Ausgabe 04 | 2019

ARBEITSMARKT

Zusammenarbeit von RAV und Berufsberatungen

Mehr als nur Jobsuche

In einigen Kantonen nehmen die RAV systematisch die Dienstleistungen der Berufsberatungen in Anspruch. Sie machen damit gute Erfahrungen. Jetzt gibt der Bundesrat dieser Zusammenarbeit zusätzlichen Schub: Zeit, dass sich alle Kantone mit dem Thema beschäftigen.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Laufbahnberater Marco Graf im Gespräch mit einer stellensuchenden Person. (Bild: Daniel Fleischmann)

Laufbahnberater Marco Graf im Gespräch mit einer stellensuchenden Person. (Bild: Daniel Fleischmann)

Der Bundesrat hat Mitte Mai 2019 sieben Massnahmen zur Förderung des inländischen Arbeitskräftepotenzials verabschiedet. Neben der Überbrückungsleistung für ausgesteuerte Arbeitslose über 60 und der kostenlosen Laufbahnberatung für Personen über 40 sticht ein Impulsprogramm für schwer vermittelbare Stellensuchende ins Auge. Im Rahmen dieses Programms erhalten die kantonalen Vollzugsstellen von 2020 bis 2022 zusätzliche Gelder in der Höhe von jährlich 62,5 Millionen Franken. Sie können damit massgeschneiderte Zusatzmassnahmen (zum Beispiel Coaching, Beratung, Mentoring) für schwer vermittelbare Stellensuchende finanzieren. Als Träger solcher Massnahmen kommen auch die kantonalen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungen (BSLB) infrage. Denn sie erbringen schon heute gebührenpflichtige Beratungs- und Coachingdienstleistungen für registrierte Stellensuchende. Ein Blick auf die BSLB-Statistik zeigt, dass 2018 gesamtschweizerisch 8046 Beratungen im Auftrag der RAV durchgeführt wurden. Das sind gemessen am Total der Beratungen zwar nur 7 Prozent. Aber in einigen Kantonen gibt es eine bewährte Kultur der Zusammenarbeit zwischen RAV und BSLB – vorab in den Kantonen Wallis, Bern, Basel-Landschaft, Zug und in der Stadt Zürich.

Gute Gründe für BIZ-Beratungen

Im Kanton Bern etwa zählte man im letzten Jahr 1637 Beratungen von registrierten Stellensuchenden, davon 1563 im Auftrag eines RAV. Damit kommen 15 Prozent der registrierten Stellensuchenden in den Genuss der (durch das RAV angeforderten) berufsberaterischen Unterstützung. Die RAV-Beratenden wählen dabei aus einem Set von sechs Produkten (zur Berufswahl, Anerkennung von Diplomen oder Weiterbildung) aus und vereinbaren einen Termin. Barbara Stalder, BSLB-Regionalleiterin Biel-Seeland: «Früher haben die RAV-Beratenden individuelle Fragestellungen formuliert, aber das funktionierte nicht immer genügend gut.» Pro Beratung finden durchschnittlich knapp zwei Sitzungen statt, die mit einem Bericht zuhanden der stellensuchenden Person und der RAV-Beratung abgeschlossen werden. Barbara Stalder nennt drei Vorteile:
– Die BSLB hat neben dem kurz- auch einen mittelfristigen Blick auf die beruflichen Perspektiven der Stellensuchenden – anders als die RAV, deren Aktivitäten auf eine rasche Wiedereingliederung zielen. Die Berufsberatung fragt grundsätzlicher nach den Interessen und Fähigkeiten und kann auch Tests einsetzen. Dadurch werden die Stellensuchenden gestärkt und Blockaden bei der Stellensuche gelöst, was auch die kurzfristige Eingliederung erleichtert.
– Die Berufsberatung weiss umfassend Bescheid über das Aus- und Weiterbildungssystem der Schweiz und kennt Möglichkeiten der Finanzierung.
– Die meisten Beratenden können dank ihrer psychologischen Ausbildung Stellensuchende auf einer emotionalen Ebene ansprechen und motivieren.

Typische Fragestellungen

Eine Leistungsvereinbarung zwischen RAV und BSLB existiert auch im Kanton Basel-Landschaft. Hier fanden letztes Jahr 385 Beratungen im Auftrag der RAV statt (11 Prozent der Stellensuchenden). Davon profitieren typischerweise Personen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren, wie Sibylle Liechti, Abteilungsleiterin Ergänzende Massnahmen ALV, skizziert. «Das können zum Beispiel Personen sein, die zwar einmal einen Beruf gelernt haben, dann aber für längere Zeit in einem anderen Feld aktiv waren – und nun an beiden Orten Mühe haben, Arbeit zu finden.» Diese Stellensuchenden und ihre RAV-Beratenden fragen sich etwa:
– In welchem Bereich sind die Chancen, eine Stelle zu finden, grösser?
– Welche Bildungsmassnahmen sind denkbar, um diese Chancen zu verbessern?
– Welche Möglichkeiten gibt es, Bildungen finanziell zu unterstützen?
– Gibt es ganz andere Perspektiven?
«Für Fragen wie diese sind die BSLB die perfekte Anlaufstelle», sagt Sibylle Liechti. Neben den persönlichen Beratungen führen die Baselbieter BSLB zudem etwa alle zwei Monate den zweiwöchigen Laufbahnkurs für Stellensuchende «Chance 45plus» durch. Maya Schenkel ist Leiterin der BSLB Bottmingen. Sie sagt, dass nicht nur schlecht ausgebildete Stellensuchende in den Genuss einer Beratung kommen: «Da sind alle Qualifikationsstufen dabei, und so unterschiedlich sind auch die Fragestellungen.» Dass die BSLB im Gespräch Perspektiven eröffneten, die nicht realistisch seien, verneint sie. «Ich habe noch nie einen solchen Vorwurf durch ein RAV gehört», sagt sie und verweist auf ein Formular, das die Stellensuchenden unterschreiben müssen. Darin heisst es: Die stellensuchende Person «nimmt zur Kenntnis, dass für im Rahmen der Laufbahnberatung besprochene Massnahmen wie Weiterbildungen, Kurse und Lehrgänge nicht automatisch ein Anspruch auf eine Finanzierung durch die Arbeitslosenversicherung abgeleitet werden kann».

