Ausgabe 01 | 2020

BERUFSBILDUNG

Anrechnung von Bildungsleistungen

Einfacher zum Berufsabschluss

Wer einen Beruf erlernt oder den Beruf wechselt, dem sollen bereits erworbene Bildungen und Erfahrungen angemessen angerechnet werden. Aber es existieren kaum bewährte Instrumente dafür. Der Kanton Zürich hat darum ein neues Verfahren entwickelt.

Von Patrizia Salzmann (EHB), Evelyn Tsandev (EHB, aktuell Leiterin der Fachstelle «Berufsabschluss für Erwachsene» bei den Berufsberatungs- und Informationszentren BIZ des Kantons Bern) und Kaspar Senn (Mittelschul- und Berufsbildungsamt MBA des Kantons Zürich)

Werbekampagnen, aber auch Anrechnungstabellen können dazu beitragen, dass mehr Erwachsene einen Bildungsabschluss erwerben. (Bild: SBFI)

Werbekampagnen, aber auch Anrechnungstabellen können dazu beitragen, dass mehr Erwachsene einen Bildungsabschluss erwerben. (Bild: SBFI)

Eine bessere Nutzung des Potenzials Erwachsener ist in den vergangenen Jahren in den Fokus der Bildungspolitik gerückt. 2014 wurde der Berufsabschluss und Berufswechsel Erwachsener als ein Handlungsschwerpunkt der Verbundpartner definiert. Er zielt darauf, die Rahmenbedingungen für den Berufsabschluss für Erwachsene zu verbessern und die Abschlussquote von Personen ohne arbeitsmarktrelevanten Berufsabschluss zu erhöhen. Im Rahmen der Initiative «Berufsbildung 2030» werden weitere Anstrengungen in diese Richtung unternommen. Und nur unlängst hat der Bundesrat Massnahmen zur besseren Nutzung des inländischen Potenzials an Arbeitskräften beschlossen. So soll es möglich werden, Aus- und Weiterbildungen konsequenter als heute an formale Abschlüsse anzurechnen.

Standardisiertes Verfahren

In der Schweiz bestehen mit dem Berufsbildungsgesetz gesetzliche Grundlagen für die Anrechnung von Bildungsleistungen in der beruflichen Grundbildung. Diese können aus Abschlüssen der Berufsbildung und anderer Bildungsbereiche, aus der berufsorientierten Weiterbildung oder aus der beruflichen und ausserberuflichen Praxis stammen. Die Rahmenbedingungen sehen vor, dass bei Erwachsenen bereits im Beratungsprozess die Anrechnung von Bildungsleistungen geklärt wird. Dieser Prozess soll vor der Festlegung des geeigneten Weges zum Berufsabschluss stattfinden, der dann zum Beispiel über eine reguläre oder verkürzte berufliche Grundbildung, die direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren oder ein Validierungsverfahren führen kann. Aber insbesondere die Anrechenbarkeit von Weiterbildung und informeller Bildung an die formale Bildung steckt noch in den Kinderschuhen. In nächster Zeit sollen in den Kantonen die zuständigen Stellen definiert und die Prozesse und Instrumente entwickelt werden, um die Anrechnung von Bildungsleistungen zu etablieren. Der Kanton Zürich hat hier im Rahmen des Projekts «Nach- und Höherqualifizierung im Rahmen der beruflichen Grundbildungen» wichtige Arbeiten geleistet. Das Projekt sollte für die berufliche Grundbildung von Erwachsenen kohärente und standardisierte Strukturen schaffen, die für alle Beteiligten transparent sind. Im Rahmen dieses Projekts erarbeitete das EHB im Auftrag des MBA Zürich Anrechnungstabellen berufsspezifischer Bildungsleistungen für zehn Berufe.

Anrechnungstabellen entwickeln

Um die Anrechnungstabellen zu entwickeln, wurden für jeden der zehn Berufe die im Bildungsplan definierten Leistungsziele bzw. Kenntnisse und Fähigkeiten analysiert und mit den Kompetenzen, Zielen oder Inhalten der Vorbildungen verglichen, und zwar in Bezug auf
a) den Inhalt (Kompetenzbeschreibungen) und, wo möglich,
b) die Verarbeitungstiefe (Taxonomiestufe) und
c) die Anzahl unterrichtete Lektionen.
Bei einer Übereinstimmung von mehr als 60 Prozent (entspricht der Note 4), wurde die entsprechende Handlungskompetenz als erfüllt bewertet und zur Anrechnung empfohlen. In jeder Anrechnungstabelle ist für eine Reihe von relevanten Vorbildungen ersichtlich, welche Handlungskompetenzen des Zielberufs für die entsprechende Vorbildung zur Anrechnung empfohlen werden und welche nicht. So wird zum Beispiel empfohlen, dass sich eine Fachfrau Gesundheit, die sich zur Fachfrau Betreuung ausbilden lassen will, die Handlungskompetenzen im Bereich Gesundheit und Körperpflege anrechnen lassen kann und von den entsprechenden Modulen dispensiert wird. Andere Handlungskompetenzen, zum Beispiel im Bereich Animation, müsste sie hingegen erwerben. Einem Hotelfachmann, der einen Berufsabschluss als Koch erwerben will, könnten Handlungskompetenzen im Bereich der Hygiene und Werterhaltung angerechnet werden. Das Herstellen und Präsentieren von Speisen und Gerichten müsste er sich jedoch aneignen.

