Ausgabe 01 | 2020

BERUFSBERATUNG

Gegen Bildungsabbrüche

Die Bildungspflicht bis 18 Jahre im Kanton Genf

Vor gut einem Jahr hat der Kanton Genf die obligatorische Ausbildung bis 18 Jahre eingeführt. Wie hat sich die Situation von Jugendlichen mit abgebrochener Ausbildung oder hohem Abbruchrisiko seither entwickelt? Eine Zwischenbilanz zu den Auswirkungen auf die Betroffenen, das Bildungssystem und die Begleitangebote.

Von François Rastoldo, Rami Mouad und Amaranta Cecchini, Amt für Bildungsforschung des Kantons Genf (SRED)

Im Schuljahr 2017/2018 haben im Kanton Genf 1200 bis 1300 Jugendliche und damit rund sechs Prozent der Schüler/innen und Lernenden der Sekundarstufe II ihre nach-obligatorische Ausbildung vorzeitig abgebrochen. Wie die vom Amt für Bildungsforschung des Kantons Genf (SRED) veröffentlichten Zahlen zeigen, entspricht dies ungefähr dem Anteil der Vorjahre. Die Quote der Erstabschlüsse auf Sekundarstufe II (ca. 85%) liegt im Kanton Genf unter dem schweizerischen Durchschnitt, was laut Bundesamt für Statistik auch auf andere städtische Gebiete zutrifft. Die Untersuchungen des SRED zeigen, dass Jugendliche mit abgebrochener Ausbildung ein deutlich höheres Risiko haben, beim Übergang ins Erwerbsleben keine Stelle zu finden und ins soziale Abseits gedrängt zu werden. Jugendliche, die trotz fehlendem Abschluss eine Stelle gefunden haben, geben zudem häufig an, dass ihre Arbeit kaum Möglichkeiten zur Qualifikation und wenig Befriedigung biete und die Beschäftigungssituation unsicher sei. Die meisten Bildungsabbrüche finden im ersten Ausbildungsjahr auf Sekundarstufe II oder nach einem Übergangsjahr statt. Betroffen sind vor allem Jugendliche, die schulische Schwierigkeiten haben und deren soziale Situation Merkmale von Prekarität aufweist (bescheidene wirtschaftliche Verhältnisse, Migration). Fragt man Jugendliche, warum sie die Ausbildung abgebrochen haben, zeichnen sich drei Hauptgründe ab: mangelndes Engagement (Motivation, Interesse verloren), mangelnde Leistungen (zu hohe Eintrittsbarriere, zu schwierige Inhalte, zu geringe Arbeitsleistung) und mangelnde Verfügbarkeit (persönliche, soziale oder gesundheitliche Probleme in Verbindung mit Schulschwierigkeiten). Andere Faktoren weisen darauf hin, dass sich das Bildungssystem schwer damit tut, schwächere Schüler/innen auf dem Weg in eine qualifizierende Ausbildung und bis zu deren Abschluss zu begleiten.

Stärker auf Arbeitswelt ausrichten

Die auf den Schuljahresbeginn 2018 eingeführte Bildungspflicht bis 18 Jahre (FO18) hat das Genfer Bildungswesen nicht grundlegend verändert. Unterstützungsangebote für Jugendliche mit abgebrochener Ausbildung oder hohem Abbruchrisiko gibt es schon länger. Die FO18 bringt aber neu eine beidseitige Verpflichtung mit sich: Die Jugendlichen müssen bis zur Volljährigkeit einer Ausbildung nachgehen, und das Bildungssystem muss für alle eine qualifizierende oder vorbereitende Ausbildung bereitstellen. Diese bildungspolitische Zielsetzung, die vom Genfer Departement für Erziehung, Bildung und Jugend (DIP) umgesetzt wird, beschränkt sich nicht auf den schulischen Rahmen. Sie umfasst neben den schulischen und berufsbildenden Angeboten auch spezifische Programme, die Jugendliche mit Schwierigkeiten unterstützen, bis diese eine qualifizierende Ausbildung aufnehmen und idealerweise auch abschliessen können. Intern baut das DIP deshalb bestehende Massnahmen aus und schafft zusätzliche Brückenprogramme. Extern prüft es bestehende und neue Partnerschaften mit sozialpädagogischen Einrichtungen und mit der Berufswelt. Das Unterstützungsangebot soll um Massnahmen erweitert werden, die stärker auf die Arbeitswelt als auf die schulische Bildung ausgerichtet sind und auf pädagogischer, sozialpädagogischer und motivatorischer Ebene (Berufsziel) wirken. So entsteht eine neue «Brückenlandschaft», die besser auf die ermittelten Abbruchgründe abgestimmt ist.

