Ausgabe 01 | 2014

BERUFSBILDUNG

Nachteilsausgleich

Gleiche Chancen für Menschen mit Behinderung

Dank spezifischer Massnahmen lassen sich behinderungsbedingte Nachteile in der Berufsbildung ausgleichen. Ein neuer Bericht zeigt, wie das geht.

Interview: Pierre-Yves Puippe

Projektleiter Fritz Steiner vom Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen: «Mit diesem Hilfsmittel hat die Berufsbildung einen wichtigen Schritt in Richtung Chancengleichheit getan.» (Bild: Pierre-Yves Puippe)

Projektleiter Fritz Steiner vom Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen: «Mit diesem Hilfsmittel hat die Berufsbildung einen wichtigen Schritt in Richtung Chancengleichheit getan.» (Bild: Pierre-Yves Puippe)

PANORAMA: Fritz Steiner, Sie sind Autor und Koordinator des Berichts «Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderung in der Berufsbildung». Wie definieren Sie den Begriff «Nachteilsausgleich»? Fritz Steiner: Beim Nachteilsausgleich geht es darum, die Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung in der Berufsbildung zu gewährleisten. Die Massnahmen sind für Menschen mit Behinderung gedacht, die eine berufliche Grundbildung (EBA oder EFZ) absolvieren. Es geht nicht darum, ihnen eine einfachere Ausbildung oder ein einfacheres Qualifikationsverfahren anzubieten, sondern ihnen die aufgrund ihrer Behinderung notwendigen Hilfsmittel in die Hand zu geben. Die Lernenden sollen in der Berufsbildung nicht aufgrund ihrer Behinderung benachteiligt sein. Ich möchte betonen, dass die kognitiven und fachlichen Anforderungen immer den Anforderungen des gewählten Berufs entsprechen müssen.

Wie sind Sie dazu gekommen, diesen Bericht zu verfassen?
Ich habe ein Berufsbildungszentrum für sehbehinderte Menschen geleitet. So wusste ich, welche Massnahmen sehbehinderten Menschen einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss ermöglichen. Ich habe aber immer wieder beobachtet, dass sowohl Berufsbildner als auch Verantwortliche für die Qualifikationsverfahren ratlos waren, wenn sie mit Behinderungen konfrontiert waren.

Wie sind Sie vorgegangen?
Gemeinsam mit Toni Kleeb, dem Rektor der Berufsschule für Hörgeschädigte in Zürich, habe ich im Namen des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen beim SBFI ein Projektgesuch eingereicht. Die erste Reaktion war verhalten. Das SBFI war der Meinung, dass behinderungsbedingte Probleme Sache der Invalidenversicherung seien. Doch die «Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen» ist im Berufsbildungsgesetz verankert. Das SBFI hat mein Gesuch schliesslich bewilligt und mich aufgefordert, das Projekt auf die ganze Schweiz und auf alle Arten von Behinderungen auszudehnen. Ich habe mit den verschiedenen nationalen Behindertenorganisationen Kontakt aufgenommen und sie um Mithilfe bei der Erarbeitung der einzelnen Kapitel ersucht. Danach habe ich mich ans SDBB gewendet und dort wertvolle Unterstützung erhalten. Es ergab sich auch eine enge Zusammenarbeit mit dem Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik.

Sie haben also ein Netzwerk aller beteiligten Organisationen und Zielgruppen geschmiedet.
Von Beginn weg betrachteten die Beteiligten Ausgleichsmassnahmen als individuelle Lösungen, die je nach Art und Ausmass der Behinderung auf die betroffene Person zugeschnitten werden. Wir haben eine Projektgruppe eingesetzt; ihr gehörten Experten an, die die möglichen Massnahmen für jeden Fall prüften. Der Kontakt zu den beruflichen Kreisen war ebenfalls wichtig. Nur so war es uns möglich, die Behinderung zu verstehen und zu erkennen, welche Ausgleichsmassnahmen überhaupt infrage kommen. Es entstand ein umfassendes Netzwerk aus Behindertenorganisationen, institutionellen Partnern (Schulen, Kantone, SBFI) und Organisationen der Arbeitswelt: Zuerst schlossen sich dem Projekt fünf Behindertenorganisationen an, weitere fünf stiessen später dazu. Jedes Mal waren wir mit anderen Erwartungen und Problemen konfrontiert. Ich glaube, es ist uns trotzdem gelungen, ein Modell zu entwickeln, das sich problemlos auf weitere Arten von Behinderungen ausdehnen lässt.

Können Sie eine konkrete Massnahme zum Nachteilsausgleich nennen?
Kürzlich haben 100 Personen die Prüfung zur Medizinischen Masseurin/zum Medizinischen Masseur mit eidgenössischem Fachausweis abgelegt. Acht Kandidaten brauchten Ausgleichsmassnahmen und für jede einzelne Person musste eine andere Massnahme ergriffen werden. Eine Person erhielt mehr Zeit für die Prüfung, einer anderen wurden die Prüfungsaufgaben in elektronischer Form abgegeben, damit sie sich die Aufgaben von ihrer Software in Blindenschrift übersetzen oder vorlesen lassen konnte. Einer dritten Person reichte als Ausgleichsmassnahme eine spezielle Lampe. Ich mag dieses letzte Beispiel, weil es zeigt, wie wichtig individuelle Massnahmen sind. Jeder Fall ist anders und erfordert eine andere Massnahme.

