Ausgabe 06 | 2019

Fokus "Steigende Anforderungen"

SVEB-Studie und -Forderungen

Der Beitrag der Weiterbildung zum Upskilling

Die überwiegende Mehrheit der Erwerbstätigen sind Erwachsene, die ihre Ausbildung längst hinter sich haben. Was sie brauchen, um mit den steigenden Anforderungen am Arbeitsplatz umzugehen, holen sie sich primär in der Weiterbildung.

Von Bernhard Grämiger und Irena Sgier, Direktor und Vizedirektorin des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB)

Dank den Branchenzertifikaten – beispielsweise in der Pflege – können auch Zielgrupppen angesprochen werden, die über das formale Bildungssystem kaum erreicht werden. (Bild: SDBB/Thierry Porchet)

Dank den Branchenzertifikaten – beispielsweise in der Pflege – können auch Zielgrupppen angesprochen werden, die über das formale Bildungssystem kaum erreicht werden. (Bild: SDBB/Thierry Porchet)

Der Arbeitsmarkt steht vor grossen Herausforderungen. Es gibt Prognosen, wonach die Digitalisierung einen massiven Stellenabbau und das Verschwinden ganzer Berufe nach sich ziehen wird. Parallel dazu entstehen neue Berufsfelder mit entsprechenden Stellen und werden Kompetenzen nachgefragt, die in den aktuellen Ausbildungen noch gar nicht berücksichtigt werden. Dies macht sich in den Betrieben bemerkbar: Mehr als die Hälfte aller Unternehmen in der Schweiz bekundet gemäss Bundesamt für Statistik Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt geeignete Fachkräfte zu finden, bei den Grossunternehmen sind es sogar drei Viertel. Zu ähnlichen Schlüssen kommen internationale Analysen. Gemäss einer jährlich von PwC durchgeführten Trendanalyse sehen beispielsweise rund 80 Prozent der CEOs die Schwierigkeit, benötigte Kompetenzen im Betrieb sicherzustellen, als Risikofaktor für ihr Unternehmen. Was die Führungspersonen am meisten befürchten, sind Einbussen bei der Innovationskraft der Unternehmen. Die Lösung sehen sie in erster Linie im Retraining/Upskilling (46%) und erst in zweiter Linie im Rekrutieren neuen Personals (18%).

Zum Stellenwert der Weiterbildung

Schweizer Unternehmen begegnen dem digitalen Wandel bisher nicht mit erhöhten Weiterbildungsinvestitionen und fördern ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin nur sehr selektiv. Dies zeigt der Bildungsbericht 2018. In kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) wird rund ein Drittel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrer Weiterbildung unterstützt, in grossen Unternehmen ist es etwas mehr als die Hälfte. Über 60 Prozent der Erwerbstätigen ohne Berufsabschluss und 40 Prozent der Erwerbstätigen mit Berufsabschluss bilden sich beruflich nicht weiter. Dies sind pro Jahr über eine Million Personen. Für die Schweizer Volkswirtschaft sowie für die Sozialsysteme birgt diese Situation erhebliche Risiken. Berücksichtigt man neben den wechselnden und steigenden Anforderungen auch die demografische Alterung, so wird klar, dass die benötigten Kompetenzen nicht allein über die formale, auf Jugendliche ausgerichtete Berufsbildung sichergestellt werden können. Entsprechend prominent sind Weiterbildung und lebenslanges Lernen in aktuellen Strategien und Visionen platziert, allen voran in der Vision «Berufsbildung 2030». Bisher blieb es allerdings weitgehend bei Absichtserklärungen. Sollen die Strategien Wirkung zeigen, muss ein Perspektivenwechsel erfolgen. Es reicht nicht mehr, in jungen Jahren einen Berufsabschluss zu erlangen und sich dann soweit à jour zu halten, dass man den Anschluss nicht verliert. Gefragt ist heute die Fähigkeit, sich während des ganzen Erwerbslebens in heterogenen, sich rasch verändernden Tätigkeitsfeldern zu bewegen, die sich nicht an vordefinierte Berufsbilder halten.

