Ausgabe 02 | 2020

Fokus "Simulation"

Simulationsspiel

«Ein pädagogisch interessantes Instrument»

Sébastien Geindre ist Dozent für Betriebswirtschaft und stellvertretender Direktor der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Grenoble Alpes. Um den Teilnehmenden seiner Vorlesungen eine einzigartige Erfahrung zu ermöglichen, baut er ein «Business Game» in den Unterricht ein.

Interview: Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Sébastien Geindre: «Das Simulationsspiel ist eine gute pädagogische Erfahrung, die sich auch auf das Verhältnis zwischen Dozierenden und Studierenden auswirkt, da sie sich im Spiel eher auf Augenhöhe begegnen.» (Bild: zvg)

Sébastien Geindre: «Das Simulationsspiel ist eine gute pädagogische Erfahrung, die sich auch auf das Verhältnis zwischen Dozierenden und Studierenden auswirkt, da sie sich im Spiel eher auf Augenhöhe begegnen.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Was ist ein «Business Game»? Sébastien Geindre: Es handelt sich um ein pädagogisches Instrument für erfahrungsbasiertes Lernen. Es ermöglicht den Teilnehmenden, ihre betriebswirtschaftlichen Kenntnisse in die Praxis umzusetzen, ihre unternehmerischen Kompetenzen zu verbessern, mit ungewissen Situationen umzugehen und ihre Soft Skills auszubauen. Wir nutzen dazu die Plattform Cesim. Im Simulationsspiel, das in Finnland entwickelt wurde, können sich die Teams in der Führung eines virtuellen Unternehmens in einem kompetitiven Umfeld üben. Cesim ist in über 30 Sprachen verfügbar und kann von mehreren Spielern auf der ganzen Welt gleichzeitig gespielt werden. Die Teilnehmenden können in diesem Spiel, das mehrere Runden umfasst, ihr Wissen testen und ihre betriebswirtschaftlichen Kenntnisse anwenden. In jeder Runde müssen die Teams verschiedene strategische Entscheide für ihr virtuelles Unternehmen fällen, das in unserer Version im Bereich der Smartphone-Produktion tätig ist.

Was hat Sie veranlasst, mit diesem Instrument zu arbeiten?
Simulationsspiele kamen in den 1990er-Jahren auf. An unserer Universität werden sie schon seit Langem genutzt. Cesim ist ein pädagogisch interessantes Instrument. Es ermöglicht einen gesamtheitlichen Einblick in ein Unternehmen, das im internationalen Markt agiert – in unserem Fall im Smartphone-Markt. Cesim ist ein Syntheseinstrument, mit dem sich die verschiedenen Unternehmensbereiche wie Marketing, Vertrieb, Finanzwesen, Forschung und Entwicklung miteinander verknüpfen lassen. Es zeigt die ganze Komplexität von strategischen Entscheidungen. Die Informationen stammen einerseits aus den verschiedenen Unternehmensbereichen und andererseits aus dem externen Unternehmensumfeld und sind daher unvollständig. Die Folgen von Entscheidungen sind auf der Plattform weder vorhersehbar noch lassen sie sich parametrisieren. Und auch der Termindruck muss berücksichtigt werden.

Wie bauen Sie Cesim in Ihren Unterricht ein?
Wir bieten die Simulationsaktivitäten für Studierende im internationalen Management-Studiengang, die auf Englisch spielen, und für Studierende im Masterstu-diengang Unternehmensführung, die meistens auf Französisch spielen. Ein Teil der Aktivitäten findet an drei bis vier aufeinanderfolgenden Tagen während sechs Stunden pro Tag statt. Häufig kommt es vor, dass die Studierenden derart im Spiel drin sind, dass sie abends weiterspielen. Es ist wichtig, dass die Teams einen gewissen Druck spüren. In einer viertägigen Spielrunde ist ein ganzer Tag marketing- und kommunikationsspezifischen Arbeiten gewidmet, damit die Studierenden auch anhand anderer Kriterien als jener, die vom Spiel kommen, beurteilt werden können. Die drei- bis fünfköpfigen Teams werden von zwei, drei oder vier Instruktoren betreut. Insgesamt treten 30 bis 60 Spieler gegeneinander an. Die Teams werden von den Dozierenden gebildet. Sie achten auf eine grösstmögliche Diversität und sorgen dafür, dass sich die Spieler gegenseitig ergänzen.

Wie beginnt ein Spiel denn konkret?
Wir spielen das Spiel am Ende des letzten Studienjahrs, das heisst im sechsten Semester des Bachelor-Studiengangs. Die Einführungsphase erfolgt nach Weihnachten, also noch vor Beginn des letzten Semesters. Während zweier Stunden stellen wir den Studierenden das Spiel und seine Schnittstellen vor. Die Studierenden erhalten eine vierseitige Broschüre mit dem Szenario und einen dreissigseitigen Spielführer, in dem die Menüs erklärt werden. Danach werden die Teams gebildet. Die Teilnehmer spielen danach eine erste Proberunde, um sich mit dem Instrument, seinen Schnittstellen, den Grafiken und Diagrammen sowie mit der Zusammenfassung der Ergebnisse vertraut zu machen. Sie durchlaufen alle Funktionsbereiche im Unternehmen und müssen dabei auf Basis eines vorgegebenen Szenarios verschiedene Entscheide fällen. Das macht jedes Teammitglied zuerst individuell. Anschliessend muss sich das Team auf eine Strategie einigen und einen Gesamtentscheid fällen. Die in dieser ersten Runde getroffenen Entscheidungen haben keine Auswirkungen auf den weiteren Spielverlauf.

