Ausgabe 05 | 2019

BERUFSBERATUNG

Beratungskonzept

Beratung «greifbar» machen

Das Zentrum für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des «IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW» hat in einem achtmonatigen Prozess ein Beratungskonzept erarbeitet.

Von Barbara Moser und Marc Schreiber, IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Die Arbeits- und Bildungswelten verändern sich – und mit ihnen die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Diese vielzitierte Beobachtung war für uns ein Anlass dafür, uns die folgenden Fragen zu stellen: Was wollen wir mit unseren Beratungen heute und in Zukunft bewirken? Wie machen wir das konkret? Sich selbst als «Expertin für den Prozess» zu bezeichnen, ist schnell gemacht – aber wie zeigt sich das im konkreten Tun? Das Ziel war es, ein explizites Verständnis der Ziele und Absichten unseres Beratungshandelns zu entwickeln – ein Verständnis, das sowohl auf der Ebene der Haltung als auch auf der Ebene der Methodenwahl und Prozessgestaltung im konkreten Beratungsalltag handlungsleitend sein soll. Wir beabsichtigten also, unser Beratungshandeln nach innen und aussen sichtbar und in gewisser Weise «greifbar» zu machen – ohne die einzelnen Beratungspersonen einzuengen.

Elemente von Beratungskonzepten

Rolf Kuhn (2014) bezeichnet ein Beratungskonzept als «realistische Idealvorstellung» oder als einen verbindlichen Orientierungsrahmen, der verschiedene für die Umsetzung einer Beratung wichtige Ebenen umfasst. Die äusseren Schichten – im Sinne übergeordneter Leitplanken – bestehen aus einer Beratungsgrundhaltung, aus dem Menschenbild und aus Theorien. Die inneren Schichten beinhalten Vorstellungen und Absichten zur Beratungsgestaltung (zum Beispiel Rollenverständnis, Beziehungs- und Interventionsgestaltung) sowie ein Handlungsmodell, das die Umsetzung dieser Grundhaltungen und Theorien beim Beraten konkretisiert (zum Beispiel Methodenwahl, Qualitätskriterien). Dieser eigentliche Beratungsprozess besteht in unserem Modell aus den folgenden drei Phasen «erkennen & verstehen», «informieren & explorieren» und «entscheiden & realisieren».

Erkennen und verstehen

In der ersten Phase «erkennen & verstehen» findet nach einer Konkretisierung des Anliegens und Ziels eine ausführliche Standortbestimmung statt. Der Klientin wird ein Reflexionsraum zur Verfügung gestellt, der darauf abzielt, die Selbstklarheit oder Selbstkenntnis bezüglich der eigenen Motive, Wünsche, Interessen, Ressourcen und Fähigkeiten zu fördern. Biografische oder narrative Methoden, die Arbeit mit Bildern oder offene, die Reflexion anregende Fragen sind in dieser Phase neben dem Einsatz quantitativer Fragebogen sehr hilfreich. Im Zentrum steht die Förderung der Selbstreflexionsfähigkeit, der Selbstklarheit/Selbstkenntnis und der laufbahnbezogenen Selbstwirksamkeit.

Informieren und explorieren

In der zweiten Phase «informieren & explorieren» geht es einerseits darum, Ideen zu möglichen beruflichen Optionen und Zielbildern zu entwerfen, und andererseits darum, vom Denken ins Handeln überzugehen. Es werden Informationen gesammelt sowie Schritte unternommen, um erste Erfahrungen in den jeweiligen Kontexten zu sammeln. Ideen werden einem «Reality Check» unterzogen (zum Beispiel durch Schnuppertage oder Praktika). In dieser Phase steht die Förderung der Kenntnisse der Arbeits- und Bildungswelt und der Handlungsplanung im Vordergrund.

Entscheiden und realisieren

In der dritten Phase «entscheiden & realisieren» kann dann die eigentliche Zielverfolgung und Umsetzung angegangen werden (zum Beispiel ein Studium, eine Weiterbildung oder eine Stellenbewerbung). Die Beratung kann bei der Planung konkreter nächster Schritte, bei der Entscheidungsfindung, beim Erarbeiten einer Bewerbungsstrategie oder auch bei der Bewältigung von Stolpersteinen unterstützen. Es geht hierbei demnach vor allem um die Förderung der Entscheidungssicherheit, der Handlungsplanung und der laufbahnbezogenen Selbstwirksamkeit.

Rückkoppelungen möglich

Diese Phasen müssen in der Beratung weder linear noch vollständig durchlaufen werden, Rückkoppelungen sind möglich: Beispielsweise werden Erfahrungen, die in der Phase «informieren & explorieren» gemacht werden, in der Beratung gemeinsam reflektiert. Dies führt zu Ergänzungen oder Präzisierungen der zu Beginn unter «erkennen & verstehen» formulierten Visionen oder Interessen. In Abhängigkeit der Ausgangssituation und des Anliegens der Klientin können zudem unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. So kann es beispielsweise sein, dass eine Klientin bereits zu Beginn der Beratung über viel Klarheit zu ihren Interessen, Kompetenzen und beruflichen Zielen verfügt, jedoch bei der Umsetzung ihrer konkreten beruflichen Ziele (zum Beispiel beim Bewerben oder Netzwerken) gecoacht werden möchte.

Links und Literaturhinweise

Ausführliche Beschreibung des Beratungskonzepts mit Grafik
Kuhn, R. (2014): Zwischen Komposition und Improvisation – Merkmale, Nutzen und Sinn eines Beratungskonzepts. In: Melter, I., Kanelutti-Chilas, E., Stifter, W. (Hrsg.), Zukunftsfeld Bildungs- und Berufsberatung III (S. 155–165). Bielefeld, Bertelsmann.

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