Ausgabe 06 | 2019

ARBEITSMARKT

Stellenmeldepflicht

Jetzt wird die Latte höher gelegt

Ab nächstem Jahr sind offene Stellen in Berufsarten mit einer Arbeitslosigkeit von mindestens fünf Prozent zuerst bei den RAV zu melden. Die Kantone blicken dieser Senkung der Schwelle gelassen entgegen, denn die Prozesse zur Bewältigung der Stellenmeldepflicht haben sich bewährt.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Seit dem 1. Juli 2018 müssen Arbeitgeber offene Stellen in Berufsarten mit einer Arbeitslosigkeit von mindestens acht Prozent den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) melden – sei es über das Portal arbeit.swiss, telefonisch oder persönlich. Für diese gemeldeten Stellen gilt ein Publikationsverbot von fünf Arbeitstagen, was den bei einem RAV gemeldeten Stellensuchenden und ihren Beratungspersonen einen Informationsvorsprung einräumt. Diese Stellenmeldepflicht ist die gesetzliche Antwort des Bundesparlaments auf die von der Stimmbevölkerung am 9. Februar 2014 angenommene Masseneinwanderungsinitiative. Diese hatte mit Höchstzahlen und Kontingenten allerdings Instrumente ganz anderen Kalibers vorgesehen. Die Stellenmeldepflicht funktioniert in technischer Hinsicht; sie hat zu einer starken Erhöhung der bei den RAV gemeldeten, offenen Stellen geführt: Von August 2018 bis Juli 2019 waren per Monatsende im Mittel rund 35'000 offene Stellen gemeldet, im Jahr zuvor waren es im Mittel nur etwa 13'000 gewesen. Zahlenmässig besonders stark ins Gewicht gefallen sind die Berufsarten «Küchenpersonal», «Servicepersonal» und «Arbeitskräfte mit nicht näher bestimmbarer manueller Berufstätigkeit».

Gastronomie: «Bürokratiemonster»

Nach Einschätzung von GastroSuisse bestehen bei der Umsetzung allerdings deutliche regionale Unterschiede. Präsident Casimir Platzer moniert, dass die Prozesse dringend automatisiert und damit beschleunigt werden müssten (zum Beispiel durch automatisches Matching). Die Wartezeit von fünf RAV-Arbeitstagen sollte nicht angewendet werden, wenn keine passenden Dossiers beziehungsweise Kandidatinnen oder Kandidaten vorhanden sind. Und dass Stellen für Saisonniers, die in der nächsten Saison wieder die gleiche Stelle antreten, gemeldet werden müssen, sei ein Leerlauf. Platzer: «Auch wenn die Abläufe inzwischen besser funktionieren, ist die RAV-Stellenmeldepflicht noch immer ein Bürokratiemonster ohne entscheidende Wirkung.» Zur Frage der Wirkung der Stellenmeldepflicht gibt es tatsächlich noch keine belastbaren Erkenntnisse. Das SECO verweist darauf, dass diese Wirkungsmessung nicht Teil des jährlichen Monitorings bilde, sondern erst in einem separaten Bericht Ende 2020 erörtert werde. Dass die Wirkungsmessung methodisch hohe Anforderungen stellt und eine längere Laufzeit voraussetzt, ist offensichtlich. So ist die Einwanderung seit der Abstimmung von 2014 auch ohne Stellenmeldepflicht schon deutlich gesunken, vor allem aufgrund der Verschlechterung der Wirtschaftslage ab 2015 im Vergleich zum Ausland, namentlich wegen des Frankeschocks.