Zentrale Rolle der OdA

Die erarbeiteten Anrechnungstabellen bilden eine Grundlage für die standardisierte Anrechnung von Bildungsleistungen in der beruflichen Grundbildung. In einem nächsten Schritt sollen sie durch Vertretungen der jeweiligen nationalen OdA überprüft, wenn nötig angepasst und bestätigt werden. Erst dann werden die Anrechnungstabellen in der Praxis eingesetzt. Die Anrechnungstabellen wurden als dynamische Instrumente konzipiert, die in der Praxis fortlaufend angepasst und erweitert werden können. Verfügt eine Person über eine Vorbildung, die in der entsprechenden Anrechnungstabelle noch nicht aufgeführt ist, soll es möglich sein, diese Vorbildung zu überprüfen und allenfalls anzurechnen (individuelle Anrechnung) sowie nach Möglichkeit die Anrechnungstabelle entsprechend zu erweitern. Dazu soll im Kanton Zürich ein Fachgremium eingerichtet werden. Es hat Entscheidungskompetenz, wenn es um Anrechnungsanträge bei Einzelfällen geht, und Empfehlungskompetenz bei einer allfälligen Erweiterung der Anrechnungstabelle. Anpassungen an der Anrechnungstabelle müssten nach wie vor von Vertretungen der nationalen OdA bestätigt werden.

Vorteile der Anrechnungstabellen

Ziel der erarbeiteten Anrechnungstabellen ist es, in den berücksichtigten Berufen für relevante Vorbildungen mit der Zeit eine pauschale Anrechnung von Bildungsleistungen vornehmen zu können, ohne dass wie bei der individuellen Anrechnung jeder Einzelfall geprüft werden muss. Für Erwachsene, die einen Berufsabschluss erwerben möchten, haben solche Anrechnungstabellen und der beschriebene Prozess einen grossen Vorteil: Sie erhalten bereits zu Beginn der Beratung – bevor sie sich für einen Weg zum Berufsabschluss entscheiden – rasch Klarheit darüber, welche Handlungskompetenzen der angestrebten beruflichen Grundbildung ohne Einzelfallprüfung angerechnet werden. Zudem tragen solche Anrechnungstabellen dazu bei, dass alle Personen mit derselben Vorbildung (möglichst auf nationaler Ebene) gleich behandelt werden. Für die involvierten Stellen – insbesondere die Berufs- und Laufbahnberatungsstellen und die kantonalen Ämter – dürfte die pauschale Anrechnung von Bildungsleistungen mittelfristig ressourcenschonender sein als Einzelfallprüfungen, obwohl die Erarbeitung von Anrechnungstabellen in Zusammenarbeit mit den OdA kurzfristig mit einem Initialaufwand verbunden ist. Für die nationalen OdA dürften solche Anrechnungstabellen den Vorteil bringen, dass die Anrechnungspraxis insgesamt homogener wird und die Qualitätssicherung gesteigert werden kann, wenn sich die Kantone bei der Anrechnung von Bildungsleistungen an den von den OdA geprüften Tabellen orientieren. Durch ihr Mitwirken bei der Entwicklung der Anrechnungstabellen können die OdA direkten Einfluss darauf nehmen, welche Anrechnungen im Zielberuf stimmig sind und welche nicht.

Ausblick

Um die Anrechenbarkeit von Bildungsleistungen konsequent umzusetzen, braucht es eine vermehrte Sensibilisierung aller involvierten Personen und Institutionen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die OdA. Ihre grundsätzliche Bereitschaft, bereits erworbene Kompetenzen an berufliche Grundbildungen anzurechnen und bei der Entwicklung entsprechender Instrumente mitzuwirken, ist entscheidend dafür, dass bereits erworbenen Kompetenzen tatsächlich Rechnung getragen wird. Die Anrechenbarkeit von Bildungsleistungen müsste in der verbundpartnerschaftlichen Berufsentwicklung auch bei Revisionen von beruflichen Grundbildungen oder deren Neugestaltung von Anfang an mitberücksichtigt werden.

Links und Literaturhinweise

Tsandev, E., Salzmann, P. (2019): Standardisierung der Anrechnung von Bildungsleistungen im Kanton Zürich. Zollikofen, EHB.
Die jeweils aktuelle Version der Anrechnungstabelle pro Beruf kann beim MBA Zürich angefordert werden: monika.andermatt@mba.zh.ch

Kasten

Anrechnung oder Validierung?

Der Begriff «Anrechnung von Bildungsleistungen» wird in der Schweiz als übergeordneter «vorgelagerter Prozess» verstanden. Erwachsene sollen nämlich bereits in der Phase der Information und Beratung – bevor sie sich für einen Weg zum Berufsabschluss entscheiden – Klarheit darüber erhalten, welche bereits erworbenen Bildungsleistungen ihnen an die angestrebte berufliche Grundbildung angerechnet werden. Mit «Validierung von Bildungsleistungen» wird in der Schweiz ein sogenanntes anderes vom SBFI anerkanntes Qualifikationsverfahren in der beruflichen Grundbildung bezeichnet, bei dem die Kandidatinnen und Kandidaten belegen, dass sie zusätzlich über informell, «on the Job» erworbene Handlungskompetenzen verfügen. Diese werden dokumentiert, beurteilt und bewertet. Kandidatinnen und Kandidaten, die das Qualifikationsverfahren erfolgreich durchlaufen haben, erhalten einen Berufsabschluss, ohne eine Abschlussprüfung absolviert zu haben.

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