Ausgabe 03 | 2019

Fokus "Fachkräftemangel"

Die Generation 55+ als stille Reserve

Jetzt sollen es die Alten richten

Durch Frühpensionierungen gehen dem schweizerischen Arbeitsmarkt jedes Jahr gegen 40'000 Arbeitskräfte verloren. Sie bilden eine stille Reserve zur Bekämpfung des Fachkräftemangels. Um sie zu aktivieren, braucht es flexible Arbeitsmodelle. Aber davon sind die meisten Firmen weit entfernt.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Der Fachkräftemangel ist schon seit Jahren für Schlagzeilen gut, und er wird sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen. Dafür sorgt eine Schere, die sich kontinuierlich öffnet. Ihr Blatt bildet der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz, der die Zahl der Arbeitskräfte wachsen lässt – alleine in den letzten zwanzig Jahren von 3,95 Millionen auf 5,05 Millionen Personen. Diese Zahl dürfte gemäss Szenario des Bundesamtes für Statistik (BFS) weiter steigen – bis 2045 auf 5,33 Millionen. Die Hohle der Schere bildet die Demografie: Seit 2017 ist die Anzahl Personen, die das Pensionsalter erreichen, grösser als jene der 20-Jährigen, die in den Arbeitsmarkt nachrücken. Noch ist diese Differenz gering; aber bereits 2025 wird sie rund 26'900 Personen betragen. Zu diesem Zeitpunkt werden 1,9 Millionen Menschen über 65-jährig sein (21% der Gesamtbevölkerung, heute 19%). Bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen dürften daher schon 2030 rund eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen. So fern dieses Datum noch scheint, die Folgen merkt man schon heute: Im vierten Quartal 2018 klagten gemäss BFS 33,4 Prozent der Firmen, qualifizierte Arbeitskräfte nur schwer oder gar nicht finden zu können. Diese Quote lag 2004 noch bei 15,3 Prozent.

Bundesrätliche Fachkräfteinitiative

Alle diese Zahlen belegen das Wachsen des Fachkräftemangels, auch wenn zu erwartende Fortschritte in Technik und künstlicher Intelligenz Arbeitsplätze vernichten dürften. Zur Bewältigung des Mangels gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie der «Schlussbericht zur Fachkräfteinitiative» von 2018 zeigt. Er bilanziert den 2013 vom Bundesrat verabschiedeten Massnahmenplan zur Fachkräfteinitiative 2015 bis 2018 und nennt 44 Massnahmen; von ihnen wurden 16 abgeschlossen, 26 befinden sich in Umsetzung und zwei sind in der Planungsphase. Beispiele: Unter dem Titel «Nach- und Höherqualifizierung entsprechend den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes» werden 15 Massnahmen genannt, acht Massnahmen dienen der «Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie». Der vorliegende Beitrag thematisiert die Idee, «gute Bedingungen zur Erwerbstätigkeit bis zum Rentenalter und darüber hinaus» zu schaffen. Der Bundesrat begründete diesen Fokus mit dem Hinweis, dass das Potenzial älterer Arbeitnehmer/innen ausgeschöpft werden müsse: «Institutionen und Politik müssen darauf vorbereitet werden, dass in Zukunft mehr ältere Arbeitnehmende länger aktiv am Arbeitsleben teilnehmen wollen und können.» Eine praktisch gleichlautende Aufforderung hatte bereits die OECD 2014 im «Bericht zur Situation der älteren Arbeitnehmenden in der Schweiz» formuliert.

Viele lassen sich frühpensionieren

Wie Erfolg versprechend der Fokus auf die Älteren ist, zeigt ein Blick auf die BFS-Statistik zur Frühpensionierung: Während 2015 bis 2017 in der Kohorte der 55-Jährigen 87 Prozent der erwerbsfähigen Personen arbeiteten, waren es mit 63 nur noch 55 Prozent. Das bedeutet, dass im genannten Zeitraum jährlich 38'000 Personen vorzeitig in den Ruhestand getreten sind. Kein Zweifel: Ein Teil von ihnen tat dies gerne und freiwillig. Ein anderer Teil aber hätte gerne weitergearbeitet. Laut der Studie «Motiviert, optimistisch und pflichtvergessen» der Beratungsfirma Deloitte macht diese Gruppe zusammen mit den Unterbeschäftigten und Erwerbslosen derzeit rund 852'000 Personen aus. Sie bilden eine «stille Reserve zur Bewältigung des Fachkräftemangels» in der Schweiz – ein Potenzial, wie es sonst nur noch die Frauen darstellen. Michael Grampp, Leiter Research und Chefökonom Deloitte AG, sagt: «Viele Personen über 55 wollen länger arbeiten, als sie es tatsächlich tun. Aber es fehlen Arbeitsmodelle, die entsprechende Anreize schaffen.» So würden nur gerade 20 Prozent der Schweizer Unternehmen zur Linderung des Fachkräftemangels auf die Rekrutierung von älteren Personen zurückgreifen. Gleichzeitig entliessen immer noch «zu viele Firmen sehr gerne und früh» Personen über 50, wie Michael Grampp sagt. «Es ist höchste Zeit, dass die Managements die Altersfrage überdenken: Ältere Arbeitskräfte sind qualifizierter, motivierter und flexibler und machen sich weniger Sorgen über Lohn und Arbeitsplatzsicherheit, als viele denken.» Ein Grund für die frühen Entlassungen: Die Personengruppe ist zu teuer – unter anderem durch automatisch steigende Löhne pro Altersklasse gemäss Gesamtarbeitsverträgen –, wie der Arbeitsrechtler Denis G. Humbert in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift ausführte.

