Ausgabe 04 | 2019

BERUFSBERATUNG

Job Crafting

Wer sich jünger fühlt, gestaltet die Arbeit selbstbestimmter

Durch eine aktive Gestaltung der eigenen Arbeit erreichen ältere Mitarbeitende eine gute Passung zwischen der Arbeit und ihren persönlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Ältere Mitarbeitende, die sich noch jung fühlen, sind besonders aktiv und zufrieden.

Von Noemi Nagy, Kalaidos Fachhochschule Zürich, und Andreas Hirschi, Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bern

Job Crafting hängt stärker vom subjektiven als vom objektiven Alter ab. (Bild: oneinchpunch/Adobe Stock)

Job Crafting hängt stärker vom subjektiven als vom objektiven Alter ab. (Bild: oneinchpunch/Adobe Stock)

Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der sinkenden Geburtenraten in den meisten entwickelten Ländern sind ältere Arbeitnehmer ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung. Insbesondere für die Schweiz ist dies von zunehmender Bedeutung: Von 2010 bis 2018 stieg die Arbeitsmarktbeteiligung bei den 40- bis 54-Jährigen von 88 auf 91 Prozent, bei den 55- bis 64-Jährigen von 69 auf 76 Prozent und bei den Personen ab 65 Jahren von 9 auf 12 Prozent. Neben der Finanzierung des Ruhestandes kann es für ältere Personen aus mehreren Gründen vorteilhaft sein, auch im höheren Lebensalter beruflich aktiv zu bleiben: Eine zu den Fähigkeiten und Bedürfnissen passende Arbeit erhält die körperlichen und geistigen Fähigkeiten, bereichert das soziale Leben und wirkt sinnstiftend. Die Unternehmen ihrerseits sind vermehrt auf motivierte und produktive ältere Mitarbeitende angewiesen, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. Die Auseinandersetzung mit der Laufbahnentwicklung im Alter ist daher ein wichtiges Thema. Um die persönliche Arbeitsmotivation und Arbeitsfähigkeit aufrechtzuerhalten, müssen ältere Mitarbeitende zunehmend mit grossen Veränderungen bei der Arbeit umgehen können, dies im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung sowie der Flexibilisierung der Laufbahnen. Dabei ist es wichtig, dass eine gute Übereinstimmung zwischen den Anforderungen der Arbeit und den persönlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen erreicht und erhalten werden kann. Ein zentrales Mittel, um eine solche Übereinstimmung zu erreichen, ist eine altersgerechte Gestaltung von Arbeit. So können Unternehmen älteren Mitarbeitenden beispielsweise mehr Gestaltungsspielraum bei der Arbeit zugestehen oder ihnen ermöglichen, erworbenes Wissen durch Mentoring an Jüngere weiterzugeben. Auf der anderen Seite können Mitarbeitende durch sogenanntes Job Crafting auch selbst ihre Arbeit so gestalten, dass sie besser den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht. Job Crafting ist ein aktives Arbeitsverhalten, mit dem eine grössere Passung zwischen der Person und der Arbeit angestrebt wird. Beispiele für Job Crafting sind:
– Kolleginnen und Kollegen um Feedback bezüglich der eigenen Arbeitsleistung fragen,
– versuchen, neue Dinge bei der Arbeit zu lernen,
– neue Projekte starten, wenn die Arbeitsbelastung gerade gering ist,
– die eigene Arbeit so organisieren, dass der Kontakt mit Leuten, deren Probleme emotional belastend sind, vermieden wird.
Job Crafting ist insbesondere für ältere Mitarbeitende ein wirksames Mittel, um die Motivation und Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Die Rolle des subjektiven Alters

In unserer Studie haben wir das Job Crafting von 485 älteren Berufstätigen über ein Jahr hinweg untersucht. Die Resultate zeigen, dass die aktive Gestaltung der eigenen Arbeit mit einer höheren Sinnhaftigkeit der Arbeit zusammenhängt. Teilnehmende, die Job Crafting betrieben, gaben signifikant häufiger an, dass ihre Arbeit sinnstiftend ist, und waren dementsprechend zufriedener mit ihrer Arbeit. Ausserdem haben wir die Rolle des subjektiven Alters untersucht. Das subjektive Alter besagt, wie alt sich jemand unabhängig vom tatsächlichen Lebensalter fühlt. Es zeigte sich, dass die subjektive Wahrnehmung des eigenen Alters Job Crafting stärker vorhersagt als das tatsächliche Lebensalter: Mitarbeitende, die sich subjektiv jünger fühlten, waren aktiver im Job Crafting. Dieser Effekt blieb auch bestehen, wenn die Autonomie am Arbeitsplatz und der aktuelle Gesundheitszustand berücksichtigt wurden. Diese Ergebnisse deuten auf die Wichtigkeit von psychologischen Prozessen für erfolgreiches Altern bei der Arbeit hin, die über die Berücksichtigung des objektiven Lebensalters hinausgehen.

Links und Literaturhinweise

Nagy, N., Johnston, C. S., Hirschi, A. (2019): Do we act as old as we feel? An examination of subjective age and job crafting behaviour of late career employees. In: European Journal of Work and Organizational Psychology (Nr. 3[28], S. 373–383).

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