Ausgabe 04 | 2019

Fokus "Interkulturalität"

Interkulturelle Kompetenzen in der Berufsfachschule

Von «roots» zu «routes»

Migranten und Migrantinnen bilden eine wichtige Gruppe in der beruflichen Grundbildung. Guter Unterricht erfordert einen bewussten Umgang mit den damit verbundenen kulturellen und sprachlichen Herausforderungen. Die Auseinandersetzung mit migrationspädagogischen Fragen ist in der Ausbildung der Lehrpersonen aber noch nicht selbstverständlich.

Von Elke-Nicole Kappus, Ramona Martins und Janine Gut, Pädagogische Hochschule Luzern

Unterschiedliche Sprachkompetenzen migrierter Jugendlicher machen die Kommunikation im Unterricht bisweilen schwierig. 
(Bild: Daniel Fleischmann)

Unterschiedliche Sprachkompetenzen migrierter Jugendlicher machen die Kommunikation im Unterricht bisweilen schwierig.
(Bild: Daniel Fleischmann)

Der Bericht «Berufsbildung 2030» nennt Migration – neben Digitalisierung, Globalisierung, steigender Mobilität, Flexibilität und demografischem Wandel – als einen Megatrend, den es in der Berufsbildung künftig vermehrt zu berücksichtigen gelte. Schon heute beträgt der Anteil von Lernenden mit Migrationshintergrund in der beruflichen Grundbildung 21 Prozent, in den zweijährigen Berufsbildungen (EBA) gar 45 Prozent (Bundesamt für Statistik). Migration ist in den letzten Jahren vor allem in Hinblick auf die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Alter von 16 bis 25 Jahren in die Schweiz einreisen und ihre schulische Sozialisation nicht in der Schweiz erfahren haben, in den Fokus des Interesses geraten. Ein Teil dieser Gruppe weist ein erhöhtes Risiko auf, keine nachobligatorische Ausbildung zu schaffen, wie eine Bestandsaufnahme zur Bildungsbeteiligung von spät eingereisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen des Büro Bass aus dem Jahr 2016 zeigt. Da Bund und Kantone für 95 Prozent aller 25-Jährigen in der Schweiz einen Abschluss auf der Sekundarstufe II anstreben, haben die nationalen Gremien der interinstitutionellen Zusammenarbeit – Berufsbildung, Sozialhilfe, Integrationsförderung usw. – hier bereits 2012 einen besonderen Handlungsbedarf geortet.

Herausforderungen für die Berufsbildung

Als Herausforderungen für die erfolgreiche Bildungsintegration von spät eingereisten Jugendlichen nennt die Bass-Studie vor allem fehlende Sprachkenntnisse und die Unkenntnis des Schweizer Bildungssystems; weitere Hürden sind fehlende Schulbildung, die Unkenntnis des lateinischen Alphabets sowie schwierige psychosoziale Situationen und der finanzielle Druck, möglichst schnell Geld zu verdienen. Diese Aspekte spiegeln sich in den Aussagen der Teilnehmenden des Weiterbildungsstudiengangs CAS Deutsch als Zweitsprache und Interkulturalität in der Berufsbildung (siehe Kasten) der PH Luzern wider. Die Teilnehmenden wurden zu den Herausforderungen in ihrem Berufsalltag befragt, die mit der heterogenen Zusammensetzung ihrer Klassen verbunden sind. Sie sind in Berufsfachschulen, Berufs- und Weiterbildungszentren oder Brückenangeboten tätig. Sie bestätigen, dass die unterschiedlichen Sprachkompetenzen die Kommunikation im Unterricht bisweilen schwierig machen. Lernende mit mangelnden Deutschkenntnissen kämen besonders hinsichtlich der berufsspezifischen Fachsprache manchmal an ihre Grenzen. Vornehmlich in den zweijährigen Grundbildungen (EBA) gehörten Lernende aus anderen Kulturen, die erst wenige Jahre in der Schweiz seien, zur Norm. Neben sprachlichen Defiziten brächten die Lernenden kulturell unterschiedlich geprägte Vorstellungen über das Berufsverständnis und berufsrelevante Inhalte sowie über gesellschaftliche Themen (zum Beispiel Genderfragen) mit. Die sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen führten teilweise zu ethnischer Gruppenbildung oder sogar zu ethnischen Abgrenzungen. Spät eingereiste Jugendliche und junge Erwachsene müssen also in kurzer Zeit sowohl die Alltagssprache als auch die Bildungs- und Fachsprache erlernen, um in der Berufsbildung bestehen zu können. Und sie müssen sich mit der neuen Kultur auseinandersetzen. Tatsächlich aber stehen in der Berufsfachschule dafür nur wenig Zeit und wenige Gefässe zur Verfügung. Eine sprach- und kultursensibel ausgerichtete Berufsbildung, die diese Aufgaben integriert, effizient und selbstverständlich verfolgt, ist noch lange nicht die Norm. Sprach- und Kultursensibilität bedeutet, dass sich die Lehrpersonen aller drei Lernorte der sprachlichen und kulturellen Herausforderungen ihrer verschiedenen Aufgaben bewusst sind und dass sie über Methoden und Instrumente verfügen, die Lernenden in allen Fächern und an allen drei Lernorten bei der Bewältigung dieser Aufgaben zu unterstützen. So könnten zum Beispiel vorhandene Lehrmittel, Aufgabenblätter und Anleitungen sprachkritisch entlastet werden; Sprachförderkonzepte würden helfen, den gezielten Aufbau des sprachlichen Repertoires in allen Fächern zu unterstützen und die Zusammenarbeit aller Bildungsverantwortlichen zu koordinieren. Betriebliche Bildungsverantwortliche könnten darin unterstützt werden, nicht nur berufskundliche Lernschritte, sondern auch sprachliches Lernen zu begleiten. Obgleich die berufliche Bildung von Migranten und Migrantinnen in der Schweiz eine lange Tradition hat, liegt in diesen Bereichen nach unserer Einschätzung noch viel Entwicklungspotenzial vor. Herausforderungen stellen sich nicht nur auf der sprachlichen Ebene; vielmehr müssen die Lernenden im Rahmen ihrer beruflichen Grundbildung auch neues Konzept- und Weltwissen aufbauen. Um spät eingereiste Jugendliche und Erwachsene dabei «abzuholen», benötigen schulische und betriebliche Bildungsverantwortliche Kenntnisse über die Lebenswelten und Lebenslagen der Lernenden. Dazu ist es hilfreich, über Migrationsgründe und -wege, psychosoziale Herausforderungen in der Migration, Formen bewusster und unbewusster Vorurteile oder Diskriminierung sowie auch über Entwicklungen der Migrations- und Integrationspolitik informiert zu sein. Dieses Wissen und die Kompetenz, die Lernvoraussetzungen der Lernenden im Kontext der Migration zu erkennen, ist eine Voraussetzung dafür, die Jugendlichen auf ihrem Integrations- und Bildungsweg zu begleiten, Defizite zu überwinden und Ressourcen zu sehen, die für eine erfolgreiche Berufsbildung und -integration genutzt werden können. Es ist daher wichtig, in den einschlägigen Studiengängen für Lehrpersonen an Berufsfachschulen oder in den Kursen für Berufsbildende migrationspädagogische und -soziologische Aspekte zu berücksichtigen.

