Ausgabe 03 | 2020

BERUFSBERATUNG

Migration

Die Berufswahl von jungen Asylsuchenden im Kanton Waadt

Bei der Betreuung von jungen Migrantinnen und Migranten stellt sich die Frage, wie deren berufliche und soziale Eingliederung unter Berücksichtigung persönlicher Berufsziele gelingen kann. Eine Studie zu den Laufbahnentscheidungen von neu angekommenen Asylsuchenden im Kanton Waadt ergab drei Profile mit unterschiedlichen Anforderungen an die Berufsberatung.

Von Laurence Fedrigo, Forschungszentrum für Berufs- und Laufbahnberatungspsychologie CePCO der Universität Lausanne

Die Zahl der weltweit Vertriebenen erreichte im Juni 2019 einen historischen Höchststand: Gemäss dem UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge waren zu diesem Zeitpunkt 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 25,9 Millionen aufgrund von Krieg und Verfolgung. In der Schweiz befanden sich im Januar 2020 gemäss Staatssekretariat für Migration fast 60'000 Personen im Asylprozess (Asylsuchende mit Ausweis N und F sowie abgewiesene Personen). Die wichtigsten Herkunftsländer sind Afghanistan, Eritrea und Syrien. Hinzu kommen rund 44'000 anerkannte Flüchtlinge mit Ausweis B. Die Eingliederung dieser Personen ist eine grosse Herausforderung und umfasst sowohl die soziale Integration in die Aufnahmegesellschaft als auch eine berufliche Eingliederung, die auf persönliche Berufsziele Rücksicht nimmt.

Drei Laufbahnprofile

Unser Team führte persönliche Interviews mit 14 Asylsuchenden, vorläufig aufgenommenen Personen und Flüchtlingen (Ausweis N, F oder B) zwischen 19 und 25 Jahren durch, die im Rahmen des Pilotprojekts «InVaud» (siehe unten) an einem sozioprofessionellen Integrationsprogramm teilnahmen. Da ein möglichst früher Beginn der Integrationsmassnahmen zu den innovativen Ansätzen dieses Pilotprojekts gehört, lebten die meisten der Befragten erst seit sehr kurzer Zeit im Kanton Waadt. Nur fünf der Studienteilnehmer waren schon seit sechs Monaten in der Schweiz. Zur Untersuchung ihrer Laufbahnentscheidungen fragten wir die Teilnehmenden mithilfe der narrativen Methode «Lebensreise» von David Denborough nach ihren Interessen, Werten, persönlichen und beruflichen Erfahrungen und Berufszielen. Dafür baten wir sie, eine Art Landkarte ihrer Lebensreise zu zeichnen: den Weg, den sie im Leben schon gegangen sind, ihren aktuellen Standort und den Weg, der noch vor ihnen liegt. Anhand ihrer Antworten konnten wir die Kriterien, die ihren Entscheidungen zugrunde liegen, ermitteln und den folgenden drei Laufbahnprofilen zuordnen.

Profil 1: die Enthusiasten

Diesem ersten Profil konnten wir eine Frau und vier Männer zuordnen. Ihre Laufbahnentscheidungen scheinen hauptsächlich von ihren beruflichen Interessen geleitet, unabhängig von ihren bisherigen Erfahrungen. Wir gehen folglich davon aus, dass diese Personen ihre Situation als Chance sehen, im Aufnahmeland einen Beruf zu ergreifen, der ihren Interessen entspricht. Die Vorbereitungen für diese Berufsziele sind jedoch unterschiedlich weit fortgeschritten. Drei Teilnehmende haben eine genaue Vorstellung der nächsten grösseren Etappen, die zwei anderen Befragten stehen noch am Anfang ihres Entscheidungsprozesses und scheinen offen für Neues oder Unvorhergesehenes. Dieser Unterschied steht in direktem Zusammenhang mit der bisherigen Aufenthaltsdauer in der Schweiz. Das zeigt, wie bedeutsam der Zeitfaktor für die Anpassung ans neue Umfeld und die Entwicklung von Zukunftsplänen ist.

