Ausgabe 02 | 2019

ARBEITSMARKT

Erwerbslosigkeit von Personen über 55 Jahren

«Rücksichtslos und rasch»

Immer mehr Menschen über 55 sind erwerbslos. Jetzt wird eine Volksinitiative dagegen lanciert. Dahinter steht unter anderem Rechtsanwalt Dr. Denis G. Humbert.

Interview: Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Rechtsanwalt Dr. Denis G. Humbert. (Bild: zvg)

Rechtsanwalt Dr. Denis G. Humbert. (Bild: zvg)

PANORAMA: Sie haben in der Zeitschrift «Plädoyer» acht Reformvorschläge zum Schutz älterer Arbeitnehmer veröffentlicht. Warum? Denis G. Humbert: Seit rund zehn Jahren stelle ich eine Zunahme von Entlassungen von Personen über 50 fest. Das bestätigen die Statistiken. Dahinter steht ein Wandel der Kündigungssitten und die Globalisierung mit steigendem Kostendruck: Die patronale Verantwortung ist dem Paradigma der Gewinnmaximierung gewichen. Es wird rücksichtslos und rasch entlassen.

Die Erwerbsquote von Personen über 55 ist in wenigen Ländern so hoch wie in der Schweiz (2017: 75%).
Aber in der Altersgruppe der 40 bis 54-Jährigen beträgt diese Quote über 90 Prozent. Zudem brauchen Personen über 50 neun Monate, um wieder eine Stelle zu finden. 15- bis 24-Jährige benötigen drei Monate.

Warum entlässt man denn eher Ältere?
Weil sie teurer sind und als unflexibel gelten. Ihre Löhne sind höher als die der Jüngeren, problematisch sind ferner die Gesamtarbeitsverträge mit pro Altersklasse automatisch steigenden Löhnen. Weiter zahlen die Arbeitgeber für Personen über 55 neun Prozent des Monatslohns in die Pensionskasse ein, bei 30-Jährigen sind es nur dreieinhalb Prozent. Schliesslich ist eine fünfte Ferienwoche ab 50 üblich.

Es gibt Stimmen, die eine Reduktion der Löhne von Älteren fordern.
Ich finde diese Idee der Bogenkarriere interessant, wenn sie denn auch wirklich dazu verhilft, dass die Älteren ihren Arbeitsplatz behalten können.

Welches sind Ihre wichtigsten Vorschläge?
Wichtig ist der Grundsatz, dass für Arbeitgebende Anreize für eine Verhaltensänderung geschaffen werden und keine Verbote. Steuerboni, Lohnzuschüsse aus der Arbeitslosenversicherung oder die Abschaffung des erwähnten hohen Pensionskassen-Beitragssatzes wären solche Anreize.

Sie schlagen auch strengere Regeln bei Entlassungen vor. Das könnte kontraproduktiv sein.
Es kommt darauf an. Mein Vorschlag ruft einzig die Rechtsprechung des Bundesgerichts in Erinnerung, das erweiterte Handlungspflichten gegenüber älteren Mitarbeitenden mit langer Dienstzeit feststellte. Kaum jemand kennt dieses Urteil, es müsste in die Gesetzgebung einfliessen. Aber unser Parlament bleibt hier leider untätig.

Wie geht es mit Ihren Ideen weiter?
Wir haben vor Kurzem eine breit abgestützte Allianz gegen Altersdiskriminierung gegründet und werden eine Verfassungsinitiative lancieren. Sie wird vom Gesetzgeber Massnahmen gegen Diskriminierungen aufgrund des Lebensalters verlangen.

Links und Literaturhinweise

www.altersdiskriminierung.ch
Humbert, D. G. (2018): Vorschläge für einen wirksamen Schutz älterer Angestellter. In: Plädoyer (Nr. 3, S. 39-43).

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