Ausgabe 03 | 2020

ARBEITSMARKT

Langzeitarbeitslosigkeit

Die verlorenen zwei Drittel

Zwei von drei Langzeiterwerbslosen waren 2018 nicht bei einem RAV registriert. Das sind bedeutend mehr als 2010. Besonders zur Entwicklung beigetragen haben Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss; 2018 machte diese Gruppe bereits ein Viertel der nicht registrierten Langzeiterwerbslosen aus. Dies zeigt eine neue Studie.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Immer mehr Langzeitarbeitslose, also Personen, die über ein Jahr lang keine Arbeit finden, verschwinden aus der Arbeitslosenstatistik des SECO. Der Grund: Sie melden sich nicht oder nicht mehr bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zur Stellensuche an – sei es, weil sie auf eine Beratung verzichten, keinen Anspruch auf Taggelder der Arbeitslosenversicherung haben oder auch schlicht nicht wissen, dass sie einen solchen Anspruch haben. 2018 waren nur 31 Prozent der 25- bis 64-jährigen Langzeiterwerbslosen bei einem RAV angemeldet. Diese Aussagen sind in einer Studie zu lesen, die im Auftrag der Aufsichtskommission für den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung erstellt wurde. Sie ergeben sich auf der Basis eines Vergleichs zwischen Auswertungen der «Syntheseerhebung soziale Sicherheit und Arbeitsmarkt» (Sesam, BFS) und den SECO-Angaben zur Arbeitslosigkeit. Sesam nutzt die Befragungen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake), in deren Rahmen alle drei Monate die Zahl der erwerbslosen Personen bei einer Stichprobe der ständigen Wohnbevölkerung ermittelt wird. Als erwerbslos gilt, wer zum Zeitpunkt der Erhebung keiner Erwerbstätigkeit nachgeht, in den vorangegangenen vier Wochen aktiv eine Stelle gesucht hat und für eine Arbeit verfügbar ist. Gemäss dieser Erhebung waren 2018 79'600 Personen langzeiterwerbslos. Demgegenüber betrugt die Zahl der beim RAV gemeldeten Langzeitarbeitslosen 24'500; diese Meldungen bilden die Basis der SECO-Statistik.

Beunruhigender Rückzug

Der Rückzug der Langzeitarbeitslosen aus den RAV (und ihr Verschwinden aus der SECO-Statistik) ist beunruhigend. 2010 waren noch 29'400 Langzeitarbeitslose bei einem RAV gemeldet (2018: 24'500). Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Langzeiterwerbslosen gemäss Sesam (von 65'100 auf 79'600). 2010 meldeten sich 48 Prozent der Langzeitarbeitslosen bei einem RAV an, 2018 nur noch 31 Prozent. 2010 waren 44 Prozent der Langzeiterwerbslosen in den vorangehenden fünf Jahren zu keiner Zeit bei einem RAV registriert; 2018 lag dieser Anteil bereits bei rund 50 Prozent. Die Entwicklung hat eine Reihe von Gründen, wie die Untersuchung zeigt. So hätten die strikteren Bedingungen für den Bezug von Arbeitslosentaggeld im Zuge der AVIG-Revision 2011 zu einer Zunahme der Aussteuerungen geführt. Das reduziere die Wahrscheinlichkeit, dass jemand beim RAV registriert ist. Von den nicht registrierten Langzeiterwerbslosen im Jahr 2018 wurden 28 Prozent in den fünf vorangehenden Jahren ausgesteuert. Ebenso könne die AVIG-Revision ein Grund sein, warum insbesondere die Zahl der unter 45-Jährigen bei den registrierten Langzeitarbeitslosen abgenommen hat; die Revision reduzierte die maximale Bezugsdauer von Taggeldern für alle Personen unter 55. Zudem sind Personen, die sich nicht registrieren, überdurchschnittlich häufig Frauen oder Ausländerinnen und Ausländer, weisen häufig keine frühere Erwerbstätigkeit auf, sind überdurchschnittlich oft IV-Rentner, berufliche Wiedereinsteiger oder sonst überdurchschnittlich lange ohne Erwerbstätigkeit. «Oft handelt es sich somit um Langzeiterwerbslose, die vermutlich keinen Anspruch auf Arbeitslosentaggeld haben», so die Studie. Interessant ist, dass im untersuchten Zeitraum insbesondere Personen, die über einen tertiären Bildungsabschluss verfügen, zum Anstieg an nicht gemeldeten Langzeitarbeitslosen beigetragen haben. 2018 machte diese Gruppe bereits ein Viertel der nicht registrierten Langzeitarbeitslosen aus. Der Grund: Der Anteil der Erwerbslosen mit einem tertiären Bildungsabschluss steigt, im Zeitraum von 2010 bis 2018 von 17 auf 30 Prozent. Diesem Anwachsen der Erwerbslosigkeit bei Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss sollte in künftigen Untersuchungen besondere Bedeutung beigemessen werden, so die vorliegende Studie.

