Ausgabe 06 | 2019

Fokus "Steigende Anforderungen"

Weiterbildung

«Gemeinsame Verantwortung von Arbeitgebern und -nehmern»

Weiterbildung ist für ältere Arbeitnehmende besonders wichtig; Mitarbeitende ans Unternehme zu binden nicht mehr zeitgemäss. Das findet René Knüsel, Professor an der Uni Lausanne.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

René Knüsel, Sozialwisssenschaftler: «Mehrere Unternehmen könnten gemeinsam kostengünstige Weiterbildungen organisieren.» 
(Bild: zvg)

René Knüsel, Sozialwisssenschaftler: «Mehrere Unternehmen könnten gemeinsam kostengünstige Weiterbildungen organisieren.»
(Bild: zvg)

PANORAMA: Was bedeutet Upskilling für die älteren Erwerbstätigen? René Knüsel: Die heute 50- bis 65-Jährigen haben noch ein Modell erlebt, bei dem ein EFZ genügte, um einen Beruf bis zur Pensionierung auszuüben. Heute wird von ihnen verlangt, dass sie die Verantwortung für den Erhalt ihrer Kompetenzen übernehmen. Im aktuellen Kontext der tiefen Arbeitslosigkeit und des Arbeitskräftemangels sind die Arbeitgeber gegenüber älteren Stellensuchenden nicht abgeneigt. Doch sie werden ihnen nur das absolute Minimum an Weiterbildung zukommen lassen. Warum sollten sie in jemanden investieren, der nur noch drei Jahre bleibt? Ohne klare Weiterbildungsstrategie werden ältere Personen blockiert, weil man davon ausgeht, dass sie mit 64 oder 65 in Pension gehen, selbst wenn sie über gute Kompetenzen verfügen und bei bester Gesundheit sind. Will man den Ausstieg aus dem Berufsleben flexibler gestalten, setzt das eine Neugestaltung der Berufslaufbahn voraus. Eine der Säulen dieser Neugestaltung ist die Weiterbildung.

Welche Bereiche sollte diese Weiterbildung abdecken?
Wir müssen zwischen spezifischer und allgemeiner Weiterbildung unterscheiden. Erstere liegt in der Verantwortung des Arbeitgebers. Die Unternehmen müssen die Aneignung von neuen Kenntnissen fördern, zum Beispiel mit Inhalten, die im Intranet zugänglich sind: Websites, Online-Kurse, Datenblätter usw. Das sind Antworten auf die Probleme, mit denen Arbeitnehmende an ihrem Arbeitsplatz konfrontiert sind, und sie bedürfen nicht unbedingt einer klassischen Schulungssituation. Die allgemeine Weiterbildung hingegen eröffnet den Erwerbstätigen die Möglichkeit, autonomer zu werden und damit weniger abhängig von bestimmten Berufskategorien, die sich verändern oder bald verschwinden. Arbeitnehmende sind zunehmend gefordert, flexibel zu sein und immer auf dem neusten Stand zu bleiben. Hier liegt die Verantwortung stärker bei ihnen als bei den Arbeitgebern. Doch die Unternehmen müssten ihre Mitarbeiter auch dazu anregen, diese Verantwortung zu übernehmen, zum Beispiel durch interne Laufbahngespräche. Das steht zwar in einem gewissen Widerspruch zu dem, was Arbeitgeber wollen, aber nur zum Teil. Eine Zeitungsredaktion hat zum Beispiel ein Interesse daran, dass ihre Journalisten sich weiterentwickeln. In einem Arbeitsmarkt, der liberal sein will, muss dies das Ziel sein.

Auf die Gefahr hin, dass die Mitarbeitenden das Unternehmen verlassen...
Die Strategie, Mitarbeitende weiterzubilden und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie für eine bestimmte Zeit im Unternehmen bleiben, ist meiner Meinung nach veraltet. Weiterbildung muss zu einer Wissensplattform werden, von der alle Erwerbstätigen profitieren. Dafür braucht es jedoch einen viel flüssigeren Arbeitsmarkt. So könnten beispielsweise mehrere Unternehmen gemeinsam kostengünstige Weiterbildungen organisieren. Verbände spielen hier eine entscheidende Rolle, weil sie das Konkurrenzrisiko beschränken und die Vorstellung von einer Arbeitsgemeinschaft zum Wohle aller stärken können. Bei den überbetrieblichen Kursen für Lernende gibt es diese Art von Zusammenarbeit bereits, doch das Misstrauen ist nach wie vor da.

Wer soll die Weiterbildungen bezahlen?
Die spezifische Weiterbildung der Mitarbeitenden ist ganz im Interesse ihres Arbeitgebers und sollte deshalb auch von diesem finanziert werden. Die Mitarbeitenden müssen diese Chance aber auch nutzen. Das Interesse ist gegenseitig, vor allem wenn die Weiterbildung zu einer Lohnerhöhung führt. Die Finanzierung von Weiterbildungen zur Entwicklung von allgemeinen beruflichen Kompetenzen ist problematischer. Sie liegt in der gemeinsamen Verantwortung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Auch wenn mit einer solchen Weiterbildung ursprünglich individuelle Ziele verfolgt werden, kann sie den Zielen des Unternehmens entsprechen. Noch komplizierter wird es, wenn die Weiterbildung in die Arbeitszeit fällt. Dann müssen die Bedingungen ausgehandelt werden. Das kann dazu führen, dass der Arbeitnehmer zweimal zur Kasse gebeten wird: für die Finanzierung der Ausbildung und durch die Reduktion des Arbeitspensums.

Links und Literaturhinweise

Corréa, K. O J.-P., Knüsel, R., Le Goff, J.-M. (2017): La Suisse en panne de politiques de fin de carrière en entreprise. In: Retraite et société (N° 2[77], pp. 17-44).

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