Ausgabe 02 | 2020

Fokus "Simulation"

Berufsförderung

Im virtuellen Haus reale Bauberufe entdecken

Der Walliser Baumeisterverband und die Fachhochschule HES-SO Valais-Wallis setzen auf Immersion und Virtual Reality, um dem Nachwuchsmangel im Baugewerbe entgegenzuwirken. Ein originelles Projekt mit viel Potenzial.

Von Alexander Wenzel, PANORAMA-Redaktor

Mit einer VR-Brille können die Jugendlichen in den Arbeitsalltag von Bauberufen eintauchen. Damit dies nicht nur als Spiel genutzt wird, müssen sie vorher drei Stände besucht haben. (Bild: Linda Photography)

Mit einer VR-Brille können die Jugendlichen in den Arbeitsalltag von Bauberufen eintauchen. Damit dies nicht nur als Spiel genutzt wird, müssen sie vorher drei Stände besucht haben. (Bild: Linda Photography)

Wow! Was ist das dort hinten? Im Augenwinkel sehe ich einen Schatten über die Betonplatte gleiten. Woher kommt er? Ich drehe mich um. Hinter mir balanciert ein Kran einen Träger über die Baustelle. Welch ein Gefühl von Weite! Im Hintergrund thronen die Alpen, darüber der blaue Himmel. Auf dem Beton sind überall Arbeiter am Werk: Sie kürzen Bewehrungselemente, hämmern, schalen eine Wand aus, einer wischt den Beton sauber. Begleitet wird die Szene von fröhlicher Hintergrundmusik.Ich ziehe die Videobrille aus und bin zurück in der Realität, auf einer nachgebauten Hausbaustelle mit Betonschalungen, Gerüsten und Abdeckplanen, Baugeräten und Werkzeugen. Das Haus befindet sich an der Walliser Berufs- und Ausbildungsmesse «Your Challenge» in Martigny. Es ist ein Mittwochvormittag im Februar 2020, die Stimmen zahlreicher Oberstufenschülerinnen und -schüler tönen durch die Messehalle.Das virtuelle Haus wurde vom «Bureau des métiers» des Walliser Arbeitgeberverbandes und vom Walliser Baumeisterverband (WBV) in Zusammenarbeit mit der HES-SO Valais-Wallis in Siders entwickelt und soll das Interesse der Jugendlichen für Bauberufe wecken. Ich habe soeben eines der 360-Grad-Videos gesehen, mit denen die Messebesucherinnen und -besucher in einen der Berufe – in meinem Fall des Bauhauptgewerbes – eintauchen können.

Nachwuchsprobleme

Das virtuelle Haus ist eine Antwort auf die Nachwuchsprobleme im Baugewerbe. «Im Wallis ist die Zahl der Lernenden im Bausektor in den letzten zehn Jahren um 20 Prozent gesunken», sagt Claude Pottier, Chef der Dienststelle für Berufsbildung des Kantons Wallis. «Bei den Maurerinnen und Maurern ist der Rückgang noch stärker. Vor zehn Jahren begannen noch rund 80 Jugendliche eine Maurerlehre, 2019 waren es nur noch 28.» David Valterio, der zuständige Projektleiter beim Bureau des métiers, fügt an: «Auf diesen Mitarbeiterschwund mussten wir reagieren. Wir suchten einen innovativen Weg, um das Interesse der Jugendlichen zu wecken und die Attraktivität einer beruflichen Grundbildung im Baubereich aufzuzeigen.» Die Wahl fiel auf einen virtuellen Ansatz. Tatsächlich entspricht der Einsatz von Virtual Reality (VR) dem Zeitgeist, kommt bei Jugendlichen an und eröffnet so neue Informationsmöglichkeiten. Mit der Umsetzung des VR-Projekts wurde die HES-SO Valais-Wallis beauftragt. Diese vermochte das Bureau des métiers und den WBV nicht nur mit ihrem technischen Fachwissen, sondern auch mit dem vorgeschlagenen pädagogischen Konzept zu überzeugen. Geleitet wurde das Projekt von Antoine Widmer, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule. «Wir sind von bereits bestehenden Modulen ausgegangen», erklärt Widmer, «haben sie aber zu etwas ganz Neuem kombiniert. Das Ziel war, VR nicht nur als kurzlebige Effekthascherei, sondern als intelligentes und nachhaltiges Instrument einzusetzen. In einer begleitenden Studie werde ich die Wirksamkeit des Serious Game untersuchen, das im virtuellen Haus zum Einsatz kommt.»Das virtuelle Haus ist mehr als eine eingerüstete Hütte, in der Videos und VR-Spiele konsumiert werden können. Zum Parcours, den die Besucherinnen und Besucher absolvieren müssen, gehören verschiedene Elemente. Wer Zugang zu den VR-Medien im Gebäude haben will, muss zuerst eine «Baugenehmigung» erlangen, indem er oder sie mindestens drei Infostände von Berufsverbänden aus dem Baugewerbe besucht, die beim virtuellen Haus mitwirken. Dadurch erfahren die Besucherinnen und Besucher bereits vorher etwas über einzelne Berufe. «So vermeiden wir, dass unser Angebot nur als banale Spielerfahrung genutzt wird», betont David Valterio.

