Ausgabe 06 | 2019

BERUFSBILDUNG

Analyse

Berufsbildungsforschung in der Schweiz

Zwei Drittel der Jugendlichen entscheiden sich für eine Berufslehre. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es um die Berufsbildungsforschung in der Schweiz steht. PANORAMA hat sich in diesem Feld umgehört.

Von Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Die Berufsbildungsforschung ist äusserst heterogen und breit gestreut, was nicht zuletzt mit ihrem interdisziplinären Charakter zu tun hat. Die Berufsbildung (BB) ist also keine eigene wissenschaftliche Forschungsdisziplin, vielmehr erstrecken sich die Forschungsarbeiten auf eine Vielzahl von Bereichen wie Bildungswissenschaften, Pädagogik, Psychologie, Wirtschaft, Soziologie, Politikwissenschaften, Geschichte oder Informatik. Laut Nadia Lamamra, Professorin am EHB, bildet die BB je nach Situation einen ganzen Forschungsbereich, einen Forschungsgegenstand oder einen Analysekontext. Der Bund fördert die Berufsbildungsforschung mithilfe von zwei Instrumenten: Leading Houses (LH) und Einzelprojekten. LH sind Kompetenznetzwerke, die mit einem oder mehreren Lehrstühlen an Schweizer Hochschulen verbunden sind und Forschungsprojekte zu einem bestimmten Schwerpunkt durchführen. Einzelprojekte befassen sich mit innovativen Aspekten, die nicht von einem LH behandelt werden. Gegenwärtig gibt es drei LH, die zur nachhaltigen Entwicklung der Schweizer Berufs-bildungsforschung beitragen. Sie sind Hochschulen angegliedert und widmen sich den Themen Berufsbildungsökonomie, Technologien für die Berufsbildung und Governance in der Berufsbildung (sbfi.admin.ch/leading-houses). Berufsbildungsforschung wird aber nicht nur an den LH betrieben, sondern unter anderm auch in folgenden Institutionen: am Lehrstuhl für Berufsbildung von Prof. Dr. Philipp Gonon, der dem Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich (UZH) angegliedert ist und der einzige seiner Art in der Schweiz ist; an der Forschungsstelle für Bildungsökonomie der Universität Bern unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan C. Wolter; in der Sparte Forschung & Entwicklung des EHB unter der Leitung von Prof. Dr. Carmen Baumeler; an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich unter der Leitung von Dr. Ursula Renold. Die Schweizerische Gesellschaft für Angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB) organisiert unter anderem Tagungen, um eine Verknüpfung zwischen der angewandten Berufsbildungsforschung und der Praxis zu schaffen. Weitere Institutionen auf dem Gebiet der Berufsbildungsforschung sind die PH und die FH. Zudem unterstützt der Schweizerische Nationalfonds (SNF) Einzelprojekte, die sich mit der Berufsbildung befassen.

Veröffentlichung der Ergebnisse

Die Ergebnisse der Berufsbildungsforschung werden über unterschiedliche Kanäle veröffentlicht. Stefan C. Wolter nennt zwei traditionelle wissenschaftliche Publikationswege. Es sind dies einzeldisziplinäre Fachzeitschriften wie die «Schweizerische Zeitschrift für Soziologie», eine Publikation mit Peer Review, sowie multidisziplinäre Fachzeitschriften, die sich spezifisch mit dem Thema Berufsbildung befassen, wie «Empirical Research in Vocational Education and Trainig» (ERVET). «Aufgrund der Berufungsverfahren für Hochschulprofessuren neigen alle Forschenden dazu, zuerst in Fachzeitschriften ihrer Disziplin zu publizieren, bevor sie ihre Resultate in themenspezifischen Fachzeitschriften veröffentlichen», erklärt Wolter. «Mit wenigen Ausnahmen wie etwa ‹ERVET› kann man also sagen, dass die besten Forschungsarbeiten im Bereich der Berufsbildung in aller Regel nicht in multidisziplinären Zeitschriften publiziert werden.» Neben diesen beiden Publikationstypen gibt es auch Publikationen für Berufsbildungsverantwortliche aus der Praxis. Dazu gehören «PANORAMA», «skilled» (EHB) und der Newsletter der SGAB. Auch Zeitschriften, die sich eigentlich anderen Themen wie Gesundheit oder Gender verschrieben haben, widmen der Berufsbildung mitunter eine Spezialausgabe. Ein weiterer traditioneller Kanal für die Verbreitung der Resultate der Berufsbildungsforschung sind Bücher. Veröffentlicht werden die Resultate überdies auf den Websites von Forschungsinstitutionen sowie an Konferenzen und Kongressen. Auch im Bildungsbericht Schweiz, der alle vier Jahre von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Berufsbildungsforschung herausgegeben wird, werden Forschungsergebnisse veröffentlicht. Und nicht zuletzt erscheinen in der herkömmlichen Presse hin und wieder Berichte zum Thema.

