Ausgabe 04 | 2019

BERUFSBERATUNG

Kanton Waadt

Hohe Laufbahndiversität wirft Fragen zum Bildungssystem auf

Zwei Längsschnittanalysen beleuchten die verschiedenen Bildungslaufbahnen, die Jugendliche direkt nach der obligatorischen Schulzeit im Kanton Waadt durchlaufen. Im Fokus der Unter-suchungen stehen Übergänge und Abschlüsse sowie nichtlineare Bildungsverläufe.

Von Bruno Suchaut, Leiter der Forschungsstelle für Bildungssystemsteuerung (URSP)

Die kantonale Forschungsstelle URSP hat zwei Studien zu nachobligatorischen Bildungslaufbahnen im Kanton Waadt durchgeführt. Die erste Studie betrachtete die Bildungslaufbahn von Schülerinnen und Schülern, die im Schuljahr 2009/2010 eine Ausbildung an einer gymnasialen Maturitätsschule, Fach- oder Handelsmittelschule begonnen hatten. Diese Kohorte wurde bis 2015, also während fünf Jahren, beobachtet. Die Studienergebnisse stellen gewisse funktionale Aspekte der Mittelschulausbildung infrage. Zwar schliessen acht von zehn Jugendlichen diese Ausbildung erfolgreich ab, der Weg zum Abschluss kann jedoch verschiedene Formen annehmen, was Fragen zu zwei Bereichen aufwirft: zur Finanzierung und zur Organisation der schulischen Bildung. Viele Schülerinnen und Schüler verbringen mehr als die im Kanton Waadt dafür vorgesehenen drei Jahre an der Mittelschule. Das hat direkte finanzielle Auswirkungen, weil die Ressourcen, die für zusätzliche Bildungsjahre durch Repetition, Ausbildungswechsel oder -abbruch aufgewendet werden, nicht für das ursprüngliche Ziel eingesetzt werden. Zur Organisation der schulischen Ausbildung lässt sich feststellen, dass viele Jugendliche nicht bei dem Bildungsweg bleiben, den sie am Ende der obligatorischen Schulzeit eingeschlagen haben. Das stellt die Bewertungs- und Abschlussbedingungen und im weiteren Sinne die Anforderungen für einen Mittelschuleintritt infrage.

Vielfältige Laufbahnen: Stärke oder Schwäche des Systems?

Die Bildungslaufbahnen können auch aus soziologischer Sicht betrachtet und daraufhin untersucht werden, ob sie Lösungen anbieten, die den Bedürfnissen der Jugendlichen im Hinblick auf den Arbeitsmarkt entsprechen. Aus diesem Blickwinkel kann die Tatsache, dass das Waadtländer Bildungssystem vielfältige Bildungswege zulässt, auch als Vorteil und Bereicherung gesehen werden. Die verschiedenen Fragestellungen umfassen auch pädagogische Aspekte wie Bewertung, zeitliche Verteilung der Lerninhalte oder Betreuung von leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern. Die zweite Studie hat die Bildungslaufbahn von Jugendlichen analysiert, die 2010/2011 das letzte obligatorische Schuljahr besucht haben. Diese Kohorte wurde während sechs Jahren, also bis zum Schuljahr 2016/2017, beobachtet. Obwohl ein grosser Teil der Schülerinnen und Schüler den Übergang und die nachobligatorische Ausbildung mittel- bis langfristig mit Erfolg meistert, erscheint auch hier aufgrund von weniger positiven Feststellungen fraglich, ob das System funktioniert. Dies gilt insbesondere für die schwächsten Schülerinnen und Schüler, die ihre obligatorische Schulzeit in den Schultypen mit den geringsten Ansprüchen abschliessen.

Diskrepanz zwischen Profilen und Anforderungen: Massnahmen

Eine mögliche bildungspolitische Antwort auf diese Ergebnisse wären verschiedene Massnahmen, um die Profile der Jugendlichen und die Anforderungen der Berufsbildung besser aufeinander abzustimmen. Schon während der obligatorischen Schulzeit, insbesondere beim Übertritt in die Sekundarstufe I, scheinen nicht immer die tatsächlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt zu werden, denn der Anteil der Jugendlichen, die später über eine einjährige Übergangsklasse in den anforderungsreicheren Typus wechseln, ist gross. Sind die Anforderungen beim Übertritt also zu hoch, oder erfolgt dieser zu früh? Da viele Schülerinnen und Schüler, die einen Schultyp mit geringen oder mittleren Ansprüchen besucht haben, in gewissen Fächern der Berufsfachschule Mühe bekunden, könnten Nachhol-, Stütz- oder Förderkurse organisiert werden. Zudem könnte die Schaffung von zusätzlichen Lehrstellen in Lehrwerkstätten den Wettbewerb, dem diese Schüler ausgesetzt sind, entschärfen. Schliesslich gibt es auch noch Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen grössere schulische Probleme haben. Für die Integration dieser Schülerinnen und Schüler sind Brückenangebote unerlässlich. Eine weitere Möglichkeit wäre, die EBA-Ausbildungen aufzuwerten, indem sie deutlicher als Sprungbrett zu einer EFZ-Ausbildung positioniert werden.

Links und Literaturhinweise

Stocker, E., Suchaut, B. (2018): Accès et parcours des jeunes au postobligatoire: une analyse longitudinale. Renens, URSP.
Vaudroz, C., Suchaut, B. (2017): Les parcours des élèves dans les gymnases vaudois: une analyse longitudinale. Renens, URSP.

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