonen Sie die Bedeutung der Kompetenzen und der stetigen Kompetenzentwicklung. Welche Kompetenzen sind nötig, um gut durch den Wandel zu kommen?
Auf jeden Fall müssen Kompetenzen für den Umgang mit neuen Arbeitsformen entwickelt werden: Autonomie, Organisationsvermögen und Anpassungsfähigkeit sind unverzichtbar. Darüber hinaus müssen wir fähig sein, Informationen zu verarbeiten, zu interagieren, zu kommunizieren, kreativ zu sein und Neues zu schaffen. Das sind Softskills, die ich lieber als Life-skills bezeichne, weil diese übergreifenden Kompetenzen nicht nur im Berufs-, sondern auch im Privatleben nützlich sind. Lifeskills sind genau das, was es in der aktuellen Krise braucht.
Eine weitere Kompetenz, die gefragter ist denn je, ist die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Einer der neuen Werte im Zusammenhang mit der Arbeit ist eine «heitere Ungewissheit». Wer sich darin übt, kann in einem chaotischen und unvorhersehbaren Umfeld eine positive Haltung bewahren und zuversichtlich sein, dass sich immer Chancen und Lösungen finden werden.

Links und Literaturhinweise

Évéquoz, G. (2019): La carrière professionnelle 4.0 – Tendances et opportunités. Genève, Éditions Slatkine.

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