Ausgabe 05 | 2019

Fokus "Gleichstellung der Geschlechter"

Studie

Berufsbildner/innen in Betrieben als Rollenvorbilder

Berufsbildner/innen in Betrieben vermitteln neben beruflichen Handlungsweisen und Know-how auch Gendernormen. Diese Normen sind eng mit dem Lehrberuf verbunden, denn in der Schweiz herrschen in Bildungsgängen und auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor althergebrachte Rollenvorstellungen.

Von Prof. Nadia Lamamra, Leiterin Forschungsfeld am EHB

Einige Unternehmen sind durchaus bestrebt, Pionierinnen aufzunehmen. (Bild: auremar/Adobe Stock)

Einige Unternehmen sind durchaus bestrebt, Pionierinnen aufzunehmen. (Bild: auremar/Adobe Stock)

In der dualen Ausbildung verbringen Lernende einen Grossteil ihrer Ausbildungszeit im Lehrbetrieb. Es erstaunt daher nicht, dass Berufsbildner/innen in den Betrieben für die Lernenden eine starke Vorbildfunktion haben. Eine vom SNF finanzierte Studie des EHB hat sich mit den Berufsbildner/innen in Betrieben befasst und insbesondere deren Rolle bei der Sozialisation der Lernenden beleuchtet. Aus der Studie geht hervor, dass Berufsbildner/innen nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern auch gewisse Normen, wenn nicht gar Geschlechterklischees. Diese Gendersozialisation erfolgt, ebenso wie die Sozialisation in der Arbeitswelt, im Beruf oder Betrieb, sowohl bewusst als auch unbewusst. Althergebrachte Rollenbilder sind in der Gesellschaft und insbesondere in der Berufswelt so stark verankert, dass sie kaum hinterfragt werden.

Starke Segregation in vielen Berufen

In der Schweiz herrscht in den verschiedenen Branchen immer noch ein sehr unausgewogenes Geschlechterverhältnis, die meisten Berufe werden entweder als typische Männerberufe oder als typische Frauenberufe angesehen. Berufe mit guter Geschlechterdurchmischung bilden die Ausnahme. So sind in Dienstleistungsberufen etwa die Frauen übervertreten, während in den Bereichen Technik, Industrie und Bauwesen vorwiegend Männer anzutreffen sind. Bei den Berufsbildnerinnen und Berufsbildnern sieht es nicht anders aus: In den typischen Frauenberufen sind sie vorwiegend weiblich, in den typischen Männerberufen vorwiegend männlich, so auch im Betrieb von Samuel*, der in einem grossen Transportunternehmen als Kaufmann, HR-Verantwortlicher und Lernendenbetreuer arbeitet. «Wir haben zwei Berufsbildnerinnen für die lernenden Kaufleute; für Lernende in den technischen und handwerklichen Berufen haben wir ausschliesslich männliche Bezugspersonen», erzählt er. Angehörige des Minderheitengeschlechts sind unter den Berufsbildner/innen selten, folglich fehlt es auch an alternativen Rollenvorbildern, die den Jugendlichen zeigen, dass es auch anders geht. Und so vermitteln die Berufsbildner/innen in den Betrieben weiterhin das Bild eines Arbeitsmarktes mit horizontaler Segregation, in dem Mädchen typische Frauenberufe ergreifen und Jungs typische Männerberufe. Ein weiteres Hindernis für eine ausgewogene Geschlechterdurchmischung der Berufsbildner/innen sind die Ungleichheiten beim Zugang zur Ausbildungsfunktion. In den meisten Fällen bringt die Funktion zwar weder einen höheren Status (Kaderfunktion) noch einen zusätzlichen Verdienst oder eine zeitliche Entlastung mit sich, allerdings können bei der Übernahme einer Ausbildungsfunktion die gleichen Mechanismen spielen wie beim Zugang zu einer Führungsfunktion (vertikale Segregation, gläserne Decke). «Ich würde sagen, dass es bei uns mehr Berufsbildner gibt. Wir haben viel weniger Frauen als Männer in dieser Funktion. Aber es ist auch einfach so, dass es im Banking mehr Männer gibt, gerade in den Bereichen Kundenberatung und Investment», hält Lucile* fest, die als Kauffrau, HR-Leiterin und Lernendenbetreuerin bei einer grossen Bank arbeitet. In ihrem Betrieb überträgt sich die ausgewogene Geschlechterdurchmischung beim kaufmännischen Personal kaum auf das Ausbildungspersonal. Der Zugang zur Ausbildungsfunktion scheint Angestellten vorbehalten, die in den führenden Bereichen des Bankenwesens tätig sind – Bereiche, in denen vorwiegend Männer arbeiten. Der Zugang von Frauen zur Ausbildungsfunktion wird auch durch die traditionelle vertikale Segregation behindert. «Bei Versicherungen sind die höheren Führungspositionen weitgehend von Männern besetzt», erzählt Josiane*, Kauffrau und Lernendenbetreuerin bei einer grossen Versicherungsgesellschaft. In den Branchen mit relativ guter Geschlechterdurchmischung ermöglichen nur bestimmte Funktionen den Zugang zur Lernendenausbildung (Versicherungen: höheres Kader, Detailhandel: Filialleitung). Und genau in diesen Funktionen gibt es kaum Frauen. Angesichts der internen Rekrutierungslogik der Unternehmen kann man also von einer gläsernen Decke für Berufsbildnerinnen sprechen – und damit zementieren die Unternehmen die Ungleichbehandlung gleich weiter. Einmal mehr werden die Lernenden ungewollt in einem diskriminierenden Arbeitsmarkt sozialisiert.

