Ausgabe 03 | 2020

Fokus "Slashing"

Vielfalt statt Sicherheit

«Man muss flexibel sein im Lebensspiel»

Siri Thalmann führt ein eigenes Nähatelier, leitet Zirkusworkshops und verkauft Essige und Öle. Wie sie im Alltag mit diesen drei Jobs jongliert, erzählt sie im Interview.

Interview: Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Siri Thalmann: «In Zirkusworkshops muss man sehr offen sein dafür, was die Leute können und wollen.» (Bild: zvg)

Siri Thalmann: «In Zirkusworkshops muss man sehr offen sein dafür, was die Leute können und wollen.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Wie sieht eine normale Arbeitswoche bei Ihnen aus? Siri Thalmann: Normalerweise arbeite ich jeden Monat zwei bis drei Tage in einem Fachgeschäft für Essige und Öle. Im eigenen Nähatelier arbeite ich drei bis fünf Tage pro Woche. Als Selbstständige mache ich alle Arbeiten selbst, ich nähe, mache das Büro, die Buchhaltung und den Kundenkontakt. Ich führe nicht Buch, wie viele Stunden ich arbeite. Wenn es mehr sein muss, arbeite ich mehr, auch mal abends. Wenn es weniger ist, geniesse ich es ein bisschen. Ehrenamtlich arbeite ich fast 20 Prozent für einen Kinderzirkus. Von Schulen oder Unternehmen erhalte ich bezahlte Aufträge für Zirkusworkshops oder Projektwochen.

Was muss eine Slasherin gut können?
Es gibt Leute, die mehrere Jobs haben und bei denen trotzdem alles geregelt ist. Bei mir ist alles undefiniert, ich arbeite in keinem meiner Jobs mit immer der gleichen Anzahl Stunden. Deshalb bin ich auch freier in der Zeitgestaltung. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, deshalb habe ich höchst selten Terminkollisionen. Als Slasherin muss man flexibel sein im Lebensspiel, spontan. Man darf nicht darauf angewiesen sein, dass jeden Monat der gleiche Zahltag zur gleichen Zeit kommt.

Welche Ihrer Fähigkeiten sind in Ihren Jobs am meisten gefragt?
Es ist eigentlich nicht so unterschiedlich, es geht immer um den Kontakt mit Menschen. Wenn Kunden mit einem Wunsch ins Atelier kommen, muss ich merken, was sie wollen. Es gibt zum Beispiel Leute, die ihre Hosen immer gern etwas zu kurz tragen. Dann muss ich überlegen, was auch noch zu ihnen passen könnte und wie ich sie beraten kann, ohne sie zu verletzen. Im Verkauf muss ich Produktwissen haben, mit den Kunden reden, erklären. In Zirkusworkshops muss man sehr offen sein dafür, was die Leute können und wollen. Man muss Erfolgserlebnisse ermöglichen. Deshalb habe ich auch die Ausbildung zur Zirkustrainerin gemacht. Man muss gut mit Kindern umgehen können, viel Geduld haben, Abwechslung bieten.

Weshalb haben Sie ein eigenes Unternehmen gegründet?
Nach der Matura sollte man keine Lehre machen oder einfach ins Ausland gehen, fand mein Vater, aber die Textilfachschule, die ich lässig fand, unterstützte er. Danach wollte ich ein Praktikum im Kostümbereich im Ausland machen. Nach vielen erfolglosen Bewerbungen erhielt ich eine Zusage der Opera Australia in Sydney. Dort blieb ich acht Monate. Zurück in Rorschach, arbeitete ich ein Jahr in einem Änderungsatelier und entschloss mich dann für die Ausbildung zur Theaterschneiderin. Danach arbeitete ich in der freien Theaterszene. Das ist sehr intensiv, man ist jeden Tag während 12 bis 13 Stunden auf dem Platz, und das drei Wochen lang. Dann kommt das nächste Projekt. Ich machte es gern. Aber man verdient wirklich schlecht in diesem Job, manchmal nicht einmal 10 Franken pro Stunde. Dass ich selbst ein Atelier eröffnet habe, hat sich durch einen Aufenthalt in Schweden auf einer Huskyfarm ergeben. Eine nach Schweden ausgewanderte Schweizerin übergab mir ihre Aufträge, für eine Firma in Norwegen Hundeschlittensäcke zu produzieren. Heute nähe ich jährlich etwa 50 Schlittensäcke, mache Änderungen für Geschäfte, schneidere Kleider auf Mass und Gewänder für Fasnachtsguggen. Damals bei der Gründung hätte ich gerne eine einzige Anlaufstelle gehabt, es gibt so viel abzuklären. Ich orientierte mich bei Kollegen und Versicherungen, aber alle sagten etwas anderes.

Wie wirkt sich die Coronakrise bei Ihnen aus?
Für mich persönlich ist Geld nicht wichtig. Ich weiss, es geht immer irgendwie, so bin ich einfach. Mit der Coronakrise sehe ich es recht locker. Auch wenn alles normal läuft, weiss ich nie, wie viel Geld ich am Monatsende haben werde. Es gibt Monate, in denen es gut reicht, dann gilt es, sparsam zu sein für Monate, in denen nur wenig Geld hereinkommt. Man muss aushalten können, dass man sich nicht alles leisten kann. Ich finde es schön, wenn man sich selbst etwas erarbeitet. Hätte ich eine Million Franken, würde ich sie einfach auf die Bank tun.

Links und Literaturhinweise

www.schnitt7.ch
www.rohrspatz.ch

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