Ausgabe 05 | 2019

BERUFSBILDUNG

Schule und Wirtschaft

Ein eigenes Unternehmen als Maturaarbeit

Young Enterprise Switzerland (YES) entwickelt Bildungsprogramme, die eine Brücke zwischen Schule und Wirtschaft schlagen. Bei einem dieser Programme können Schülerinnen und Schüler zwischen 16 und 20 Jahren ein eigenes Miniunternehmen gründen. Pascal Debély, YES-Coach in Neuenburg, erzählt von seinen Erfahrungen.

Interview: Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Pascal Debély ist Wirtschaftslehrer und YES-Coach an der Handelsmittelschule des Lycée Jean-Piaget in Neuenburg. (Bild: Laura Perret Ducommun)

Pascal Debély ist Wirtschaftslehrer und YES-Coach an der Handelsmittelschule des Lycée Jean-Piaget in Neuenburg. (Bild: Laura Perret Ducommun)

PANORAMA: Wie hat das Abenteuer «YES» für Sie begonnen? Pascal Debély: Mein Lehrerkollege Raphaël Perotti besuchte eine Präsentation des «Company Programme» von YES in Neuenburg. Mit diesem Programm, bei dem Teams von Schülerinnen und Schülern ein Miniunternehmen aufbauen, will die Organisation die Schule mit der Wirtschaftswelt verknüpfen. Als Raphaël mir davon erzählte, war ich sofort Feuer und Flamme. Wir schlugen der Schulleitung vor, das Programm aufzunehmen und als Maturaarbeit zuzulassen. Zuerst stiess die Idee auf Skepsis, weil sie neu war und Kosten verursachen würde. Wir waren auch nicht sicher, ob wir motivierte Teilnehmende finden würden. Doch die Schulleitung unterstützte uns schliesslich und stellte die nötigen Mittel zur Verfügung.

Ist YES in allen Sprachregionen präsent?
In der Deutschschweiz ist das Konzept weit verbreitet. In der französischen Schweiz ist es leider noch nicht so bekannt. Dieses Jahr wurden von 200 Schweizer Unternehmen gerade einmal sechs in der Romandie gegründet, zwei davon in Neuenburg. Unsere Schule nahm 2014 als erste Westschweizer Schule am Programm teil. Soweit ich weiss, wird das Tessin in diesem Jahr einsteigen.

Was motiviert Sie, an diesem Programm teilzunehmen?
Die Lernform, bei der die Schülerinnen und Schüler mit der realen Wirtschaftswelt konfrontiert werden, hat mich überzeugt. Ich hatte Lust, meinen Wirtschaftsunterricht vielfältiger zu gestalten. YES war ein Ansporn zu Innovation und eine Herausforderung.

Wie werden die YES-Teams an Ihrer Schule gebildet?
Jeweils im Mai stellen wir das Programm den 50 bis 70 Schülerinnen und Schülern der ersten Handelsmittelschulklasse vor. Wer mitmachen will, muss sich schriftlich bewerben und auf etwa einer halben Seite seine Motivation darlegen. Rund 20 dieser Bewerberinnen und Bewerber kommen in die engere Wahl. Entscheidend sind dabei nicht die Noten, sondern die Energie, die sie mitbringen. Nach einem zehnminütigen persönlichen Gespräch mit den einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten wählen wir schliesslich zwölf Personen aus, die wir entsprechend ihrem Profil und ihren Vorlieben in zwei Sechsergruppen einteilen. Diese zwei Gruppen laden wir anschliessend zu einer Sitzung, an der wir ihnen den Ablauf des Projekts und die Aufgaben erklären, die sie während der Sommerferien erledigen müssen. Zum einen müssen sie sich ein konkretes Projekt ausdenken und zum andern entscheiden, wer für die Aufgabenbereiche Direktion, Administration, Informatik, Marketing, Finanzen, Produktion und Vertrieb zuständig ist. Bis Ende Juni sind die Teams zusammengestellt.

Welches sind die wichtigsten Etappen?
Zu Beginn des zweiten Schuljahres werden die zwei Teams zu einem Treffen eingeladen. Dort werden die Projektvorschläge diskutiert und ausgewählt. Danach müssen die Teams ein Produkt definieren, einen Namen dafür finden, ein Logo entwerfen sowie die Produktion und die Vermarktung organisieren. Diese Etappe muss bis September abgeschlossen sein. Mitte Oktober werden an der YES-Eröffnungsveranstaltung an der Schule die Prototypen vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit beschaffen die Teams Kapital in Höhe von maximal 3000 Franken, indem sie den anwesenden Verwandten und Freunden Partizipationsscheine zu 15 Franken verkaufen. Mit diesem Geld ermöglichen die «Aktionäre» die Gründung des Miniunternehmens und die Durchführung des Projekts. Danach beginnen die Teams mit der Produktion und dem Vertrieb, zum Beispiel mit Verkaufsständen an Weihnachtsmärkten. Im Januar müssen sie bei YES einen Businessplan einreichen. Im März findet in Neuenburg das Regionalfinal statt, im April der europäische und im Mai der nationale Wettbewerb in Zürich. Für jeden dieser Wettbewerbe gestalten die zwei Miniunternehmen einen Imagestand für ihr Produkt. Im Mai müssen die Teams ihren Geschäftsbericht bei YES einreichen. Danach wird die Betriebsrechnung abgeschlossen, und die Bestände werden aufgelöst. Am Ende dieses zweiten Jahres erhalten die Schülerinnen und Schüler die Note für ihre Maturaarbeit. Bewertet werden Kriterien wie Teamfähigkeit, Motivation, Umgang mit Schwierigkeiten oder Engagement für das Projekt.

