Ausgabe 03 | 2020

BERUFSBILDUNG

Studie

Bildungswege und Laufbahnziele von Lernenden im Kanton Genf

Wer sind die Lernenden in einer beruflichen Grundbildung? Wann beginnen sie eine Lehre? Wie sah ihr bisheriger Bildungsweg aus? Wie nutzen sie ihr EBA oder EFZ nach dem Lehrabschluss? Eine Studie zur Berufsbildung im Kanton Genf liefert Antworten auf diese Fragen.

Von Youssef Hrizi, François Ducrey und Rami Mouad, Amt für Bildungsforschung des Kantons Genf (SRED)

Seit einigen Jahren erfreut sich das schweizerische Berufsbildungsmodell auf nationaler und internationaler Ebene grosser Beliebtheit. Zahlreiche Stimmen aus Politik und Wissenschaft loben das Schweizer System und insbesondere dessen engen Bezug zum Arbeitsmarkt. Auch bei den Jugendlichen scheinen die EFZ- und EBA-Ausbildungen nach wie vor beliebt. Gemäss Bundesamt für Statistik beginnen rund zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler nach Ende der obligatorischen Schulzeit eine Lehre. Doch nicht überall im Land ist der berufsbildende (im Vergleich zum allgemeinbildenden) Weg auf Sekundarstufe II gleich beliebt, in ländlichen Gebieten beispielsweise entscheiden sich mehr Jugendliche für eine Berufsbildung als in städtischen. Trotzdem sind die Genfer der Berufsbildung nicht völlig abgeneigt, denn nicht wenige dieser Jugendlichen überdenken ihre Wahl und steigen nach einigen Jahren in einen Berufsbildungsgang um. Ihr Einstieg in die Berufslehre erfolgt nicht auf direktem Weg, sondern in mehreren Etappen. Die scheinbar mangelnde Attraktivität der beruflichen Grundbildung muss also relativiert werden. Nicht ohne Grund ist das EFZ im Kanton Genf seit einigen Jahren der am häufigsten vergebene Abschluss auf Sekundarstufe II. Dennoch hat die Genfer Regierung mehrfach festgestellt, dass der Anteil der Jugendlichen mit Erstabschlüssen in Genf im Vergleich zu anderen Kantonen noch zu tief ist (83,1% gegenüber 90,1% im nationalen Durchschnitt). Deshalb hat sie einen Aktionsplan zur Förderung und Aufwertung der Berufslehre verabschiedet. In diesem Zusammenhang hat das Amt für Bildungsforschung des Kantons Genf (SRED) eine Berufsbildungsstudie durchgeführt. Die Studie beschäftigte sich mit Fragestellungen zur Berufswahl und zur Nutzung der Abschlüsse in zehn EBA- und 25 EFZ-Berufsfeldern.

Ein schrittweiser Einstieg in die Berufsbildung ist häufig

In den letzten 20 Jahren hat die Anzahl der Lernenden (EBA und EFZ) im Kanton Genf um rund 30 Prozent zugenommen. Die Berufsziele der Jugendlichen scheinen jedoch nach wie vor einem gewissen Konformismus verhaftet. Das soziodemografische Profil der Schülerinnen und Schüler, die eine Berufslehre beginnen, bestätigt, dass die Berufswahl immer noch stark geschlechtsspezifischen Kriterien folgt. Während junge Männer in Bau- und Technikberufen die überwiegende Mehrheit bilden (80–100%), bevorzugen junge Frauen die Bereiche Gestaltung, Gesundheit und Soziales (rund 80% der Lernenden in den Berufen Fachfrau Gesundheit, Medizinische Praxisassistentin und Dentalassistentin). Die Untersuchung der Bildungswege zeigt zudem, dass nur wenige Genfer Jugendliche direkt im Anschluss an die obligatorische Schule eine berufliche Grundbildung beginnen. Das Medianalter beim Eintritt in eine duale EBA- oder EFZ-Lehre liegt bei ungefähr 19 Jahren, folglich können mehrere Jahre zwischen dem Ende der obligatorischen Schulzeit und dem Lehrbeginn liegen. Viele Jugendliche, die den Übertritt in eine gymnasiale Mittelschule oder Fachmittelschule schaffen, entscheiden sich zuerst für diesen Weg. Andere, die nach der Sekundarstufe I den Ansprüchen von Mittelschulen oder Lehrbetrieben nicht genügen, durchleben oft einen komplexen Übergangsprozess mit einer Mischung aus schulischen Erfahrungen (nicht abgeschlossene Schule auf Sekundarstufe II, Brückenangebote, Abbrüche usw.) und Eingliederungsversuchen in den Arbeitsmarkt. Eine Ausnahme von diesen Übergangsmustern bilden meist die Jugendlichen, die sich für eine rein schulische berufliche Grundbildung (schulische Vollzeitausbildung mit EFZ) entscheiden: Ihr Übertritt in die Berufsbildung erfolgt deutlich schneller. Besonders Lernende in den Berufsfeldern Uhren, Elektronik, Informatik sowie Wirtschaft und Verwaltung nehmen die berufliche Grundbildung häufig direkt anschliessend an die Sekundarstufe I auf. Das trifft zum Beispiel auf rund drei Viertel der lernenden Kaufleute zu.

