Ausgabe 02 | 2020

ARBEITSMARKT

Neuer Ansatz

Langzeitarbeitslosigkeit ist vermeidbar

Eine im Auftrag der Westschweizer Caritas-Organisationen erstellte Standortbestimmung zeigt: Es gibt radikal neue Wege für die berufliche Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen. Der Autor der Analyse erläutert seine Schlussfolgerungen.

Von Michel Cornut, Berater für Management und Sozialhilfe, ehemaliger Leiter der Sozialdienste der Stadt Lausanne

«Danke für dieses Projekt! Es gibt mir wieder Hoffnung. Ich dachte schon, das System hätte uns völlig vergessen.» Christophe ist einer von 10'000 Langzeitarbeitslosen in der Romandie. Er hofft, dass das Projekt der Caritas ihm wieder Zugang zu einer Arbeitsstelle verschafft. Schon jetzt ermöglicht es ihm, sich mit anderen auszutauschen, die wie er «vom System vergessen» wurden und seit Wochen oder Monaten kaum mit jemandem gesprochen haben. Wer dauerhaft von der Erwerbstätigkeit ausgeschlossen ist, kann der Isolation nur schwer entgehen. In der Schweiz gab es nie zuvor so viel Arbeit. In gewissen Branchen gibt es gar mehr Stellen als Stellensuchende. Wenn die Arbeitgeber eine Person aber für zu alt (weil über 50), für zu fremd, zu wenig qualifiziert oder zu verletzlich (schliesslich ist sie arbeitslos) halten, hat sie ausgespielt. Auch wenn sie die beste Wahl für die ausgeschriebene Stelle wäre, finden die Arbeitgeber unter den 250 Millionen Erwerbstätigen im grossen europäischen Arbeitsmarkt sicher jemand anderen, der ihnen noch so gern zur Verfügung steht. Es kann sogar sein, dass die betroffene Person endgültig auf dem Abstellgleis landet, trotz all der Praktika und Kurse, die sie absolviert hat. Die mögen zwar vielen anderen weiterhelfen, am Alter, an der Herkunft oder an einem möglicherweise chaotischen Lebenslauf können sie aber auch nichts ändern. Aufgrund dieser Situation hat der Bundesrat neue Massnahmen zur Förderung des inländischen Arbeitskräftepotenzials vorgeschlagen. Man kann nur hoffen, dass sie angenommen werden, denn die Scham, die Einsamkeit und die Leere, die Betroffene erleben, gelten in unserer Gesellschaft allenfalls als Kollateralschaden des permanenten Wachstums, dem sie sich verschrieben hat.