Erste ermutigende Anzeichen

Es ist noch zu früh, um die Auswirkungen der FO18 auf das Bildungssystem und die Bildungslaufbahnen zu bewerten. Eine erste messbare Veränderung zeigt sich jedoch bei der jährlichen Abbruchquote bei Minderjährigen. Diese ist von über 4,5 Prozent im Jahr 2015 auf 1,5 Prozent im Schuljahr 2017/2018 gesunken, was einem absoluten Rückgang um rund 400 Abbrüche entspricht. Diese Abnahme ist auf die erste bildungspolitische Umsetzungsphase zurückzuführen, die darauf abzielt, dass Jugendliche, die den Übergang I in eine qualifizierende Ausbildung nicht geschafft haben, nicht aus dem Bildungssystem ausscheiden. Zu dieser Entwicklung lassen sich zwei Hypothesen aufstellen: Entweder nehmen tatsächlich mehr Jugendliche eine neue Ausbildung auf, die sie dann erfolgreich abschliessen, oder der Bildungsabbruch verschiebt sich auf die Zeit der Volljährigkeit. Der Erfolg der FO18 wird sich an der Position der beobachteten Realität zwischen diesen beiden Polen messen. Auf der Grundlage früherer Studien lassen sich aber bereits heute erste Überlegungen anstellen. So weiss man, dass rund 80 Prozent der Minderjährigen, die das Programm CAP Formations (Case Management zur Wiederaufnahme einer Berufsausbildung) absolviert haben, eine Aus-bildung, meist eine duale berufliche Grundbildung, beginnen. Drei Viertel dieser Jugendlichen befinden sich auch im Folgejahr noch in der gleichen Ausbildung. Auch von den Jugendlichen, welche die Massnahme «Espace Lullin» (Prävention von Bildungs-, insbesondere von Schulabbrüchen) in Anspruch nehmen, führen über 80 Prozent ihre Ausbildung weiter, fast 75 Prozent für mindestens zwei Jahre. Und rund ein Drittel der Jugendlichen, die eine Vorlehre besucht haben, haben sieben Jahre später einen Abschluss erlangt; weitere zwölf Prozent befinden sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Ausbildung, die zu einem Erstabschluss führt. Wenn die Jugendlichen länger im Bildungssystem integriert bleiben, ist das grundsätzlich schon einmal positiv. Zudem ist anzunehmen, dass sie von den Aktivitäten, die im Rahmen der FO18 angeboten werden, auch dann profitieren, wenn diese nicht direkt zu einer Ausbildung führen. Das Hauptziel der FO18 bleibt jedoch der Erwerb eines Abschlusses, ob mit 18 Jahren oder später. Die bestehenden Begleit- und Brückenangebote helfen einer gewissen Zahl von Jugendlichen, aber nicht allen, die eine Ausbildung abbrechen. Das zeigt, dass noch weitere Fortschritte nötig sind, damit alle Zugang zu einer Ausbildung haben und diese erfolgreich abschliessen können. Anzumerken ist auch, dass die bestehenden Massnahmen aus der Zeit vor dem Obligatorium stammen. Die Jugendlichen besuchten sie aus eigenem Antrieb oder weil sie dazu ermuntert wurden. Der durch die FO18 entstehende Zwang bedeutet hier eine zusätzliche Herausforderung.