Zürich: Positive Bilanz

Trotzdem hat vor wenigen Monaten der Kanton Zürich eine erste Annäherung an die Frage der Wirkung gewagt und eine positive Bilanz der Stellenmeldepflicht gezogen. So hätten die Arbeitgeber weit mehr offene Stellen gemeldet als erwartet. Die Behörden hätten ursprünglich für die erste Phase von August 2018 bis Juli 2019 mit etwa 55'000 Pflichtmeldungen gerechnet; tatsächlich aber waren es grob geschätzte 200'000. Zudem habe die Stellenmeldepflicht zu einer «substanziell höheren Vermittlungsleistung der öffentlichen Arbeitsvermittlung» geführt. Von Juli 2018 bis Juli 2019 erhielt der Kanton laut eigenen Angaben etwa 24'000 Pflichtmeldungen. Rund 3500 der von den Behörden vorgeschlagenen Kandidatinnen und Kandidaten hätten eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhalten, etwa 1500 seien angestellt worden. Trotz diesen positiven Erkenntnissen stösst die Stellenmeldepflicht bei vielen Firmen auf wenig Gegenliebe. Gemäss einer Umfrage, die das Institut GFS-Zürich im Auftrag des Verbands der Schweizer Personaldienstleister (Swissstaffing) und des Gewerbeverbands bei 650 Betrieben durchgeführt hat, sieht sich jedes vierte Unternehmen durch die Stellenmeldepflicht bei der Rekrutierung stark eingeschränkt. Der Anteil der Firmen, die zugleich eine administrative Mehrbelastung beklagen, liegt gar bei 39 Prozent.

Links und Literaturhinweise

SECO (2019): Vollzugsmonitoring Stellenmeldepflicht. Bern.

Kasten

In 2,4 Prozent erfolgreich

Im ersten Jahr nach Inkrafttreten der Stellenmeldepflicht sind rund 200'000 meldepflichtige Stellen bei der öffentlichen Arbeitsvermittlung (öAV) gemeldet worden. Dies zeigt der erste Monitoringbericht des SECO zur Stellenmeldepflicht. Die RAV haben bei fast 55 Prozent der Meldungen mindestens ein Dossier übermittelt, 4800 (2,4%) führten zu einer Anstellung – eine «magere» Bilanz, so die NZZ. Die Analyse der Login-Nutzung zeigt, dass sich von den Stellensuchenden, die mindestens in einer der meldepflichtigen Berufsarten eine Stelle suchen, nur ein Viertel für den Zugang zum geschützten Bereich registriert hat. Die selbstständige Stellensuche könne noch weiter gefördert werden, so die Evaluation.

Kommentar

«Alltäglich geworden»

Isabelle Wyss, Sektionsleiterin Arbeitsmarktliche Integration des Kantons Aargau

(Bild: zvg)

«Ab 2020 wird der Schwellenwert der Stellenmeldepflicht auf fünf Prozent Arbeitslosigkeit gesenkt. Vor zwei Jahren, bei der Einführung der Stellenmeldepflicht, ging das SECO noch davon aus, dass sich die Zahl der meldepflichtigen Stellen mit dem tieferen Schwellenwert verdreifachen würde. Wir fragten uns damals: Schaffen wir das? Heute wissen wir: Ja, wir schaffen das. Zwei Gründe geben den Ausschlag: Zum einen wird die Zahl der ab 1. Januar 2020 betroffenen Berufsarten durch die Anpassungen der Berufsnomenklatur CH-ISCO-08 geringer ausfallen als erwartet – und damit auch die Zahl der zu meldenden Stellen. Mit der Stellenmeldepflicht hat sich die Zahl der in unseren sieben RAV gemeldeten Stellen seit Juli 2018 ungefähr verdoppelt, von etwa 600 auf 1200 pro Monat. Nun rechnen wir mit einer weiteren Erhöhung um 50 Prozent auf 1800. Zum anderen ist die Arbeitslosigkeit derzeit gering, im Kanton Aargau 2,3 Prozent (August 2019). Ich sehe darum wenig Anlass, zusätzliches Beratungspersonal anzustellen. Zur Bewältigung der Stellenmeldepflicht mussten wir bisher Personal im Umfang von sieben Vollzeitäquivalenten (FTE) einsetzen. Aufgrund der rückläufigen Arbeitslosigkeit konnten wir diesen Bedarf teilweise durch interne Stellenverlagerungen (ohne Einschränkungen an den übrigen Dienstleistungen) bewältigen. Ab 2020 dürften wir weitere 2,7 FTE benötigen. Die Abläufe sind eingespielt und haben sich bewährt. Zur Wirkung der Stellenmeldepflicht kann und möchte ich mich nicht äussern. Wir vollziehen politische Entscheide. Positiv hervorheben möchte ich aber, dass der Stellenmarkt durch die Massnahme ein wenig transparenter geworden ist. Zudem hat der Vollzug durch die nun zur Verfügung stehenden digitalen Instrumente stark an Dynamik gewonnen. Schliesslich konnten wir viele gute Arbeitgeberbeziehungen weiter verbessern und manche neuen Kontakte gewinnen. Ihnen stehen aber jene Betriebe gegenüber, die die Stellenmeldepflicht bürokratisch finden oder ganz ablehnen. So kommt rund ein Drittel ihrer Verpflichtung nicht nach, uns zu melden, wie sie mit den von uns genannten Dossiers umgegangen sind. Das aber wären für uns wichtige Rückmeldungen. Zudem wissen viele Firmen immer noch nicht, dass sie eine Stelle melden müssten, besonders in der Gastrobranche. Die Stellenmeldepflicht ist für uns alltäglich geworden. Klar ist, dass sie für die Arbeitgeber zusätzlichen Aufwand bedeutet. Aber die meisten haben sich gut damit arrangiert.»

