Ausgabe 05 | 2019

ARBEITSMARKT

Belgien

Risiken und Nebenwirkungen der Eingliederung durch Private

Die EU und die belgischen Behörden empfehlen, die vorhandenen finanziellen Mittel auf bestimmte Arbeitslose zu konzentrieren. Das hat konkrete Auswirkungen auf die Begleitung von Stellensuchenden – vor allem bei den privaten Arbeitsagenturen.

Von Julie Gérard, Soziologisches Forschungs- und Interventionszentrum (CRIS) der Universität Lüttich (Belgien)

In Belgien werden stellensuchende Personen häufig von privaten Eingliederungsbetrieben und Stellenvermittlern begleitet. (Bild: andrii_lutsyk/Adobe Stock)

In Belgien werden stellensuchende Personen häufig von privaten Eingliederungsbetrieben und Stellenvermittlern begleitet. (Bild: andrii_lutsyk/Adobe Stock)

Seit 1990 kümmern sich in Belgien neben den staatlichen auch private Akteure um die berufliche (Wieder-)Eingliederung von Arbeitslosen. Verschiedene Eingliederungs- und Stellenvermittlungsfirmen haben sich auf die Begleitung bestimmter Zielgruppen spezialisiert. Trotz dieses Angebots und zahlreicher Massnahmen der belgischen Regierung bleibt die Arbeitslosenquote im französischsprachigen Belgien über dem Durchschnitt der EU-15-Staaten. Wo liegen die Schwierigkeiten? In Belgien wird die Arbeitslosenunterstützung seit 2004 durch den nationalen Plan für die Begleitung und Betreuung von Stellensuchenden geregelt. Dieser Begleitplan beinhaltet eine Überprüfung des Suchverhaltens der eingeschriebenen Personen durch das nationale Arbeitsamt sowie regional durchgeführte Begleitmassnahmen, die sich je nach Ort und Anbieter unterscheiden. Mit dieser Aufgabenteilung werden zwei Ziele verfolgt: Einerseits soll eine gemischtwirtschaftliche Verwaltung des Arbeitsmarkts mit sowohl öffentlichen als auch privaten Arbeitsagenturen gefördert werden, und andererseits soll die Erwerbsquote bis 2020 auf 73 Prozent erhöht werden. Um dies zu erreichen, hat Belgien – entsprechend den europäischen Leitlinien – Profilanalysen in den nationalen Begleitplan aufgenommen. Mit diesem Profiling werden jene Personen erfasst, die am dringendsten einer Begleitung bedürfen. Dazu gehören hauptsächlich eingetragene Vollarbeitslose, die Arbeitslosenunterstützung erhalten und seit längerer Zeit (Dauer abhängig vom Alter) arbeitslos sind. Die Entscheidung, die Ressourcen auf bestimmte Gruppen von Stellensuchenden zu konzentrieren, hat konkrete Auswirkungen auf die Begleitung der Arbeitslosen durch private Akteure. Diese agieren im französischsprachigen Belgien entweder als Eingliederungsbetriebe oder Stellenvermittler.

