Ausgabe 01 | 2020

Fokus "Berufe im Wandel"

Die Entwicklung neuer Berufe jenseits der Digitalisierung

Dass neue digitale Technologien die Arbeitswelt umwälzen, ist unbestritten. Doch auch andere grosse Trends wie Umweltschutz, demografische Alterung, Wohlbefinden und Ernährung werden die Berufswelt verändern. Eine Analyse von Grégoire Évéquoz, Autor des Buches «La carrière professionnelle 4.0».

Von Grégoire Évéquoz, Arbeitspsychologe, Laufbahnberater und ehemaliger Leiter des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung (OFPC) des Kantons Genf

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

Es ist eine Tatsache: Die Berufs- und Arbeitswelt erfährt einen tief greifenden Wandel durch neue, insbesondere digitale Technologien wie künstliche Intelligenz, Big Data, virtuelle Realität oder das Internet. Diese Technologien haben ein enormes Entwicklungspotenzial, und wir stehen wahrscheinlich erst am Anfang eines weitreichenden Transformationsprozesses. Einige Berufe werden verschwinden, andere sich verändern und wieder andere von Grund auf neu entstehen. Die Debatte rund um den beruflichen Wandel und die Zukunft der Arbeit ist in den Medien sehr präsent. Sie konzentriert sich jedoch fast ausschliesslich auf die Digitalisierung der Wirtschaft und ihre Folgen. Ein wiederkehrendes Thema ist dabei der Verlust von Arbeitsplätzen durch neue Technologien, versinnbildlicht durch die zunehmende Robotisierung und den Einsatz von Algorithmen, die mit menschlicher Intelligenz in Konkurrenz treten können. Diese Sichtweise schürt nicht nur die Ängste der Bevölkerung, sie vernachlässigt auch andere Phänomene und Tendenzen, welche die Wirtschaft und die Gesellschaft wesentlich prägen werden. Dazu gehören Einflüsse wie der Umweltschutz, neue Werte im Bereich des individuellen Wohlbefindens, die gestiegene Lebenserwartung und neue Formen des Konsums. Phänomene wie diese werden die Berufswelt von heute und morgen verändern, und zwar sowohl quantitativ, indem sie in gewissen Branchen zur – teilweise massiven – Schaffung von neuen Arbeitsplätzen führen, als auch qualitativ, indem sie neue Kompetenzen und damit eine Anpassung der Bildungsgänge erfordern.

Berufe für den Umweltschutz

Niemand kann mehr bestreiten, dass der Schutz der Umwelt zu einer der zentralen Herausforderungen unserer Gesellschaft geworden ist. Wir sind gefordert, schädliche Auswirkungen von Produktion und Verbrauch zu verringern, vorhandene Ressourcen sinnvoller einzusetzen und die Nutzung erneuerbarer Energien auszubauen. Dieser ökologische Wandel wird zur Entstehung vieler Arbeitsplätze beitragen. 2016 erzielte die «Green Economy» in der Schweiz einen Umsatz von 49 Milliarden Franken und umfasste 270'000 Arbeitsplätze. Gewisse Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Arbeitsplätze in dieser Branche bereits 2020 auf eine halbe Million ansteigen dürfte. Die «Green Economy» dürfte also eine immer wichtigere Rolle spielen und die Berufswelt grüner machen. Zahlreiche Branchen, etwa das Bauhaupt- und Baunebengewerbe, die Industrie, das Mechaniker- und Transportgewerbe oder die Landwirtschaft, werden nicht umhinkommen, ihre Berufe um ökologische Aspekte zu erweitern, sofern sie dies nicht bereits getan haben. Neben zahlreichen bestehenden Berufen, die angepasst werden müssen, werden eigentliche grüne Berufe entstehen, die sich direkt mit dem Schutz unserer Umwelt beschäftigen. Dazu gehören etwa Fachpersonen für erneuerbare Energien, für umweltfreundliche Produktionsmethoden (zum Beispiel durch Recycling), für die Sanierung von belasteten Standorten oder für die Bereitstellung von qualitativ einwandfreiem Trinkwasser in ausreichender Menge, was wohl zu den grössten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gehören wird.

