Ausgabe 05 | 2019

Fokus "Gleichstellung der Geschlechter"

Malerinnen EFZ

Frauen, die für Farbe sorgen

Die meisten Berufe sind Frauen- oder Männerberufe, diese Tatsache hält sich hartnäckig. Doch jetzt entdecken viele Branchen die Frauen als Reserve gegen den Fachkräftemangel. Dass dieser Weg richtig ist, zeigt sich im Beruf Maler/in EFZ. Arbeitszeitmodelle, die die Gleichstellung fördern würden, sind aber erst im Entstehen.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Susan Felix und Susan Portmann arbeiten gerne als Malerinnen. Sie sind zwei von sieben Mitarbeiterinnen im Frauenteam Mona Lisa. 
(Bild: Daniel Fleischmann)

Susan Felix und Susan Portmann arbeiten gerne als Malerinnen. Sie sind zwei von sieben Mitarbeiterinnen im Frauenteam Mona Lisa.
(Bild: Daniel Fleischmann)

Staub, Schweiss und Lärm. Die Arbeit, die Susan Portmann gerade verrichtet, ist die «grusigste», die ihr Beruf zu bieten hat, wie sie sagt. Auf einem Gerüst stehend, entfernt die junge Malerin mit einem Deltaschleifer alte Kunstharzfarbe von der Holzverzierung eines Balkons und bereitet diese so für einen Neuanstrich vor. Das erfordert Kraft und Geduld. Zudem ist heute einer der heissesten Tage dieses Sommers. Stunden später noch klebt der Staub auf der Haut.

SMGV: Wie die Jungfrau zum Kind

Susan Portmann ist gerne Malerin. Sie hat den Beruf dank einer Freundin entdeckt, nachdem sie in ihrem Wunschberuf Lastwagenführerin keine Lehrstelle gefunden hatte: «Ich klopfte damals bei mehreren Firmen an, aber keine wollte eine Frau. Und ein Frauenberuf interessierte mich nicht.» Die Maler/innen hingegen hiessen sie willkommen: «Schon damals waren Frauen in diesem Beruf selbstverständlich», erinnert sich Susan Portmann. Als sie ihre Lehre begann, 2002, war ein Drittel der Lernenden weiblich, darunter ihre Oberstiftin. Komische Sprüche hörte sie nie. Mit ihrer Frauenquote sind die Maler/innen Exoten unter den Bauberufen. Grundbauer, Gipser, Strassenbauer, Sanitärinstallateure – das sind fast alles Männer. Anders der Malerberuf: 2018 gingen von 764 Fähigkeitszeugnissen 41 Prozent an Frauen. Das war vor dreissig Jahren noch nicht so, da lag die Quote bei 15 Prozent. Viele Verbände beneiden den Maler- und Gipserunternehmer-Verband (SMGV) um diese Entwicklung. Bereichsleiterin Petra Braun: «Wir erhalten immer wieder Anfragen von anderen Branchen, die wissen wollen, wie sie mehr Frauen gewinnen könnten.» Damit möchten sie den Fachkräftemangel bewältigen. «Die Installateurin: das unentdeckte Potenzial?!», titelte zum Beispiel das suissetec-Magazin im Frühling dieses Jahres. Zudem sind Frauen leistungsbewusster: Im Durchschnitt der letzten sieben Jahre bestanden 88 Prozent der Malerinnen das Qualifikationsverfahren und nur 73 Prozent der Maler. Aber Petra Braun muss die Anfragen jeweils enttäuschen: «Der Frauenboom hat uns selber überrascht. Wir haben, wenn ich ehrlich bin, nichts dazu beigetragen. Die erste Frauenkonferenz führte der SMGV 2006 durch, als die Quote schon oben war.»

