Ausgabe 03 | 2020

BERUFSBILDUNG

Befragungsexperiment

Wird die Berufsbildung den Wandel meistern?

250'000 Stellen weniger in kaufmännischen Berufen! Schlagzeilen wie diese haben die Medien in den letzten Jahren fast wöchentlich verbreitet. Der beschleunigte Strukturwandel ist schon seit längerer Zeit ein Fakt. Wie aber beeinflusst er das Bild der Bevölkerung von der Berufs-bildung? Dieser Frage wurde mit einem Befragungsexperiment nachgegangen.

Von Maria A. Cattaneo, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF), und Stefan C. Wolter, Direktor der SKBF und Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern

Wie schätzen Sie die Fähigkeiten der Schweizer Berufsbildung (Lehrabschluss, höhere Berufsbildung oder Fachhochschulabschluss) ein, die Jugend erfolgreich auf eine Arbeitswelt vorzubereiten, in der sich die Berufe immer schneller wandeln? Diese Frage stellten wir 6000 Schweizerinnen und Schweizern in einer repräsentativen Befragung. Die Befragung wurde durch LINK im Auftrag der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern im September/Oktober 2019 durchgeführt und ist Teil des Forschungsprogramms des Leading House für Bildungsökonomie. Ein wichtiger Teil des Befragungsexperiments war ein sogenanntes Informationsframing. Einer repräsentativen Teilstichprobe (1500) wurdenjeweils unterschiedliche zusätzliche Informationen zum Wandel gegeben, um zu testen, ob diese die Einschätzungen verändern oder nicht. Reagieren die befragten Personen auf die Informationen nicht, finden sie sie nicht relevant oder haben sie schon in ihrer ursprünglichen Meinung berücksichtigt. Falls die Informationen jedoch zu einer Veränderung der Einstellungen führen, dann weiss man, dass diese sowohl relevant sind und bei der «uninformierten» Antwort den Befragten nicht bewusst waren.

Im Durchschnitt optimistisch

Von der Gruppe der Befragten ohne weitere Zusatzinformationen sind 70 Prozent der Meinung, dass die Schweizer Berufsbildung gut oder gar sehr gut auf den Wandel in der Berufswelt vorbereite. Dass sie dies schlecht oder gar sehr schlecht tun würde, das meinen nur 5 Prozent der Befragten. Schaut man sich die sozioökonomischen und -demografischen Charakteristiken der Befragten näher an, dann zeigt sich vor allem ein starker Bildungseffekt. Personen, die nur gerade über eine obligatorische Schulbildung verfügen, sind deutlich kritischer eingestellt; hier vertraut nur leicht mehr als die Hälfte der Befragten der Berufsbildung. Demgegenüber haben Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss mit fast 74 Prozent zustimmenden Antworten («gut» oder «sehr gut») ein weitaus positiveres Bild der Berufsbildung. Interessant ist also, dass jene, die aufgrund ihres Bildungsstands selbst am meisten fürchten müssen, Opfer des Berufswandels zu werden, auch am wenigsten Vertrauen haben, dass die Berufsbildung die Jugend gut für den Wandel wappne. Auch wenn man dieses Verhalten nicht abschliessend erklären kann, lässt es doch vermuten, dass viele Personen ohne nachobligatorische Ausbildung in ihren Antworten eine sogenannte retrospektive Rationalisierung ihres Nichtbildungsentscheids durchscheinen lassen. Hätten sie Vertrauen in die Fähigkeiten von Bildung, die Menschen vor dem technologischen Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt zu schützen, dann hätten sie sich auch bilden sollen.

Informationen machen Angst

Bei den drei verschiedenen Informationen, die wir jeweils einem Viertel der Befragten zukommen liessen, war die erste ziemlich unspektakulär: Wir wiesen die Befragten darauf hin, dass es Studien gebe, wonach die Mehrheit der sich heute in Ausbildung befindenden Jugendlichen einmal in einem anderen als dem erlernten Beruf arbeiten würden. Die zwei weiteren Informationsblöcke wurden etwas spezifischer. Der eine informierte die Befragten, dass Untersuchungen zeigen würden, dass sich auch anspruchsvolle kognitive Routinetätigkeiten immer leichter durch Computer ersetzen liessen. Die andere versuchte, die Befragten eher zu beruhigen, indem man ihnen mitteilte, dass wissenschaftliche Studien zeigen würden, dass anspruchsvolle manuelle Tätigkeiten, die einentiefen Routinegrad aufweisen, auch inZukunft nur schwer durch Roboter übernommen werden könnten. In der empirischen Auswertung ist allen drei Informationsblöcken gemeinsam, dass der Anteil der Befragten, die der Berufsbildung eine gute oder sehr gute Note ausstellten, gegenüber der uninformierten Gruppe signifikant sank. Am stärksten und doppelt so stark wie bei den anderen beiden Informationsblöcken senkte die Information über die Möglichkeiten von Computern, anspruchsvolle kognitive Routinetätigkeiten zu ersetzen, das Vertrauen in die Berufsbildung. Der Anteil der zustimmenden Antworten sank um 16 Prozentpunkte deutlich. Zu beobachten sind auch Heterogenitäten bei den Reaktionen auf die präsentierten Informationen. Befragte, die jünger als 34 Jahre alt waren, und Befragte in der lateinischen Schweiz reagierten stärker auf die Informationen – und zwar immer im negativen Sinn bezüglich des Vertrauens in die Berufsbildung, das schon ohne Zusatzinformationen tiefer lag als bei den älteren Befragten und solchen aus der Deutschschweiz.