Das Angebot der Nachfrage anpassen und nicht umgekehrt

Für die Westschweizer Caritas-Organisationen ist es Zeit zu handeln. Sie wollen diese Situation nicht länger zulassen und nicht mehr nur darüber reden. Sie möchten sich für die Entwicklung und Förderung einer Sozialhilfe einsetzen, die zum Ziel hat, die Zahl der Langzeitarbeitslosen in den Kantonen auf null zu reduzieren. Gemeint sind damit erwerbsfähige, für eine Arbeit verfügbare und stellensuchende Personen, die seit mindestens 24 Monaten arbeitslos sind, Sozialhilfe beziehen und nicht an einer Massnahme der RAV teilnehmen. Bei der beruflichen Eingliederung versucht man, die Nachfrage nach Arbeitsplätzen an das Angebot der verfügbaren Stellen anzupassen. Wenn das nicht funktioniert, bleibt noch die Möglichkeit, das Arbeitsplatzangebot an die Nachfrage anzupassen, mit anderen Worten, ein Angebot von inklusiven Arbeitsplätzen zu schaffen. Ein inklusiver Arbeitsplatz ist eine Stelle, die jeder Person offensteht, die fähig ist, die entsprechende Tätigkeit auszuüben, unabhängig von deren Alter, Herkunft, Bildungsabschlüssen und tatsächlichen oder unterstellten Einschränkungen. Dabei kann es sich auch um eine Stelle handeln, die spezifisch für eine stellensuchende Person in einer schwierigen Situation angepasst oder gar geschaffen wird. Dazu muss man wissen, dass schon ein Prozent solcher Arbeitsplätze am gesamten Arbeitsmarkt genügen würde, um die Langzeitarbeitslosigkeit aufzuheben. Das Modell der Caritas besteht darin, solche Stellen bei interessierten Arbeitgebern zu «kaufen» und sie der Sozialhilfe zu «verkaufen». Mit diesem Modell würde die Sozialhilfe Hunderte Millionen Franken, die sie heute für den Grundbedarf und die Wohnkosten der Bezüger ausgibt, stattdessen in Löhne und Sozialabgaben investieren. Eine Investition, die sich langfristig lohnt. Statt fürs Nichtstun bezahlt zu werden, könnten 10'000 Personen in der Westschweiz wieder einer Erwerbstätigkeit nachgehen, an Autonomie und Selbstachtung gewinnen und sich wieder zugehörig fühlen.Diese Veränderung ist radikal, aber durchaus machbar, wie ein Pilotversuch in Frankreich zeigt. Dort dürfen inzwischen zehn Gebiete arbeitslosen Personen einen gesetzlichen Mindestlohn (SMIC) für die Verrichtung von «nützlichen Arbeiten» auszahlen. Finanziert wird der Lohn durch Gelder, die bisher im Rahmen der Sozialhilfe ausbezahlt wurden (18'000 Euro pro Person und Jahr). Das eröffnet nicht nur den Menschen, denen der Zugang zu Arbeit bisher verwehrt blieb, neue Chancen, sondern auch den beteiligten Wirtschaftsräumen, die innovative Ideen umsetzen, statt zu resignieren. Doch diese Innovation kam nicht von allein zustande, sondern mit der Unterstützung von französischen Nichtregierungsorganisationen und Hilfswerken (ATD Vierte Welt, Katholisches Hilfswerk, Caritas, Emmaus, Pacte civique und Fédération des acteurs de la solidarité), die sich gemeinsam für neue Lösungen einsetzen (siehe Kasten).

Schaffung eines Austauschgefässes

Wie kann ein solches Modell in der Schweiz konkret umgesetzt werden? Eine Organisation alleine kann das nicht schaffen. Deshalb lädt Caritas andere Organisationen, die in der beruflichen und sozialen Eingliederung tätig sind und ihr Tätigkeitsfeld erweitern möchten, zum gegenseitigen Austausch von Kompetenzen und Ressourcen ein. Dieses Austauschgefäss soll über eine gemeinsame Eingliederungsagentur mit einem Informationssystem und einem Sekretariat verfügen und verschiedene Aufgaben erfüllen. Erstens sollen bei interessierten Arbeitgebern unbefristete, branchenüblich entlöhnte Stellen «erworben» werden. Lohnanpassungen sind möglich, jedoch nur aufgrund von beiderseits akzeptierten Kriterien (Arbeitszeit, Aufgaben, erwartete Leistung, nötige Betreuung usw.). Auch Unterstützungsangebote und Anreize für Arbeitgeber sind möglich, zum Beispiel die kostenlose Personalvermittlung und die vorübergehende oder dauerhafte, teilweise oder gesamthafte Übernahme der Beschäftigungskosten. Zweitens sollen über das Austauschgefäss Anfragen von Stellensuchenden entgegengenommen und entsprechend dem Angebot der interessierten Arbeitgeber vermittelt werden. Entspricht eine Anfrage keinem der Angebote, wird sie im Netzwerk der beteiligten Unternehmen ausgeschrieben. Als letzte Möglichkeit kann für eine solche Stellenanfrage auch im Rahmen einer Sozialfirma ein Stellenangebot geschaffen werden. Dieser Ablauf wird so oft wiederholt, bis für alle Anfragen, soweit möglich, eine angebotene Stelle gefunden wurde. Anschliessend bringt die Eingliederungsagentur Stellensuchende und Arbeitgeber zu einem Gespräch am Arbeitsort zusammen. Kommt es zu einer Anstellung, erstellt sie einen individuellen Eingliederungsplan für die Personen, die ja seit mehr als zwei Jahren nicht mehr erwerbstätig waren, und steht bei Bedarf sowohl den eingegliederten Personen als auch den Arbeitgebern unterstützend zur Seite. Dabei werden auch die Kosten für die Einstellung, die Beschäftigung (Lohn, Sozialleistungen, Betreuung und Ausrüstung) und die Begleitung festgehalten. Diese werden der kantonalen Sozialhilfe in Rechnung gestellt, und die Arbeitgeber werden gemäss den getroffenen Vereinbarungen vergütet. Für Langzeitarbeitslose, die dadurch wieder eine Arbeitsstelle und soziale Anerkennung erlangen, eröffnen sich viele Möglichkeiten: Sie können wieder Pläne für ihr Leben schmieden und angesichts der neuen Aufgaben das Bedürfnis empfinden, Neues zu lernen oder sich weiterzubilden. Über die Anpassung des Stellenangebots an die Stellennachfrage wird somit auch die Anpassung der Nachfrage ans Angebot erheblich gefördert.Die beteiligten Organisationen und die zuständigen Westschweizer Behörden erarbeiten zurzeit gemeinsam einen Entwurf eines solchen Modells. Dieses soll während der Umsetzung stufenweise weiterentwickelt werden, indem – nach dem Ansatz der Aktionsforschung – drei Wissensebenen gleichwertig berücksichtigt werden: die Erfahrung der Betroffenen, das Wissen der beteiligten Fachleute und die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Für die letzte Ebene suchen die Westschweizer Caritas-Organisationen die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit Lausanne. Nach einem fünfjährigen Versuch wird sich zeigen, ob die Hypothese, die diesem Modell zugrunde liegt, zutrifft: Die Entscheidungsfreiheit und die Eingliederung, die durch die neue Nutzung der Sozialhilfeausgaben im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit möglich werden, begünstigen das Engagement und die Eingliederung der Betroffenen so weit, dass dies ein – letztlich auch rein finanzieller – Vorteil für das Gemeinwesen ist.

