Ausgabe 02 | 2019

BERUFSBERATUNG

Beratungsansatz

Sich Lebensziele setzen

Wir neigen dazu, in vorgefassten Bahnen zu denken und in bekannten Mustern zu handeln. Dies führt manchmal dazu, dass wir uns – privat oder beruflich – im Alltag blockieren, unnötig anpassen oder Entscheidungen aufschieben. Es ist jedoch nie zu spät, unsere Ziele zu überdenken und zu verändern.

Von Vera Stavemann, Coach und Dozentin für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung

(Bild: zvg)

(Bild: zvg)

Wozu brauchen wir Ziele, und was sind gute Ziele?

Wir brauchen Ziele, denn sie geben unserem Leben einen Sinn. Auch tragen sie massgeblich dazu bei, unsere Lebenszufriedenheit zu maximieren. Zufrieden sind wir jedoch nur dann, wenn wir uns in einem Zustand befinden, den wir positiv bewerten. Um solche Zustände zu erreichen, brauchen wir nicht nur eine Vorstellung davon, was wir erstrebenswert finden, sondern es muss auch umgesetzt werden. Selbst wenn wir die Ziele in der uns vorgenommenen Zeit nicht erreichen oder in der Zwischenzeit neue dazukommen, erhält unser Denken und Handeln dadurch eine Richtung. Ziele geben uns Halt und helfen uns, unser Bestes zu geben. Im Grunde gibt es keine guten oder schlechten, sinnvollen oder unsinnigen Lebensziele. Die Ziele sollten allerdings prinzipiell erreichbar, zu unseren persönlichen moralischen, sozialen und kulturellen Normen passen und sich nicht gegenseitig blockieren oder gar sabotieren. Weil unsere Moralvorstellungen, Glaubens- und Normensysteme und die ethische und kulturelle Entwicklung sehr unterschiedlich sind, gibt es keinen objektiv richtigen Massstab zum Erstellen guter Lebensziele. Ziele können in jedem Lebensalter und in jeder Lebensphase bestimmt werden, egal ob man beruflich oder privat etwas Neues plant, in einer Lebenskrise steckt oder nicht weiss, wofür man sich entscheiden soll. Berufliche oder private Ziele lassen sich dabei nicht immer getrennt voneinander festlegen: Oft hängen sie voneinander ab, beeinflussen sich gegenseitig oder können in Konflikt zueinander treten, zum Beispiel wenn ein Karriereziel nicht zum Privatleben passt. Wir müssen uns dann entscheiden, wofür und für wie lange wir unsere Zeit und Energie einsetzen.

Warum fehlen Ziele, und was bewirkt Ziellosigkeit?

Wir finden es manchmal schwierig, selbst und eigenverantwortlich Ziele zu setzen und Entscheidungen zu treffen, denn sie könnten sich ja im Nachhinein als falsch herausstellen. Und genau diese Verantwortung wollen manche lieber nicht tragen. Einige von uns hatten einmal Ziele, haben diese aber aufgrund von Schicksalsschlägen oder aus anderen Gründen verloren, beispielsweise weil sich ein Ziel zwischenzeitlich aus Altersgründen erledigt hat (zum Beispiel Kinder zu bekommen oder mit 30 noch eine Profisportlerkarriere zu beginnen) oder weil die alten Ziele nicht mehr überzeugen oder verlockend erscheinen. Die Konsequenz daraus ist, dass wir mal hierhin, mal dorthin laufen und dabei befürchten, das Falsche zu tun oder etwas zu verpassen. Oder wir geben ganz auf und machen gar nichts mehr. Es ist nachvollziehbar, dass wir mit diesem Verhalten langfristig unter erheblichen Problemen zu leiden haben. Es beginnt mit Selbstzweifeln, schwindendem Selbstvertrauen und geringer Selbstachtung, wächst sich aus zu erheblichen Selbstwertproblemen mit Versagensangst und Scham. Schliesslich können auch schwere Niedergeschlagenheit und Arbeitsunfähigkeit auftreten.

Wie erstellt man Lebensziele?

Lebensziele erstellt man, indem man sich die Frage beantwortet: Was will ich mit der mir verbleibenden Zeit anfangen? Wie will ich sie nutzen, was will ich erreichen, sodass ich nach heutigem Wissen später sagen kann: Das würde ich genauso wieder machen. Dabei ist es hilfreich, Lebensziele für unterschiedliche Bereiche zu erstellen, zum Beispiel für:
– Partner/in, Familie, Sozialkontakte
– Beruf, Karriere, Geld
– Hobbys, Freizeit
– Sonstiges
Einer der häufigsten Fehler beim Bestimmen von Lebenszielen besteht darin, mit den kurzfristigen Zielen zu beginnen. Es fällt uns zwar leichter, zuerst die Dinge zu benennen, die die unmittelbare Zukunft betreffen, dennoch wären wir schlecht beraten, deswegen zunächst auf das Erarbeiten langfristiger, richtung-gebender Ziele zu verzichten. Denn nur die langfristigen Ziele entscheiden, ob die kurzfristigen Ziele etwas taugen. Bei Langfristzielen sprechen wir von einem Zeitraum von 20 bis 30 Jahren, sie lassen sich in Etappenziele von 10 und 5 Jahren unterteilen. Erst danach lassen sich die Kurzfristziele (1 Jahr) benennen.