Viele unerforschte Bereiche

Zahlreiche Aspekte der BB, wie etwa die didaktischen Herausforderungen, die Geschichte der BB, der Wechsel zwischen den drei Lernorten, Kosten und Nutzen der BB oder Lehrabbrüche waren bereits Gegenstand von Forschungsarbeiten. Dennoch gibt es noch ein breites Spektrum an unerforschten Themen. Laut Nadia Lamamra erklärt sich das mit der Tatsache, dass es sich um ein noch junges Forschungsfeld handelt und nur wenige Daten vorliegen, etwa zu den Lehrbetrieben. «Obwohl die Lehrbetriebe im Zentrum des dualen Systems stehen, sind sie in der Berufsbildungsforschung noch häufig ein blinder Fleck», so Lamamra. Für Jürg Schweri, Co-Leiter eines Forschungsschwerpunkts am EHB, müssten die Vor- und Nachteile der verschiedenen beruflichen und allgemeinbildenden Bildungswege für unterschiedliche Personengruppen genauer erforscht werden, und gemäss Lorenzo Bonoli, Senior Researcher am EHB, mangelt es an Vergleichen zwischen den Praktiken in den verschiedenen Branchen oder Kantonen. Bonoli würde überdies eine Berufsbildungsstudie nach dem Vorbild von TREE begrüssen. Auch die Auswirkungen der Berufsberatung auf die Berufswahl und das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Lehrstellenmarkt wären eine vertiefte Unter-suchung wert. Ein weiteres Thema, die Governance in der Berufsbildung, wird gegenwärtig im Rahmen der Strategie «Berufsbildung 2030» von den betroffenen Partnern diskutiert, die Forschungsarbeiten hierzu stecken aber laut Patrick Emmenegger, Professor an der Universität St. Gallen (HSG), noch in den Kinderschuhen.

Mangelnde Kontinuität

Trotz den positiven Entwicklungen in den letzten Jahren stösst die Berufsbildungsforschung immer noch auf Schwierigkeiten. Ausser an der UZH gibt es keine Institutionalisierung der Berufsbildungsforschung in Form eines Lehrstuhls. Laut Patrick Emmenegger ist die Berufsbildungsforschung im Wesentlichen von der Themenwahl der Forschenden aus anderen Disziplinen abhängig. Wenn die Forschenden sich einem anderen Thema zuwenden oder die Forschungsinstitution verlassen, ist das ein Verlust für das Forschungsfeld. Hinzu kommt, dass es sich als schier unmöglich erweist, den Überblick über die Literatur zu behalten, und es an Instrumenten für den Austausch zwischen den Akteuren fehlt. Bei der Finanzierung zeigt sich, dass die Berufsbildungsforschung stärker mit Drittmitteln gefördert wird als mit dem Betriebsbudget der Institutionen. Das schränkt laut Lorenzo Bonoli die Autonomie und Unabhängigkeit der Forschung ein. Damit ein Forschungsprojekt überhaupt mit Finanzmitteln rechnen kann, müssen die Projekte so formuliert sein, dass sie einer Disziplin oder einem gängigen Forschungstrend zugeordnet werden können. Bonoli schätzt zwar die wissenschaftliche Qualität, die sich daraus ergibt, fragt sich aber, wie viel Raum noch bleibt für innovative Ansätze oder für einen kritischen Blick. Umfangreiche Projekte finden gemäss Bonoli selten die nötigen Finanzmittel, und wenn, dann stammen sie meistens vom SNF oder vom SBFI. Die Finanzierung mit Drittmitteln sei meistens auf drei bis vier Jahre begrenzt, was länger dauernde Untersuchungen wie etwa Längsschnittstudien zu den Bildungswegen einer Kohorte, die über zehn bis zwanzig Jahre beobachtet werden müsste, praktisch unmöglich macht. Darunter leide auch die Kontinuität der Forschungsteams: Forschende mit einem befristeten Vertrag haben häufig keine andere Wahl, als nach Ablauf des Projekts aus dem Team auszutreten und eine neue Anstellung zu suchen.

