Ausgabe 02 | 2020

BERUFSBILDUNG

Studie

Was den kaufmännischen Unterricht steuert

Die Vorgaben der Bildungsverordnung steuern direkt oder indirekt durch Lehrmittel oder das Qualifikationsverfahren den Unterricht, wie eine Studie zeigt. Die befragten Wirtschaftslehrpersonen wünschen sich jedoch eine grössere Autonomie und sind teilweise auch bereit, von den Vorgaben abzuweichen.

Von Martin Keller, Stephanie Ledergerber und Bernadette Dilger, Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen (IWP-HSG)

In der kaufmännischen Grundbildung bestehen sehr detaillierte Vorgaben über die Bildungsinhalte und Taxonomiestufen. Beim Verfassen von solchen curricularen Grundlagen wird davon ausgegangen, dass die Lehrpersonen diese Vorgaben bei der Planung und Gestaltung des Unterrichts als handlungsleitend wahrnehmen. Ob diese Vermutung stimmt, ist Gegenstand der vorliegenden Studie. Dafür hat das Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen (IWP-HSG) 40 kaufmännische Schulen angeschrieben, wodurch 195 Lehrpersonen erreicht wurden (Rücklaufquote: 58%). Im Folgenden ist ein Ausschnitt aus den Ergebnissen dargelegt. Der Schlussbericht steht auf der Website des IWP zur Verfügung.

Was beeinflusst die Unterrichtsplanung?

Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass die Lehrplanvorgaben in der kaufmännischen Grundbildung die Unterrichtsplanung und -gestaltung tatsächlich direkt und indirekt steuern. Die Abbildung zeigt die fünf Faktoren, die gemäss den befragten Lehrpersonen am stärksten auf den Unterricht einwirken. Am mächtigsten erweisen sich dabei die Lehrmittel (93%). Diese werden in der kaufmännischen Grundbildung bei rund drei Vierteln aller befragten Lehrpersonen in der Fachschaft festgelegt. Im Gegensatz zu gewissen Regelungen im Ausland sind die Schulen in der Schweiz frei in der Wahl der Lehrmittel. Die kaufmännischen Lehrbücher orientieren sich dabei stark an den offiziellen Bildungsvorgaben. Diese enge Anlehnung überrascht nicht, denn durch die Lehrmittelfreiheit haben letztlich jene Lehrmittel Bestand, die sich an der Bildungsverordnung (Bivo) orientieren und die Lernenden gezielt auf die Inhalte der Qualifikationsverfahren vorbereiten. Dies führt zu einem starken Einfluss des Lehrplans auf den Unterricht.Eine hohe Relevanz für die Gestaltung des Unterrichts weisen auch die zentralen Abschlussprüfungen auf (85%). Dieser starke Effekt ist vermutlich auf die Rollentrennung der Prüfungs- und Unterrichtsgestaltung zurückzuführen. Die zentrale Arbeitsgruppe, welche die Abschlussprüfungen erstellt, hält sich an die Bildungsvorgaben, da die Mitglieder der Arbeitsgruppe nicht selbst lehren. Die Lehrpersonen ihrerseits sind daran interessiert, ihre Klassen bestmöglich auf den Abschluss vorzubereiten und decken dadurch die Lehrvorgaben ab. Es ist zu vermuten, dass diese Verlässlichkeitserfahrung (enger Zusammenhang von zentraler Abschlussprüfung und Bivo) die grosse Akzeptanz der zentralen Abschlussprüfungen hervorbringt. Dies zeigt sich auch in der folgenden Aussage einer Lehrperson: «Der Lehrplan ist für mich an einer kaufmännischen Berufsschule für den Erfolg der Lernenden an der (externen) Prüfung extrem wichtig.»Weiter geben 81 Prozent der Lehrpersonen an, dass ihre eigens erstellten Materialien einen hohen Einfluss auf die Unterrichtsgestaltung haben. Materialien von Lehrerkolleginnen und -kollegen werden mit 21 Prozent hingegen die kleinste Wirkung zugeschrieben.

Wann wird vom Curriculum abgewichen?

Das Curriculum der kaufmännischen Grundbildung ist vergleichsweise stark reguliert; dies lässt sich an klaren Themenvorgaben, der Semesterreihung und den Stundendotationen erkennen. Die geringe zeitliche Autonomie, die das Curriculum zulässt, bringt die Lehrpersonen im Unterricht aber immer wieder in Dilemmasituationen.Unsere Ergebnisse zeigen, dass Lehrpersonen durchaus gewillt sind, vom Lehrplan abzuweichen, wenn besondere Umstände dies erfordern. Die Motive für die Abweichungen sind vielfältig. Die starke Steuerungswirkung der zentralen Abschlussprüfungen wird auch hier deutlich: 86 Prozent der Lehrpersonen geben an, das letzte Semester für deren Vorbereitung zu verwenden. 84 Prozent der Befragten würden die Themenreihung zeitlich anpassen, wenn sie Synergien feststellen können. Und 65 Prozent sagen, sie würden bei einer hohen Themenrelevanz die vorgegebenen Stundendotationen überschreiten, um das Thema vertieft zu behandeln.