Wäre das Gymnasium die Alternative?

Wenn Computer anspruchsvolle, aber routinemässige Tätigkeiten kognitiver Art vermehrt zu ersetzen vermögen, dann könnte man vermuten, dass die Bevölkerung vermehrt auf die Allgemeinbildung setzen möchte, in der Hoffnung, dass diese auf kognitiv anspruchsvolle, nicht auf Routinetätigkeiten vorbereitet. In einem weiteren Frageblock wurde deshalb danach gefragt, welcher der beiden Ausbildungsformen die Befragten eher vertrauen würden, die Jugend von heute erfolgreich auf die digitalisierte Arbeitswelt vorzubereiten. Auch hier wurden experimentell Informationstreatments gemacht, auf die aus Platzgründen nicht weiter eingegangen wird. Ein Drittel der Antwortenden sah keine der beiden Ausbildungsformen im Vorteil, aber der Anteil der Befragten, die die Berufsbildung für besser geeignet fanden, war rund 20 Prozentpunkte grösser (siehe Grafik). Während nicht überraschend Personen, die selbst eine Berufsbildung genossen haben, speziell jene mit einem tertiären Abschluss (höhere Berufsbildung oder Fachhochschule), die Berufsbildung deutlich stärker im Vorteil sahen, ist das wohl überraschendste Ergebnis dieser Befragung jenes, dass Westschweizer Befragte der Berufsbildung signifikant eher den Vorzug gaben als Deutschschweizer.

Intaktes Vertrauen mit Einschränkungen

Fragt man Schweizerinnen und Schweizer, erhält man ein Bild eines intakten Vertrauens in die Fähigkeiten der Berufsbildung, die Jugend für die Arbeitswelt vorzubereiten. Diese insgesamt positive Einschätzung wird aber dadurch eingeschränkt, dass das Vertrauen nachlässt, wenn man explizit und detailliert auf mögliche Facetten des Wandels hinweist. Wenn dem potenziellen Wandel ein Gesicht gegeben wird, dann steigen auch die Unsicherheiten. Diesen zum Trotz lässt sich aber nicht erkennen, dass die Befragten deswegen die Allgemeinbildung (Gymnasien, Fachmittelschulen und Universitäten) im Vorteil sehen. Im Gegenteil, eine substanzielle Mehrheit denkt, dass die Berufsbildung die Jugend von heute besser auf die Welt von morgen vorbereiten wird als die Allgemeinbildung.

Kommentar

SBFI: «Wichtige Studie»

Gerda Lüthi, Projektverantwortliche im SBFI

(Bild: SBFI)

Für die Berufsbildungspolitik sind die Erkenntnisse der vorliegenden Studie wichtig. Im Hinblick auf die Umsetzung der bildungspolitischen Ziele weisen sie darauf hin, wo Massnahmen ansetzen müssen. Dies gilt auch für die Berufsbildungskommunikation. Wenn es um die Anpassung auf Veränderungen in der Wirtschaft geht, schneidet die Berufsbildung gut ab. Zudem findet eine Mehrheit, dass die Berufsbildung gleich gut wie oder besser auf die digitalisierte Arbeitswelt vorbereitet als das Gymnasium. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Bestrebungen der Verbundpartner, Lernenden die Digitalisierung im Schul- und Arbeitsalltag näherzubringen, Wirkung zeigen. Es ist auch gelungen, ein realistisches Bild der Berufsbildung zu vermitteln. Die Befragung zeigt aber auch, dass es Personen gibt, die nicht erreicht oder von der Bedeutung der Berufsbildung ungenügend überzeugt werden. So sind Personen ohne einen Abschluss auf der Sekundarstufe II skeptisch, ob die Berufsbildung auf den Wandel in der Berufswelt vorbereite. Dies ist bei der Kommunikation zu berücksichtigen. So setzt das SBFI beim Projekt «Berufsabschluss für Erwachsene» auf eine Peer-to-Peer-Kommunikation. Zudem glauben die Befragten aus der Westschweiz eher, dass die Berufsbildung besser auf die digitalisierte Arbeitswelt vorbereite als das Gymnasium. Damit liegt für das Berufsbildungsmarketing des SBFI die Frage nahe, ob die Kommunikation sprachregional unterschiedliche Ansätze braucht.

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