Was noch zu tun wäre

Die vom SBFI geförderte Berufsbildungsforschung wurde 2015 von der Arbeitsgemeinschaft econcept und Philipp Gonon evaluiert. Es wurden fünf Empfehlungen formuliert: 1. Clusterung der Berufsbildungsforschung in Kompetenzzentren an universitären Hochschulen unter Einbezug der FH, PH und des EHB; 2. Nutzung der Ergebnisse für die Weiterentwicklung und Steuerung der BB; 3. Entwicklung der Nachwuchsförderung; 4. Stärkung von Einzelprojekten als komplementäres Förderinstrument; 5. Konsolidierung der Governance-Strukturen. Johannes Mure, Ressortleiter Bildungssteuerung und -forschung beim SBFI, ist der Ansicht, dass zudem die wissenschaftliche Qualität der Berufsbildungsforschung erhalten und ihr internationales Ansehen gestärkt werden muss. Die Erkenntnisse, die sich aus der Berufsbildungsforschung ableiten lassen, müssten ausserhalb des akademischen Felds besser genutzt werden. Und schliesslich müssten interdisziplinäre Projekte, insbesondere die Zusammenführung von wissenschaftlichen Methoden und Resultaten, gefördert werden. Für Lorenzo Bonoli ist klar, dass man um eine Koordination der Forschungsarbeiten aus verschiedenen Forschungsdisziplinen nicht herumkommt. «Wir müssen verhindern, dass es in der Berufsbildung zu einer ‹Ghettoisierung› der Disziplinen kommt, die zur Folge hätte, dass Ökonomen sich nur noch mit Ökonomen, Soziologen nur noch mit Soziologen austauschen.» Auch er sieht in der fehlenden Kontinuität der Forschungsteams ein Problem, das behoben werden muss. Patrick Emmenegger hält es für wichtig, dass die Berufsbildungsforschung an den Hochschulen künftig nicht nur durch die Weiterentwicklung der Leading Houses, sondern auch durch die Schaffung und Finanzierung von Lehrstühlen institutionalisiert wird. Er betont, dass die BB in der stark wettbewerbsorientierten Forschungslandschaft in Konkurrenz mit anderen Themen stehe. Impulse von aussen an die Kantone und die Hochschulen könnten helfen, wie das Beispiel der HSG zeige, wo auf Druck der Industrie- und Handelskammer St. Gallen Appenzell ein Studiengang Informatik geschaffen wurde. Nadia Lamamra ist der Meinung, dass ein stabiles Forschernetzwerk nach dem Vorbild der Fachgesellschaften aufgebaut werden sollte, um die Definition des Forschungsfelds und die Stärkung des Wissensgeflechts der Wissenschaftler auf dem Gebiet weiterzuführen. Auch für Jürg Schweri ist es wichtig, dass die verfügbaren Daten besser genutzt und miteinander verknüpft werden. In diesem Sinne beabsichtigt er, die Kosten-Nutzen-Studie zur BB mit der Bildungsstatistik des Bundesamts für Statistik zu verknüpfen. Für Lamamra darf die Finanzierung der Forschung durch das SBFI, die Kantone und die OdA weder zu einer Vermischung der Rollen führen noch die Forschung zu einem Evaluationsinstrument der Bildungspolitik reduzieren. Berufsbildungsforschung müsse anwendungsorientierte Grundlagenforschung (Use-Inspired Basic Research) sein, nur so könne sie zu einem besseren Verständnis und zur Weiterentwicklung der BB beitragen. Schliesslich solle die Forschungstätigkeit in der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.

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