Hohe Akzeptanz der Bildungsvorgaben

Bei der bevorstehenden Reform 2022 ist mit zahlreichen Neuerungen zu rechnen (siehe Zweittext). Unter anderem wird die Bildungsverordnung überarbeitet. Der bestehende Lehrplan geniesst eine hohe Akzeptanz (59% ziemliche oder ausserordentliche Zufriedenheit), viele Lehrpersonen nutzen ihn als Orientierungshilfe. Die Lehrkräfte beschreiben ihn als «Taktgeber und Regisseur», «Bibel der Ausbildung», «Rückgrat des Unterrichts» oder als «roter Faden für meine Tätigkeit als Lehrperson».Trotzdem äussern viele Lehrpersonen Verbesserungswünsche. Kritisiert wird die enorme Stoffdichte, die die zeitliche Autonomie der Lehrpersonen einschränkt – zumal die Semester durch Unterrichtsausfälle wie Sonderwochen oder Feiertage immer wieder belastet werden. Zudem sei der Lehrplan nicht mehr zeitgemäss, weil er ein-seitiges statt vernetztes Denken fördere. Ebenso sollen Inhalte, die für die Lernenden wenig Praxisrelevanz besitzen, gestrichen werden. An ihre Stelle sollten vermehrt Themen treten, die aktuell in der Arbeitswelt relevant sind und noch relevanter werden. Beispiele: moderne Organisationen, Agilität, Projektmanagement, IT-Tools, HR-Themen. Schliesslich erhoffen sich die Lehrpersonen mehr Gefässe für die Eigengestaltung, sodass aktuelle wirtschaftliche Praxisbezüge eingebaut oder Exkursionen durchgeführt werden können.

Links und Literaturhinweise

iwp-shsbb.unisg.ch
www.skkab.ch

Kasten

Reform der kaufmännischen Grundbildung: Radikale Veränderungen

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Die kaufmännische Grundbildung soll mehr als bisher
Handlungskompetenzen vermitteln. Das stellt Schulen und Lehrpersonen vor grosse Herausforderungen.


Die kaufmännische Grundbildung erhält eine revidierte Bildungsverordnung, die ab Sommer 2022 gültig sein wird. Die Arbeiten dafür sind weit fortgeschritten. Das SBFI hat das Qualifikationsprofil genehmigt und das Vorticket erteilt. Nun stehen Gespräche mit den Kantonen im Hinblick auf die Implementierung an. Der Bildungsplan soll im Juni 2020 vorliegen.Mit der Reform reagiert die Branche auf die Veränderungen der Arbeitswelt. Kaufleute werde es weiterhin geben, aber weniger in der Administration und mehr im Schnittstellenmanagement, sagte Roland Hohl, Geschäftsleiter der Schweizerischen Konferenz der kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen, in einem Interview. «Kaufleute von morgen handeln in agilen Arbeits- und Organisationsformen, interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld und arbeiten mit neuen Technologien.» Das erhöhe die Anforderungen an das Ausbildungsniveau und die Berufserfahrung, so Hohl. Zudem müssten die Lernenden primär auf den Umgang mit Veränderungen und auf das lebenslange Lernen vorbereitet werden. Das erfordere
- die konsequente Förderung von überfachlichen Kompetenzen;
- die Befähigung zu eigenständigem und reflektiertem Handeln und zum lebenslangen Lernen;
- die Befähigung, berufliche Kompetenzen in veränderten Situationen anzuwenden;
- die Rollenschärfung aller Lernorte.

Eigenaktivität im Mittelpunkt

Die kaufmännische Grundbildung ist bis heute eine schullastige, fächerorientierte Ausbildung. Mit einer konsequenten Ausrichtung an Handlungskompetenzen, wie sie in der übrigen Berufsbildung etabliert ist, will man das ändern. Es wurden neu fünf Handlungskompetenzbereiche definiert, die für alle Lernorte identisch sind:
- Handeln in agilen Arbeits- und Organisationsformen
- Interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld
- Koordinieren von unternehmerischen Arbeitsprozessen
- Gestalten von Kunden- und Lieferantenbeziehungen
- Einsetzen von Technologien der digitalen Arbeitswelt
Kompetenzorientierter Unterricht wird verstanden als «aktiver, selbst gesteuerter, konstruktiver, situativer und sozialer Prozess». Die Eigenaktivität des Lernenden steht im Mittelpunkt. Dieser Grundsatz wird in den Berufsfachschulen radikale Veränderungen nach sich ziehen. An die Stelle eines Fächerunterrichts und des wissenslastigen Qualifikationsverfahrens sollen neue Gefässe treten – Stichwörter sind selbst organisiertes Lernen und Interdisziplinarität. Dazu kommen Umsetzungsinstrumente für Lernende und ein lernortübergreifendes Portfolio. Dass auch die Lehrmittel zu überarbeiten sind, versteht sich von selbst.Das alles stellt hohe Anforderungen an die Lehrpläne und den Unterricht. Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich hat eine Vorstudie dazu in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse geben wichtige Hinweise für eine erfolgreiche Umsetzung der neuen Bildungserlasse durch die Berufsfachschulen, so Roland Hohl. «Ich bin zuversichtlich, dass wir diese Neuausrichtung schaffen, ich habe bei den Schulen noch nie so viel Veränderungsbereitschaft gespürt wie jetzt.»

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