Flexible Arbeitsmodelle gefragt

Wie also motiviert man Personen, die sich dem Rentenalter nähern, länger zu arbeiten? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit die Generation 50+ nicht die Frühpensionierung vorbereitet, sondern im Erwerbsprozess bleiben möchte? Diese Frage untersuchte das HR-Panel New Work der Fachhochschule St. Gallen. Im Rahmen der Studie, über deren Ergebnisse vor Kurzem ein Buch erschienen ist, befragte man 600 Personen der betroffenen Altersgruppe und 14 Firmen. «Ältere Arbeitnehmer verzichten auf eine Frühpensionierung, wenn ihre Arbeit für sie flexibel und sinnstiftend gestaltet ist», bilanziert Alexandra Cloots, Co-Leiterin des HR-Panels. Von flexiblen Arbeitsmodellen erwarten über 50-jährige Mitarbeitende Veränderungen im Hinblick auf die Sinnhaftigkeit der Arbeit, positive Wirkungen auf die Gesundheit, eine Entlastung im Berufsleben und damit einhergehend eine weiterhin hohe Arbeitsmotivation. Dass die Menschen das wirklich wollen, unterstrich Andreas Rudolph, Managing Director bei Lee Hecht Harrison, kürzlich in einem Interview des Podcasts «Future Talk» von Deloitte: «Das Thema sinnstiftende Arbeit ist in der Gruppe der über 50-Jährigen ein ganz wichtiges, fast schon ein dominantes Thema. Das hat jobimmanente, aber auch private Aspekte. Wir begegnen ihm täglich in unserer Arbeit.» Laut der St. Galler Studie stehen drei Modelle im Vordergrund:
1. Arbeitsportfolio: Es erlaubt, bisherige Tätigkeiten zu ersetzen oder durch Aufgaben wie Mentoring, Coaching, Beratung oder Projektarbeit anzureichern. Es gibt insbesondere älteren und erfahrenen Arbeitnehmenden die Möglichkeit, ihre Arbeit sinnstiftend und auf sie zugeschnitten zu organisieren. Mit einem Arbeitsportfolio würden 72 Prozent der Befragten bis zur Pensionierung arbeiten, 66 Prozent darüber hinaus.
2. Pensenreduktion: Diese könnten gut die Hälfte der Befragten motivieren, bis zum ordentlichen Pensionierungszeitpunkt zu arbeiten. Erwartet wird eine Steigerung der Work-Life-Balance und damit der Lebenszufriedenheit. Doch gerade hier gibt es oft auch Enttäuschungen, weil weniger Mehrzeit für Familie, Freizeit, Hobbys oder Zivilengagements resultiert als erwartet. 56 Prozent würden mit diesem Modell bis zur Pensionierung arbeiten, 36 Prozent darüber hinaus.
3. Auszeiten: Sabbaticals sind ein beliebtes Arbeitsmodell. Sie sorgen zwar nicht im gleichen Ausmass für einen längeren Verbleib im Erwerbsleben wie das Arbeitsportfolio, aber sie haben eine hohe Wirkung auf die Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Produktivität. Mit Auszeiten würden 50 Prozent der Befragten bis zur Pensionierung arbeiten, 35 Prozent darüber hinaus.

Biographische Verletzungen

Solche Modelle fordern die Personalabteilungen heraus: Sie müssen das gängige Karrieremodell hinterfragen – das Lernen endet in den 20ern, die Karriereentwicklung in den 40ern und die Arbeit in den 60ern – und sich mit ihren Mitarbeitenden über deren berufliche Zukunft und geeignete Arbeitsmodelle unterhalten. Angesprochen sind damit auch Aspekte wie die Weiterbildung erfahrener Mitarbeitender oder Stichwörter wie Generationenmanagement und Wissenstransfer. «In diesen Bereichen sind nach wie vor viele Unternehmen nicht richtig aufgestellt», sagt Andreas Rudolph – eine Einschätzung, die Alexandra Cloots teilt: «Die Sensibilisierung für das Thema kommt langsam. Aber die Umsetzung steht noch am Anfang.» In einem Interview der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» wurde der Altersforscher François Höpflinger gefragt, weshalb sich so viele Menschen frühpensionieren lassen. Er sprach vom Bedürfnis auszuschnaufen und ergänzte: «Viele ältere Arbeitskräfte fühlen sich zudem sogenannt biografisch verletzt und wollen deshalb aufhören. Sie haben das Gefühl, in den Mitarbeitergesprächen nicht ernst genommen zu werden. Ihre Berufserfahrung zählt nicht.» Es ist erstaunlich, dass zur Bewältigung ihrer Personalsorgen nicht schon längst viel mehr Firmen auf die Generation 55+ zurückgreifen. Sie ist erfahrener als die jüngere, nicht weniger motiviert und hat zumeist nicht höhere Lohnerwartungen. Konfrontiert mit dieser Aussage antwortet Michael Grampp: «Der Fachkräftemangel ist offenbar noch immer nicht gross genug.»

Links und Literaturhinweise

Wörwag, S., Cloots, A. (2018): Flexible Arbeitsmodelle für die Generation 50+. Wirkungsvolle Massnahmen gegen den vorzeitigen Austritt aus der späten Erwerbsphase. Wiesbaden, Springer Gabler.

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