Durchlässigkeit nimmt weiter zu

Alle ernst zu nehmenden Bildungsprognosen gehen davon aus, dass Flexibilität, Individualisierung und Blended Learning das Lernen der Zukunft entscheidend prägen werden. Zu erwarten ist ausserdem, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen des Bildungssystems durchlässiger werden, wodurch Fragen der Anrechnung und Anerkennung von Lernleistungen an Bedeutung gewinnen. Wenn der oder die Einzelne im Verlauf des Lebens mehrmals den Beruf oder das Tätigkeitsfeld wechseln und sich Kompetenzen für die Transformation der Arbeitwelt aneignen soll, will er oder sie darauf zählen können, dass das Gelernte einen Wert hat. Auch hier ist mit grösseren Veränderungen zu rechnen. Die formalen Abschlüsse der Berufsbildung und der tertiären Bildung dürften vorerst ihren Stellenwert behalten – auch wenn sich die Stimmen mehren, die ein grundlegendes Überdenken fordern. Parallel dazu zeigt sich auf dem Arbeitsmarkt eine starke Tendenz, transversale Kompetenzen – wie Problemlösekompetenz, Sozialkompetenz oder Kreativität – sowie Agilität und individuelle, für spezifische Aufgaben passende Kompetenzprofile stärker zu gewichten als den beruflichen Abschluss. Damit steigen auch die Anforderungen an das Weiterbildungssystem: Es müssen Wege gefunden werden, auf dem Arbeitsmarkt benötigte Kompetenzprofile rasch zu erkennen, geeignete Lernmöglichkeiten zu schaffen und dafür zu sorgen, dass das Gelernte nicht nur in der Praxis ankommt, sondern auch im formalen und non-formalen Bildungssystem anschlussfähig ist.

Branchenzertifikate mit Potenzial

Ein Ansatz, der zwar nicht neu ist, aber geeignet, auf steigende und wechselnde Anforderungen rasch zu reagieren, sind Branchenzertifikate. Die Studie «Anerkennung von Branchenzertifikaten auf dem Arbeitsmarkt» (ABA-Studie) untersucht das Potenzial und die Anerkennung dieser Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt. Die Studie wurde vom Schweizerischen Verband für Weiterbildung (SVEB) mit Unterstützung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) realisiert und basiert auf Fallstudien aus fünf Branchen. Untersucht wurden Abschlüsse mit unterschiedlichsten Profilen: vom niederschwelligen Berufseinstieg über die berufliche Weiterbildung und Spezialisierung bis zur Zusatzqualifikation für den Umstieg in ein neues Berufsfeld oder einen Zweitberuf. Einbezogen wurden die Branchen Gesundheit, Bewegung, Holzbearbeitung, Elektro sowie Weiterbildung. Die Studie zeigt, dass es trotz den grossen Unterschieden eine Reihe branchenübergreifender Erfolgsfaktoren für die Anerkennung von Branchenzertifikaten gibt. Im Hinblick auf Upskilling interessant ist das Potenzial dieser Abschlüsse, die unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Ansprüche von Bildungssystem, Arbeitsmarkt und Individuum unter einen Hut zu bringen und rasch auf Veränderungen zu reagieren. So lässt sich mithilfe dieser Zertifikate ein spezifischer Kompetenzbedarf der Branche relativ rasch, flexibel und auf dem gewünschten Niveau decken, wobei ein gutes Aufwand-Nutzen-Verhältnis erzielt wird.

