Ausgabe 06 | 2019

BERUFSBILDUNG

Integrationsvorlehre für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene

Start ins Pilotprogramm gelungen

Mit der Integrationsvorlehre wurde ein neues Brückenangebot geschaffen, das es Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen ermöglicht, sich zielgerichtet auf eine berufliche Grundbildung vorzubereiten. Eine erste Evaluation zieht eine positive Bilanz.

Von Barbara Stalder und Marie-Theres Schönbächler, PHBern

Im August 2018 startete der erste Ausbildungsjahrgang der Integrationsvorlehre in 18 Kantonen. Rund 700 Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene im Alter zwischen 16 und 35 wurden in die Integrationsvorlehre aufgenommen. Die Integrationsvorlehre soll ausbildungswilligen und -fähigen jungen Personen die Chance bieten, ihr Potenzial zu nutzen, sich in einem Jahr auf eine berufliche Grundbildung vorzubereiten und sich nachhaltig in den Arbeitsmarkt und in die Schweizer Gesellschaft zu integrieren. Gleichzeitig soll sie als ergänzender «Rekrutierungskanal» für die Betriebe dienen. Die PHBern wurde vom Staatssekretariat für Migration (SEM) beauftragt, die Umsetzung und Wirkung der Integrationsvorlehre (INVOL) zu evaluieren. Das Evaluationsteam hat im Frühsommer 2019 die INVOL-Teilnehmenden, die schulischen und betrieblichen Ausbildenden und die Kantonsverantwortlichen befragt sowie kantonale Statistiken ausgewertet.

Nationale Eckwerte, kantonale Umsetzung

Der Bund hat in Zusammenarbeit mit den Programmpartnern (Kantonen und Wirtschaft) Eckwerte zur INVOL festgelegt, die den Kantonen bei der Programmeingabe als Vorgaben oder Empfehlungen dienten. Kernstück ist die berufsfeldbezogene Vorbereitung auf eine berufliche Grundbildung mit praktischen und schulischen Ausbildungsteilen sowie eine intensive und auf das Berufsfeld und die Arbeitswelt ausgerichtete Sprachförderung. Ein grosses Gewicht hat auch die Vermittlung von Schweizer Normen und Werten (kulturelle Kompetenzen). Das SEM hat zudem empfohlen, die INVOL in Berufsfeldern mit Fachkräftebedarf anzubieten, damit gute Chancen bestehen, dass Betriebe Ausbildungsplätze anbieten. Von den Organisationen der Arbeitswelt oder vergleichbaren Organisationen entwickelte Kompetenzprofile bieten Orientierung für die angestrebten berufsfeldspezifischen, schulischen und überfachlichen Kompetenzen. Der Zugang zur Integrationsvorlehre erfolgt auf der Grundlage einer Potenzialabklärung unter Berücksichtigung des Sprachstands, der schulischen und beruflichen Ausbildung oder Erfahrung und der Ausbildungsmotivation. Lernende und Betriebe werden im Verlauf der Integrationsvorlehre begleitet und unterstützt – sei es durch Lehrpersonen, externe Coaches oder kantonale Anlaufstellen. Die Kantone haben im Rahmen der vom SEM vorgegebenen Eckwerte eigene Modelle entwickelt und die INVOL so umgesetzt, dass sie in die kantonale Bildungslandschaft passt. Die Kantone legen unter anderem fest, in welchen Berufsfeldern sie die INVOL anbieten und wie sie diese definieren. In den meisten Kantonen wird die INVOL als duales oder triales Modell angeboten – analog zur zweijährigen beruflichen Grundbildung mit drei Tagen im Betrieb und zwei Tagen in der Berufsfachschule. In einigen Kantonen oder Branchen wird die Ausbildung auch blockweise organisiert. Der Unterricht findet in der Regel in berufsfeldspezifischen oder gemischten Klassen statt. Die befragten Lehrpersonen sehen in beiden Formen Vorteile. Berufsfeldspezifische Klassen erlauben es, den Unterricht gezielter auf zukünftige berufliche Tätigkeiten auszurichten. Gemischte Klassen würden es den Teilnehmenden ermöglichen, auch andere Berufsfelder kennenzulernen und zu prüfen, ob ihnen die gewählte Berufsrichtung entspricht. In kleineren Kantonen ist es aus organisatorischen Gründen teilweise nicht möglich, berufsspezifische Klassen zu führen. Wie dem auch sei: Die kulturelle Vielfalt, die heterogenen Lernvoraussetzungen und der unterschiedliche Sprachstand der Teilnehmenden sind aus Sicht der Lehrpersonen deutlich grössere Herausforderungen und erfordern in beiden Fällen einen individualisierten Unterricht.

