Ausgabe 04 | 2019

Fokus "Interkulturalität"

Interview

«Toleranz und Verständigung zwischen den Kulturen fördern»

Sofija Fuhrer hat den Fachausweis «Fachfrau für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln» erlangt und arbeitet als Dolmetscherin für Bosnisch, Serbisch, Kroatisch und Mazedonisch. Im Interview spricht sie über ihre Motivation und über den Umgang mit schwierigen Gefühlen.

Interview: Isabelle Wienand, Interpret

Sofija Fuhrer ist Fachfrau für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln mit eidgenössischem Fachausweis. (Bild: zvg)

Sofija Fuhrer ist Fachfrau für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln mit eidgenössischem Fachausweis. (Bild: zvg)

Isabelle Wienand: Warum haben Sie die Berufsprüfung zum Fachausweis gemacht? Sofija Fuhrer: Ich bin grundsätzlich sehr neugierig. Nach dem Zertifikat Interpret wollte ich weitere Dolmetschtechniken kennenlernen und vertiefen. Dolmetschende verfolgen bei ihrer Tätigkeit verschiedene Ziele. Ich wollte nicht einfach Sätze von einer Sprache in eine andere übertragen, sondern in Gesprächen als Vermittlerin auftreten. Ich wollte helfen, mein Wissen und meine Kompetenzen einbringen und eine Zusammenarbeit zwischen Gesprächspartnern ermöglichen. In den verschiedenen Modulen, die wir als Vorbereitung auf die Berufsprüfung absolvieren, werden Themen wie sinngemässes Übersetzen, Unvoreingenommenheit, berufsethische Grundsätze und Schweigepflicht behandelt. Die Ausbildung hilft uns also, unsere Kompetenzen zu vervollständigen. Kenntnisse von Normen und Regeln sind für ein richtiges Handeln sehr wichtig. Man muss zum Beispiel wissen, wann man einen Auftrag abgeben muss oder wann man ihn gar nicht erst annehmen darf, etwa weil man sich ihm nicht gewachsen fühlt. Die Module sind für eine professionelle Berufsausübung unerlässlich.

Welches sind Ihrer Meinung nach die grundlegenden Kompetenzen von Fachpersonen für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln?
Zuerst einmal braucht es umfassende Kenntnisse von zwei oder mehreren Sprachen. Die Übersetzung sollte so genau wie möglich sein, und es gilt, das Berufsgeheimnis zu wahren. Wichtig ist es auch, unparteiisch zu sein. In einem Gerichtsprozess zum Beispiel muss man beim Dolmetschen für beide Seiten neutral übersetzen. Nicht weniger wichtig ist, dass man beide Kulturen versteht. Ich zum Beispiel lebe in verschiedenen Kulturen gleichzeitig. Ich bezeichne mich aufgrund meiner familiären Herkunft, meiner Ehe mit einem Schweizer und meiner Arbeit als multikulturell.

Welchen Schwierigkeiten begegnen Sie in Ihrem Beruf?
Am schwierigsten ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen. Als Dolmetscherin kann ich sie nicht ausklammern. Umso wichtiger sind die Supervisionen, da können wir unsere Gefühle und unseren Frust ausdrücken und über unsere Misserfolge sprechen. Nach schwierigen Fällen kommen wir manchmal ins Grübeln. Als Fachpersonen müssen wir auf Techniken zurückgreifen, die uns helfen, mit unseren eigenen Gefühlen und mit den Emotionen der Gesprächspartner umzugehen. Dolmetschende sind immer auch emotional involviert. Wir müssen die verfügbaren Ressourcen nutzen, um anderen auf menschliche Art zu helfen.

Was befriedigt Sie bei Ihrer Arbeit am meisten?
Wenn es mir gelingt, einer Person zu mehr Unabhängigkeit zu verhelfen. Das ist meine Philosophie.

Mit Ihrem Beruf tragen Sie zur Verständigung zwischen den Kulturen in der Schweiz bei. Was bedeutet für Sie kulturelle Vielfalt?
In der Schweiz haben wir das Glück, dass es mehrere Sprachen, Dialekte und Kulturen gibt. Wir begegnen der kulturellen Vielfalt also bereits im Alltag. Ich bin sehr neugierig und lerne gerne Sprachen und neue Kulturen kennen, ohne aber meine eigene aufzugeben. Integration und Assimilation werden oft verwechselt. Wenn man in einem fremden Land lebt, sollte man sich an die verschiedenen Kulturen anpassen. Das heisst aber nicht, dass man die eigene Herkunft vergessen muss. Die Zugehörigkeit zu mehreren Kulturen ist eine Bereicherung. Sie macht uns kooperativer, verständnisvoller und toleranter. Als Dolmetscherin ist es meine Pflicht, die Toleranz und die Verständigung zwischen den Kulturen zu fördern. Ich bin in mehreren Vereinen tätig und begleite Menschen in den verschiedensten Situationen. Dabei versuche ich, ihre Lebensumstände zu verbessern. Ich helfe den Menschen, unabhängiger zu werden, eine Sprache zu lernen und sich inmitten der kulturellen Vielfalt ein bisschen besser zurechtzufinden.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 5 | 2019 mit dem Fokus Gleichberechtigung erscheint am 25. Oktober.