Vier Risikofaktoren

Die Untersuchung ermittelte auch, welche Faktoren das Risiko für Erwerbstätige erhöhen, langzeiterwerbslos zu werden. Sie nennt folgende Punkte:
– eine IV-Rente
– eine Arbeitslosigkeit im Alter von 45 Jahren oder mehr
– ein geringes Bildungsniveau (keine nachobligatorische Ausbildung)
– eine ausländische Nationalität
Weitere Risikofaktoren stellen der ausgeübte Beruf (Bürokräfte und verwandte Berufe) und die Branche (unter anderem Handel und Reparatur, Gastgewerbe) dar. Brancheneffekte zeigen sich auch in der Gruppe der über 50-Jährigen: Sie haben, wenn sie zuvor in der Information und Kommunikation, im Grundstücks- und Wohnungswesen sowie im verarbeitenden Gewerbe tätig waren, ein erhöhtes Risiko, langzeitarbeitslos zu werden. Das gilt auch für Alleinerziehende. Demgegenüber werden Personen, die in staatsnahen Branchen mit grösserem Fachkräftemangel tätig sind, seltener langzeitarbeitslos, ebenso Personen mit geringen Teilzeitpensen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass sich diese Personen vollständig aus dem Erwerbsleben zurückziehen oder dass sporadische, geringfügige Beschäftigungsverhältnisse selbst eine Langzeiterwerbslosigkeit verhindern.

Links und Literaturhinweise

Liechti, D., Morlok, M., Siegenthaler, M. (2020): Situation, Entwicklung und Auswirkungen der Langzeitarbeitslosigkeit. Basel/Zürich, B,S,S./KOF.
Egger, Dreher & Partner AG/Ecoplan (2020): Langzeitarbeitslosigkeit – Hürden der Arbeitsmarktintegration und Massnahmen der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren. Bern.

Kasten

Strategien der RAV: Keine einfachen Rezepte

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Wer älter wird, wird nicht eher arbeitslos. Ein höheres Alter steigert aber die Wahrscheinlichkeit der Langzeitarbeitslosigkeit. Einfache Rezepte dagegen gibt es nicht.

Langzeitarbeitslose und von Langzeitarbeitslosigkeit bedrohte Stellensuchende sind eine heterogene Gruppe mit unterschiedlichsten Integrationshemmnissen. Grosse Gruppen von Personen mit einem gemeinsamen Muster lassen sich kaum erkennen; nicht einmal die über 50-Jährigen bilden eine homogene Risikogruppe, da auch sie unterschiedlich viele und unterschiedlich geartete arbeitsmarktliche Risikofaktoren aufweisen. Dies zeigt eine Studie im Auftrag der Aufsichtskommission für den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung. Aus Sicht der Personalberatenden sei darum die Frage, ob eine Person von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht ist oder nicht, nicht handelsleitend. Entsprechend haben die Autoren der Studie in keinem untersuchten RAV und bei keinem der befragten Personalberatenden Normstrategien für bestimmte, nach demografischen Aspekten gebildete Gruppen von Stellensuchenden angetroffen. Vielmehr sei für die Beratungsstrategie entscheidend, welche individuellen Integrationshemmnisse eine Person aufweise.

Vielfältige Integrationshemmnisse

Dennoch gibt es Faktoren, die das Risiko für eine Langzeitarbeitslosigkeit erhöhen. Dazu gehört zum Beispiel das zunehmende Alter, das das Risiko, bei einem Jobverlust langzeitarbeitslos zu werden, erhöhe. Zu beachten ist aber, dass der Anteil Langzeitarbeitsloser bei älteren Erwerbstätigen gleichwohl leicht unterdurchschnittlich ist, weil mit höherem Alter die Wahrscheinlichkeit sinkt, überhaupt arbeitslos zu werden. Auch die Ausbildung spiele eine Rolle; so zeige die qualitative Analyse in den RAV, dass eine ungenügende oder nicht aktuelle berufliche Qualifikation in vielen Fällen ein ausschlaggebendes Integrationshemmnis sei. Eine schlechte Gesundheit, belastende Persönlichkeitsmerkmale, eine falsche Bewerbungsstrategie, fehlende Eigenmotivation oder ein dünnes persönliches Netzwerk sind weitere Risikofaktoren.

Anspruchsvolle Beratungen

Die Beratung von Personen mit einer überdurchschnittlich langen Stellensuche ist anspruchsvoll. So ermittelte die Studie, dass in 50 von 90 untersuchten Fällen die Personalberatenden rückwirkend betrachtet anders vorgehen würden; in 40 Fällen hätte nach Einschätzung der fallverantwortlichen Personalberatenden der schlechte Fallverlauf auch mit einer andern Strategie nicht verhindert werden können. An alternativen Strategien genannt wurden insbesondere:
– frühzeitigere Aktivierung (19%)
– stärkeres Einwirken auf den Bewerbungsprozess seitens des oder der Personalberatenden (engere Begleitung des Falles, höhere Beratungskadenz) (10%)
– Einsatz eines Coachings (6%)

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