Ausgabe 06 | 2019

BERUFSBERATUNG

Zukunft der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

«In neuen Bahnen denken»

Der Bund beschliesst die Potenzialabklärung für über 40-Jährige, die EDK bewilligt die Strategie der KBSB, eine Studie beurteilt die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) als zu wenig kundenorientiert: Plötzlich steht die BSLB im Scheinwerferlicht. Daniel Reumiller, Präsident der KBSB, gibt Auskunft.

Interview: Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Daniel Reumiller ist Präsident der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB) und Leiter BIZ Kanton Bern. (Bild: Adrian Moser)

Daniel Reumiller ist Präsident der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB) und Leiter BIZ Kanton Bern. (Bild: Adrian Moser)

PANORAMA: Der Vorstand der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs-und Studienberatung (KBSB) hat fünf strategische Stossrichtungen mit 24 Zielen für die BSLB ausgearbeitet. Die fünf Stossrichtungen wurden im September 2019 durch den EDK-Vorstand angenommen. Welches sind die wichtigsten Inhalte? Daniel Reumiller: Die ersten beiden Stossrichtungen zielen darauf ab, dass bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, also während der gesamten Ausbildungs- und Erwerbsbiografie, systematisch Laufbahngestaltungskompetenzen gefördert werden. Bei den Erwachsenen wird die Kostenpflicht nicht unbedingt abgeschafft, es soll aber zwingend niederschwellige Angebote geben – vor allem für Risikogruppen. Weiter wollen wir das Potenzial digitaler Medien stärker nutzen. In einer weiteren Stossrichtung geht es darum, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Kantone systematisch zusammenarbeiten können. Für die Kommunikation möchten wir ein gemeinsames schweizerisches Label entwickeln, statt unterschiedlich von BIZ, Infotheken oder Berufsberatung zu sprechen. Ein ganz wichtiger Punkt ist zudem, dass die Grundlagen für eine ständige Weiterentwicklung der BSLB gelegt werden, indem zum Beispiel Forschung und Praxis systematischer verknüpft werden.

Wie wird die Strategie umgesetzt?
Die KBSB hat vom EDK-Vorstand den Auftrag erhalten, die Ziele mit den Verbundpartnern und weiteren Anspruchsgruppen zu diskutieren und einen Um- setzungsplan zu erarbeiten. Diese Konsultationsrunde wird im nächsten halben Jahr stattfinden. Die finalisierte Version der Strategie und der Umsetzungsplan kommen nächstes Jahr vor die EDK-Plenarversammlung. Das gesamte Dokument mit allen Zielen soll 2020 verabschiedet werden. Für die Umsetzung werden viele Partner gefordert sein. Es ist eine nationale Strategie im Kontext von «Berufsbildung 2030», die weit darüber hinausgeht, was die kantonalen BSLB tun.

Parallel zur KBSB-Strategie haben die EDK und das SBFI eine Studie zum Entwicklungs- und Koordinationsbedarf der BSLB in Auftrag gegeben. Diese kritisiert die BSLB als zu ergebnisoffen, zu wenig auf Kundenbedürfnisse und zu wenig national ausgerichtet. Erkennen Sie die BSLB in dieser Darstellung wieder?
Der Bericht kam durch eine Befragung der BSLB-Leitungspersonen, von Amtschefs und von Beratungspersonen und durch einige Expertenpanels zustande. Die Ergebnisse sind teilweise auf den Umstand zurückzuführen, dass die genaue Aufgabe der BSLB nicht im eidgenössischen Berufsbildungsgesetz definiert ist. Ausserdem sind die Bedingungen in den Kantonen extrem unterschiedlich: Die BSLB des Kantons Appenzell Innerrhoden umfasst 70 Stellenprozente, im Kanton Zürich sind es rund 200 Vollzeitstellen. Damit wir mit diesen heterogenen Strukturen eine Entwicklung sichern können, braucht es neue Prozesse – und eine nationale Strategie. Dass die Beratungen zu ergebnisoffen sind, sehe ich nicht so. Gewisse Verbandsvertreter haben das Gefühl, man müsse den Jugendlichen einfach sagen, was sie machen sollen. Professionelle Beratungspersonen haben einen anderen Anspruch: Man muss den Leuten die richtigen Fragen stellen, damit sie selbst zu einem Ergebnis kommen. Das ist auch meine Haltung.

Obwohl laut der KBSB-Statistik 2018 fast 40 Prozent der beratenen Personen über 20 Jahre alt waren, haben laut Bedarfsstudie die Beratungspersonen nur wenig Erfahrung im Umgang mit Erwachsenen.
Jeder Kanton hat Angebote für Erwachsene. Aber man ist vielleicht in der Vergangenheit zu wenig systematisch auf die Bedürfnisse der Erwachsenen eingegangen. Das hängt teilweise mit den Politiken der Kantone zusammen. In einigen Kantonen liegt der Fokus vor allem bei Jugendlichen. Man spricht dort wenig über das Erwachsenenangebot, weil man gar nicht die Ressourcen hat, allzu viele Kundinnen und Kunden zu beraten. Ich glaube aber nicht, dass es bei der Erwachsenenberatung ein grundsätzliches Qualitätsproblem gibt. Wenn ich hospitieren gehe, stelle ich ein sehr hohes Niveau fest, und die Leute sind in der Regel auch zufrieden mit der Beratung.