Mona Lisa, ein reines Frauenteam

Warum ist der Beruf dann femininer geworden? «Mann hat Platz gemacht», nennt Ursula Baumann-Bendel, die 66-jährige Inhaberin und Geschäftsführerin eines Thurgauer Malergeschäfts, einen möglichen Grund. «Berufe, bei denen man schmutzige Hände bekommt, haben massiv an Anerkennung eingebüsst.» Zudem gelte Maler/in als Kreativberuf, für den sich junge Frauen gern begeistern – auch wenn die Wirklichkeit dann oft anders aussieht. Das bestätigt Susan Felix, die im gleichen Team wie Susan Portmann arbeitet: «Ich habe als Kind gerne gezeichnet und Schriften gemalt», erinnert sie sich an ihre Berufswahl. «Zudem suchte ich einen Beruf, in dem ich in Bewegung sein kann, Kundenkontakt habe und nicht allzu schwere Lasten tragen muss.» Schliesslich fehlt es in vielen anderen Berufen schlicht an weiblichen Vorbildern – eine Zirkellogik, der nur schwer zu entkommen ist. Der erhöhte Frauenanteil hat den Ma-lerberuf verändert. Wie, ist jedoch umstritten. «Je mehr Frauen in einem Beruf tätig sind, umso geringer werden das Ansehen und der Lohn», sagt die Politologin Regula Stämpfli laut NZZ. Petra Braun widerspricht: Weder habe sich das Lohnniveau verändert, noch habe das Ansehen des Berufes durch die Frauen gelitten. Im Gegenteil: «Frauen gelten als freundlicher, exakter, sauberer als Männer.» Auch wenn dieses Image nicht immer der Wirklichkeit entspricht, wie Ursula Baumann-Bendel findet, so wirkt es trotzdem. Die beiden Malerinnen Susan Portmann und Susan Felix sind Teil eines reinen Frauenteams mit dem Namen Mona Lisa. Ihre Chefin, Anja Kraft, sagt: «Mona Lisa gibt es, weil viele Kunden und Kundinnen Frauen auf der Baustelle wollen.» Das Team führt ausschliesslich Renovationen durch und pflegt das anspruchsvolle Handwerk. Mona Lisa malt auch mal mit Stroh oder Rooibos-Tee. Verrückt? «Überhaupt nicht», sagt Susan Felix. «Farben, Gerüche, Materialien – das alles wirkt auf den Menschen. Und macht meinen Beruf auch fünfzehn Jahre nach Lehrbeginn interessant.» Mit ihrer Präsenz haben die Malerinnen auch die Stimmung auf den Baustellen verändert. Der Ton werde moderater, wenn Frauen auftauchen, sagt Anja Kraft. «Und gelegentlich erscheint ein Handwerker am zweiten Tag parfümiert zur Arbeit.»

Zu viele Frauen springen ab

Aber so positiv die Entwicklung an der Basis ist – Baustellenleiterinnen oder Malerinnen mit eigenem Geschäft sind rar. Auch in den höheren Berufsbildungen sind Frauen unterrepräsentiert, es sei denn, es handelt sich um gestalterisch ausgerichtete Ausbildungen wie «Gestalter/in Handwerk». Frauen legen weniger Wert auf formale Bildung als Männer, auch wenn diese bei einem Wiedereinstieg in den Beruf oder einer Pensenreduktion nützlich wäre. Zudem gründen viele eine Familie und steigen aus dem Beruf aus. «Wir verlieren zu viele ausgebildete Malerinnen», sagt Petra Braun. Aus diesem Grund hat ihr Verband vor Kurzem die Initiative «Teilzeitbau» gestartet. In ihrem Rahmen erhalten elf Firmen Unterstützung bei der Implementierung von teilzeitgerechten Arbeitsmodellen. Eine Umfrage im Maler- und Gipsergewerbe zeigt, dass 60 Prozent der Unternehmen und 70 Prozent der Arbeitnehmenden es wichtig finden, dass das Gewerbe mehr solche Stellen anbietet. In Wirklichkeit arbeiteten 2017 nur vier Prozent der Malerinnen und Gipser Teilzeit, wie eine Analyse des Vereins Pro Teilzeit zeigt. Eine der elf Projektfirmen ist der Betrieb von Ursula Baumann-Bendel. In ihrem Team arbeiten derzeit zwei Personen Teilzeit, aber sie würde das Modell gerne häufiger anbieten. Dafür müsse es organisatorisch und betriebswirtschaftlich optimiert werden. «Was passiert zum Beispiel mit dem Auto eines Baustellenleiters, wenn er zu Hause bei seinen Kindern ist? Oder wie informieren wir eine Kundin, wenn unterschiedliche Teams in ihrem Haus arbeiten?» Um solche Fragen zu beantworten, wird der Betrieb jetzt über einige Zeit gecoacht. Teilzeitstellen seien der wichtigste Hebel, um mehr Frauen in Männerberufe zu bringen und sie dann auch zu halten, ist Ursula Baumann-Bendel überzeugt. Und sie könnten einen Beitrag dazu leisten, dass sich noch mehr Männer um ihre Familien kümmern: «Ich hatte noch nie einen männlichen Mitarbeiter, der freiwillig Teilzeit arbeiten wollte. Da liegt noch viel Arbeit vor uns!» Die Malerin Susan Portmann weiss, wovon die Rede ist. Sie ist Mutter von Zwillingen und froh darüber, dass ihr Mann die meiste Zeit zu den Kindern schaut. Aus finanziellen Gründen könnte sie selber nicht unter 80 Prozent arbeiten.

