Ausgabe 05 | 2019

BERUFSBILDUNG

Emotionale Belastung von Gesundheitsfachpersonen

Stress im Spital

Arbeiten, welche Jugendliche psychisch überbeanspruchen, gelten laut Jugendarbeitsschutz als gefährlich. Darunter fallen zum Beispiel emotional stark belastende Situationen. Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern haben darum das Ressourcen-Lernzentrum eingerichtet, während das Universitätsspital Zürich unter anderem den Nachwuchs besonders sorgfältig auswählt.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Die vielen Arbeiten, für die das Ressourcen-Lernzentrum verantwortlich ist, erfordern eine tägliche Einsatzplanung. (Bild: Daniel Fleischmann)

Die vielen Arbeiten, für die das Ressourcen-Lernzentrum verantwortlich ist, erfordern eine tägliche Einsatzplanung. (Bild: Daniel Fleischmann)

Sie tragen zum Wohl anderer Menschen bei, aber ihre eigene Gesundheit setzen sie aufs Spiel: die Mitarbeitenden in Krankenhäusern oder Kliniken. Wer als Pflegefachmann oder Ärztin arbeitet, leidet in einem stärkeren Masse als andere Berufe unter zeitlichem Stress, fehlenden Pausen, unerwünschten Unterbrechungen und körperlichen Belastungen. Zudem sind Gesundheitsberufe erhöhten psychosozialen Beanspruchungen ausgesetzt. Dazu gehören Spannungen und Konflikte im Umgang mit Patienten und Patientinnen, Gewalt und Diskriminierung oder Drohungen und Mobbing. Wie hoch alle diese Belastungen im Einzelnen sind, hat vor einem knappen Jahr eine Zürcher Studie erhoben. Sie zeigt zum Beispiel, dass 55 Prozent der Pflegefachkräfte «meistens bis immer» Spannungen und Konflikte im Umgang mit Patienten und Patientinnen erleiden. In der gesamten Erwerbsbevölkerung liegt der entsprechende Parameter bei 38 Prozent.

Das Berner Ressourcen-Lernzentrum

Es ist Mittwochnachmittag um 14 Uhr. Im Ressourcen-Lernzentrum (RLZ) der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) ist einiges los. Der Nachmittagsrapport wurde soeben abgeschlossen, nun ziehen sich eine Gruppe von fünf Fachfrauen Gesundheit (FaGe) des ersten Lehrjahrs und eine Lernende aus dem zweiten Lehrjahr für die hauswirtschaftlichen Arbeiten des Nachmittags um – das Bettenmachen, Giessen der Blumen, Aufräumen von Schränken. Diese Arbeiten gehören zum Kompetenzbereich «Wahrnehmen hauswirtschaftlicher Aufgaben», der nach einem Jahr abgeschlossen wird. Sie erfolgen wie das «Durchführen administrativer und logistischer Aufgaben» nicht direkt an Patienten oder Patientinnen. Aufgabenbereiche wie diese bilden den Kern der Tätigkeiten des RLZ. «Wir sind Dienstleister im Auftrag der Pflegeverantwortlichen. Die Lernenden im RLZ betreuen ein Frühstückbuffet in eigener Verantwortung, bestellen Essen oder Büromaterial für die Stationen, holen auf den Stationen die Boxen mit Materialien für Laboruntersuchungen oder sorgen in Zusammenarbeit mit der Wäscherei für frische Kleider», nennt Verena Aebi, Leiterin Bildung UPD, einige Beispiele. Das RLZ bildet damit neben den Stationen der Psychiatrie einen eigenen Lernort. Hier verbringen die angehenden FaGe das erste Halbjahr ihrer Lehre, um dann ab dem zweiten Semester vermehrt auf den Stationen zu arbeiten. Die Computer im Raum dienen für administrative Arbeiten wie die Bestellung von Verbrauchsmaterialien, aber auch für Lernzwecke. Zurück vom Bettenmachen, werden die Lernenden hier das Lernjournal führen, in dem sie ihre Arbeit reflektieren. Oder sie erledigen Aufgaben, die von den beiden im RLZ tätigen Berufsbildnerinnen formuliert werden.

Vorschriften zum Jugendarbeitsschutz

Das RLZ wurde 2007 eingerichtet, als die Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Kliniken nach der Integration der Gesundheitsberufe ins neue Berufsbildungsgesetz plötzlich mit Lernenden konfrontiert waren, die «noch sehr jung sind», wie Verena Aebi sagt. Vorher, unter der Ägide des Roten Kreuzes, musste man mindestens 18 Jahre alt sein, um Krankenschwester oder -pfleger zu lernen – ein Schutzalter gegen die erhöhten emotionalen Belastungen des Berufes. Neben den eingangs erwähnten Belastungen stellen sich in der Psychiatrie besondere Herausforderungen. Verena Aebi: «Psychisch erschütterte Menschen sind anders. So können demente Personen immer wieder gleichlautende Forderungen stellen, obwohl diese längst erfüllt sind. Wie soll man darauf reagieren? Und wie soll sich eine Fachfrau Gesundheit verhalten, wenn ein junger Patient sich ihr ungebührlich nähert?» Die Arbeiten, die im RLZ zu erledigen sind, erlauben behutsame erste Begegnungen mit den Patienten und Patientinnen. Zudem bietet das Zentrum einen geschützten Raum, in dem über schwierige Situationen gesprochen werden kann. Davon zeugen zwei von den Lernenden gestaltete Plakate zu den Themen «Sexuelle Belästigung» und «Teamentwicklung». Ebenso finden unter der Leitung der Berufs- bildnerinnen regelmässig strukturierte Gespräche oder Vertiefungen zu psychiatrischen Themen statt. Dabei folgt man den Grundsätzen der Situationsdidaktik, deren Weg von der Praxis in die Theorie führt (und nicht umgekehrt). Das distanzlose Verhalten des erwähnten Patienten wird dann als Symptom seiner Frontallappendemenz verständlich – und verliert an Bedrohlichkeit. «Das RLZ ist eine relativ aufwendige Massnahme zur Einführung des Berufsnachwuchses», sagt Verena Aebi. «In anderen Institutionen – kleineren Spitex-Organisationen oder Kliniken – gelangen die Lernenden direkt in die Berufspraxis.» Trotzdem haben sie auch hier einen erhöhten Anspruch auf Schutz gemäss Jugendarbeitsschutzverordnung. Eine Checkliste des SECO bezeichnet namentlich Arbeiten als gefährlich, «welche die psychische Leistungsfähigkeit von Jugendlichen objektiv übersteigen» – weil sie die Lernenden kognitiv («ständiger Zeitdruck, Daueraufmerksamkeit, zu hohe Verantwortung, unterqualifiziert») oder emotional überlasten («Überwachen, Pflegen oder Begleiten von Personen in körperlich oder psychisch kritischen Zuständen»). Begründet sind solche Hinweise mit der Tatsache, dass Jugendliche in der Adoleszenz spezifische Veränderungen auf der kognitiven, affektiven und biologischen Ebene durchlaufen und besonders anfällig für Stress sind.