Immersive Videos

Mit der VR-Brille können die Jugendlichen in den Arbeitsalltag von verschiedenen Bauberufen eintauchen. Sie haben die Wahl zwischen einem guten Dutzend 360-Grad-Videos. Diese wurden in Zusammenarbeit mit den beteiligten Walliser Berufsverbänden konzipiert und gedreht. Die Filme sollten gleichzeitig verschiedene typische Arbeitssituationen eines bestimmten Berufs darstellen, die Szenen sollten lebendig wirken, und der virtuelle Raum sollte gut genutzt werden. Eines der Videos beginnt in einer Metallbauwerkstatt. Man sieht, wie Arbeiter Bauteile zuschneiden, zusammenschweissen, schleifen usw. Die verschiedenen Arbeitsstationen sind gut im Raum verteilt. Die Schleifstation mit dem knisternden Funkenregen zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Andere Videos lassen zu viel Leerraum, wenn der Nutzer sich dreht, oder zeigen nur eine einzige Aktivität. Gewisse Filminhalte sind eher schwer zu verstehen, beispielsweise der Beginn des Gebäudetechnik-Videos: Jemand sitzt am Schreibtisch und rechnet. Was macht er da? Man sieht einen Computerbildschirm mit Plänen. Sind es Baupläne für ein Haus? Es ist wichtig, dass die Videos gut inszeniert sind und telegene Tätigkeiten zeigen, so wie in den Filmen, in denen man verschiedene Arbeitsschritte mitverfolgen kann: In einer Werkstatt wird ein Fensterrahmen zusammengebaut, und in der nächsten Szene wird er auf der Baustelle montiert. Grossartig ist die Wirkung, wenn die 3-D-Visualisierung spektakuläre Effekte erzeugt, etwa beim Ladekran, der sich auf den Nutzer zubewegt, einen Baumstamm auflädt und über den Kopf des Nutzers hinwegbalanciert. Dank der VR lassen sich auch Orte entdecken, die man während einer Schnupperlehre nicht zu sehen bekommt.Inzwischen ist es an den Messeständen ruhiger geworden. Es ist Nachmittag, und die Schulklassen haben jungen Einzelbesuchern mit ihren Eltern Platz gemacht. Der 13-jährige Timo findet die Videos cool und eine gute Idee. Am besten gefällt ihm das Video zum Elektrikerberuf. «Das ist am realistischsten», sagt er. Dazu muss man sagen, dass er sich für diesen Beruf besonders interessiert und schon am entsprechenden Stand war. Die 15-jährige Estelle findet, mit den Videos könne man sich die Berufe gut vorstellen und in die Situationen eintauchen. Auch für Berufe wie Malerin, Gipser, Gärtnerin, Plattenleger, Bodenparkettlegerin, Gebäudereiniger oder Kaminfegerin sind Videos verfügbar.

