Ausgabe 05 | 2019

BERUFSBERATUNG

Berufswahl

Wenn aus Träumen (keine) Realität wird

Wie wirkt sich der Lehrstellenmarkt auf die Berufsentscheidungen von Jugendlichen aus? Eine Berner Studie stellt fest: Ein Mangel an spezifischen Lehrstellen wirkt sich ebenso ungünstig auf eine Änderung des Berufswunsches aus wie die einfache Verfügbarkeit von Lehrstellen im Wunschberuf.

Von Katharina Jaik, Universität Zürich, und Stefan C. Wolter, Universität Bern

Jugendliche haben knapp zwei Jahre vor Ende der obligatorischen Schulzeit meist bereits gewisse Wunschvorstellungen von dem später zu erlernenden Beruf: Bei einer repräsentativen Erhebung bei rund 1500 Schülerinnen und Schülern im deutschsprachigen Teil des Kantons Bern zu Beginn der 11. Klasse (neue Zählweise) gaben fast 90 Prozent der Befragten an, sich schon viele oder sehr viele Gedanken darüber gemacht zu haben. Nicht immer wird aus diesem frühen Wunsch- oder Traumberuf aber auch tatsächlich der Lehrberuf. In einer vertieften Analyse der Daten kann nun zum ersten Mal gezeigt werden, wie sich die berufsspezifische Situation auf dem Lehrstellenmarkt auf die Entscheidungen der Jugendlichen auswirkt.

Marktungleichgewichte

Wenig überraschend lässt sich feststellen, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen (rund 55%) am Ende der obligatorischen Schulzeit einen ganz anderen Lehrberuf ergreift als jenen, der eineinhalb Jahre vorher noch zuoberst auf der Prioritätenliste gestanden hatte. Einflüsse der Eltern, der Lehrer und Lehrerinnen, der Peers, der Berufsberatung sowie Erfahrungen bei Schnupperlehren und Bewerbungsgesprächen legen es nahe, dass eine Revidierung der Meinung der Jugendlichen im Laufe des Entscheidungsprozesses fast natürlich ist. Umso erstaunlicher ist es, dass Ungleichgewichte auf dem Lehrstellenmarkt bei sehr vielen Jugendlichen nicht dazu führen, dass sie ihre Wünsche ändern. Als Ungleichgewicht definieren wir eine Situation, in welcher der Anteil der Jugendlichen, die zu diesem frühen Zeitpunkt (Anfang 10. Klasse) angeben, einen bestimmten Lehrberuf ergreifen zu wollen, entweder deutlich über oder deutlich unter dem Anteil dieses Berufes an allen Lehrverträgen in früheren Jahren lag. Bei einem Ungleichgewicht zugunsten der Jugendlichen stiegen diese mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit in eine Lehre ihres ursprünglichen Wunschberufs ein als die übrigen Jugendlichen. Im umgekehrten Fall verschob eine deutlich höhere Zahl der Jugendlichen den Ausbildungsentscheid und legte ein Zwischenjahr ein. Ist das Lehrstellenangebot deutlich grösser als die Nachfrage nach diesen Lehren, ist es nur auf den ersten Blick naheliegend, dass mehr Jugendliche dann auch diesen Lehrberuf erlernen. Denn auf den zweiten Blick muss man sich fragen, weshalb die einfache Verfügbarkeit von Lehrstellen bei diesen Jugendlichen nicht denselben Such- und Anpassungsprozess ausgelöst hat wie bei den Jugendlichen, die an Berufen interessiert waren, bei denen sich Angebot und Nachfrage in etwa die Waage halten. Und bei der Gruppe, bei der das Lehrstellenangebot nicht mit dem Interesse der Jugendlichen mithalten kann, stellt sich die Frage, weshalb Beratung und Unterstützung bei ihnen nicht den Effekt zeigten, dass sie den Berufswunsch änderten. Weshalb führt die Mangelsituation an spezifischen Lehrstellen zu einem Beharren auf dem Berufswunsch?

Ungünstige Strategien

Bei beiden Gruppen, die mit Ungleichgewichten auf dem Lehrstellenmarkt konfrontiert waren, sind die vorherrschenden Verhaltensweisen in vielen Fällen nicht effizient. Jene, die wegen der leichten Verfügbarkeit an Lehrstellen bei ihrem frühen Berufswunsch blieben, wählten Lehrberufe, die sich durch deutlich höhere Lehrabbruchquoten auszeichnen als der Durchschnitt der Lehrberufe. Gut möglich, dass der verkürzte Suchprozess und die grosse Konkurrenz unter den ausbildenden Betrieben um die raren Jugendlichen dazu führten, dass der Mismatch erst nach Lehrbeginn realisiert wird. Und jene, die den Einstieg verschoben, waren vornehmlich Schülerinnen und Schüler mit schlechten schulischen Noten. Sie verschoben ihren Einstieg in der Hoffnung, dass der Aufschub ihre Bewerbungssituation in einem Jahr verbessert. Damit blendeten sie die Realität aus, dass sie zu diesem Zeitpunkt im Wettbewerb mit den schulisch besten Schülern und Schülerinnen der nächsten Kohorte stehen werden. Im Einzelfall mag diese Strategie aufgehen. Im Durchschnitt zeigt der Einfluss der Lehrstellensituation auf das Berufswahlverhalten der Jugendlichen, dass noch viel Raum zur Optimierung in der Begleitung dieses Prozesses besteht.

Links und Literaturhinweise

Jaik, K., Wolter, S. C. (2018): From dreams to reality: market forces and changes from occupational intention to occupational choice. In: Journal of Education and Work (Nr. 4[32], S. 320–334).

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