Eingliederungsbetriebe: Rosinenpicken sichert Existenz

Die privaten Eingliederungsbetriebe (organisiert als Verein oder AG) haben den Auftrag, die staatliche Beschäftigungspolitik im Sinne des Begleitplans umzusetzen und die öffentlichen Arbeitsämter zu vertreten. Letztere übertragen ihnen bestimmte Aufgaben und entschädigen sie dafür mit Unterstützungspauschalen, welche die Verwaltungs- und Personalkosten der Unternehmen aber nur zum Teil decken. Die Eingliederungsbetriebe müssen bestimmte Anforderungen der öffentlichen Hand erfüllen. So müssen sie beispielsweise ihre Klientinnen und Klienten anhand von Zulassungskriterien auswählen, die auf der im Begleitplan definierten Profilanalyse beruhen. Zudem gelten für die auf regionaler Ebene ausgeschriebenen Projekte unterschiedliche Teilnahmebedingungen. Diese rechtlichen Mindestanforderungen für die Inanspruchnahme von Begleitmassnahmen bilden einen Filter, den die Eingliederungsbetriebe zwingend anwenden müssen. Der Leistungsauftrag an die Betriebe gibt aber nicht nur eine bestimmte Klientengruppe vor, sondern auch die Ziele, die mit den Begleitmassnahmen erreicht werden sollen. Diese Zielvorgaben verleiten die Eingliederungsbetriebe dazu, mehr Stellensuchende zu rekrutieren, als offiziell zugelassen sind, um bei allfälligen Massnahmenabbrüchen über eine Reserve an Personen zu verfügen, welche die vorgegebenen Ziele noch erreichen können. Andere Unternehmen entscheiden, ihre Ressourcen nur in die Personen mit der besten Arbeitsmarktfähigkeit zu investieren, weil diese die vorgegebenen Ziele am ehesten erreichen, und zwar unabhängig von deren Fachkompetenz. Neben den offiziellen Zulassungs- und Teilnahmebedingungen stellen die Eingliederungsbetriebe also auch noch eigenmächtig Kriterien auf und picken so nur die Kandidaten und Kandidatinnen heraus, die den Anforderungen des Arbeitsmarktes am besten entsprechen. Durch diese Selektion erhöhen die Unternehmen ihre Chance, die Zielvorgaben zu erreichen. Dafür vernachlässigen sie aber die Entwicklung der Arbeitsmarktfähigkeit ihrer Klientinnen und Klienten und beschränken deren Begleitung letztlich auf die Unterstützung bei der Stellensuche. Das hat zur Folge, dass die Arbeitslosen, die am weitesten vom Arbeitsmarkt entfernt sind, aus dem Blickfeld verschwinden und keine Möglichkeit mehr haben, ihre Arbeitsmarktfähigkeit zu erhöhen. Nur die Stellensuchenden, die als besonders fähig und motiviert eingestuft werden, werden ausgewählt und haben eine Chance auf den Wiedereinstieg. Die anderen scheiden von vornherein aus, bleiben arbeitslos oder werden anderen Unterstützungsmassnahmen zugeteilt.

Stellenvermittler: Beihilfen als Finanzspritze

Die privatwirtschaftlichen Stellenvermittler haben die Aufgabe, Langzeitarbeitslosen und zeitweiligen Stellensuchenden kurzfristig einen Arbeitsplatz zu vermitteln. Für erfolgreiche Vermittlungen werden sie vergütet. Aufgrund der steigenden Arbeitslosenquote erhielten die privaten Stellenvermittler die Auflage, nur Arbeitslose mit geringer Arbeitsmarktfähigkeit oder Sozialhilfeempfänger/innen einzugliedern. Diese Vorgabe beeinträchtigt die Chancen der Stellenvermittler, mit der Vermittlungsvergütung kostendeckende Einnahmen zu generieren. Dadurch ist die Beschaffung der nötigen Finanzmittel, die entscheidend für die Aufrechterhaltung der Begleitangebote ist, oft zur Hauptbeschäftigung der privaten Stellenvermittler geworden. Unter anderem greifen sie dafür auf die staatlichen Einstellungsbeihilfen für Arbeitgeber zurück, indem sie Arbeitslose rekrutieren, die Anspruch auf diese Beihilfen haben. Doch Anspruch haben vor allem Personen, die nicht lange genug gearbeitet haben, um das volle Arbeitslosengeld zu erhalten. So sind sie gezwungen, ohne ein realistisches Berufsziel möglichst schnell wieder eine Stelle zu finden und auch prekäre Jobs anzunehmen, mit denen sie weniger verdienen, als sie durch die Arbeitslosenunterstützung erhalten würden. Durch die Einstellungsbeihilfen können die privaten Stellenvermittler günstige Arbeitskräfte platzieren und so ihre Sozialabgaben reduzieren. Die Zweckmässigkeit dieser staatlichen Unterstützungsform ist jedoch fraglich. Denn die Beihilfen sind punktuell, an Bedingungen geknüpft und zeitlich beschränkt. Die Stellensuchenden können damit lediglich Berufserfahrung in unsicheren, kurzfristigen und meist qualitativ minderwertigen Jobs sammeln. Somit halten die Beihilfen zwar die Tätigkeit der Stellenvermittler aufrecht, weisen aber vielen Arbeitslosen den Weg ins Prekariat, aus dem sie nur schwer wieder herausfinden. Der Anspruch auf staatliche Beihilfen hängt zudem von bestimmten Einstellungsquoten und institutionellen Vorgaben ab, die durch die gemischtwirtschaftliche Verwaltung des Arbeitsmarkts bedingt und vom Streben nach einem verantwortungsvollen sozialethischen Ansatz geleitet sind, mit dem sich Organisationen von der Konkurrenz abheben wollen. Aufgrund dieser Vorgaben passen die privaten Stellenvermittler ihre Auswahlkriterien an. Sie konzentrieren sich auf die Stellensuchenden mit der geringsten Arbeitsmarktfähigkeit und filtern direkt bei der Einschreibung bestimmte Zielpersonen heraus. Die Filter basieren auf den Kriterien des nationalen Begleitplans, aber auch auf weitaus subjektiveren Aspekten wie dem äusseren Erscheinungsbild oder der Motivation der Kandidaten und Kandidatinnen. So sind das Erreichen bestimmter Quoten und die Einhaltung von institutionellen Vorgaben zu den Hauptkriterien für die Rekrutierung von Stellensuchenden geworden, während viel entscheidendere Auswahlkriterien wie Branchenerfahrung vernachlässigt werden. Diese verschiedenen Auflagen haben die Arbeit der privaten Stellenvermittler insofern verändert, als sie nun eher psychologische Aufgaben übernehmen müssen, die in ihrem marktorientierten Angebot ursprünglich nicht vorgesehen waren. Denn die Rekrutierung von Personen mit geringer Arbeitsmarktfähigkeit zwingt die Stellenvermittler dazu, diese Personen zu schulen und für die Regeln der Arbeitswelt zu sensibilisieren (bei der Begrüssung aufstehen, die Hand geben, Vorschriften einhalten, pünktlich sein usw.), obwohl sie sich eigentlich nicht der Förderung der Sozialkompetenz oder der Beratung von Stellensuchenden verschrieben hatten.