Festgefahrene Vorstellungen des Idealprofils

Berufsbildner/innen geben nicht selten stark geschlechtergeprägte Vorstellungen des Berufs und der erforderlichen Kompetenzen weiter, wenn auch nicht bewusst. In der Dienstleistungsbranche etwa, wo Sozialkompetenz und das Äussere eine wichtige Rolle spielen, werden den Lernenden oft Normen in Bezug auf das äussere Erscheinungsbild eingetrichtert. So erzählt Caroline*, Detailhandelsfachfrau und Berufsbildnerin in einem kleinen Geschäft, etwa Folgendes: «Vor vier Jahren habe ich ein supernettes Mädchen eingestellt, doch ihr Kleidungsstil war ein Problem. Ihre gewöhnliche Kleidung entsprach nicht dem Stil unseres Hauses.» In bestimmten Branchen (Bank, Verkauf, Gastgewerbe) steht das richtige Aussehen im Vordergrund, und die Anforderungen werden bereits bei Ausbildungsantritt klar kommuniziert. Zwar gelten diese Anforderungen für Jungs und Mädchen gleichermassen, doch für Mädchen sind die Normen strenger. Sie sollten ansprechend aussehen, aber keinesfalls vulgär. Kurz und gut, sie haben sich den normativen Erwartungen zu fügen. In typischen Männerberufen herrschen andere Vorstellungen vom idealen Profil: Von jungen Männern werden vor allem körperliche Stärke, Belastbarkeit und Ausdauer erwartet. Diese Erwartungen widerspiegeln sich auch in den Aussagen von Benjamin*, der als Lebensmitteltechnologe in einem grossen Betrieb die Lernenden betreut. «Ich mache keinen Unterschied zwischen Jungs und Mädchen. Doch der Beruf ist vor allem bei Jungs gefragt, denn er ist körperlich anstrengend.» Hinter solchen der Geschlechterdurchmischung vermeintlich positiv gesinnten Aussagen verbergen sich nicht selten sehr geschlechtertypische Vorstellungen, gelten doch Eigenschaften wie körperliche Belastbarkeit als typisch männlich. Dabei geht vergessen, dass sich die Arbeitsprozesse verändert haben und es auch typische Frauenberufe (zum Beispiel in der Pflege) gibt, die körperliche Belastbarkeit erfordern. Vielmehr wird immer wieder daran festgehalten, dass es für einen bestimmten Beruf ein bestimmtes Idealprofil gibt, je nachdem, ob es sich um einen Männer- oder einen Frauenberuf handelt. Diese tief verankerten Vorstellungen erklären, warum Berufsbildner/innen den Problemen von Jugendlichen, die in ihrem Lehrberuf dem Minderheitengeschlecht angehören, oft machtlos gegenüberstehen und angesichts auftauchender Probleme oft gespalten sind. Zwar erkennen sie beispielsweise die Schwierigkeiten der sogenannten Pionierinnen und wissen um die Steine, die diesen in den Weg gelegt werden, trotzdem erwarten sie von den jungen Frauen, dass diese selbst die Verantwortung für eine erfolgreiche Integration in den typischen Männerberuf übernehmen. Die jungen Frauen brauchen eine gehörige Portion Mut und Motivation, um das schier Unmögliche zu schaffen und dem männlichen Widerstand die Stirn zu bieten. Die häufigste Reaktion darauf ist, auf die Einstellung junger Frauen in Männerberufen zu verzichten, um ihnen solche Schwierigkeiten zu ersparen, was die mangelnde Geschlechterdurchmischung in den Berufen zementiert und die vertikale Segregation weiter stärkt.