Vielfältige Laufbahnen nach dem Lehrabschluss

Der EFZ- oder EBA-Abschluss ist zweifellos eine wichtige Etappe in der Berufslaufbahn der Jugendlichen, doch die Zeit unmittelbar danach ist ebenso wichtig. Der Verlauf dieser Phase wird häufig als nicht linear und komplex beschrieben, da sie von zahlreichen Veränderungen (Beruf, Betrieb) und von abwechselnden Zyklen der Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit, Weiterbildung und Arbeit geprägt ist. Insgesamt zeigen die Laufbahnuntersuchungen, dass sich die Situation 18 Monate nach dem Lehrabschluss zu stabilisieren beginnt. Die Genfer Jugendlichen nutzen ihre Berufsabschlüsse unterschiedlich. Absolventinnen und Absolventen einer dualen beruflichen Grundbildung mit EFZ nutzen ihren Abschluss hauptsächlich für den Eintritt in den Arbeitsmarkt. Durchschnittlich zwei Drittel von ihnen sind 18 Monate nach Lehrabschluss berufstätig, häufig im ehemaligen Lehrbetrieb; 15 Prozent sind auf Stellensuche. Einige (8%) sind beim kantonalen Arbeitsamt angemeldet, andere (7%) sind nicht bei der ALV angemeldet, weil sie, im Sinne einer friktionellen Arbeitslosigkeit, nur kurze Zeit auf Stellensuche sind. Bei den bereits erwerbstätigen Jugendlichen weisen mehrere Aspekte des Übergangsprozesses auf eine qualitativ gelungene berufliche Eingliederung hin. So lässt sich bei dieser Gruppe mehrheitlich ein schneller Eintritt ins Berufsleben (oft innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss), eine relativ stabile Beschäftigungssituation und eine hohe Zufriedenheit mit dem ausgeübten Beruf beobachten. Die berufliche Eingliederung von Absolventinnen und Absolventen einer schulischen Vollzeitausbildung mit EFZ ergibt ein weniger einheitliches Bild. Der Zugang zu einer Arbeitsstelle dauert etwas länger, und die berufliche Tätigkeit steht nicht immer im Zusammenhang mit dem erworbenen EFZ. Auch Temporär- und Teilzeitarbeit (weniger als 24 Stunden pro Woche) kommen bei dieser Gruppe häufiger vor. Doch die meisten Absolventinnen und Absolventen (34%) einer vollschulischen beruflichen Grundbildung streben gar nicht einen direkten Eintritt ins Erwerbsleben an, sondern setzen ihre Ausbildung an einer Berufsmaturitätsschule oder auf Tertiärstufe (36%) fort. Diese Weiterbildungen, die etwa zu drei Vierteln im gleichen Berufsfeld wie die EFZ-Ausbildung erfolgen, dürften den Jugendlichen Vorteile bei der künftigen beruflichen Eingliederung verschaffen. Der Abschluss einer Berufsmaturität hat ebenfalls einen gewissen Einfluss auf die weitere Laufbahn. Da Inhaberinnen und Inhaber eines Berufsmaturitätsausweises direkten Zugang zu den Fach-hochschulen haben, entscheiden sie sich häufiger für diesen Bildungsweg. Die Wirkung der Berufsmaturität auf die Laufbahn nach dem ersten Abschluss ist sowohl bei der vollschulischen als auch bei der dualen beruflichen Grundbildung zu beobachten. So befinden sich 18 Monate nach Abschluss doppelt so viele Jugendliche, die parallel zum auf dualem Weg erworbenen EFZ eine Berufsmaturität abgeschlossen haben, in einer (meist tertiären) Ausbildung als solche, die ausschliesslich ein EFZ erlangt haben. Während die unterschiedliche Nutzung der EFZ also häufig von der Art der beruflichen Grundbildung abhängt, werden die Laufbahnen von EBA-Inhaberinnen und -Inhabern viel stärker von der jeweiligen Branche beeinflusst. Gewisse Berufe in der Uhrenbranche oder im Gesundheitswesen sind besonders stark auf die Bedürfnisse der Genfer Wirtschaft ausgerichtet, was sich in vielen und schnellen Übergängen in die Arbeitswelt auswirkt.

Die Entscheidung der Jugendlichen beeinflussen?

Die Berufs- oder Studienwahl und die Laufbahnentscheidungen nach einem Abschluss werden nicht von den Jugendlichen allein getroffen, sondern auch von äusseren Faktoren beeinflusst. Beim Übergang Schule–Arbeitswelt zum Beispiel kann sich die Wirtschaftslage direkt auf den Arbeitsmarkt und somit auf die berufliche Eingliederung auswirken. So lässt sich feststellen, dass sich die Quote der Personen, die nach einem EBA- oder einem (vollschulischen) EFZ-Abschluss eine Stelle suchten, zwischen 2013 und 2019 parallel zur Wirtschaftssituation im Kanton Genf entwickelte. Die wirtschaftlichen Probleme, die der Kanton zwischen 2013 und 2015 erlebte, wirkten sich in einem deutlichen Anstieg der stellensuchenden Absolventinnen und Absolventen aus. Bereits 2019 sah die Situation wieder besser aus. Die Behörden versuchen, der Tatsache, dass in Genf im Vergleich zur übrigen Schweiz tendenziell wenige Jugendliche direkt nach der Sekundarstufe I eine duale berufliche Grundbildung beginnen, gegenzusteuern. Noch ist es aber wohl zu früh, um die Wirkung der zahlreichen umgesetzten Massnahmen (Aktionsplan zur Förderung der Berufslehre, Entwicklung der Berufs- und Studienberatung) auf das Verhalten der Jugendlichen, ihrer Familien und der Berufswelt zu evaluieren.

Links und Literaturhinweise

Hrizi, Y., Ducrey, F., Mouad, R. (2020): Attractivité et valorisation des titres de la formation professionnelle – Panorama de la formation professionnelle. Genève, SRED.

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