Ausgabe 04 | 2019

BERUFSBILDUNG

Berufsbildungssystem

Trends für die Zukunft der Berufsbildung beobachten

Das Observatorium des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (OBS EHB) setzt ein neu entwickeltes Monitoring von Trends und Herausforderungen für Berufsbildungsfachleute um. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Methode und die Resultate des ersten Monitorings.

Von Ines Trede und Belinda Aeschlimann, EHB

Trends sind wichtige Wegweiser in die Zukunft und bieten nicht selten einen Vorteil für jene, die sie frühzeitig erkennen. Daher wünschen sich viele Berufsbildungsfachleute ein Monitoring, das technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen und ihre potenziellen Auswirkungen auf die Berufsbildung erkennt und über neu nachgefragte Kompetenzen oder Berufsziele der künftigen Generation informiert. Angesichts dieses Informationsbedarfs entwickelte das OBS EHB einen systematischen Monitoringprozess. Die Suche nach künftig wichtigen Trends geschieht dabei nicht etwa durch einen Blick in die Glaskugel oder mittels künstlicher Intelligenz, sondern durch gezielte und systematische Recherche- und Analysearbeit in der Gegenwart. Wir stellen im Folgenden zuerst die Methode und dann die Resultate der Monitoringperiode 2018 vor.

Trends gezielt beobachten

Das Trendmonitoring orientiert sich an den folgenden Leitfragen:
1. Welche technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Trends und Entwicklungen wirken sich auf die Berufsbildung aus?
2. Wie verändern sich zentrale Elemente des Berufsbildungssystems aufgrund dieser Entwicklungen?
3. Wo besteht Handlungsbedarf, damit das Berufsbildungssystem funktions- und zukunftsfähig bleibt?
Um diese Leitfragen systematisch zu bearbeiten, hat das OBS EHB den folgenden Monitoringprozess entwickelt:
• Stufe 1: Identifikation von Veränderungen und Herausforderungen für die Berufsbildung: Forschende screenen systematisch und kontinuierlich aktuelle Publikationen aus dem Quellenpool des Monitorings (siehe Kasten) im Hinblick auf neue Entwicklungen und wichtige Ziele und Leistungen der Berufsbildung.
• Stufe 2: Trends und Herausforderungen für die Berufsbildung einordnen und weiterführende Fragestellungen bestimmen.
• Stufe 3: Vertiefung einzelner Trends in Forschungs- und Entwicklungsprojekten: Die Resultate der Stufen 2 und 3 erscheinen unter anderem in Trendberichten des OBS EHB, wie beispielsweise im Trendbericht zum Thema Digitalisierung und Berufsbildung vom Herbst 2018.
• Stufe 4: Teilen und Weiterentwickeln der Ergebnisse: Dies erfolgt mit den Verbundpartnern, Verbänden, Betrieben und Bildungsanbietern an Transferveranstaltungen sowie jährlich mit dem Beirat des OBS EHB.
Im Folgenden stellen wir die Hauptergebnisse des Monitorings 2018 dar. Erfasst wurden die häufigsten Trends (Megatrends) sowie ihre Zusammenhänge mit den Zielen der Berufsbildung, die direkt oder indirekt in den Texten des Quellenpools thematisiert werden. Werden beispielsweise in Texten zur Digitalisierung steigende Kompetenzanforderungen thematisiert oder die rasche Halbwertszeit von Fachwissen genannt, wird dies als ein Hinweis gewertet, dass die Arbeitsmarktfähigkeit der Absolventinnen und Absolventen und die Flexibilität und Durchlässigkeit des Systems aufgrund der Digitalisierung herausgefordert sein könnten.

