Ausgabe 06 | 2019

BERUFSBILDUNG

Pilotversuch Informatikausbildung 4.0

Jedem seine eigene Lehre

Vielleicht ist es die älteste Klage, wenn es um die duale Berufsbildung geht: Dass dieses Duo, Schule und Betrieb, nicht gut harmoniert. In der Informatikausbildung an der gibb Bern rückt man dem Problem mit einer Flexibilisierung des Stundenplans zu Leibe. Nun liegen erste Erfahrungen vor.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

An der gibb Berufsfachschule Bern wird mit der Flexibilisierung der Berufsbildung ernst gemacht. (Bild: Daniel Fleischmann)

An der gibb Berufsfachschule Bern wird mit der Flexibilisierung der Berufsbildung ernst gemacht. (Bild: Daniel Fleischmann)

Die «gibb Berufsfachschule Bern» hat vor wenigen Monaten ihren Namen geändert. Der Abschied vom schwerfälligen Namen «Gewerblich-industrielle Berufsschule Bern (gibb)» ist ein Indiz für das gewachsene Selbstbewusstsein der grössten Berufsfachschule der Schweiz. In sieben Schulhäusern arbeiten 750 Mitarbeitende mit 7000 Lernenden aus über 60 Berufen, 1000 Studierenden in über 40 Weiterbildungen sowie 1000 Berufsmaturanden und -maturandinnen. Aber das ist nur das Gerüst. Den Inhalt bildet unter anderem eines der aufregendsten Projekte, das die Schweizer Berufsbildung derzeit zu bieten hat: die Informatikausbildung 4.0. Mit ihr will die Schule in der Modernisierung der Berufsbildung «eine Führungsrolle übernehmen», wie ein Autorenteam in der Zeitschrift BWP (5/2019) formulierte.

Informatikausbildung 4.0

Den Kern dieser neuen Informatikausbildung bilden drei Handlungsfelder: Die Flexibilisierung des Stundenplans der Lernenden, die Möglichkeit, selbstorganisiert zu lernen, und die Lernplattform «smartlearn». Diese Handlungsfelder werden seit dem Schuljahr 2018/2019 im Rahmen eines Pilotversuchs in aktuell sechs Klassen erprobt. Konkret heisst das:
1. Flexibilisierung des Stundenplans: Die berufskundliche Ausbildung in der Informatik (und ihren drei Fachrichtungen Applikationsentwicklung, Systemtechnik und Betriebsinformatik) erfolgt gemäss nationalem Bildungsplan in 17 Pflicht- und acht Wahlmodulen. Diese setzen sich zu zwölf Kompetenzfeldern zusammen, die in einer im Stundenplan definierten Abfolge zu behandeln sind. Diese Abfolge entspricht den Bedürfnissen der meist spezialisierten Lehrbetriebe aber nur bedingt. Im Rahmen des «flexiblen und bedarfsgesteuerten Ausbildungsmodells» der gibb sind daher Abweichungen möglich: Lernende der Fachrichtung Applikationsentwicklung etwa können ab dem zweiten Lehrjahr eines von drei Kompetenzfeldern priorisieren – und bereits am Ende des zweiten Lehrjahres abschliessen. So kann beispielsweise, wer die Ausbildung in einer Webagentur absolviert, die Module des Kompetenzfelds «Web-Engineering» im zweiten Ausbildungsjahr belegen statt erst im dritten oder vierten. Die logistische Herausforderung, die mit diesem Ausbildungsmodell verbunden ist, ist beträchtlich und hat zur Entwicklung individueller Stundenpläne geführt. Sie sind für die Lernenden online zugänglich. Die dafür notwendige Software entwickelte die Schule in Zusammenarbeit mit einer Firma. Eine weitere Folge ist die Auflösung des Klassenverbands (der in den weiteren Fächern wie ABU und erweiterte Grundkompetenzen aber bestehen bleibt).
2. Selbstorganisiertes Lernen (SOL): Die Lernenden haben die Möglichkeit, die Inhalte einzelner Module eigenständiger zu erlernen oder zu vertiefen. Im regulären Unterricht können sie – als Ergänzung zum darbietenden Unterricht – einzeln oder in Gruppen an einem Auftrag arbeiten (SOL1). Auf einer zweiten Stufe können sie sich ganz vom Unterricht lösen und die Modulinhalte selbst erarbeiten (SOL2). Und auf einer dritten Stufe dürfen die Lernenden dem berufskundlichen Unterricht gar für mehrere Wochen fernbleiben und stattdessen im Betrieb an einem geeigneten Projekt arbeiten. Voraussetzung für diese Stufe (SOL3) sind eine überdurchschnittliche Motivation des oder der Lernenden und ein entsprechender Antrag des Lehrbetriebes. Die Leistungsbeurteilungen erfolgen wie für die übrigen Lernenden.
3. Lernplattform: Für die individuelle Wissens- und Kompetenzaneignung hat die gibb die Lern- und Prüfungsplattform «smartlearn» entwickelt. Sie ergänzt den Präsenzunterricht.