Vorteil Flexibilität

Als Erfolgsfaktoren erweisen sich gemäss der Studie die grosse Flexibilität, die Praxisnähe und die ausgeprägte Bedarfsorientierung. Hinzu kommt die Möglichkeit, spezifische Merkmale einer Region oder Zielgruppe zu berücksichtigen. Einen formalen Abschluss an veränderte oder standortspezifische Bedürfnisse anzupassen, dauert wesentlich länger und ist in vielen Fällen nur sehr begrenzt möglich. Ein weiteres, im Kontext von Upskilling relevantes Merkmal von Branchenzertifikaten ist die Möglichkeit, die Zugangsbedingungen flexibel zu gestalten. Auf diese Weise können auch Zielgruppen angesprochen werden, die über das formale Bildungssystem kaum erreicht werden. Dazu gehören etwa Quer- und Wiedereinsteiger/innen, Personen ohne formalen Abschluss oder ältere Arbeitnehmer/innen, die beruflich umsteigen wollen. Branchenzertifikate können auch einen Beitrag zur Integration von Zielgruppen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt leisten, beispielsweise im Rahmen arbeitsmarktlicher Massnahmen, in der Sozialhilfe oder bei der Integration von Migrantinnen und Migranten. Die Abschlüsse können zudem eine Brückenfunktion erfüllen, indem sie Erwachsene über niederschwellige Einstiege in einen Bildungsprozess involvieren, der sie anschliessend zu weiteren Qualifikationsmassnahmen motivieren kann. Fazit der Studie ist, dass Branchenzertifikate ein geeignetes Mittel sind, um auf allen Bildungsniveaus ein bedarfsorientiertes, finanzierbares und schnelles Upskilling zu unterstützen. Der Mikrozensus Aus- und Weiterbildung belegt, dass jährlich doppelt so viele Branchenzertifikate erworben werden wie Abschlüsse der höheren Berufsbildung. Es könnte sich also lohnen, das Potenzial dieses Modells im Zusammenhang mit Upskilling systematischer zu untersuchen und zu fördern.

Bildungspolitisches Umdenken

Auf bildungspolitischer Ebene zielen die Anstrengungen, den Fachkräftemangel und die digitale Transformation anzugehen, bisher fast ausschliesslich auf die formale Bildung. Dass strategische Papiere und politische Strategien wie die Vision «Berufsbildung 2030» immer öfter den Begriff des lebenslangen Lernens aufgreifen, ist erfreulich, bleibt aber wirkungslos, solange den Visionen keine Massnahmen folgen. Wie die ABA-Studie exemplarisch zeigt, hat der non-formale Bildungsbereich Lösungsansätze zu bieten, die in Ergänzung zum formalen System einiges zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen beitragen können. Die berufsorientierte Weiterbildung sollte deshalb in der Diskussion zur Weiterentwicklung der Berufsbildung ein angemessenes Gewicht erhalten. Bisher war das nicht der Fall.

Links und Literaturhinweise

Schüepp, Ph., Sgier, I. (2019): Anerkennung von Branchenzertifikaten auf dem Arbeitsmarkt (ABA-Studie). Fallstudien aus fünf Branchen. Zürich, SVEB.

Kasten

Was Branchenzertifikate erfolgreich macht

Die SVEB-Studie nennt verschiedene Erfolgsfaktoren von Branchenzertifikaten. Im Kontext des Arbeitsmarktes sind es die folgenden:
– Es besteht ein Fachkräftebedarf, der sich nicht allein durch die formale Berufsbildung decken lässt.
– Die über das Zertifikat vermittelten Kompetenzen sind für die Betriebe der Branche relevant und von wirtschaftlicher Bedeutung.
– Die Betriebe werden beim Aufbau und bei der Weiterentwicklung des Zertifikats einbezogen.
– Das Zertifikat erweitert die Zielgruppe für eine bestimmte, auf dem Arbeitsmarkt benötigte Qualifikation.
– Das Zertifikat wird an bestehende Regelungen der Branche angebunden.
– Für die Absolventinnen und Absolventen ist klar ersichtlich, welche Perspektiven und Anschlussmöglichkeiten das Zertifikat im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt eröffnet.

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