Ausgabe 02 | 2020

Fokus "Simulation"

Job-Interview-Training

Vorstellungsgespräche virtuell üben

In einem Spin-off der Universität Lausanne wurden Computerprogramme entwickelt, mit denen sich unter anderem Vorstellungsgespräche simulieren und trainieren lassen.

Von Manuel Bachmann, Professor an der Berner Fachhochschule, und Marianne Schmid Mast, Professorin an der Universität Lausanne, Gründungsteam der VRIST GmbH

Marianne Schmid Mast und ihre Mitarbeitenden publizierten in den letzten 15 Jahren Dutzende wissenschaftliche Artikel, in denen Virtual Reality (VR) als Methode angewandt und untersucht wurde. Diesen Studien liegen Experimente zugrunde, die soziale Interaktionen virtuell simulieren. Versuchspersonen interagieren dabei mit Avataren (virtuellen Personen) in unterschiedlichsten Settings. Die Avatare nehmen beispielsweise die Rolle als Vorgesetzte, Angestellte, Kunden oder Lernende ein. Es zeigte sich in all diesen Studien, dass Menschen in der Interaktion mit Avataren sehr ähnlich handeln, denken und fühlen wie in der Interaktion mit realen Personen. Auch tauchen sie leicht, schnell und umfassend in virtuelle Welten ein. Durch diese Erkenntnisse bestärkt, haben wir begonnen, Studierende der Universität Lausanne mit VR in sozialen Interaktionen zu trainieren. So programmierten wir beispielsweise Trainings für Studierende der Medizin (Patienten eine schwerwiegende Diagnose mitteilen und erklären) oder für Wirtschaftsstudierende (heikles Feedback geben, eine Rede vor grossem und unruhigem Publikum halten oder Bewerbungsgespräche üben). All diesen Trainings ist gemeinsam, dass die Anwender/innen berufliche Situationen wiederholt virtuell üben können. Dies soll Sicherheit geben, Stress bewältigen und Reflektionen über das eigene Denken, Handeln und Fühlen ermöglichen. Unsere Arbeit stiess mehr und mehr auch auf Interesse von Institutionen ausserhalb der Universität, weswegen wir Ende 2017 das Spin-off-Unternehmen VRIST mit der Uni Lausanne gründeten. VRIST bietet Workshops an und begleitet Firmenausserhalb der Universität, die mit den Trainingsprogrammen arbeiten möchten.

Sympathische und unfreundliche Interviewer

Eines dieser Trainingsprogramme ist das Job-Interview-Training. Ursprünglich für die Studierenden entwickelt, kann dieses Training nun – individuell an die Käufer angepasst – von öffentlichen und privaten Institutionen eingesetzt werden. Dabei setzt sich eine Person, die sich für ein Bewerbungsgespräch vorbereiten will, mit oder ohne Virtual-Reality-Brille vor den Laptop. Das Menü des Programms bietet drei verschiedene Fragesets. Es stehen Fragen für Kaderpersonen, Standardfragen oder Fragen für Studierende zur Verfügung. Weiter kann man sich von einer unfreundlichen oder einer sympathischen Frau bzw. von einem Mann befragen lassen. Diese Rekrutierer werden im Computerprogramm durch einen Avatar dargestellt. Die unfreundlichen Rekrutierer sollen den Stresslevel in der Übungssituation zusätzlich erhöhen. Ein unfreundlicher Interviewer sagt zum Beispiel: «Mein Kollege hat mir ihren Lebenslauf gegeben, und, um ehrlich zu sein, ich glaube, er hat einen Fehler gemacht, Sie einzuladen. Nach dem, was ich sehe, passen Sie nicht ins Profil, das wir suchen. Aber da Sie schon mal hier sind, ...» Die Fragesets existieren in fünf verschiedenen Sprachen (Italienisch, Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch und Englisch). Während die Anwenderin die Antworten gibt, wird sie mit der Laptopkamera gefilmt. Diese Filmsequenzen werden lokal auf dem Desktop des Laptops gespeichert. Durch diese lokale Speicherung behält die trainierende Person jederzeit die Kontrolle über ihre gefilmten Antworten. Sie entscheidet, welche Sequenzen sie mit ihrem Coach teilen und besprechen möchte. Die Anwender/innen können zunächst allein, so oft und wann sie wollen üben. In einem zweiten Schritt werden ausgewählte Videos mit dem Coach besprochen. Danach versucht man, die Anregungen des Coachs in den weiteren Trainingssequenzen umzusetzen. In der Praxis bestätigte sich, dass die Anwender/innen professionell begleitet werden müssen. Wenn sie komplett allein üben, ist der Nutzen beschränkt. Ausserdem lernen sie so auch die andere Perspektive kennen – diejenige der Rekrutierer.

Zukunftsperspektiven

Wir können uns vorstellen, zukünftig weitere Programme für andere Settings zu entwickeln. Denkbar wären Trainings für Kundengespräche oder Feedbackgespräche von Vorgesetzten mit ihren Mitarbeitenden. Auch hier könnte innerhalb von bestehenden Schulungen geübt werden.Es ist auch vorstellbar, dass ein virtuelles Job-Interview nicht nur für Trainingszwecke eingesetzt wird, sondern auch für die eigentliche Selektion. Wir stehen diesem Einsatz aber kritisch und eher ablehnend gegenüber. Ein Vorteil wäre jedoch, dass Computer keine persönlichen Vorurteile haben und sich deshalb bei Befragungen nicht beeinflussen lassen. Sie würden die Kandidatinnen und Kandidaten nicht bewusst oder unbewusst diskriminieren. Diesen Vorteil könnte man allenfalls für einen Teil des Bewerbungsprozesses nutzen. Den ganzen Prozess durch einen Computer zu steuern, ist aus unserer Sicht heute und in absehbarer Zukunft nicht sinnvoll.

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