Berufe für das Wohlbefinden

Ein weiteres Phänomen, das bestehende Berufe beeinflussen und neue Berufe entstehen lassen wird, wird im Gegensatz zur Ökologie zwar selten als Megatrend bezeichnet, ist jedoch in unserem Alltag allgegenwärtig: das Streben nach persönlichem Wohlbefinden, nach körperlicher Fitness, gesunder und ausgewogener Ernährung, Stressbewältigung und einem gepflegten Äusseren. Am Anfang steht der Körperkult: 2018 gab es in der Schweiz 1200 Fitnesscenter, die zusammen einen Umsatz von nahezu einer Milliarde Franken erzielten. Hinzu kommt die ständig wachsende Zahl an Wellnesseinrichtungen wie Spas, Thermalbädern, Kosmetik- und Massagestudios usw. Fachpersonen, die zu unserem Wohlbefinden beitragen, beispielsweise Sporttrainer oder Fachleute Bewegungs- und Gesundheitsförderung EFZ, sind heute sehr gefragt und haben beste Zukunftsaussichten. Nicht nur körperliche Betätigung trägt zum Wohlbefinden bei, sondern auch die Ernährung. Die Entwicklung der biologischen Landwirtschaft ist ein guter Indikator für die Bedeutung dieses Aspekts. Weltweit werden in der Biolandwirtschaft bis 2050 zwischen 362 und 630 Millionen Arbeitsplätze entstehen. Die Ernährungsgewohnheiten werden vielfältiger und individueller. Es braucht Fachleute, um neue Lebensmittel zu entwickeln und zu produzieren. Wer weiss, vielleicht wird die berufliche Grundbildung Köchin/Koch EFZ bald um den Unterrichtsbereich «Zubereitung und Nährstoffgehalt von Insekten» erweitert.

Berufe für die Begleitung Älterer

Im Jahr 2014 kamen in der Schweiz auf 100 Erwerbspersonen 33 Personen über 65 Jahre. Bis 2045 soll diese Zahl auf 55 steigen. Diese Entwicklung ist das Resultat unserer hohen Lebenserwartung und der Alterung der Bevölkerung. Die Betreuung von Betagten, die Unterstützung von älteren Personen in ihrem Zuhause sowie die Aufrechterhaltung der körperlichen und kognitiven Fähigkeiten von Senioren wird zu einem stetigen Wachstum der Arbeitsplätze im Gesundheits- und Sozialwesen führen. Hier braucht es viele Fachpersonen, die nicht durch Roboter ersetzt werden können. Im Bereich Gesundheit und Soziales im weiteren Sinne wurden von 2008 bis 2016 in der Schweiz 150'000 Arbeitsplätze geschaffen. Viele verschiedene Berufe werden sich mit der Aufrechterhaltung der Fähigkeiten im Alter beschäftigen, sei es in der Medizin, Biologie, Chemie, Psychologie oder Soziologie. Zudem wirft der technologische Fortschritt im Pflegebereich neue ethische Fragen auf, denen sich Pflegeteams mit der Hilfe von spezialisierten Fachpersonen stellen müssen. Ein Trend, der im Zusammenhang mit der alternden Bevölkerung weniger häufig erwähnt wird, ist die «Silver Economy», die alle speziell für Senioren entwickelten Waren und Dienstleistungen umfasst. Diese Entwicklung wird zahlreiche Berufe in verschiedenen Branchen wie Freizeit, Sport, Ernährung und Verkehr beeinflussen. Für die Schweiz gibt es noch keine Zahlen zur Auswirkung dieses Trends auf die Wirtschaft, aber in Frankreich sind dadurch im Jahr 2017 rund 160'000 neue Stellen entstanden.

Berufe im hochwertigen Handwerk

Der berufliche Wandel hängt auch stark mit dem zu erwartenden Aufwärtstrend im Bereich Qualitätsarbeit zusammen. Gemeint ist damit die qualitativ hochstehende und fachlich exzellente Ausführung von Aufgaben, aber auch die sehr aktuelle Forderung nach Kreativität und Innovation. Qualitätsarbeit umfasst hochwertiges Handwerk im weitesten Sinne und entspricht dem immer stärkeren Bedürfnis der Konsumentinnen und Konsumenten nach originellen und einzigartigen Produkten, die ihre Persönlichkeit unterstreichen. Der Trend zu Einheits-, Billig- und Fertigprodukten kehrt sich langsam um: Massarbeit ist wieder stärker gefragt. Hochwertiges Handwerk ist die perfekte Antwort auf diese neuen Bedürfnisse, die sich parallel zu den neuen Technologien entwickeln werden. Der Erhalt von Berufen wie Sattlerin, Leder- und Textilfachmann, Vergolderin oder Edelsteinfasser ist eine ebenso wichtige Herausforderung wie die Anpassung der Berufswelt an die Digitalisierung.

Links und Literaturhinweise

Évéquoz, G. (2019): La carrière professionnelle 4.0 – Tendances et opportunités. Genève, Éditions Slatkine.

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