Lebenszielplanung in der Laufbahnberatung

Meist reicht die Zeit in der Laufbahnberatung nicht, um die Lebenszielplanung zu betreiben, denn viele Beratende haben nur ein bis zwei Kontakte mit ihren Kundinnen und Kunden. Eine seriöse Lebenszielplanung braucht aber Zeit. Aus Zeitnot haben wir manchmal den Impuls, unseren Kundinnen und Kunden Ratschläge zu erteilen. Damit nehmen wir ihnen jedoch sämtliche Eigenverantwortung ab. Und schlimmer noch: Wir sind enttäuscht, wenn sie trotz gut gemeinter Ratschläge dann doch etwas anders tun oder uns im Nachhinein die Schuld für ihr Scheitern geben. Das Dilemma mit der Zeitnot lässt sich umgehen, indem wir unsere Kundinnen und Kunden die Arbeit, über die Ziele nachzudenken, sie zu sortieren und aufzuschreiben, zu Hause machen und sie in die nächste Beratungseinheit mitbringen lassen.

Ziele überprüfen

Beim Prüfen, ob wir uns noch auf dem richtigen Gleis befinden, sind wir vor allem dann hilflos, wenn uns unsere Lebensziele nicht bewusst sind und wir demzufolge keine Entscheidungshilfe haben, um bestimmen zu können, wo es im Leben für uns langgeht. In der Beratung prüfen wir gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden, ob deren Ziele erreichbar, überschaubar, realistisch und widerspruchsfrei sind (siehe Kasten). Dabei halten wir uns mit Bewertungen und Belehrungen zurück und achten darauf, unsere Kundinnen und Kunden nicht mit möglichen Konsequenzen ihres Verhaltens zu konfrontieren, zum Beispiel mit Sätzen wie: «Wenn Sie keinen Lehrabschluss haben, finden Sie nie eine Stelle» oder «Wenn Sie so weitermachen, werden Sie schon sehen, dass das nichts bringt» oder «Probieren Sie doch einmal XY aus, dann sehen Sie schon, dass das gut für Sie ist». Sinnvoller ist es, die Kunden und Kundinnen diese Konsequenzen selbst erarbeiten zu lassen.

Links und Literaturhinweise

Stavemann, H. H. (2018): Weitblicker und Zielverfolger. Eigene Lebensziele bestimmen und erfolgreich umsetzen. Weinheim, Beltz.
Stavemann, H. H. (2017): Lebensziele in Therapie und Beratung. Sinn- und Wertefragen klären, Handlungsziele bestimmen. Weinheim, Beltz.
Kurs zur «Lebenszielanalyse und Lebenszielplanung in der Beratung» mit Vera und Harlich Stavemann: weiterbildung.sdbb.ch

Kasten

Überprüfen von Zielen in der Laufbahnberatung

Erreichbarkeit:
– Entscheiden Sie sich nur dann für ein neues Ziel, wenn Sie ganz sicher sind, dass es auch eintreffen wird?
– Gehen Sie davon aus, dass Sie immer glücklich sein möchten und dass immer alles harmonisch sein sollte?
– Denken Sie, dass das Schicksal es dann schon einmal gut mit Ihnen meint?
– Haben Sie Wunschziele wie «Ich möchte immer gesund bleiben» oder «Ich will unbedingt Karriere machen»?
– Verfügen Sie über die nötigen finanziellen Mittel, um Ihre Ziele zu erreichen?
– Haben Sie genügend Zeit­ und Energiereserven?

Überschaubarkeit:
– Haben Sie sich zu viele Ziele vorgenommen?
– Verlieren Sie den Überblick, verzetteln Sie sich?
– Wollen Sie keine Abstriche machen, nehmen Sie sich alles gleichzeitig vor?
– Vergessen Sie, genügend Schlaf­ und Ruhephasen einzuplanen? – Verschieben Sie Ziele immer wieder, lassen Sie ungenutzte Chancen an sich vorbeiziehen?

Realisierbarkeit:
– Können Sie dieses Ziel in Ihrem Alter realisieren?
– Haben Sie sich mit diesem Ziel zu viel vorgenommen?
– Achten Sie darauf, dass dieses Ziel zu den Langfristzielen passt – oder möchten Sie damit nur anderen imponieren?
– Haben Sie den Aufwand, der für dieses Ziel benötigt wird, einkalkuliert?
– Sind Sie für dieses Ziel belastbar?
– Sind Sie sich bewusst, was Sie an Vorarbeit leisten müssen, um dieses Ziel realisieren zu können?
– Haben Sie einen Plan B, falls Plan A nicht funktioniert?
– Verwechseln Sie Ziele mit guten Vorsätzen?

Widerspruchsfreiheit:
– Haben Sie widersprüchliche Ziele verinnerlicht, zum Beispiel: Ich möchte diesen anspruchsvollen Führungsposten und viel Zeit mit meiner Familie verbringen.
– Haben Sie sich gegenseitig sabotierende Ziele, zum Beispiel: Ich möchte selbstständig arbeiten und gleichzeitig ein regelmässiges Einkommen haben.
– Passen Ihre Ziele zu Ihrer Lebenseinstellung?
– Sind Sie sich darüber im Klaren, dass es nebst der Sonnenseite immer auch eine Schattenseite gibt?

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