Institutionelle Herausforderungen

Im ersten Umsetzungsjahr der FO18 traten neue institutionelle Herausforderungen in den Vordergrund. Das Problem der grossen Zahl betroffener Jugendlicher scheint man durch eine enge Verknüpfung der spezifischen Massnahmen mit den schulischen oder beruflichen Bildungsgängen lösen zu können. Das gilt auch für das Zeitproblem: Während Brückenangebote vor der FO18 auf ein Jahr beschränkt waren, können sie heute bei Bedarf verlängert werden. Die institutions- und fachübergreifende Koordination ist hingegen zu einer zentralen Herausforderung geworden. Um den oft vielschichtigen Problemen von Personen mit einem Bildungsabbruch zu begegnen, müssen sich verschiedene Fachleute absprechen, um langfristig eine kohärente Begleitung anbieten zu können. Die Vielfalt der Angebote und Anschlussmöglichkeiten und die Vielzahl der inner- und ausserschulischen Akteure erfordern eine verstärkte Koordination, damit die Übergangsphase kohärent und zielführend ist. Wenn die Brückenzeit nur aus einer Aneinanderreihung unzusammenhängender Erfahrungen besteht, verlieren die Jugendlichen die Orientierung. Auch wenn es noch zu früh ist, diese Herausforderung genau zu analysieren, kann man bereits sagen, dass sie mit grossem Engagement angegangen wird, aber auch mit Spannungen und Schwierigkeiten verbunden ist. Die FO18 beschränkt sich nicht nur darauf, Jugendliche in schwierigen Ausbildungssituationen zu unterstützen. Sie soll auch dazu führen, dass immer weniger Jugendliche diese Unterstützung benötigen. Ein Bildungsabbruch ist weniger ein Ereignis als vielmehr ein Prozess. Häufig treten bereits in der Primar- oder Sekundarschule Probleme auf, was Fragen zum Bildungssystem als Ganzem aufwirft. Vorbeugende Massnahmen gegen Bildungsabbrüche müssen sicherstellen, dass gefährdete Jugendliche früh erkannt, rasch betreut und langfristig begleitet werden. Vieles wurde bereits umgesetzt. Doch im Kontext der FO18 müssen wir über eine qualitative und quantitative Verbesserung der Massnahmen und über ein systematischeres, koordinierteres Vorgehen nachdenken, um den schulischen Schwierigkeiten von Jugendlichen mit einem hohen Abbruchrisiko entgegenzuwirken.

Links und Literaturhinweise

www.ge.ch/dossier
Cecchini, A., Guilley, E., Jendoubi, V. (2019): Formation obligatoire jusqu’à 18 ans: adhésion des acteurs à la mise en œuvre d’une politique de lutte contre le décrochage scolaire. Rapport interne. Genève, SRED.
Hrizi, Y., Mouad, R., Petrucci, F., Rastoldo, F. (2014): Les parcours de formation des jeunes en difficultés scolaires à la fin du cycle d’orientation. In: Note d’information du SRED (N° 65).
Mouad, R., Brüderlin, M., Dutrévis, M., Valarino, I. (2019): Évaluation d’un dispositif de prévention du décrochage scolaire: l’établissement Lullin. Genève, SRED.
OFS (2018): Taux de première certification du degré secondaire II et taux de maturités. Neuchâtel.
Petrucci, F., Rastoldo, F. (2015): Interruptions prématurées de la formation à Genève. Résultats de l’enquête auprès des jeunes décrocheurs. Genève, SRED.
Rastoldo, F., Amos, J., Davaud, C. (2009): Les jeunes en formation professionnelle. Rapport III: le devenir des jeunes abandonnant leur apprentissage. Genève, SRED.

3 Fragen

«Den Ansatz weiterentwickeln»

Sylvain Rudaz, Leiter der Direktion für die Sekundarstufe II des Kantons Genf

(Bild: DIP Genève)

Was ist Ihre Bilanz nach einem Jahr Bildungspflicht bis 18 Jahre? Einerseits konnten wir mit unseren neuen Angeboten über 500 Jugendliche mit abgebrochener Ausbildung oder hohem Abbruchrisiko ins Bildungssystem zurückholen. Brückenangebote ermöglichen ihnen, sich in einem Beruf auszuprobieren, Praktikumsklassen bieten Einblicke in verschiedene Berufe usw. Andererseits ist die Bilanz noch nicht zufriedenstellend, weil diese Lösungen sich nach wie vor auf den schulischen Rahmen beschränken, der diesen Jugendlichen nicht entspricht. Wir müssen den Ansatz weiterentwickeln.

In welche Richtung?
Bereits jetzt platzieren wir Jugendliche in sozialpädagogischen Organisationen. Die grosse Neuerung ist, dass acht Genfer Unternehmen aus verschiedenen Branchen Praktikumsplätze in der realen Arbeitswelt anbieten. Unsere Sozialpädagogen begleiten die Integration der Jugendlichen am Arbeitsplatz.

Wie steht es um die Koordination zwischen den Akteuren?
Es ist nicht möglich, alle Lösungen für alle Situationen an einem Ort zu vereinen. Es gibt bereits Instrumente, um die Zusammenarbeit zu koordinieren, weitere werden entwickelt. Wir müssen insbesondere den Informationsaustausch zwischen inner- und ausserschulischen Akteuren verbessern, um Reibungsverluste zu verringern, Übergänge zu erleichtern und gleichzeitig die Jugendlichen so zu schützen, wie es das Gesetz verlangt. (aw)

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