Ziele der Berufsbildung

Upskilling (Höherqualifizierung) ist der im Monitoring 2018 am häufigsten genannte Berufsbildungstrend. Darunter fallen an erster Stelle pädagogische Themen zum lebenslangen Lernen (22% der Nennungen) und an zweiter Stelle strukturelle Themen wie Arbeitsmarktchancen oder Zugänge zur höheren Bildung (17%). Danach folgen Quellen, die sich mit der Digitalisierung (15%) und mit wirtschaftlichen Trends (15%) wie der Konjunktur oder dem Fachkräftebedarf befassen. Weitere viel diskutierte Themen sind der Stellenwert und das Image der Berufsbildung (13%) sowie Entwicklungen im Zusammenhang mit der Migration (8%). Innerhalb dieser Trends wurden unterschiedliche Ziele der Berufsbildung thematisiert. Eines der wichtigsten Ziele der Berufsbildung ist die Arbeitsmarktfähigkeit der Absolvierenden. Die Abbildung zeigt, dass sie im Zusammenhang mit allen Megatrends thematisiert wird (rote Balkenabschnitte, 15 bis 35%). Beim Trend Upskilling ist die Arbeitsmarktfähigkeit zum Beispiel häufig ein Thema, wenn die beruflichen Chancen von Personen mit Berufsbildungsabschluss mit den Chancen von Personen mit Hochschulabschluss verglichen werden. Beim Trend Digitalisierung impliziert Arbeitsmarktfähigkeit eher, Lernende für einen sich wandelnden Arbeitsmarkt vorzubereiten, zum Beispiel, indem sie lernen, bereits vorhandene Kompetenzen auf veränderte und neue Situationen zu übertragen (Erwerb von sogenannten transversalen Kompetenzen). Auffallend häufig wird das Ziel der Integrationsfähigkeit der Berufsbildung bei Quellen zum Trend Migration genannt (grüne Balkenabschnitte, 25%). Im vergangenen Jahr war dabei die Integration von Flüchtlingen zentrales Thema. Die Integrationsfähigkeit der Berufsbildung kann jedoch durch verschiedene Trends herausgefordert sein. So thematisieren Quellen zum Trend Upskilling oder zu Entwicklungen im Fachkräftemarkt die Integration verschiedener Personengruppen in die Berufsbildung, zum Beispiel von älteren Personen oder Wiedereinsteigenden nach einem Erwerbsunterbruch. Ein weiteres Resultat soll hier herausgegriffen werden: Beim Trend Stellenwert/Image der Berufsbildung wird das Ziel der Flexibilität/Durchlässigkeit des Systems öfter thematisiert (20%) als die Arbeitsmarktfähigkeit der Absolvierenden (16%). Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Verbesserung der Arbeitsmarkt- und Bildungschancen von Gering- wie auch Hochqualifizierten mittels Durchlässigkeit und Flexibilität stark zur gesellschaftlichen Wertschätzung der Berufsbildung beitragen kann. Das wichtige Ziel der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ist zwar ein Thema bei sämtlichen Megatrends, jedoch weniger prominent (2 bis 12%) als die Arbeitsmarktfähigkeit der Absolvierenden. Die vergleichsweise geringe Anzahl der Nennungen kann bedeuten, dass die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe im Jahr 2018 keine besondere Herausforderung darstellte. Dies dürfte sich jedoch ändern, wenn aufgrund der zu erwartenden geburtenstarken Jahrgänge wieder Lehrstellenknappheit entstehen würde.

Detailanalysen zum Upskilling

Für den stärksten Trend des Upskilling gehen wir hier noch kurz auf die Resultate der qualitativen Textanalyse im Monitoring 2018 ein: Zentrales Thema sind wie erwähnt die Arbeitsmarktfähigkeit von Personen mit Berufsbildungsabschluss in Konkurrenz zu Personen mit Hochschulabschluss. Eng damit verbunden ist die Attraktivität und Bedeutung der höheren Berufsbildung (Tertiärstufe B) sowie der Berufsmaturität als Schlüssel für einen Wechsel vom berufsbildenden System in das Hochschulsystem (Tertiärstufe A). Von Interesse sind auch die berufsspezifischen und regionalen Unterschiede. Dies daher, weil die Herausforderungen durch dieselben Megatrends je nach Beruf oder Kanton deutlich unterschiedlich sein können. Ein Beispiel dafür ist die Rolle der Berufsmaturität bei der Höherqualifizierung. Die Berufsmaturitätsquoten unterscheiden sich kantonal, zwischen den Berufsmaturitätsrichtungen und zwischen den EFZ-Berufen. Eine zentrale Frage ist daher, welchen Einfluss die Ausgestaltung der kantonalen Bildungssysteme und der verschiedenen Grundberufe auf die Wahl einer Berufsmaturität und auf nachfolgende Übertritte in Tertiärausbildungen ausübt. Solche kantonalen und berufsspezifischen Unterschiede bei der Berufsmaturität und ihre Bedeutung für die Zukunft werden im kommenden Jahr in mehreren Vertiefungsstudien am EHB untersucht und 2020 an einer Fachtagung vorgestellt.

Links und Literaturhinweise

www.ehb.swiss/obs

Kasten

Datenbasis und Auswertung des Monitorings

Die Datenbasis des Trendmonitorings 2018 ist ein Quellenpool aus rund 450 nationalen und internationalen Zeitschriftenartikeln und Berichten aus der schweizerischen Berufsbildungspraxis, -statistik und -politik (zum Beispiel Folio, PANORAMA, Die Volkswirtschaft, Bundesamt für Statistik), aus nationaler und internationaler wissenschaftlicher Literatur und aus Berichten internationaler Organisationen zur Bildung und Berufsbildung (zum Beispiel CEDEFOP, OECD). Mithilfe eines Kategorienrasters werden die Texte codiert und qualitativ und quantitativ ausgewertet. Die Methode wurde im Jahr 2018 erstmals angewendet und wird gegenwärtig für das Jahr 2019/2020 weiterentwickelt.

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