BIZ-Berater in den Räumen der RAV

Auch in der Stadt Zürich blickt man auf eine langjährige Zusammenarbeit zwischen den RAV und der städtischen BSLB (Laufbahnzentrum) zurück. Im Unterschied zu Bern und Basel-Landschaft bietet das Laufbahnzentrum Kurzberatungen in den Räumen der RAV an. Je nach RAV sind die Berufsberatenden einen halben bis ganzen Tag pro Woche präsent. Marco Graf, einer von ihnen, schildert das Modell: «Die RAV-Beratenden können über eine elektronische Agenda halbstündige Termine buchen, die wir dann wahrnehmen. Wenn es sich zeigt, dass eine eigentliche Laufbahnberatung nötig ist, vereinbaren wir eine Beratung im Laufbahnzentrum. Das ist in jedem zweiten bis dritten Fall angezeigt.» In den Räumen der RAV haben die BSLB-Beratenden Zugriff auf das AVAM. Das erlaubt ihnen eine rasche Information über die Situation der stellensuchenden Person und eine formlose Berichterstattung über die Ergebnisse der Kurzberatung. Marco Graf betont, dass die Beratungen durch die BSLB ergänzenden Charakter haben. «Wir haben einen anderen Fokus als die RAV», sagt er. «Statt der raschen Jobsuche nehmen wir die Laufbahn als Ganzes in den Blick und können Diagnostikinstrumente einsetzen.» Marco Graf erzählt von einer 35-jährigen Servicefachangestellten, die aus Kasachstan in die Schweiz gelangt war und sich gerne über eine Lehre als Köchin zusätzlich qualifiziert hätte. In einem Kurzgespräch gelang es Graf, die Klientin, die in ihrem Heimatland einen Master im Bereich Rechnungswesen erworben hatte, über Anerkennungsverfahren und für sie zugängliche Weiterbildungen im Finanzbereich zu informieren – Möglichkeiten, die die Betroffene sichtlich begeisterten. «Solche weiteren Perspektiven zu eröffnen, liegt auch im Interesse der Arbeitslosenversicherung, die ja nicht nur eine rasche, sondern auch eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt erreichen will», sagt Marco Graf. In diesem Sinne zählen auch Ermutigung und Realisierungshilfe zu den Aufgaben im Laufbahnzentrum. Die Beratenden benutzen dabei auch mal den kleinen Dienstweg, etwa zur Stipendienstelle. Und sie profitieren davon, dass sie keine Kontroll- und Sanktionierungsaufgabe haben. Manchmal lassen sich dadurch blockierte Situationen lösen.

Eigentlich ein «idealer Zeitpunkt»

Die Kooperation von RAV und BIZ dürfte in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen, darin sind sich alle befragten Personen einig – nicht nur dank dem erwähnten Beschluss des Bundesrates. Der Wandel der Arbeit wird nämlich dazu führen, dass Berufsbiografien unsteter werden. Schon heute ist dieser Trend an den BSLB-Statistiken abzulesen. 2015 nahmen gesamtschweizerisch erst 4 Prozent der Stellensuchenden eine Berufsberatung im Auftrag eines RAV in Anspruch, 2018 waren es 7 Prozent. Allerdings ist dieser Zuwachs hauptsächlich den in diesem Bereich bereits aktiven Kantonen zu verdanken. Das ist schade, denn für eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der eigenen Laufbahn wäre eine Phase der Arbeitslosigkeit in allen Kantonen «ein idealer Zeitpunkt», wie Marco Graf sagt.

Kasten

Fallbeispiel einer erfolgreichen RAV-Laufbahnberatung

Herr B. erhält via RAV einen Termin im BIZ Bottmingen. Er ist gelernter Heizungsinstallateur mit mehrjähriger Berufserfahrung. Das Ziel der Beratung ist, berufliche Alternativen zu finden. Herr B. möchte seine handwerklichen Fähigkeiten mit einer sozialen Tätigkeit verbinden. Die besprochenen Aus- und Weiterbildungen im sozialen Bereich kommen aus verschiedenen Gründen zurzeit nicht infrage, auch wenn sie Herrn B. sehr interessieren würden, zum Beispiel die Ausbildung zum Arbeitsagogen (HFP). In der Beratung stellt sich zudem heraus, dass Herr B. eventuell deshalb Mühe hat, eine Stelle zu finden, weil sein Arbeitszeugnis unvollständig ist (nicht alle seine bisherigen Aufgabengebiete und Kompetenzen sind genannt). Im Beratungsprozess lernt Herr B. seine Kompetenzen bewusster kennen und sich gezielter zu präsentieren. Nachdem der frühere Arbeitgeber die gewünschten Anpassungen im Arbeitszeugnis vorgenommen hat, bewirbt sich Herr B. erfolgreich in einer sozialen Institution. Zu seiner Freude beinhaltet die neue Stelle im technischen Dienst zudem die Ausbildung von Jugendlichen. Das mittelfristige Ziel ist in Absprache mit dem neuen Arbeitgeber eine Ausbildung zum Arbeitsagogen.

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