Aufrechterhaltung eines Sozialprekariats?

Der Druck, der durch die Zielvorgaben für private Eingliederungsfirmen und die Einstellungsquoten für private Stellenvermittler entsteht, zeigt, wie stark der institutionelle Rahmen die Art der Begleitung von Stellensuchenden beeinflusst. Statt das gesamte Spektrum der arbeitslosen Personen zu berücksichtigen, beschränken sich die Eingliederungsbetriebe auf die Begleitung von Personen, mit denen sie die Zielvorgaben am ehesten erreichen. So verkommt die Eingliederung zu einem Rosinenpicken, denn damit ihre Begleitmassnahmen erfolgreich sind, wählen die Betriebe nur die Personen aus, die den Anforderungen des Arbeitsmarktes oder den Kriterien der öffentlichen Arbeitsämter am besten entsprechen. Die privaten Stellenvermittler hingegen, die in einem durch politische Vorgaben beschränkten Rahmen agieren, halten sich lieber sklavisch an die für die Einstellungsbeihilfen erforderlichen Quoten, um dadurch Sozialabgaben zu sparen und ihre Daseinsberechtigung zu stärken, statt ihre (Wieder-)Eingliederungsaufgaben wahrzunehmen, selbst wenn dadurch ein erhöhtes Armutsrisiko für die Kandidaten und Kandidatinnen entsteht. Der Zugang zu den Begleitmassnahmen ist also mit einem Filter ausgestattet. Dieser gewährt oder verweigert auch den Zugang zu einem neuen Unterstützungssystem aus Einstellungs- und anderen Beihilfen, das auf die Aufrechterhaltung eines Sozialprekariats ausgerichtet ist. Somit führen diese Institutionen, die eigentlich Stellensuchende eingliedern und deren Eigenverantwortung fördern sollten, arbeitslose Personen in die Sackgasse.

Links und Literaturhinweise

Gérard, J. (2017): Le marché, le politique et le réseau: les intermédiaires privés du marché du travail à l’épreuve de l’action publique. Dissertation. Universität Lüttich.
Castel, R. (2007): Au-delà du salariat ou en deçà de l’emploi? L’institutionnalisation du précariat. In: Paugam, S. (Hrsg.), Repenser la solidarité (S. 415–433). Paris, Presses universitaires de France.
Conter, B. (2011): L’accompagnement des chômeurs en Belgique dans les discours politico-administratifs. In: Langage et société (Nr. 3[137], S. 75–90).
Georges, N. (2007): Confier les chômeurs au privé: leçons des expériences internationales. In: Regards croisés sur l’économie (Nr. 2[2], S. 178–187).

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