Ausgabe 03 | 2020

ARBEITSMARKT

Interview

«Stress ist arbeitsorganisatorisch bedingt»

Die Arbeitspsychologin Cathrine Mathey ist spezialisiert auf den Themenbereich Stress und Gesundheit am Arbeitsplatz. Im Interview legt sie ihre Sicht zum Bericht des Bundesamtes für Statistik («Qualität der Beschäftigung in der Schweiz 2008–2018») und zu den Veränderungen durch die Coronakrise dar.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Cathrine Mathey: «Die ‹Krisen-Homeoffices› wurden auf die Schnelle eingerichtet.» (Bild: zvg)

Cathrine Mathey: «Die ‹Krisen-Homeoffices› wurden auf die Schnelle eingerichtet.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Was sagen Sie zum Bericht des Bundesamtes für Statistik? Cathrine Mathey: Er zeigt grundsätzlich eine positive Entwicklung auf. Erfreulicherweise ist die Häufigkeit der Berufsunfälle in den letzten 30 Jahren kontinuierlich gesunken. Dazu haben namentlich die Präventionsarbeit der Suva und die Tertiärisierung der Schweizer Wirtschaft beigetragen. Auch die anerkannten Berufskrankheiten sind im Allgemeinen rückläufig. Doch ansonsten ist die Entwicklung bei der Gesundheit am Arbeitsplatz nicht ganz so positiv, insbesondere mit Blick auf die psychische Gesundheit der Arbeitnehmenden. Jede fünfte erwerbstätige Person fühlt sich gestresst. Die psychosozialen Risiken nehmen zu.

Stellen Sie das auch bei Ihrer Arbeit fest?
Ja. Die Personen, denen ich begegne, beklagen sich häufiger über die hohen Arbeitsanforderungen, über Termindruck, Spannungen mit Arbeitskollegen und Vorgesetzten oder über Angst vor Unfällen. Insbesondere die Erhöhung der Arbeitsbelastung und des Arbeitstempos stehen immer wieder in der Diskussion, denn sie stellen ein Gesundheitsrisiko für die erwerbstätige Bevölkerung dar. Psychosoziale Risiken wie diese können die Gesundheit der Mitarbeitenden, aber auch der Unternehmen beeinträchtigen. Man spricht heute eher von psychosozialen Risiken als von Stress am Arbeitsplatz, um zu betonen, dass Stress arbeitsorganisatorisch bedingt ist. Menschen, die gestresst sind, sind nicht einfach selbst schuld. Oft liegt es an den Arbeitsbedingungen, die ihnen vorgegeben werden. Obwohl diesen Risiken eine immer grössere Bedeutung zukommt, gibt es in vielen Unternehmen keine Präventionsmassnahmen, oder diese hängen allein vom guten Willen der Arbeitgeber ab.

Was sind häufige Auswirkungen dieser Risiken?
Ein häufiges Symptom von Stress am Arbeitsplatz sind Schlafstörungen wie Ein- und Durchschlafschwierigkeiten. Diese führen wiederum zu Übermüdung, mangelnder Effizienz, Reizbarkeit und in der Folge zu noch mehr Stress und Schlafproblemen. Die Betroffenen geraten in einen Teufelskreis. Um diese Negativspirale zu durchbrechen, muss man einerseits eine gute Schlafhygiene fördern – die man übrigens in Kursen erlernen kann –, und andererseits im Gespräch mit den Betroffenen einen gesunden Arbeitsrahmen definieren, indem man das Arbeitstempo, die Ziele und die zur Verfügung stehenden Mittel vereinbart. Doch das löst nicht das eigentliche Problem.

Was ist das eigentliche Problem?
Wenn der Arbeitgeber nicht bereit ist, die Arbeitsorganisation zu überdenken, bleibt der Stress bestehen. Deshalb müssen Unternehmen und Verwaltungen für die Bedeutung der psychosozialen Risiken und deren Analyse sensibilisiert werden. Sie müssen ein Bewusstsein für die organisatorischen Belastungen und Ressourcen entwickeln, die das Stressempfinden der Mitarbeitenden beeinflussen. Das von der Gesundheitsförderung Schweiz entwickelte Instrument Friendly Work Space ist hier eine interessante Möglichkeit. Die Betriebe können damit ihre Arbeitsbedingungen mithilfe eines Tests analysieren und Grundlagen für das betriebliche Gesundheitsmanagement festlegen. Dieser Ansatz bringt alle Interessengruppen an einen Tisch, was wichtige Impulse geben kann.

Wie sieht es mit der Heimarbeit aus, die sprunghaft zugenommen hat?
Die Gesundheitskrise hat dazu geführt, dass die Betriebe die Arbeit im Homeoffice konkret testen konnten. Leider waren die Bedingungen aber meist nicht optimal. Für Heimarbeit braucht es eine angemessene, störungsarme Arbeitsumgebung in einem geeigneten Raum mit einem ergonomischen Arbeitsplatz, um Muskel-Skelett-Erkrankungen vorzubeugen. Die meisten «Krisen-Homeoffices» wurden jedoch auf die Schnelle eingerichtet, und viele Personen arbeiten an irgendeiner Ecke des Tisches, umringt von den Kindern. Das kann noch mehr Stress generieren und bei den Arbeitnehmenden zu Schuldgefühlen führen, die sie durch zusätzliche Arbeit am Abend zu kompensieren versuchen.

Links und Literaturhinweise

www.expertise-rh.ch

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