Wie entstehen die Produktideen?
Wir fragen die Teams, wem sie was vermitteln möchten. Die Ideen stehen häufig im Zusammenhang mit einer ideologischen Zielsetzung, etwa dem Umweltschutz. Diese dient dann als roter Faden für den ganzen Prozess. Rohstoffe werden häufig aus der Wiederverwertung gewonnen, zum Beispiel aus Plastik- oder Lederabfällen. Dafür lassen die Schülerinnen und Schüler ihre Beziehungen spielen, zum Beispiel wenn jemand den Chef eines Unternehmens kennt, das Bootsplanen herstellt (siehe Kasten).

Welche Funktion haben die Coaches?
Wir begleiten, ermutigen und beraten die Teams. Wir sagen ihnen nicht, was sie tun müssen. Sie haben viele Freiheiten. Wir helfen ihnen, das, was sie vermitteln wollen, mit ihrem potenziellen Markt zu verknüpfen. Wir können ihnen vor allem sagen, was bei früheren Projekten nicht funktioniert hat, etwa zu teure Produkte oder zu komplexe Projekte.

Was motiviert die Jugendlichen?
Für sie ist es eine Gelegenheit, das Gelernte in die Praxis umzusetzen und echte Verantwortung in einem innovativen Projekt zu übernehmen. Sie träumen vielleicht davon, ein eigenes Unternehmen zu gründen, oder sie arbeiten gerne im Team. Dank diesem Projekt können sie alle Schritte, alle schönen und schwierigen Aspekte der Gründung und Führung eines Miniunternehmens und der Vermarktung eines Produkts selber erfahren.

Mit welchen Schwierigkeiten müssen die Teams fertigwerden?
Es können etwa Probleme mit den Lieferanten auftreten. In China sind beispielsweise die Produktionskosten tief, aber die Qualität und die Termintreue lassen zu wünschen übrig, und es gibt keinen persönlichen Kontakt. Auch der Verkauf ist nicht einfach. Die Teams nehmen an Messen oder an Weihnachtsmärkten teil. Und nicht zuletzt müssen sie alle vorgegebenen Termine strikt einhalten.

Wie profitieren die Teilnehmenden?
Sie erhalten einen Einblick in viele Fach- und Berufsbereiche wie Wirtschaft, Vermarktung, Kommunikation, Informatik, Recht und Finanzen. Die Arbeit im Team ist eine wertvolle zwischenmenschliche Erfahrung. Sie stellen ihre Projekte auf nationaler und europäischer Ebene in einer Fremdsprache vor. Sie lernen, vor Publikum und vor den Medien aufzutreten. Bisher ist es ihnen jedes Jahr ohne unsere Hilfe gelungen, eine bekannte Persönlichkeit für ihr Marketing-konzept zu gewinnen, etwa Bastian Baker oder Didier Cuche. Wenn sie bei Eltern, Freunden oder Unternehmensvertretern um Informationen, Ressourcen oder Unterstützung bitten, erweitern sie zudem ihr Kontaktnetz. Nach Abschluss des Projekts werden sie Mitglieder der internationalen YES-Alumni-Organisation. Bis jetzt waren die Teams jedes Jahr erfolgreich. Dieser Erfolg zeigt sich nicht zwingend im Geschäftsergebnis, sondern im erworbenen Wissen und in den Erfahrungen der zwölf Schülerinnen und Schüler. An der Abschlussveranstaltung sieht man, wie sich die Jugendlichen seit Beginn des Projekts entwickelt haben. Es ist unglaublich, wie viel reifer und sicherer sie in dieser Zeit werden. Eine solche Maturitätsarbeit hat ihren Namen wirklich verdient.

Was wird aus den Projekten?
Einige wie Cook’easy und Drink’eat wurden noch mindestens ein Jahr lang weitergeführt. Danach ist die Schule fertig, und die Wege der Teammitglieder trennen sich. Im Lebenslauf bleibt diese Erfahrung aber ein wichtiger Pluspunkt. Einer unserer YES-Teilnehmer, der für sein weiteres Studium nach St. Gallen ging, wurde zum Beispiel von einem Arbeitgeber angestellt, der früher ebenfalls am YES-Programm teilgenommen hatte.

Links und Literaturhinweise

www.yes.swiss
www.lyceejeanpiaget.ch

Kasten

YES-Miniunternehmen – vier Beispiele aus Neuenburg

Das Team Bâch&co trägt am nationalen YES-Wettbewerb im Mai 2019 stolz seine Gürteltaschen aus recycelten Bootsplanen. (Bild: Lycée Jean-Piaget)

Das Miniunternehmen Cook’easy produzierte 2016 einen Behälter für verschiedene Backrezepte. Das Projekt gewann den ersten Preis am Regionalfinal und holte den zweiten Platz am nationalen Wettbewerb in Zürich, an dem 220 Teams teilnahmen. 2017 entwickelte das Team Movie-t einen Miniprojektor fürs Smartphone. Das Produkt war aus Holz und kam ohne elektrische Komponenten aus. Das Projekt gewann das Regionalfinal, gehörte zu den 22 Finalisten des nationalen Wettbewerbs und konnte am europäischen Wettbewerb in Litauen teilnehmen. 2019 brachte das Team Drink’eat essbare und aromatisierte Trinkhalme heraus. Das Projekt schaffte es unter die 22 nationalen Finalisten und gewann den YES Media Award 2019, der von Schweizer Werbeprofis verliehen wird. Der Preis besteht aus der Produktion eines professionellen TV-Spots, der auf zwei Privatsendern ausgestrahlt wird. Das Miniunternehmen Bâch&co, das Gürteltaschen aus recycelten Bootsplanen herstellte, schaffte es am nationalen Wettbewerb unter die acht besten Teams.

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