Ausgabe 04 | 2019

BERUFSBERATUNG

Forschung

Würfelmodell zur Analyse komplexer Lebensverläufe

Ein Lebensverlauf kann von verschiedensten Ereignissen geprägt sein. Ein interdisziplinäres heuristisches Modell ermöglicht es, Lebensverläufe besser zu untersuchen und Schwierigkeiten anzugehen.

Von Laura Bernardi, ordentliche Professorin für Soziologie und Demografie des Lebensverlaufs an der Universität Lausanne

Zu den Faktoren, die im Lebensverlauf Hindernisse darstellen können, gehören beispielsweise Ungleichheiten im Schweizer Bildungswesen und bei der beruflichen Integration. So befinden sich unter den Jugendlichen mit unterbrochenen Bildungslaufbahnen überproportional viele aus Ex-Jugoslawien, Portugal und der Türkei. Das erklärt sich teilweise mit den Unterschieden zwischen den verschiedenen Migrantengruppen in Bezug auf schulische Leistungen, die soziale Herkunft und die Niveauzuweisung innerhalb der obligatorischen Schule. Diese Erkenntnisse gehen aus einer Arbeit des Soziologen Andrés Gomensoro hervor. Wenn Jugendliche und ihre Eltern die gleichen schulischen Ziele verfolgen, die Jugendlichen von ihrer Familie unterstützt werden und sich im Bildungssystem zurechtfinden, scheint sich das positiv auf ihre schulische Laufbahn auszuwirken. Unterschiedliche Vorstellungen über die zu erreichenden Bildungsziele und schlecht aufeinander abgestimmte Massnahmen hingegen können zu Problemen führen und Neuorientierungen mitten in der Ausbildung nach sich ziehen. Gomensoro befasst sich in seiner Arbeit also mit Ungleichheiten in der Schule, die auf den Migrationshintergrund von Jugendlichen zurückzuführen sind, und beleuchtet die Rolle, die die Jugendlichen selbst, ihre Familie, die Organisation des Bildungssystems und die Praktiken der schulischen Akteure (Lehrpersonen, Berufsberaterinnen, Sozialarbeiter usw.) spielen.

Gesamtblick ist wichtig

Bei der Untersuchung von schulischen Ungleichheiten müssen auch die zeitliche Dimension und die zahlreichen Interaktionen zwischen verschiedenen Ebenen (die/der Jugendliche selbst, das familiäre Umfeld, das Bildungssystem) berücksichtigt werden. In die Analyse des Bildungsverlaufs und der übrigen Lebensbereiche (Familie, Arbeit, Gesundheit usw.) sollten alle entscheidenden Elemente einbezogen werden, denn nur so sind ein umfassendes Verständnis einer Situation und gegebenenfalls eine angemessene Intervention möglich. Um Fachpersonen einen solchen Gesamtblick zu ermöglichen, haben wir mit dem «Life Course Cube» ein Instrument entwickelt, das eine systematische Untersuchung von Lebensverläufen und auftretenden Problemen ermöglicht. Aufgrund ihrer Komplexität sind Lebensverläufe ein Thema, für das sich viele Forschungsbereiche interessieren. Allerdings wird häufig mit unterschiedlichen Methoden und Konzepten gearbeitet. Mit dem «Life Course Cube» steht Forschenden und Fachpersonen (Psychologen, Soziologinnen, Wirtschaftswissenschaftlern, Berufsberaterinnen oder Gesundheitspersonal) ein heuristisches Instrument mit einer gemeinsamen Sprache zur Verfügung. Der Würfel (siehe Grafik) besteht aus drei Hauptachsen: der Zeit, den bereits erwähnten Lebensbereichen und den Prozessebenen. Letztere umfassen die intraindividuelle Ebene (mit den Veranlagungen, den internen Prozessen und Entwicklungen des Individuums), die individuelle Ebene (Handlungsebene) sowie die supraindividuelle Ebene, wo die Interaktionen des Individuums mit Mitmenschen, sozialen Strukturen und seinem Umfeld anzusiedeln sind. Die drei Achsen sind voneinander abhängig, sodass die Interaktionen zwischen den Achsen berücksichtigt werden müssen, um zu verstehen, wie es zu einem Stabilitätsverlust oder einer Restabilisierung im Lebensverlauf kommt. Die Interaktionen und Interdependenzen zwischen den drei Achsen sind vielgestaltig, auf einige wird in den folgenden Abschnitten näher eingegangen.

Interdependenz der Zeit

Vergangene Erlebnisse, die Konstruktion und Wahrnehmung aktueller Erfahrungen und die Antizipation künftiger Erfahrungen beeinflussen sich gegenseitig. Welche Weiterbildung jemand in Angriff nimmt, ist häufig abhängig von der bereits gemachten Berufserfahrung, von der aktuellen Arbeitssituation (Gefühl der Stagnation, Arbeitslosigkeit, Leistungsbereitschaft) sowie von den Karriereambitionen. Nicht nur bereits gemachte Erfahrungen haben Einfluss auf unsere aktuellen Entscheidungen, sondern auch unsere Erwartungen an die Zukunft, denn wir neigen dazu, unsere Entscheidungen auf (falsche oder richtige) Überzeugungen darüber abzustützen, wie sich diese in der Zukunft auf unser Wohlergehen und unsere Handlungsfreiheit auswirken werden.