Und wie laufen die weiteren Runden ab?
Eine Spiel umfasst sieben bis acht Runden, die jeweils einem Geschäftsjahr entsprechen. Am Ende jeder Runde liefert das System die Teamergebnisse. Die Teams können ihre Leistungen der einzelnen Runden miteinander vergleichen und die Folgen der getroffenen strategischen Entscheidungen beurteilen. Das Szenario auf der Plattform verändert sich, indem vor Beginn jeder Runde neue Informationen ins Spiel gebracht werden. Erst am Ende der letzten Runde zeigt sich, welches Team die besten Resultate erzielt und das Spiel gewonnen hat. Der letzte Halbtag ist den Generalversammlungen gewidmet. Jedes Team muss einen Rückblick auf die Strategie der letzten sieben bis acht Jahre präsentieren. Die Teams erläutern die wichtigsten Entscheidungen, die sie in jeder Spielrunde getroffen haben, und begründen sie. Sie präsentieren die erzielten Ergebnisse und beurteilen sie kritisch. Anschliessend skizzieren sie ihre Vision der zukünftigen Strategie. Nach den Generalversammlungen verleihen die Dozierenden einen Preis für die beste Leistung.

Welche Kompetenzen erwerben die Teilnehmenden beim Spiel?
Zuerst sollen sie ihre betriebswirtschaftlichen Kompetenzen festigen. Interessant ist, dass sie auch eine Vielzahl an Soft Skills erweitern. Dazu gehören Engagement, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit (eventuell auch in Englisch), Argumentationsgeschick und Führungskompetenz. Ferner lernen sie, ein Projekt mit Fristvorgaben zu führen, Konflikte zu lösen, zu verhandeln. Sie machen sich mit den Regeln der Entscheidungsfindung vertraut und erlangen die Fähigkeit, sich vor einer Generalversammlung konzis auszudrücken. Die Dozierenden können das Instrument auch einsetzen, um die Teamentwicklung zu unterstützen, etwa wenn es gilt, neue ausländische Studierende aufzunehmen. Neue Studierende werden bei uns auf die Teams verteilt. Das erleichtert und beschleunigt ihre Integration an der Universität.

Welche Erkenntnisse nehmen die Teilnehmenden mit?
Die Studierenden erkennen, welchen Stellenwert die einzelnen Unternehmensbereiche bei strategischen Entscheidungen haben – nicht nur die Finanzen und das Marketing, sondern auch die Produktions-, Logistik- und HR-Abteilung. Überdies werden sie mit der Komplexität von strategischen Entscheiden konfrontiert, etwa dann, wenn sie in einer Situation mit vielen unbekannten Faktoren eine Entscheidung treffen müssen. Sie verbessern sich im Laufe des Spiels und sammeln Erfahrungen. Sie wenden verschiedene Strategien an, wiederholen Abläufe, überdenken gewisse Aspekte oder erfinden neue Abläufe. Sie machen von Runde zu Runde Fortschritte. Sie lernen, wie sich ihre Entscheidungen auf die Ergebnisse auswirken, und verfeinern so ihre Strategien.

Welche Herausforderungen bringt die Methode für Dozierende mit sich?
Die Aktivitäten sind intensiv und lassen sich zeitlich nicht von vornherein eingrenzen. Die Dozierenden müssen ständig verfügbar sein und die Geschwindigkeit und Parameter des Spiels während der Partie anpassen. Die Entscheidungszeit wird laufend verkürzt, um den Druck auf die Spieler aufrechtzuerhalten und sicherzustellen, dass sie am Ball bleiben. Manchmal funktionieren die Teams aufgrund mangelnder Fähigkeiten oder fehlender Führungskompetenzen nicht, dann müssen die Dozierenden eingreifen. Letztlich aber handelt es sich um ein sehr angenehmes Instrument und eine gute pädagogische Erfahrung, die sich auch auf das Verhältnis zwischen Dozierenden und Studierenden auswirkt, da sie sich im Spiel eher auf Augenhöhe begegnen.

Welche Vorteile bietet Cesim?
Ich habe verschiedene betriebswirtschaftliche Simulationsspiele ausprobiert. Im Grossen und Ganzen funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip. Es gibt Spiele, die gewisse Aspekte, so etwa die Finanzen, stärker gewichten als andere. Cesim ist in dieser Hinsicht ausgewogen. Es handelt sich um ein benutzerfreundliches, stabil funktionierendes Spiel mit überschaubaren Kosten. Unsere Teams können von verschiedenen Ländern aus gleichzeitig spielen. Das Spiel bietet Mehrfachlizenzen für unsere Studierenden, und der Preis richtet sich nach der Anzahl Spieler.

Und wo liegen die Grenzen?
Die Zahlen werden von der Software vorgegeben, das lässt den Spielern wenig Raum für die Finanz- und Buchhaltungsanalyse. Zudem ist das zentrale Kriterium bei Cesim die kumulierte Rendite der Aktionäre, damit wird ein Aspekt der Finanzleistung überbewertet. Elemente im Zusammenhang mit der nachhaltigen Entwicklung werden dagegen unterbewertet. Pädagogisch geben wir Gegensteuer, indem wir die Bewertungsskala um weitere Kriterien ergänzen.

Wird Cesim auch in der Schweiz genutzt?
Ja, im Rahmen des Executive Master of Business Administration (EMBA) des Centre romand en formation continue (CEFCO), mit dem wir eine Partnerschaft eingegangen sind. Damit ermöglichen wir den Studierenden einen Doppelabschluss beider Schulen. Die Teilnehmenden erhalten einen vom zuständigen Ministerium validierten französischen Master in Unternehmensführung (Master en administration d’entreprise, MAE) der Universität Grenoble und einen EMBA des CEFCO.

Links und Literaturhinweise

www.cesim.com
www.grenoble-iae.fr

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 4 | 2020 mit dem Fokus «Laufbahnmuster» erscheint am 21. August.