Serious Game

Nach den 360-Grad-Videos können die Besucherinnen und Besucher in einem VR-Spiel selbst in die Rolle von Berufsleuten schlüpfen. In einem sogenannten Serious Game sollen sie ein Traumhaus bauen und als Elektriker, Gärtnerin oder Gebäudereiniger auf einer Baustelle arbeiten. Mit der VR-Brille auf dem Kopf und dem Controller in der Hand geht es los. Zuerst muss der Spieler sich zwischen einem traditionellen Walliser Chalet und einem modernen Haus mit Flach- oder Giebeldach entscheiden. Die Garage, die Balkone, Fenster und Farben können angepasst werden. Uh, das geht aber schnell! Die Zeit ist knapp. Aus der grünen Wiese wächst eine Baustelle. Der Spieler schliesst eine elektrische Schalttafel an und hopp, das Haus erscheint in einer Wolke. Danach steht der Spieler im Garten und sät an. Zack, schiessen Laub- und Nadelbäume aus dem Boden. Das macht Spass! Wo ist das Werkzeug zum Teichbauen? Oh, schade, schon vorbei. Jetzt muss nur noch der Tisch geputzt und der Boden gewischt werden.Den befragten Jugendlichen hat das Bäumepflanzen am besten gefallen. Bei Estelle und Timo bleibt vor allem der spielerische und unterhaltsame Aspekt des Spiels hängen. Timo stellt fest, das Spiel habe «ein paar Bugs». Die 12-jährige Marilou findet das Spiel «mega!». Ihrem 14-jährigen Bruder Thomas gefällt es, weil er die Natur und das Gärtnern liebt. Alle sind sich einig, dass das virtuelle Haus interessant und gut gemacht ist. Am Ende des Parcours erhalten die Jugendlichen Zugang zu einer «Eigentumsurkunde» auf einer Website mit dem Foto des virtuell gebauten Hauses, einer Beschreibung der drei Berufe, die sie am meisten interessiert haben, und Links zu weiterführenden Informationen. Die Jugendlichen können ihre Hauskreationen auch auf Instagram teilen.

Ein ausbaufähiges Projekt

Alle Materialien sind auch auf Deutsch verfügbar, denn ein Messetag ist den Oberwalliser Schulklassen vorbehalten. David Valterio erklärt, dass das virtuelle Haus dank den zweisprachigen und neutral (ohne Logos) gestalteten Materialien auch in anderen deutsch- und französischsprachigen Kantonen verwendet werden kann. Mehrere Organisationen wie Branchen- und Berufsverbände, die Suva (im Bereich Arbeitssicherheit) und Orif (Organisation für die Ausbildung und berufliche Integration von Menschen mit Lernschwierigkeiten) haben bereits ihr Interesse angemeldet. Elia De Iaco, stellvertretender Leiter von Orif Sitten, möchte 360-Grad-Videos einsetzen, um jugendlichen Klientinnen und Klienten ohne zahlreiche Schnupperlehren konkrete Eindrücke von Berufen zu vermitteln. Die Videos würden die gewünschte Immersion ermöglichen. Claude Pottier verfolgt ähnliche Pläne: «Wir haben vor, die Videos im Berufswahlunterricht an den Schulen zu nutzen. Damit können die Schülerinnen und Schüler sehr schnell einen ersten Eindruck von mehreren Berufen gewinnen. Danach können wir zusätzliche Informationen und Massnahmen anbieten.» Antoine Widmer ergänzt: «Die immersiven Videos ermöglichen eine ganze Reihe von Schnuppertagen an einem einzigen Ort und in sehr kurzer Zeit.»«Warum sich auf die Bauberufe beschränken?», fragen sich inzwischen mehrere Akteure. Das virtuelle Haus ist ein Konzept, das auch für andere Branchen und Berufe als wertvolles Informationsinstrument bei der Berufswahl genutzt werden kann.

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