Ausgabe 02 | 2020

BERUFSBERATUNG

Übergang 2

Lernende entwickeln Kompetenzen für ihre Laufbahnplanung

Dass sich Lernende bewusst mit ihren Zukunftsmöglichkeiten auseinandersetzen, wird immer wichtiger. Ein darauf ausgerichtetes Angebot des Laufbahnzentrums Zürich ist bei Lernenden, Berufsfachschulen und Betrieben beliebt. 2019 wurden erstmals die Lerneffekte bei den Lernenden überprüft.

Von Martin Better, Berufsschullehrer, Team Übergang 2, Laufbahnzentrum Zürich

Da sich Berufsprofile und Berufsfelder rasch wandeln, stehen junge Erwachsene vor der lebenslangen Herausforderung, ihre berufliche Identität aktiv zu gestalten. Deshalb unterstützt sie das Laufbahnzentrum Zürich beim Übergang in die Arbeitswelt. Seit über 15 Jahren erhalten Lernende der beruflichen Grundbildung mit dem Angebot «Übergang 2» die Möglichkeit, sich intensiv mit ihrer beruflichen Laufbahn, dem Bildungssystem, den Weiterbildungsangeboten und der Stellensuche auseinanderzusetzen. Das Konzept berücksichtigt die drei Phasen Reflektieren, Recherchieren und Realisieren. Zudem fördert es eine enge Zusammenarbeit der Berufsberatungsstellen (BIZ) mit den Berufsfachschulen. Das Laufbahnzentrum Zürich und die BIZ in anderen Bezirken und Kantonen bieten für Abschlussklassen der Berufsfachschulen und für Lernende grösserer Lehrbetriebe Laufbahnseminare an. Die Seminare dauern drei Lektionen. Sie starten mit einem Informationsteil über allgemeine und berufsspezifische Weiterbildungsmöglichkeiten. Danach recherchieren die Lernenden im BIZ zu individuell gewählten Zukunftsszenarien und werden dabei von Berufs- und Laufbahnberatenden unterstützt. Abschliessend findet eine gemeinsame Frage- und Ergebnisrunde statt.Seit der Einführung des Angebots werden die Rückmeldungen aller teilnehmenden Lernenden systematisch erhoben. Von den jährlich rund 1000 Lernenden haben stets über 90 Prozent die Seminare positiv beurteilt, fünf Prozent meldeten eine mittlere Zufriedenheit zurück und nur ein bis zwei Prozent fanden keinen Gefallen an den Veranstaltungen. Zusätzlich wird in jedem Seminar die Erreichung der Lernziele erhoben: Als die zwei grundlegenden Ziele gelten, dass sich die Lernenden im Bildungs- und Weiterbildungssystem der Schweiz auskennen und dass sie auf dieser Basis eigenständig weiter recherchieren können.

Selbstvertrauen für die Zukunftsplanung

2019 wurde erstmals versucht, konkrete Lerneffekte der Veranstaltung zu erfassen. Dafür schätzten die Lernenden vor und nach dem Seminar selbst ein, wie gut sie zwei zentrale Kompetenzen beherrschen. Die knapp 800 Teilnehmenden aus 15 verschiedenen beruflichen Grundbildungen stammten aus acht Berufsfachschulen und vier grösseren Lehrbetrieben. Die beiden Grafiken zeigen den Vorher-nachher-Vergleich.Vor dem Seminar gaben 38 Prozent der Lernenden an, gute oder eher gute Kenntnisse über das Bildungssystem und Weiterbildungsmöglichkeiten im eigenen Beruf zu besitzen. Nach dem Seminar hatte sich derselbe Wert auf 89 Prozent erhöht (siehe Abbildung 1). Demgegenüber fanden vor dem Seminar 19 Prozent der Lernenden, dass sie keine oder eher keine Kenntnisse dazu haben – nach dem Seminar lag dieser Wert noch bei einem Prozent.Erstaunen mag, dass wenige Monate vor Abschluss der Grundbildung fast die Hälfte der Teilnehmenden ihre Vorkenntnisse zu Bildung und Weiterbildung mit «geht so» angeben und dass fast ein Fünftel solche Vorkenntnisse verneinen. Erfahrungsgemäss ist es tatsächlich so, dass bei vielen Lernenden der nahende Lehrabschluss im Vordergrund steht und Zukunftspläne auf die Zeit danach verschoben werden. Erfolgt jedoch von aussen ein Impuls, sich mit eigenen Plänen zu befassen, wird dies dankbar aufgenommen. Zudem wirkt dies oft auch motivierend im Hinblick auf die Abschlussprüfungen. Dass in den Seminaren ein Wissenszuwachs stattgefunden hat, zeigen die Verläufe der beiden Säulenreihen deutlich.Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der zweiten erfassten Kompetenz, der selbstständigen und gezielten Laufbahnrecherche. Vor dem Seminar trauten sich sieben Prozent eine eigene Recherche nicht oder eher nicht zu, nach dem Seminar lag dieser Wert bei praktisch null. Dafür schätzten sich nach dem Seminar 93 Prozent als fähig ein, nun selbst weiterrecherchieren zu können, vorher waren es 64 Prozent.Besonders erfreulich ist, dass nach dem Seminar 42 Prozent den Höchstwert wählten. Natürlich ist dies eine Selbsteinschätzung. Doch neben dem Wissenszuwachs während des Seminars wurde auch das Selbstvertrauen gestärkt, die eigene Zukunftsplanung in die Hand nehmen zu können. Wenn sich bei Seminarende 93 Prozent der Lernenden als befähigt einschätzen, eigenständig weiter über ihre Zukunftsvorhaben recherchieren zu können, darf von einer wirksamen Kompetenzenschulung gesprochen werden.