Mehrbelastung der Lehrkräfte

Die ersten Erfahrungen mit dem Projekt sind gut, wie ein Zwischenbericht des EHB zeigt – auch wenn über die Wirkung des Pilotversuchs noch keine Aussagen gemacht werden können. So begrüssen die Lehrfirmen die Möglichkeit, ein Kompetenzfeld zu priorisieren. Die neue Rhythmisierung der Lerninhalte und die Flexibilität seien hilfreich. Ebenso wird die mit dem Projekt verbundene Individualisierung des Lernens genutzt: Nach Auskunft von Martin Frieden, Leiter der Abteilung für Informations- und Energietechnik der gibb, erarbeiten die meisten Lernenden in den ersten beiden Lehrjahren das von ihnen priorisierte Kompetenzfeld im Rahmen von SOL2: Sie gehen also zur Schule, folgen dem berufskundlichen Unterricht aber nicht, sondern arbeiten eigenständig an einem zum Kompetenzfeld passenden Projekt. Ganz dem Unterricht fern bleiben nur einzelne Lernende. Ein Grund dafür könnte die Tatsache sein, dass in diesem Setting die Lehrfirma mehr Verantwortung für den schulischen Lernprozess übernehmen muss. Die Evaluation weist neben vielen weiteren Aspekten auf die veränderte Rolle der Lehrperson hin. Sie wird – nicht zuletzt durch die Nutzung der Lernplattform – vom Wissensvermittler zum Lernberater und Coach. So fällt ihr die Aufgabe zu, schwächere Lernende zu unterstützen und gleichzeitig den Lernprozess der SOL2-Lernenden zu begleiten. Das setzt unter anderem voraus, dass sie souverän über den von den Lernenden behandelten Projektinhalt Bescheid weiss und dass sie über eine Toleranz für repetitive Fragen verfügt. SOL verstärkt den Fokus auf den individuellen Lernprozess. Daher sind die individuellen Lernfortschritte mit geeigneten Tools messbar zu machen, um eine Grundlage für Massnahmen (Lernweg steuern) und Beurteilungen (Note für Lernfortschritt) zu schaffen. Eine Mehrheit der Lehrpersonen spricht darum von einer Mehrbelastung; diese erhöht sich bei Teilzeitpensen zusätzlich.

Perspektiven der Flexibilisierung

Das vorliegende Projekt bildet einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Flexibilisierung der Berufsbildung, wie ihn die Initiative «Berufsbildung 2030» anregt. So verwenden die Autoren des erwähnten BWP-Beitrags den Begriff des Paradigmenwechsels wohl zu Recht. Aber sie machen sich auch keine Illusionen darüber, dass das erreichte Mass an Flexibilisierung noch gering ist – zum einen, weil auch in der Informatik gewisse Module aufeinander aufbauen, zum anderen, weil mit dem vorliegenden Projekt nur eine zeitliche Flexibilisierung realisiert ist. Gemäss Martin Frieden wären aber auch eine Flexibilisierung des Lernorts und eine inhaltliche Flexibilisierung denkbar. Im Rahmen einer Flexibilisierung des Lernorts könnten einzelne Module durch Firmen vermittelt werden. Dafür infrage kommen insbesondere Unternehmen mit eigenen Lehrwerkstätten – das IT-Zentrum der Post etwa. Eine inhaltliche Flexibilisierung würde es den Lernenden und ihren Lehrbetrieben erlauben, aus einem Set möglicher Module nach ihren Bedürfnissen auszuwählen. Tatsächlich enthält der Bildungsplan der Informatikausbildung bereits heute eine grosse Zahl an Wahlmodulen für den überbetrieblichen und den schulischen Unterricht. Ihre Festlegung liegt aber in den Händen der Kantone. Martin Frieden ist der Meinung, dass die Festlegung der Wahlmodule den Schulen beziehungsweise den Betrieben in die Hände gelegt werden sollte. Wie weit der Rahmen von Flexibilisierungen gesteckt werden könnte, zeigt auch der thematische Grundlagenbericht Berufsbildung 2030 mit dem Titel «Flexibilisierung der Berufsbildung im Kontext fortschreitender Digitalisierung». Für die Organisation von berufsbildenden Prozessen nennt die Autorin Sabina Seufert folgende Felder:
– anstelle einer klaren Trennung zwischen der Aus- und der Weiterbildung eine lebensphasengerechte Kompetenzentwicklung;
– anstelle einer Fremdsteuerung eine stärkere Selbststeuerung der Bildungsprozesse;
– anstelle einer Defizitorientierung eine Potenzialorientierung;
– anstelle einer Inputorientierung eine stärkere Outputorientierung (Organisation nach Leistungszielen anstatt Jahrgangsklassen);
– anstelle einer Produktorientierung eine Prozessorientierung im Hinblick auf curriculare Strukturen und das Orchestrieren von Lernaktivitäten zur Entwicklung von Kompetenzen;
– anstelle von geschlossenen Systemen und Plattformen offene Systeme in einem digitalen Ökosystem in der Berufsbildung.
Im Rahmen ihrer Studie führte Sabina Seufert eine Reihe von Gesprächen mit Expertinnen und Experten durch, die weitere Ideen ans Licht brachten. So wird angeregt, dass Personen, die nicht direkt aus der obligatorischen Schule kommen, mit flexiblen Bildungsmodellen künftig schneller in ein Berufsfeld integriert werden sollten. Zu ermöglichen seien auch Mischformen zwischen betrieblich und schulisch organisierter Grundbildung. Eine Extremform könnten Bildungsbausteine sein, die als Teilqualifikationen nach Lernorten organisiert sind und mit einer integrierenden Abschlussprüfung zum Berufsabschluss führen. Auf der Ebene der tertiären Bildung wird angeregt, die Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung mit Hybridmodellen (duales Studium, ins Studium integrierte Ausbildung) zu fördern und die Anschlussfähigkeit der höheren Berufsbildung zu den Hochschulen noch systematischer zu regeln. Schliesslich sei die berufsorientierte Weiterbildung in zunehmend digitalisierten Geschäftsprozessen zu fördern – vielleicht sogar mit einer Art «Verfallsdatum für Berufsabschlüsse bei fehlendem Nachweis von Weiterbildung».

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