Links und Literaturhinweise

Cornut, M. (2020): Le chômage en Suisse: quatre vérités pour un défi. Caritas romandes.
www.tzcld.fr

Kasten

Modellversuch in Frankreich

Der französische «Verein Territoires zéro chômeur de longue durée – TZCLD» (Gebiete mit null Langzeitarbeitslosen) wurde 2016 von fünf grossen Hilfsorganisationen gegründet. Sie wollen beweisen, dass es möglich ist, auf regionaler Ebene ohne wesentliche Mehrkosten für die öffentliche Hand allen interessierten Langzeitarbeitslosen eine unbefristete Voll- oder Teilzeitstelle anzubieten, indem nützliche Tätigkeiten entwickelt werden, die dem Bedarf der regionalen Akteure entsprechen. Dieser Ansatz beruht auf den folgenden Grundgedanken: 1. Niemand ist unvermittelbar. 2. Es fehlt nicht an Arbeit, denn viele Bedürfnisse der Gesellschaft sind nicht befriedigt. 3. Es fehlt nicht an Geld, denn Langzeitarbeitslosigkeit verursacht der Allgemeinheit jedes Jahr hohe Kosten und entgangene Gewinne.Das Konzept wurde bereits 1995 von einem Unternehmer im Departement Maine-et-Loire ins Leben gerufen. Dieser erste Versuch scheiterte jedoch. 2011 nahm die Organisation ATD Vierte Welt die Idee auf, und drei Jahre später begannen vier Gemeinden das Modell umzusetzen. 2016 verabschiedete die französische Nationalversammlung ein Gesetz, das die Finanzierung eines Pilotprojekts in zehn Gebieten ermöglichte. Ab 2017 wurden die ersten Eingliederungsfirmen eröffnet. Seit der Einführung des Modells fanden 1200 Langzeitarbeitslose (mehr als zwölf Monate arbeitslos) dank TZCLD eine unbefristete Stelle. Zurzeit wollen 170 neue Gebiete in ganz Frankreich das Modell einführen, das nun auch in Belgien und in der französischen Schweiz Schule macht.

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