Neue Gesundheits-App für Lernende

Auch am Universitätsspital Zürich kennt man die emotionalen Herausforderungen, mit denen FaGe-Lernende konfrontiert sein können. «Vor Einführung der Ausbildung hatte man Bedenken, ob die Situationen, die im Berufsalltag Realität sind, so junge Menschen nicht überfordern könnten», erinnert sich Franziska Tschirky, Prozessverantwortliche Bildung Sekundarstufe. Heute bildet das Krankenhaus gegen 40 Lernende pro Jahr aus – vom Notfall und der Intensivstation abgesehen in allen Abteilungen. Hier begegnen sie Schwerstkranken, hier sterben Menschen, manchmal sind es sogar Gleichaltrige, die der Pflege bedürfen. «Viele Lernende können gut mit solchen Begegnungen umgehen», sagt Franziska Tschirky, «aber wenn sie auch noch private Herausforderungen zu bewältigen oder in der Schule Mühe haben, dann wird der berufliche Stress belastend.» Das Universitätsspital versucht, die Lernenden auf drei Ebenen zu unterstützen:
1. Im Rahmen des Bewerbungsverfahrens durchlaufen die Kandidaten und Kandidatinnen ein rund fünfstündiges Assessment. Hier erledigen sie im Rahmen von Gruppen- und Einzelarbeiten eine Reihe von Aufgaben, mit denen auch ihre Belastbarkeit getestet wird. Dazu kommen weitere Instrumente wie Fragebogen und Einzelinterviews. Wer das Assessment erfolgreich durchläuft, wird zu einem fünftägigen Bewerbungsschnuppern eingeladen – und steht erneut unter Beobachtung.
2. Die FaGe-Lernenden absolvieren bis zu 80 Prozent ihrer betrieblichen Ausbildung im Rahmen von Lern- und Arbeitsgemeinschaften (LAG). In dieser Gemeinschaft betreut eine Berufsbildnerin gemeinsam mit zwei bis vier Auszubildenden aus unterschiedlichen Ausbildungsniveaus und -jahrgängen die zugeteilten Patienten und Patientinnen. Die LAG ermöglichen ein kontinuierliches situiertes Lernen und lassen Zeit zum lehrjahrsübergreifenden und interdisziplinären Dialog. Zudem reflektieren die Lernenden halbjährlich ihre Ausbildungssituation innerhalb von Lehrjahrforen mit Franziska Tschirky (wenn sie wünschen, auch anonym).
3. Seit diesem Lehrjahr arbeiten die Lernenden im Rahmen eines Pilotversuchs mit der App «Friendly Work Space Apprentice» von Gesundheitsförderung Schweiz. Sie ermöglicht ihnen eine Auseinandersetzung mit Themen wie Arbeitssicherheit, Freizeitverhalten oder psychischer Gesundheit. Teile der App sind unter anderem ein Selbsttest, eine Sorgenecke, ein virtuelles Mentoring sowie Chats, in denen sich die Lernenden austauschen können. Die App soll gesamtschweizerisch ab nächstem Lehrjahr zur Verfügung stehen.
In welchem Ausmass angehende Gesundheitsfachpersonen tatsächlich unter Stress leiden, ist schwierig zu sagen. Ein Trendbericht des EHB zeigt insgesamt eine geringe bis mässige Stressbelastung der FaGe. So fühlen sich die meisten Lernenden durch die Patienten und Patientinnen und deren Situation und Verhalten seelisch überwiegend nicht beansprucht (2,5 auf einer Skala von 1–6, N=213). Beachtenswert ist aber das hohe Mass an Zustimmung zum Item «Nach der Arbeit körperlich völlig erschöpft», das in der Akutpflege eine Zustimmung von 3,9 erreicht. Der Trendbericht zeigt zudem, dass der Pflegeberuf kein Ausstiegsberuf ist: Mehr als drei Viertel der ausgebildeten Personen befinden sich fünf Jahre nach Lehrabschluss noch im Berufsfeld, die meisten von ihnen in einer höheren Bildungsstufe (wo die Belastungen nicht geringer sind). Ganz aus der Branche ist nur etwa ein Fünftel ausgestiegen.

Links und Literaturhinweise

Hämmig, O. (2018): Gesundheit von Beschäftigten in Gesundheitsberufen. Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich.
EHB-Studie
Gesundheits-App

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