Weg vom Herkunftsdenken

Die Gruppe der spät eingereisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen fordert die Berufsbildung heraus, nicht nur die Instrumente der Sprachförderung und der Informationen über Strukturen und Angebote der Ausbildung zu überdenken. Sie laden auch zu einem generellen Perspektivenwechsel ein. In einer pluralisierten Gesellschaft wie der schweizerischen lassen sich Identität und Kultur nicht länger nur an Sprache und Herkunft binden. Vielfach sind die Migrations- und Lebenswege mindestens ebenso prägend wie die religiösen oder kulturellen Wurzeln. So sollte sich der Blick nicht nur auf die «roots» (Wurzeln), sondern auch auf die «routes» (Wege) richten – weg von der Fixierung auf kulturelle Differenzen hin zur Wahrnehmung von gemeinsamen Interessen und Zielen. Im Fokus stehen dann nicht länger die Sprache und Kultur der «andern», sondern die Suche nach einer optimalen Passung von Ausgangslagen und Lernangeboten für alle. Damit wird aus einer interkulturellen eine transkulturelle Aufgabe. Um sie zu bewältigen, sind vier von Arata Takeda formulierte Prinzipien nützlich: Unterschiede sollen differenziert (statt polarisiert), entschematisiert (statt schubladisiert), historisiert (statt essenzialisiert) und kontextualisiert (statt kulturalisiert) betrachtet werden. Beobachtete kulturelle Unterschiede lassen sich so auch mit den Lernenden thematisieren, wie man am Beispiel Gender zeigen kann. Das Thema kann unter anderem anhand der folgenden Fragen bearbeitet werden: Welche unterschiedlichen Sichtweisen haben die Lernenden in einer Klasse auf die Aufgaben von Frauen und Männern? Welche Aspekte sind es, die bestimmte Bilder vom anderen Geschlecht hervorrufen? Wie hat sich das Bild der Frau oder des Mannes im vergangenen Jahrhundert in der Schweiz und anderswo verändert? Welche Erwartungen und Vorgaben gibt es vonseiten der Gesellschaft, des Gesetzes, des Schulhauses und der Klasse? Und welche Aspekte des Themas sind nötig, um gemeinsames Lernen, Arbeiten und den individuellen Bildungserfolg zu ermöglichen?

Links und Literaturhinweise

CAS Deutsch als Zweitsprache und Interkulturalität in der Berufsbildung

Kasten

CAS Deutsch als Zweitsprache und Interkulturalität in der Berufsbildung

Der fördernde Umgang mit sprachlichen und kulturellen Verschiedenheiten im Unterricht trägt zum Bildungserfolg und zur Arbeitsmarktintegration von Lernenden mit Migrationshintergrund bei. Mit dem Weiterbildungsstudiengang CAS Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Interkulturalität in der Berufsbildung werden schulische und betriebliche Bildungsverantwortliche befähigt, mit kulturellen Unterschieden im Unterricht konstruktiv umzugehen und Deutsch als Zweitsprache effektiv zu fördern. Die Kompetenzen zur Unterstützung von DaZ-Lernenden werden durch didaktische Umsetzungen und Praxisgruppen erarbeitet (zum Beispiel berufskundlicher Unterricht, allgemeinbildender Unterricht, überbetriebliche Kurse). Zudem befähigt der Studiengang die Teilnehmenden, fächerübergreifend als Expertinnen und Experten für die Förderung von Deutsch als Zweitsprache und den Umgang mit Interkulturalität in der Ausbildung an ihrer Schule tätig zu sein. Nächster Start ist im Oktober 2019.

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