Ausgabe 03 | 2020

Fokus "Slashing"

Sozialversicherungen

«Auch Arbeitnehmer müssen ihrer Aufgabe nachkommen»

Gabriela Medici ist Zentralsekretärin für Sozialversicherungen beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Sie spricht über die Probleme, die Slashern in Bezug auf die Deckung sozialer Risiken drohen können.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Gabriela Medici: «Multijobber müssen noch besser informiert werden.» (Bild: zvg)

Gabriela Medici: «Multijobber müssen noch besser informiert werden.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Welche Risiken drohen Slashern in Bezug auf die soziale Sicherheit? Gabriela Medici: Die Herausforderung besteht zuerst darin, festzustellen, ob Slasher eine selbstständige Tätigkeit ausüben oder Lohnempfänger sind. In der ersten Säule (AHV/IV/EO für Mutterschaft, Zivil- oder Militärdienst) sind Arbeitnehmer und Selbstständigerwerbende gleichermassen versichert. Bei den anderen Versicherungen (BVG, UVG und ALV) ist die selbstständige Erwerbstätigkeit nicht gedeckt. Aus der EO werden bei Erwerbsausfall aufgrund von Krankheit weder für Arbeitnehmerinnen noch für Selbstständigerwerbende Leistungen ausgerichtet.

Können sich Selbstständigerwerbende trotzdem in der zweiten Säule versichern?
Ja, aber das ist freiwillig. Ob sie sich einer Pensionskasse anschliessen können oder nicht, hängt aber auch von der Art der Tätigkeit und vom erzielten Einkommen ab. Für eine Ärztin ist es grundsätzlich einfacher, sich einer Pensionskasse anzuschliessen, als für einen Selbstständigerwerbenden mit wenigen, kleineren Aufträgen. Die zweite Säule wurde nicht für Erwerbstätige geschaffen, die mehreren Tätigkeiten mit geringem Pensum nachgehen. Sie werden benachteiligt, einerseits wegen der Eintrittsschwelle, die bei 21'330 Franken Jahreslohn liegt, und andererseits wegen des Koordinationsabzugs. Slasher können dennoch eine Vorsorgeeinrichtung anfragen, ob die Möglichkeit besteht, die BVG-Beiträge aus dem gesamten Einkommen in eine Pensionskasse einzuzahlen. Einige Pensionskassen bieten das an. Ist dies nicht der Fall, gibt es einen Weg über die Stiftung Auffangeinrichtung BVG.

Wie sieht es mit der Arbeitslosenversicherung (ALV) aus?
Selbstständigerwerbende können sich gegen das Risiko einer Arbeitslosigkeit nicht versichern, obwohl die schweizerische Bundesverfassung ebendies in Artikel 114 vorsieht. Arbeitnehmer an der Spitze einer GmbH, die eine arbeitgeberähnliche Stellung haben, müssen sich der ALV anschliessen, können aber keine Leistungen in Anspruch nehmen, was die ganze Sache noch absurder macht. Unselbstständig Erwerbstätige mit mehreren kleinen Pensen haben hingegen Anspruch auf Leistungen aus der ALV, sofern ein Arbeitsausfall innerhalb von zwei aufeinanderfolgenden Wochen mindestens zwei volle Arbeitstage ausmacht. Dabei gilt das frühere Gesamteinkommen aus allen Jobs als versicherter Lohn.

Was sagen Sie zum Erwerbsausfall bei Krankheit?
Dass es sich nicht um eine obligatorische Versicherung handelt, zeigt, dass unser Land eine Lücke hat, die es in anderen Ländern nicht gibt. Einige Betriebe haben eine Krankentaggeldversicherung für ihre Angestellten abgeschlossen, andere nicht. Das Gleiche gilt für Selbstständigerwerbende. Die Krankentaggeldversicherungen sind Leistungen von Privatversicherungen, was grosse Leistungs- und Prämienunterschiede nach sich zieht. Personen mit erhöhtem Risiko werden einfach aus der Versicherung ausgeschlossen, und die Prämien variieren von Gefahrengemeinschaft zu Gefahrengemeinschaft. So können die Prämien von KMU um das Doppelte steigen, wenn nur eine oder zwei Personen im Unternehmen krankheitshalber ausfallen. Stellen Sie sich mal vor, was da nach der Coronakrise passieren könnte!

Wie sieht es mit Erwerbstätigen aus, die Plattformen wie Uber nutzen?
Das BSV macht sich Gedanken über Lösungen für sie. Aus juristischer Sicht scheint ziemlich klar, dass Plattformarbeit ein Angestelltenverhältnis begründet, auch wenn die Plattformen und ihre Juristen Zweifel streuen. Überall in den westlichen Ländern wird die Frage seit gut zehn Jahren von den Gerichten kontrovers diskutiert. Die Frage muss unverzüglich geklärt werden.

Sind Multijobber allgemein ausreichend informiert?
Nein. Da muss mehr getan werden. Das BSV gibt zu jeder Sozialversicherung spezifische Broschüren heraus, die eine gute Grundlage für den Einstieg ins Thema liefern. Eine ausgezeichnete Idee wäre es, ein Informationstool für Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu erarbeiten. Ich möchte aber betonen, dass Information allein nicht ausreicht. Auch Arbeitnehmer müssen ihrer Aufgabe nachkommen.

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