Profil 2: die Altruisten

Dieses zweite Profil trifft auf vier Frauen zu. Ihre Laufbahnentscheidungen scheinen hauptsächlich durch altruistische Werte motiviert und darauf ausgerichtet, anderen zu helfen, also auf «Care» im weitesten Sinne (also nicht auf den Pflegebereich beschränkt). Ihre Entscheidungen scheinen auf kulturellen und gesellschaftlichen Grundwerten zu beruhen und stehen in Bezug zu der Rolle, die die jungen Frauen in ihrer Familie innehatten, oder zu früheren Berufserfahrungen, zum Beispiel als Au-pair. Alle vier Frauen gaben an, dass sie gerne mit Menschen zu tun haben und gerne anderen helfen oder sich um sie kümmern. Ihre Berufsziele beschränken sich auf den Bereich Gesundheit und Soziales (Pflegefachfrau, Apothekerin, Kinderbetreuerin usw.). Für zwei Teilnehmerinnen sind Religion und Glaube wichtige Aspekte, die sich auch auf Laufbahnentscheidungen auswirken können.

Profil 3: die Arbeitsfreudigen

Diesem dritten Profil konnten fünf Männer zugeordnet werden, die eher ihr Interesse für Arbeit im Allgemeinen als für einen Beruf im Besonderen zum Ausdruck brachten. Alle fünf hatten bereits in ihrem Herkunfts- oder Transitland gearbeitet, um für ihre Familien zu sorgen. Sie scheinen eine sehr positive Haltung gegenüber der Arbeit zu haben. Ihre Laufbahnziele scheinen an die bisherigen Berufserfahrungen anzuknüpfen und sind weniger auf einen spezifischen Beruf als auf eine bestimmte Branche ausgerichtet, namentlich auf handwerkliche Tätigkeiten (Schreiner, Mechaniker, Maler).

Denkansätze für die Praxis

Bei der Erarbeitung der beschriebenen Profile konnten wir als Erstes feststellen, dass diese mit den von den Teilnehmenden geschilderten Interessen, Werten und Erfahrungen übereinstimmen. Die fehlende Durchmischung beim zweiten und dritten Profil könnte darauf hinweisen, dass die Berufswahl von Geschlechterstereotypen beeinflusst wird, die im früheren oder aktuellen Kontext vorkommen. In diesem Fall wäre es wichtig, dass Berufsberaterinnen und Berufsberater dieses Phänomen berücksichtigen, die Klientinnen und Klienten dafür sensibilisieren und dadurch die Palette der möglichen Ziele erweitern. Die narrative Metapher der Lebensreise zur Darstellung von beruflichen Plänen und Zielen erwies sich als hilfreich, weil sie den Migrantinnen und Migranten ermöglichte, ihre Vergangenheit in die erlebte Gegenwart im Aufnahmeland einzubinden und so Pläne für die Zukunft zu entwickeln. Zudem erhielten sie dadurch eine bessere Vorstellung davon, wie sie ihr Laufbahnziel durch die Verknüpfung von aktuellen Interessen und früheren Erfahrungen erarbeiten können. Zurzeit wird die Befragung der Teilnehmenden mit Interviews zu ihrer Wahrnehmung von menschenwürdiger Arbeit vertieft. Dabei sollen die Elemente identifiziert werden, die den Zugang zu einer solchen Arbeit erschweren oder erleichtern. Auch die Haltung der Teilnehmenden gegenüber der Arbeit wird untersucht (Stellenwert der Arbeit, Erwartungen an die Arbeit usw.). Dies soll mögliche neue Ansätze für die Begleitung von Asylsuchenden bei der Erarbeitung eines Berufsziels aufzeigen. Das Ziel ist, den Zugang dieser Zielgruppe zu menschenwürdiger Arbeit durch gezielte Interventionen zu fördern.