Wie wurde der Bericht erarbeitet?
Zuerst mussten wir uns ein klares Ziel setzen und den Begriff «Nachteilsausgleich» definieren. Es galt festzulegen, wann und wie jemand Anspruch auf einschlägige Massnahmen hat. Die Glaubwürdigkeit der Ausbildung darf unter den Ausgleichsmassnahmen nicht leiden. Alle Partner – die lernende Person, ein unabhängiger Sachverständiger, der sich mit der Behinderung auskennt, die Berufsbildner und die Lehrpersonen – müssen von Anfang an einbezogen werden. Vor dem Entscheid über Ausgleichsmassnahmen muss ein Gutachten erstellt werden, das aufzeigt, wie die Behinderung die betroffene Person bei der Berufsausübung beeinträchtigt und welche Ausgleichsmassnahmen möglich sind. Anschliessend muss ein Gesuch an die für die Berufsbildung und die Abschlussprüfungen zuständigen kantonalen Stellen gerichtet werden.

Inwiefern ist die Beteiligung aller Partner wichtig?
Jede Situation erfordert eine Absprache zwischen der lernenden Person, den Sachverständigen für die Behinderung und den Berufsbildnern. Ich hatte einmal mit einer kaufmännischen Berufsfachschule zu tun, die eine Anmeldung von einem blinden Lernenden erhielt. Die Lehrpersonen waren besorgt, sie wussten nicht, wie sie den jungen Mann unterrichten und prüfen sollten. Sie fragten sich, ob sie für ihn mehr Zeit würden aufwenden müssen. Es stellte sich auch die Frage, ob die nicht sehbehinderten Mitschüler gegenüber dem blinden Lernenden benachteiligt würden, weil für diesen Schüler eine andere Prüfung vorbereitet werden musste. Die Schulleitung lud mich ein, damit ich die Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs darlegen konnte.

Was haben Sie der Schule gesagt?
Ich habe den Lehrpersonen mehrere Möglichkeiten aufgezeigt:
– Anpassung der Aufgaben, wie etwa eine mündliche Prüfung anstelle einer schriftlichen;
– mündliche Aufträge anstelle von schriftlichen;
– Begleitung durch eine Fachlehrkraft, die die Aufgabenstellungen vorliest und die grafischen Darstellungen erläutert;
– massgeschneiderte Einrichtung der Arbeitsräume. Dank der Präsentation der Massnahmen erkannten die Lehrpersonen, dass sie den blinden Jugendlichen gleich würden beurteilen können wie seine Mitschüler. Dies nahm ihnen rasch ihre Ängste.

Ihr «Bericht» ist sehr praktisch ausgerichtet, enthält viele Ratschläge und Hilfsmittel.
Es ist richtig, dass wir eher Richtlinien formuliert haben und der Bericht eher einem Handbuch gleicht. Theoretischen Aspekten wurde wenig Platz eingeräumt. Dafür zeigen wir auf, mit welchen Massnahmen in der Praxis behinderungsbedingte Nachteile ausgeglichen werden können. Ausserdem enthält der Bericht für jede Art von Behinderung die Koordinaten einer Fachorganisation. So finden Schulen, Lehrbetriebe sowie Berufsbildner Antworten auf ihre Fragen rund um die Betreuung von Jugendlichen mit Behinderung.

Und wie geht’s weiter?
Dieser Bericht ist ein erster Meilenstein. Mit diesem Hilfsmittel hat die Berufsbildung einen wichtigen Schritt Richtung Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung getan. Es ist wichtig, dass wir unsere Informations- und Sensibilisierungskampagnen weiterführen. In einem nächsten Schritt geht es darum, weitere Arten von Behinderungen in diese Kampagnen einzubinden. Auch die Mittelschulen sollten sich nun an die Arbeit machen, um Menschen mit Behinderung den Zugang zu ihren Bildungsgängen zu erleichtern.

Links und Literaturhinweise

SDBB (Hrsg., 2013): Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderung in der Berufsbildung: Bericht. Bern, SDBB Verlag. 

Kasten

Empfehlungen für die Kantone

Der Bericht «Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderung in der Berufsbildung» ist eine Arbeitsgrundlage für Fachpersonen und Fachstellen, die sich mit der Umsetzung von Nachteilsausgleichsmassnahmen im Ausbildungsprozess und bei den Qualifikationsverfahren befassen. Die Publikation enthält u. a. eine Reihe von konkreten Vorschlägen, wie Nachteile für zehn verschiedene Behinderungsformen ausgeglichen werden könnten. Das Buch ist dreisprachig (D/F/I). Im Kaufpreis inbegriffen ist eine Einzellizenz für die Benutzung einer eBook-Version. Dabei handelt es sich um ein barrierefreies PDF für Menschen mit einer Sehbehinderung.
Auf der Grundlage des Berichts und der in den Kantonen bereits durchgeführten Aktionen formuliert die Schweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) zurzeit Empfehlungen für die Kantone. Diese sollen 2014 anlässlich der Generalversammlung der SBBK präsentiert werden.

Kommentare
 
 
 
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Léonie Kaiser | 26. Mär 2014, 13:19

Der Bericht "Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderung in der Berufsbildung" ist ein bedeutsamer Meilenstein. Wichtig ist aber im Weiteren, dass Nachteilsausgleich auch an Hochschulen bzw. Fachhochschulen zu etwas total Normalem wird. Auch Menschen mit auditiven Wahrnehmungsstörungen, Legasthenie, Asperger Syndrom u.v.m. sollen uneingeschränkt in den Genuss von Nachteilsausgleich kommen. Nur so ist der barrierefreie Zugang zum ganzen Bildungsspektrum sichergestellt. Letztendlich profitieren alle davon, wenn Menschen mit Beeinträchtigungen bzw. besonderen Bedürfnissen ihre komparativen Fähigkeiten effektiv nutzen und ihr Potential gewinnbringend - eben für alle - zur Verfügung stellen können und damit der Weg zu einem real existierenden Diversity Management geebnet wird.

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