Unternehmensstrategien und ihre Widersprüche

Berufsbildner/innen spielen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, den Fortbestand gewisser Genderlogiken zu sichern. Nicht immer sind sie in der Lage, den Lernenden alternative Vorbilder zu bieten, denn oft sind die Berufsbildner/innen selbst mit Ungleichbehandlung, Diskriminierung und einer gläsernen Decke konfrontiert und reproduzieren bewusst oder unbewusst die in ihrem Beruf herrschenden Normen und Klischees. Bei der Rekrutierung von Lernenden versuchen sie, Schwierigkeiten oder gar Gewalt aus dem Weg zu gehen, und sorgen damit erst recht dafür, dass es auch weiterhin kaum Jungs in Frauenberufe schaffen und umgekehrt. Diese Vorgehensweise zeugt aber auch von den Unternehmensstrategien und deren Widersprüchen in Bezug auf die Rekrutierung oder den Umgang mit Diversität im Alltag. Zwar sind einige Unternehmen bestrebt, Pionierinnen und Pioniere einzustellen, oder sie erarbeiten eine Gleichstellungs-Charta, unternehmen aber nichts gegen diskriminierende Praktiken, machohafte Unternehmenskulturen oder «tes-tosterongesteuerte» Praktiken zwischen Lernenden oder Angestellten. Es geht bei der ganzen Problematik nicht darum, den Berufsbildnerinnen und Berufsbildnern die Verantwortung für die Reproduktion von Ungleichheiten zuzuschieben – ganz im Gegenteil. Die im Rahmen der Studie durchgeführte Analyse soll eine Ergänzung zu den Studien sein, die sich mit dem Alltag von Lernenden befassen und die subtilen Mechanismen erfassen, die bei der Produktion und der Vermittlung von Gendernormen spielen. Denn ein besseres Verständnis dieser Mechanismen kann letztlich helfen, gegen die Segregation und Ungleichbehandlung in der Berufsbildung und auf dem Arbeitsmarkt vorzugehen.

* Namen geändert

Links und Literaturhinweise

Chabloz, J.-M., Lamamra, N., Perrenoud, D. (2017): La situation des formateurs et formatrices en entreprise. Un état des lieux en 2014. Renens, EHB.
Lamamra, N., Duc, B., Besozzi, R. (2019): Au coeur du système dual: les formateurs et formatrices en entreprise. Renens, EHB.
Lamamra, N. (2016): Le genre de l’apprentissage, l’apprentissage du genre. Zürich/Genf, Seismo.

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