Links und Literaturhinweise

Fedrigo, L., Udayar, S., Toscanelli, C., Clot-Siegrist, E., Durante, F., Masdonati, J. (erscheint demnächst): Young asylum seekers and refugees’ career choices and plans: A qualitative investigation.
www.insertion-vaud.ch/invaud

Kasten

Pilotprojekt: Gelungene Eingliederung durch Case Management

Von Marie Saulnier Bloch, Fachsekretärin Migration bei der Unia, ehemalige Koordinatorin und Integrationsberaterin für das Projekt «InVaud» bei Insertion Vaud

Mit dem Projekt «InVaud» wurde erstmals in der Schweiz ein Gesamtkonzept für die frühe berufliche und soziale Eingliederung von jungen Asylsuchenden umgesetzt. Das Programm umfasst Beratung, Bildung und Hilfe beim Berufseinstieg.

Das Pilotprojekt «InVaud» wurde von der kantonalen Fachstelle für Integration und Rassismusprävention (BCI) initiiert und finanziert. Das Ziel war die sozioprofessionelle Integration von 80 jungen, neu angekommenen Asylsuchenden, unabhängig vom Bildungsniveau, von den Sprachkenntnissen, dem Gesundheitszustand oder der Familiensituation. Die Asylsuchenden waren 18 bis 25 Jahre alt und kamen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Somalia und dem Irak. Die Waadtländer Empfangsstelle für Migrantinnen und Migranten (EVAM) und der kantonale Dachverband für Arbeitsintegration, Insertion Vaud, wurden mit der Einführung eines innovativen Integrationsprogramms beauftragt. Dieses setzte, wie später die Integrationsagenda Schweiz, auf die individuelle Begleitung der Teilnehmenden, begann sofort bei deren Ankunft im Kanton Waadt und dauerte 24 Monate (ohne den Ausgang des Asylverfahrens abzuwarten). Das Pilotprojekt wurde im Dezember 2016 gestartet und im Februar 2020 mit einer sehr positiven Bilanz abgeschlossen (siehe oben stehenden Link).

Paradigmenwechsel

Jeder und jede Asylsuchende hat eine eigene Geschichte und ist vom bisherigen Lebensweg geprägt. Das von Insertion Vaud entwickelte Programm ging von der Überzeugung aus, dass Migration kein Zustand, sondern ein Prozess ist, und versuchte, bei den Teilnehmenden einen Paradigmenwechsel herbeizuführen: weg von einer manchmal seit früher Kindheit verankerten, von Flucht und Notlage bestimmten Denkweise hin zur Fähigkeit, langfristige, auf die individuellen und kollektiven Werte abgestimmte persönliche Projekte zu entwickeln. Die meisten Teilnehmenden entschieden sich für Massnahmen, die Bildung (Sprache, Mathematik, IKT usw.), Berufsberatung (Kompetenzbilanzen, Tests, Definition von Berufszielen) und berufliche Eingliederung (Praktika, Erwerbstätigkeit, Vor-/Lehre) kombinierten. Gleichzeitig wurden sie im Rahmen eines «Case Management Integration» individuell begleitet. Dieses neu und zentralisiert eingeführte Begleitungsangebot basierte auf spezifischen Instrumenten und Kompetenzen und auf einer respektvollen Haltung gegenüber den Teilnehmenden, ihrer Würde, ihrem Potenzial und ihrer Befähigung zu autonomem und freiem Handeln. Das personenzentrierte, ressourcen- und lösungsorientierte Programm fasste die Bereiche Begleitung, Bildung, Coaching und Beratung zu einem ganzheitlichen Prozess zusammen. Je nach Komplexität der jeweiligen Situation konnten so gleichzeitig soziale (insbesondere bezüglich der Unterbringung), gesundheitliche, rechtliche, bildungsbezogene, berufliche und persönliche Aspekte behandelt werden. Die Teilnehmenden konnten reiflich überlegte und bei entsprechender Unterstützung auch umsetzbare Berufsziele definieren. Eine soziale, berufliche oder schulische Unterstützung ist insofern notwendig, als beispielsweise junge Lernende ohne familiäres Umfeld auf eine wirksame Begleitung angewiesen sind.

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