In welche Richtung müsste sich die Laufbahnberatung weiterentwickeln?
Wir müssen die Leute mit zielgruppenspezifischen Angeboten ansprechen und klarer kommunizieren, was wir machen. Meine Vision ist, dass jeder Erwachsene im Sinn der Förderung von Laufbahngestaltungskompetenzen mindestens alle fünf Jahre überlegt: Wo stehe ich? Bin ich noch zufrieden? Diesen Ansatz müssen wir fördern, und wir müssen wegkommen von der reinen Weiterbildungsberatung. Aber auch das Selbstbild der Beratungspersonen muss sich teilweise ändern. Wenn sie sich als wandelndes Berufs- und Weiterbildungslexikon verstehen, ist das nicht mehr zeitgemäss. Diese punktuelle Beratung braucht es mit dem Internet kaum noch.

Welche Auswirkungen hat die Strategie auf die Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen?
Das SBFI wird weiterhin keine Grundfinanzierung der BSLB sicherstellen. Es wurde aber klar deklariert, dass sich das SBFI auf Projektbasis beteiligen wird, das ist neu. Gefordert sind Massnahmen in enger Zusammenarbeit mit allen Partnern. Die Entwicklungen der letzten zwei Jahre waren nur möglich dank der Zusammenarbeit zwischen SBFI und EDK. Es ist ein neues Bewusstsein da für die Wichtigkeit der Berufsberatung.

Wie wird sich die Strategie auf die Beratungspersonen auswirken?
Es gab wohl noch nie so gute Voraussetzungen für die Arbeit und für die Weiterentwicklung der Beratungspersonen wie jetzt. Wenn man die Strategie umsetzen will, muss man aber auch wegkommen von Abbauplänen, Abwärtsspiralen und Sparprogrammen. Der Stellenwert der Beratung ist durch den Bund und die Kantone viel besser anerkannt. Das Berufsbild entwickelt sich weiter, wird vielfältiger und dynamischer. Veränderungen sind immer mit Ängsten verbunden. Aber ich bin überzeugt, dass die ganze Entwicklung positiv ist.

Die EDK und swissuniversities haben im September 2019 die Optimierung der Zusammenarbeit zwischen Gymnasien, Hochschulen und Studienberatung beschlossen. Als Ziel für die Studienberatung wird die präzise Informationsvermittlung genannt. Wie könnte dieser Anspruch am besten umgesetzt werden?
Die Informationen zu den Studienrichtungen findet man alle im Internet. Es geht eher darum, den Mittelschülerinnen und -schülern zu helfen, sich mit der Studienwahl auseinanderzusetzen und ihnen die richtigen Fragen zu stellen. Die meisten Kantone haben eine Studienberatung. Die Studienberatenden müssen wissen, was die Anforderungen und die Studieninhalte sind und was man mit diesem Studienabschluss auf dem Arbeitsmarkt machen kann, auch um Studienabbrüche zu verhindern. Die Studienwahl soll unter der Prämisse einer längerfristigen Laufbahngestaltung getroffen werden. Ich bin in meinem Zweitberuf klassischer Sänger. Das ist eine schwierige Branche, nur einer von zehn Studienabgängern steht nachher auch tatsächlich auf der Opernbühne. Viele Studienbeginner sind sich dessen nicht bewusst. Es braucht eine realistische Auseinandersetzung mit dem Arbeitsmarkt.

Der Bundesrat hat zur Förderung der inländischen Arbeitskräfte beschlossen, dass alle Personen über 40 eine kostenlose Standortbestimmung, Potenzialabklärung und Laufbahnberatung erhalten sollen. Er stellt dafür 35 bis 40 Millionen Franken zur Verfügung. An wen geht dieses Geld: an die BSLB, die RAV oder die OdAs?
In dieser Frage hat das SBFI den Lead. Es hat aber bereits jetzt klar gesagt, dass keine Angebote substituiert werden sollen, die durch die RAV oder andere Institutionen finanziert werden oder die in die Verantwortung der Arbeitgeber fallen. Es geht stattdessen um Leute, die keinen Zugang zu solchen Angeboten haben. Sie sollen von kostenlosen Dienstleistungen der BSLB profitieren. Die KBSB will dafür ein in allen Kantonen einheitliches Angebot schaffen.

Wie kann man sich dieses kostenlose Angebot für Personen über 40 vorstellen, und wer entwickelt es?
Eines der Projekte könnte ein Online-Tool sein, mit dem man die berufliche Situation analysieren kann. In der persönlichen Potenzialabklärung und Beratung würde auf diesen «Employability-Check» Bezug genommen. Wer den Lead bei welchen Projekten hat, ist im Moment in Planung. Der Zeitplan des Bundes ist extrem ambitiös. Im Verlauf des nächsten Jahres werden fünf Pilotkantone ausgewählt. Ab 2021 sollen die Angebote flächendeckend in der ganzen Schweiz bereitstehen. Trotz dem Druck freue ich mich darauf. Wir können in neuen Bahnen denken und gemeinsam mit allen Kantonen etwas entwickeln. Das ist ganz im Sinne der KBSB-Strategie.

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