Links und Literaturhinweise

www.teilzeitbau.ch

Kasten

Genderneutrale Berufswahl: Kaum Fortschritte

In manchen Ausbildungsfeldern sind Frauen äusserst selten. Im Bereich «Maschinenbau und Metallverarbeitung» waren 2018 neun Prozent der neuen Lernenden weiblich, im «Baugewerbe» sieben Prozent, in der «Elektronik und Automation» sechs (Bundesamt für Statistik). Auch wenn diese Felder Extreme bilden, zeichnen sie kein falsches Bild. 2018 begannen 28'620 Frauen eine drei- oder vierjährige Grundbildung (EFZ). 13'100 (46%) taten dies in einem sogenannten Frauenberuf – einem Beruf mit einem Frauenanteil von über 70 Prozent. Noch einseitiger ist die Berufswahl der Männer: Von 39'372 männlichen Jugendlichen wählten 25'058 einen sogenannten Männerberuf (64%). Eine Verschiebung dieser Werte ist kaum festzustellen, denn 2008 lag die Quote bei den Männern nur wenig höher (70%) und bei den Frauen sogar tiefer (43%). Dieses Bild verändert sich auch nicht, wenn man andere Parameter wählt. Von den 90 grossen Berufen im Jahr 1998 waren 53 Männerberufe und 18 Frauenberufe. 2018 zählte man 101 grosse Berufe, davon waren 57 Männerberufe und 20 Frauenberufe. Als grosse Berufe wurden Berufe ab 30 Lehrbeginner/innen definiert. Wer eine geschlechterunabhängige Berufswahl gut findet, muss diese Zahlen für deprimierend halten. Trotzdem sind kleine Verschiebungen festzustellen. Wenn man alle 36 Ausbildungsfelder betrachtet, sieht man zwar, dass die Zahl der frauen- oder männerdominierten Felder in den letzten zehn Jahren stagnierte. Aber von diesen 36 Feldern zeigen 32 eine Zunahme des minoritären Geschlechts. So wuchs der Anteil an Frauen im Feld «Nahrungsmittel» von 41 auf 48 Prozent, jener der Männer im Feld «Friseurgewerbe und Schönheitspflege» von 8 auf 13 Prozent. Solche Verschiebungen findet man auch bei den einzelnen Berufen. So haben die Frauen seit 2008 ihre Anteile in 53 von 109 betrachteten Berufen (mindestens 30 Neueintritte) gesteigert – 40 von ihnen zählten 2008 als Männerberufe. Eindrücklich etwa die Landwirtinnen: 146 Lernenden im Jahr 2008 stehen 232 Lernende 2018 gegenüber. Der Männeranteil wuchs in 53 von 109 Berufen, davon galten 2008 aber nur 17 als Frauenberufe.

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