Kommentar

«Ein wichtiger Impulsgeber»

Hugues Sautière, Leiter der Abteilung Arbeitslosigkeit, Amt für den Arbeitsmarkt des Kantons Freiburg

(Bild:zvg)

«Wir haben den Vorteil, dass wir bereits 2009 eine Vermittlungszentrale als Bindeglied zwischen den RAV und den Unternehmen eingerichtet haben. Mit der Stellenmeldepflicht hat sich die Zahl der gemeldeten Stellen fast verdreifacht. Um diese Zunahme ohne zusätzliche Mittel bewältigen zu können, mussten wir unsere Arbeit neu organisieren. Das Pflichtenheft der RAV hat sich deutlich hin zu administrativen Aufgaben verlagert. Die Vermittlungszentrale, welche die Stellenmeldungen entgegennimmt, überprüft und vermittelt, wurde um drei Mitarbeitende erweitert. Mit der Meldepflicht ist das Prioritätenmanagement heikler geworden. Dafür hat der direkte Kontakt zu den Arbeitgebern abgenommen, was die Motivation unserer Kontaktpersonen für Unternehmen gefährden könnte. Wir haben deshalb einige Abläufe geändert, etwa bei der Kontaktaufnahme und bei der Auswahl der Bewerbungsdossiers. Heute werden die passenden Kandidatinnen und Kandidaten von den Kontaktpersonen für Unternehmen und den Personalberatern und -beraterinnen gemeinsam ausgewählt und den Unternehmen unterbreitet. Die Arbeitgeber zeigen sich mit diesem Vorgehen zufrieden, ausser wenn es für ihre Stellen keine geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten gibt, sie aber trotzdem fünf Tage warten müssen. Die Situation hat sich in mehrfacher Hinsicht verbessert: Der Arbeitsmarkt ist transparenter geworden, vor allem die verfügbaren Stellen und die HR-Aktivitäten der Unternehmen sind besser sichtbar. Zudem ist die Zusammenarbeit mit den Firmen systematischer geworden. Die Meldepflicht war ein wichtiger Impulsgeber.So wurden etwa neue Instrumente für das kompetenzbasierte Matching von Kandidaten- und Stellenprofilen eingeführt. Die neue Berufsnomenklatur, die im Januar 2020 in Kraft tritt, ist ein weiterer grosser Schritt vorwärts. Diese Anpassung, die von den Kantonen seit zehn Jahren gefordert wird, dürfte das Matching deutlich erleichtern. Ich kann dem SECO zu der geleisteten Arbeit und Unterstützung nur gratulieren. Die Senkung des Schwellenwerts auf fünf Prozent bringt zusätzliche Herausforderungen mit sich. Um diese zu meistern, müssen wir die Funktion der Vermittlungszentrale ohne zusätzliche Mittel konsolidieren. Gleichzeitig gilt es, sich auf die Einführung weiterer Online-Dienste vorzubereiten, etwa auf die Möglichkeit, Lebensläufe, Nachweise der persönlichen Arbeitsbemühungen und AVP-Formulare über die Plattform arbeit.swiss elektronisch einzureichen. Diese Dienste bringen uns wertvolle Zeiteinsparungen.»

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