Interdependenz der Lebensbereiche

Wir bewegen uns gleichzeitig in verschiedenen Lebensbereichen: Familie, Sozialleben, Ausbildung, Arbeit, Gesundheit usw. All diese Situationen generieren oder verbrauchen finanzielle, psychologische oder soziale Ressourcen. Zwei Lebensbereiche können miteinander harmonieren und sich gegenseitig unterstützen. Ebenso kann das Voranschreiten in einem Lebensbereich eine Krise in einem anderen Bereich herbeiführen. Eine Scheidung etwa kann vielerlei Auswirkungen auf die berufliche Situation der betroffenen Ehepartner haben. Eine der beiden Personen investiert vielleicht mehr Zeit in ihre Arbeit, um sich der Beziehungskrise zu entziehen, genauso kann es aber sein, dass sie wegen der angespannten privaten Situation für schlechte Stimmung am Arbeitsplatz sorgt. Nicht nur unsere Ressourcen können sich positiv auf verschiedene Lebensbereiche auswirken, sondern auch unsere Aktivitäten. Wer sich zum Beispiel einmal pro Woche mit einem Arbeitskollegen zum Badmintonspielen verabredet, tut damit nicht nur Gutes für seine berufliche Beziehung, sondern auch für die körperliche und psychische Gesundheit.

Interdependenz der Prozessebenen

Die Erforschung von Lebensverläufen zeigt, dass sich die Psyche von Individuen, ihre Handlungen und die Gesellschaft in einer Art ständigem Dialog befinden. Unsere Persönlichkeit und unsere genetische Veranlagung (intraindividuelle Ebene) wirken sich direkt auf unser Verhalten in der Gesellschaft und auf die Ergebnisse unserer Handlungen aus (individuelle Ebene). Auch soziale Strukturen beeinflussen unser Verhalten, und aus diesem Verhalten wiederum resultieren Muster von Stabilität oder sozialem Wandel, ergeben sich Handlungsmöglichkeiten oder -grenzen. So nimmt beispielsweise das individuelle Umweltbewusstsein zurzeit Einfluss auf die Politik vieler Länder. Die Interdependenz dieser verschiedenen Ebenen zeigt auf, wie Lebensläufe entstehen: Bevölkerungsdynamik, Wirtschaftsinstitutionen und der Arbeitsmarkt gehören zu den Faktoren, die unseren Lebensverlauf beeinflussen und entscheidend zu unserem Werdegang beitragen. Ebenso wirken sich Veränderungen, die sich aus den Chancen und Grenzen des Arbeitsmarktes ergeben, direkt auf die Umverteilung von Geldern aus. Dieses Zusammenspiel sorgt dafür, dass die Finanzierung von Altersrenten und die Übernahme der Gesundheitsausgaben regelmässig für Diskussionen sorgen. Ein weiteres Beispiel ist die sehr geschlechterspezifische soziale Integration in der Schweiz, die bei Frauen über die Familie erfolgt und bei Männern über den Beruf. Bei der Betreuung von Kindern und Familienangehörigen sieht es nicht anders aus. Auch hier stützt die Familienpolitik althergebrachte Rollenbilder, indem sie Müttern und Vätern nicht die Freiheit lässt, ihre Rolle innerhalb der Familie frei zu wählen.

Interdependenz der Achsen

Die Unterteilung in die Achsen Zeit, Bereiche und Ebenen erlaubt es, Lebensverläufe so zu vereinfachen, dass sie analysiert werden können. Es sind aber die Interdependenzen der Achsen, die ein tieferes Verständnis der Lebensverläufe ermöglichen. Wenn man etwa die Achse Zeit oder Lebensbereiche betrachtet, kann man dabei kaum die verschiedenen Ebenen ausser Acht lassen: Unsere Persönlichkeit und Risikobereitschaft wirken sich auf unsere Ausbildungs- und Berufswahl aus, wir sind aber auch dem Druck ausgesetzt, den unser Umfeld und das Schulsystem ausüben, und wir werden von der Situation auf dem Arbeitsmarkt beeinflusst. So kann etwa die Schule einen guten Schüler ermutigen, eine weiterführende Schule zu besuchen, statt in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Zu all dem gesellen sich die Interdependenzen aller drei Achsen zugleich. Bringt beispielsweise das Studium, das dem guten Schüler empfohlen wurde, nicht die nötige Herausforderung mit sich, kann das für Frustration sorgen und eine spätere Neuorientierung nötig machen. Findet diese Neuorientierung zu einem ungünstigen Zeitpunkt statt, kann sie finanzielle Schwierigkeiten oder psychische Probleme herbeiführen, die sich auch auf die Familie auswirken. Es gilt also, zur richtigen Zeit am richtigen Ort in einem passenden sozialen Umfeld und unter guten Voraussetzungen zu handeln. Mit dem «Life Course Cube» können diese komplexen Interaktionen veranschaulicht und zahlreiche, mitunter noch unergründete Aspekte erfasst werden.

Links und Literaturhinweise

Bernardi, L., Huinink, J., Settersten Jr, R. A. (2018): The life course cube: A tool for studying lives. In: Advances in Life Course Research.
Gomensoro, A., Bolzman, C. (2016): Les trajectoires éducatives de la seconde génération. Quel déterminisme des filières du secondaire I et comment certains jeunes le surmontent? In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie (Nr. 2[42], S. 289-308).

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