Sprachkompetenzen, Abbrüche und Anschlüsse

Für die Aufnahme in die INVOL wird unter anderem vorausgesetzt, dass der mündliche Sprachstand auf mindestens Niveau A2, der schriftliche auf Niveau A1 bis A2 liegt. Die kantonalen Daten zeigen, dass die Aufnahmebedingungen gut erfüllt wurden. Knapp zwei Drittel der INVOL-Lernenden erreichten vor Eintritt in die INVOL Niveau A2, etwa ein Viertel Niveau B1. Nur wenige Lernende wurden trotz geringeren Sprachkompetenzen zugelassen. Die Lernenden erzielten im Verlauf der INVOL signifikante Fortschritte. Das erstrebte Sprachniveau beim Abschluss der INVOL – es sollte gemäss Empfehlung des Bundes mündlich bei B1 bis B2 liegen – konnten zwei Drittel erreichen. Rund ein Viertel der Teilnehmenden hat die INVOL vorzeitig verlassen. Die Abbruchquote liegt damit in einem ähnlichen Bereich wie diejenige der vorzeitigen Lehrvertragsauflösungen von Lernenden der beruflichen Grundbildung mit ausländischer Staatsangehörigkeit, die im Ausland geboren sind. Die Gründe für den Abbruch der INVOL sind vielfältig. Zuvorderst stehen aus Sicht der betrieblichen und schulischen Ausbildenden mangelhafte Sprachkompetenzen, das fehlende Interesse am gewählten Berufsfeld, die Notwendigkeit und der Wunsch, eine bezahlte Arbeit aufzunehmen, sowie gesundheitliche Gründe. Das Ziel, nach dem INVOL-Jahr in eine berufliche Grundbildung einzutreten, ist anspruchsvoll. Umso erfreulicher ist es, dass laut Kantonsrückmeldungen rund drei Viertel der Teilnehmenden nach der INVOL eine EBA- oder EFZ-Lehrstelle gefunden haben. Ein Teil der INVOL-Teilnehmenden konnte sich die Lehrstelle erst in den Sommermonaten sichern. Wie die Teilnehmenden berichteten, hatte Anfang Juni 2019 knapp die Hälfte einen Lehrvertrag unterschrieben. Ein Fünftel hatte zu diesem Zeitpunkt einen Vertrag in Aussicht, und jeder Zehnte war noch auf Lehrstellensuche. Ein paar wenige planten, eine Arbeitsstelle anzutreten oder ein weiteres Brückenangebot zu absolvieren. Etwa ein Siebtel wusste noch nicht, was sie nach der INVOL machen werden.

Positive erste Bilanz

Insgesamt ziehen die Lernenden eine positive Bilanz. Die meisten von ihnen waren sehr zufrieden mit der schulischen und betrieblichen Ausbildung und mit der INVOL insgesamt. Sie hätten viel gelernt und seien sehr gut unterstützt worden. Nur wenige äusserten sich kritisch oder negativ. Auch aus Sicht der betrieblichen Ausbildenden ist das erste INVOL-Jahr mehrheitlich zufriedenstellend verlaufen. Dies betrifft die organisatorischen und administrativen Abläufe, die Informationen und Unterstützung, die die Ausbildenden vor und während der INVOL erhalten hatten, und den Austausch mit den Berufsfachschulen. Etwas weniger zufrieden waren die Ausbildenden mit der externen Begleitung der Lernenden und insbesondere mit dem Austausch mit anderen Betrieben, die INVOL-Lernende ausbilden. Letzterer hätte, so fügen einige der Befragten an, kaum stattgefunden, wäre aber sehr hilfreich gewesen. Rund die Hälfte der Ausbildenden formuliert Vorschläge, wie die INVOL aufgrund ihrer Erfahrung im ersten Jahr noch optimiert werden könnte. Diese betreffen sehr unterschiedliche Teilaspekte der INVOL und deren Umsetzung in den Kantonen. Oft genannt werden die Sprachkompetenzen der Teilnehmenden. Einige Ausbildende wünschen eine verstärkte Sprachförderung bereits vor der INVOL, andere betonen, dass es vordringlich sei, diese während der INVOL zu intensivieren, und wieder andere regen an, Lernfortschritte im Betrieb und in der Schule verbindlicher einzufordern. Ohne Grundkompetenzen sei es schlicht nicht möglich, den hohen Anforderungen des Kompetenzprofils in einem Jahr gerecht zu werden. Ein zweiter Punkt betrifft die Kooperation mit und unter den Kantonen, den Schulen und Betrieben sowie die Begleitung der Lernenden. Es sei wichtig, dass die administrativen Abläufe schlank bleiben, dass die Ansprechpartner und Schnittstellen klar definiert seien und eine konstante und kompetente Begleitung der Lernenden garantiert sei. Die Integrationsvorlehre könne ihr Ziel – die nachhaltige Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen – nur dann erreichen, wenn die kantonalen Stellen, Schulen und Betriebe gut zusammenarbeiten. In den kommenden drei Jahren wird die PHBern die Gelingensbedingungen für den erfolgreichen Übertritt in eine berufliche Grundbildung genauer untersuchen. Neben den Sprachkompetenzen und weiteren Lernvoraussetzungen der Teilnehmenden soll unter anderem auch geprüft werden, welche Rolle die Lernbedingungen im Betrieb und in der Schule, der Lerntransfer und die Begleitung der Lernenden spielen. Da das Pilotprogramm INVOL vielversprechend angelaufen ist, hat der Bundesrat bereits Mitte Mai 2019 entschieden, es um zwei Jahre bis ins Ausbildungsjahr 2023/2024 zu verlängern und die INVOL auf Jugendliche und junge Erwachsene ausserhalb des Asylbereichs auszuweiten. Im Fokus stehen Personen aus EU-, EFTA- und Drittstaaten im Familiennachzug, die noch keinen Abschluss auf der Sekundarstufe II haben und einen ähnlichen Ausbildungsbedarf wie Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene aufweisen.

Links und Literaturhinweise

www.sem.admin.ch/invol

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