Längerfristige Wirkungen

Die Erhebung dieser Lerneffekte erfolgte unmittelbar vor und nach den Veranstaltungen. Von Interesse ist aber auch die längerfristige Wirkung der Seminare. Zwar ist eine eindeutige Wirkungsanalyse nur bedingt durchführbar, da die Laufbahngestaltung der Lernenden ein längerer Prozess mit vielen Variablen ist. Dennoch führte das Laufbahnzentrum 2019 auch eine Nachbefragung bei Lernenden durch, die im Vorjahr dieses Seminar besucht hatten und anschliessend ihre berufliche Grundbildung abschlossen.In der Online-Umfrage bei gut 160 ehemaligen Lernenden schätzten rückblickend je etwa ein Drittel den Übergang nach der Grundbildung als leicht, mittel oder schwierig ein (Rücklauf 38%). Von den vorgegebenen Herausforderungen wie Stellensuche, Bewerbungsverfahren, Arbeitsbeginn an einem neuen Ort oder Weiterbildungseinstieg wurde die Entscheidung für einen Weg nach der Lehre klar als grösste Herausforderung bewertet. So erstaunte auch nicht, dass bei einer weiteren Frage (Wie wichtig finden Sie, dass es dieses Seminarangebot für Lernende gab?) der Mittelwert mit 88 Punkten auf einer 100er-Skala sehr hoch lag.Abschliessend bleibt die Frage, ob sich Aufwand und Kosten lohnen, mit Laufbahnseminaren die Zukunftsplanung der Berufslernenden zu unterstützen. Aus pädagogischer Sicht kann das Laufbahnzentrum anhand des Vorher-nachher-Vergleichs nun eindeutige Lerneffekte nachweisen. Aus Sicht der Laufbahnberatung ist zudem das exemplarische Erleben eines Entscheidungsprozesses wichtig. Der Prozess vom Reflektieren über das Recherchieren bis zum Realisieren wird auch bei späteren Laufbahnfragen wichtig sein. Dieses Vorgehen haben die Lernenden im Seminar anschaulich erfahren. Aus volkswirtschaftlicher Sicht sollte gerade in Zeiten des Fachkräftemangels jungen Erwachsenen ein Rahmen für bestmögliche Entscheide zur Verfügung gestellt werden. So gesehen ist die Verwendung von finanziellen und personellen Ressourcen für die Laufbahnplanung weniger eine Frage kurzfristiger Kosten. Vielmehr sollte sie als langfristige Investition in die kommende Generation auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt betrachtet werden.

Links und Literaturhinweise

www.stadt-zuerich.ch/laufbahnzentrum

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Seminarkonzept «Übergang 2»

Das Laufbahnzentrum Zürich bietet Berufsfachschulen und Betrieben nicht einfach eine Informationsveranstaltung zur Berufszukunft ihrer Lernenden an, sondern unterstützt den Prozess der Laufbahngestaltung kompetenzenorientiert. Das Konzept sieht ein dreiteiliges Unterrichtsmodul vor, bei dem sowohl Lehrpersonen als auch Berufs- und Laufbahnberatende die Lernenden begleiten. Die drei Teile sind:
1. Reflektieren: Zuerst findet die persönliche Standortbestimmung im Rahmen des allgemeinbildenden Unterrichts an der Berufsfachschule statt.
2. Recherchieren: Danach wird das Laufbahnseminar mit individueller Recherche extern im BIZ der Berufs- und Laufbahnberatung durchgeführt. Für eine Klasse stehen zwei Fachleute des Laufbahnzentrums zur Verfügung. Zusätzlich ist die Klassenlehrperson anwesend. Dieser Teil dauert drei Lektionen.
3. Realisieren: Die Fortsetzung erfolgt wieder in der Berufsfachschule. Unterrichtsthemen sind das Arbeitszeugnis und die Stellensuche.
Interessierten Berufsberatungsstellen gibt das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich gerne Auskunft. Und für Lehrpersonen der Berufsfachschulen wurde das Lehrmittel «Übergang 2 – Laufbahnplanung für Lernende an Berufsfachschulen» entwickelt. Es ist 2017 im hep Verlag erschienen.

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